Sibelius: The Complete Symphonies (EMI)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
31. Dezember 2003
Abgelegt unter:
Klassik

Jean Sibelius: Sinfonien, Orchesterwerke und Bühnenmusik „Der Sturm“

Keine Betrachtung des Schaffens nordischer Komponisten kommt am bedeutenden finnischen Komponisten Jean (auch Johan Julius Christian) Sibelius (1865-1957) vorbei. Galt seine Musik noch bis in die 1970er Jahre hinein als den modernen Zeitströmungen hinterherhinkend und damit als altbacken, hat sich das Blatt zwischenzeitlich gewendet. Sibelius’ Werke sind mehr als nur ein „Geheimtipp“, sondern erfreuen sich auch bei Nachwuchskomponisten eines wachsenden Interesses.

Sibelius, der in Leipzig und Wien studierte, ist zwar ein Produkt der deutsch-österreichisch-romantischen Schule, deren Werte er bewahrt und nicht allein mit einem eigenen Idiom einfärbte. Seine aus fantastischen Klangbildern bestehende Musik, mit ihrem unverwechselbaren, oftmals schwerblütigen rhapsodischen Tonfall, taugt für weitaus mehr als nur eine flüchtige Begegnung. Hier gibt es die Klangwelten eines tief in der Spätromantik Verwurzelten zu entdecken, der sich sowohl der ausladenden Monumentalität seines Zeitgenossen Gustav Mahler, wie auch den umstürzlerischen Bestrebungen des (durchaus geschätzten) Arnold Schönberg klar verweigerte, vielmehr seinen originären Prinzipien ein Leben lang treu blieb. Eine insgesamt faszinierende Tonsprache, die mal sinnlich und schwelgerisch, aber auch asketisch-karg und vergrübelt daherkommt. Oftmals mit tonmalerischen Akzenten versehen, aber besonders ausdrucksstark im Verleihen von Stimmungen: so bei der Vertonung von Legenden aus den heroischen Zeiten der „Kalevala“ (dem finnischen National-Epos), aber Klang wird auch der über den weiten Wäldern und der Einsamkeit der finnischen Seen liegende Hauch von Melancholie. Charakteristisch hierfür sind Färbungen, die aus der Verwendung der alten Kirchentonarten herrühren und klangbezogene Wirkungen, die entstehen, wenn Holz- und Streichinstrumente immer neue, verschiedenartig eingefärbte Klangflächen bilden.

Aus dem Werkkatalog ragen die sieben Sinfonien heraus, die hierzulande leider in den Konzertprogrammen eher selten anzutreffen sind. In diesen wird der ungewöhnliche Umgang mit dem thematischen Material fortlaufend weiterentwickelt. Hierbei wird regelmäßig mit Bruchstücken herunter bis zu Motivpartikeln gearbeitet, die von einem thematischen Grundmaterial (das auch aus mehreren Einzelthemen bestehen kann) abgeleitet werden. Diese werden zum einen in variierter Form in immer neu und auch nebeneinander angelegten Klangfeldern verarbeitet und zum anderen werden durch Kombinieren dieser Teilstücke auch neue Themen und Themengruppen geformt. Aus diesen können natürlich wiederum Bruchstücke erzeugt und neu kombiniert werden. Mehrfaches Wiederholen führt dann geradezu zu einem aus unzähligen Einzelteilen erstellten und verdichteten Netzwerk, dessen Konstruktionsprinzip die einzelnen Sätze der jeweiligen Sinfonie miteinander letztlich zur zyklischen Einheit verschmilzt. Dies alles hat mit thematischer Arbeit und Satztechnik im Sinne der austro-germanischen Sinfonie-Tradition kaum noch etwas gemein, hierin liegt das Neue oder zumindest doch das Unkonventionelle dieses großen Tonsetzers.

Natürlich ist dies alles im Detail nicht mehr unmittelbar durch einfaches Hören erkenn- und nachvollziehbar, bleibt vielmehr unter einer oftmals schönen (scheinbar glatten) Oberfläche verborgen, die oft auch weit geschwungene melodische Bögen aufweist. Es handelt sich also keinesfalls um eine abstrakt und akademisch trocken klingende, sondern um eine frische, experimentierfreudige und auch modern anmutende Tonsprache; dabei um eine, die in Teilen zwar durchaus etwas Zeit zum Eingewöhnen verlangt, dafür anschließend aber umso nachhaltiger beeindruckt. Insbesondere angelsächsische Komponisten wie Ralph Vaughan Williams, Arnold Bax, William Alwyn und Howard Hanson haben die Werke ihres Kollegen Jean Sibelius sehr geschätzt und seine Musik hat in ihren Werken zum Teil deutliche Spuren hinterlassen. Und auch so mancher Filmmusikfreund wird sich für die sich oftmals zu hymnischer Pracht entfaltenden aparten und ungewöhnlichen Klänge begeistern können.

Zur Auswahl stehen zwei attraktive im Midprice angesiedelte CD-Sets: der umfangreiche Sibelius-Zyklus unter dem Dirigenten Paavo Berglund in der EMI -Serie mit „Budget-Box-Sets“ (www.emiclassics.de) — 8 CDs in Platz sparenden Papp-Steckhüllen, untergebracht in einer soliden Papp-Box; sowie die in der Reihe „Columbia Legends“ (bei Sony Classical, www.sonyclassical.de) erschienenen Sibelius-Einspielungen unter Leonard Bernstein, in einer mit 4 CDs bestückten konventionellen Kunststoffbox.

Paavo Berglund ist ein renommierter Sibelius-Interpret, der sich ausgiebig mit den Werken seines großen Landsmannes auseinander gesetzt hat. Dies reflektiert auch der EMI-CD-Zyklus, der zwischen 1970 und 1987 entstand. Neben den Sinfonien bietet die EMI-Box zusätzlich Hörenswertes des großen Finnen. Neben einer Reihe ebenfalls wichtiger sinfonischer Tondichtungen — auch die zündende „Finlandia“ fehlt nicht — sind einige der aus Bühnenmusiken erstellten Suiten vertreten; aber auch ein sehr interessantes, noch besonders ausladend angelegtes Frühwerk von fast Mahlerschen Dimensionen wird geboten: die rund 70-minütige „Kullervo-Sinfonie“. Die nummerierten sieben Sinfonien sind mit dem Philharmonischen Orchester aus Helsinki, die „Kullervo“-Sinfonie sowie die allermeisten sonstigen Werke mit dem Bournemouth Symphony Orchestra aufgenommen. Das Begleitheft wartet (auch in Deutsch) mit sehr soliden Informationen zu den vertretenen Werken auf.

Die Box der Reihe „Columbia Legends“ präsentiert die unter dem legendären Dirigenten (und Komponisten) Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic in den Jahren 1961-67 eingespielten sieben Sinfonien sowie die Tondichtungen „Pohjolas Tochter“ und „Luonnotar“ — ein Klassiker des Repertoires. Das Begleitheft wartet (leider nur in Englisch und Französisch) mit einem informativen Artikel zu den Sinfonien auf.

Die Aufnahmen beider Editionen klingen gut bis sehr gut und auch interpretatorisch gibt es nichts zu bemängeln. Bernstein nimmt sich teilweise merklich mehr Zeit, ist im Klang einen Tick opulenter als Berglund, dessen insgesamt weniger romantisierende, stärker sachlichen Darstellungen sind aber im Resultat vergleichbar schlüssig und qualitativ hoch stehend.

Komponist*in:
Sibelius, Jean

Erschienen:
2001
Sampler:
EMI
Kennung:
7243 5 74484 2 (8 CDs)
Zusatzinformationen:
Bournemouth SO, Helsinki PO, P. Berglund

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