Der Sturz des Antichrist

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Oktober 2003
Abgelegt unter:
Sampler

Viktor Ullmann: Der Sturz des Antichrist, Der Kaiser von Atlantis, Sinfonien 1&2 etc., Fremde Passagiere – Auf den Spuren von V. U. (DVD)

Viktor Ullmann wurde am 1. Januar 1898 im damals der k.u.k.-Monarchie zugehörigen Teschen (heute Tecin) als Sohn eines Berufsoffiziers geboren. Seine musikalische Ausbildung begann er 1914 in Wien. Nach dem Kriegsabitur 1916 und der Teilnahme am 1. Weltkrieg besuchte der junge Mann im Winter 1918/19 das Kompositionsseminar bei Arnold Schönberg – wo er auch Hanns Eisler kennen lernte. Im Jahr 1919 übersiedelte er nach Prag und arbeitete ab Herbst 1920 als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung unter Alexander von Zemlinsky am Neuen Deutschen Theater und engagierte sich während der Folgejahre auch im Prager Verein für musikalische Privataufführungen. Als Zemlinsky nach Berlin wechselte, ging Ullmann zuerst als Operndirektor nach Aussig/Elbe und wirkte in den Spielzeiten 1929-31 als Kapellmeister am Zürcher Schauspielhaus. Mit seinen „Schönberg-Variationen“ für Klavier erlangte er beim Genfer Musikfest 1929 ersten internationalen Erfolg. In diesen Jahren wurde er Anhänger der Anthroposophie, gab zeitweilig das Komponieren auf und betrieb bis 1933 in Stuttgart eine anthroposophische Buchhandlung.

Nach der Machtergreifung durch (oder auch treffend „Machtübergabe“ an) die Nazis ging er zurück nach Prag und baute sich mühsam eine neue Existenz als Musiklehrer und Journalist auf. Auch als Komponist errang er 1934 öffentliche Anerkennung durch die Verleihung des Emil-Hertzka-Preises für die Orchesterfassung der „Schönberg-Variationen“. Zwischen 1935 und 1937 nahm er Kompositionsunterricht bei Alois Hába. In diese Zeit fällt auch die Vollendung der vom anthroposophischen Gedankengut geprägten Oper „Der Sturz des Antichrist“, für die er 1936 ebenfalls den Emil-Hertzka-Preis erhielt. Ein Werk mit unübersehbaren Parallelen zur Entwicklung in Deutschland, in dem es um die Verantwortung des Künstlers unter totalitärem Regime geht; an dessen Uraufführung in jenen Tagen mit ihrer kulturpolitisch bereits vergifteten Atmosphäre allerdings kaum noch zu denken war.

(Die Uraufführung erfolgte erst 1995 an der Bielefelder Oper in der Inszenierung von John Dew.)

Musikalisch zeigt dieses Opern-Werk, wie deutlich sich Ullmann mittlerweile von der strengen Stilistik Schönbergs entfernt hatte, wie er überhaupt den radikalen Bruch mit dem klassisch-romantischen Tonsystem nicht für die geeignete Methode zum Erreichen seiner Ziele hielt. Er gestaltet hier mit einer Vielzahl einzelner Motive, die er komplex verarbeitet und die sowohl für einzelne Personen als auch für bestimmte Ideen des Librettos stehen. Der Komponist schöpft hierbei (vergleichbar mit Zemlinsky) sämtliche Möglichkeiten der nach Wagner erweiterten Dur-Moll-Harmonik aus, bleibt aber noch tonal. Außerdem ist die Oper – vergleichbar mit dem „Wozzeck“ von Alban Berg – formal überaus streng strukturiert. So ist der zweite Akt als eine einzige große Fuge konzipiert und durchgeführt. Hinzu kommt eine sehr feinsinnige Instrumentierung, die ebenfalls alle Möglichkeiten der Zeit von Wagner, über Mahler und Strauss bis zu Berg, fantasievoll zu Nutzen versteht. Eine komplexe Klangsprache, die allerdings keineswegs trocken und spröde ist, sondern stellenweise sowohl pathetisch als auch annähernd volksliedhaft einfach ist. Mag man das Stück auch als symbolüberfrachtet ansehen, die Musik besticht durch ihre Emotionalität und die Farbigkeit des Orchestersatzes.

Die Doppel-CD-Box von cpo bietet einen Live-Mitschnitt, der als Co-Produktion mit DeutschlandRadio, mit den Kräften der Bielefelder-Uraufführung im Februar 1995 in der Oetkerhalle Bielefeld erfolgte. Sowohl der Chor als auch das Ensemble sind engagiert bei der Sache. Besonders bemerkenswert ist der ausdrucksstarke Bass-Bariton Monte Jaffe in der Rolle des Wärters. Und auch die Bielefelder Philharmoniker unter Roland Koch tragen ihren Teil dazu bei, das Bild positiv abzurunden.

Nach dem Münchner Abkommen versuchte der Komponist mit seiner Familie (er war insgesamt dreimal verheiratet) auszuwandern, aber es gelang ihm weder für die Schweiz noch die USA Visa zu erhalten. Allein seine beiden Kinder konnten im Rahmen der humanitären „Kindertransport(e) in eine fremde Welt“ nach England in Sicherheit gebracht werden, allerdings mit fatalen Folgen. Beide kamen mit dem Trauma der Trennung nicht zurecht, wurden psychisch dauerhaft schwer geschädigt …

Im September 1942 wurde Ullmann in das in der Nähe von Prag gelegene „Muster-KZ“ Theresienstadt (Terezín) deportiert. Rund zwei Jahre später, am 16. Oktober 1944 ist er nach Auschwitz verbracht und dort vermutlich am 18. Oktober 1944 ermordet worden. Die dem Komponisten verbleibenden zwei Jahre wurden zu einer erstaunlich fruchtbaren schöpferischen Phase. Ullmann schrieb sogar, er sei in seiner „musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt“ worden. Dies gilt, obwohl die Umstände in diesem Vorzeige- und Durchgangs-Lager der Nazis eher als katastrophal bezeichnet werden durften. Aus dem ursprünglich für etwa 5000 Köpfe konzipierten Garnisonsstädtchen war ein Ghetto mit fürchterlicher Enge geworden: Zeitweise waren dort bis zu 60.000 Menschen eingepfercht.

In diesem Paradies in der Hölle war Viktor Ullmann vom Arbeitsdienst befreit und wirkte als Organisator von Musikveranstaltungen und auch als Musikkritiker. Von den etwa 50 Kompositionen vor dieser Zeit sind nur 18 erhalten geblieben, die im KZ komponierten 33 Werke hingegen sind sämtlich erhalten: eine bittere Ironie der Geschichte …

Komponist*in:
Ullmann, Viktor

Erschienen:
1996
Gesamtspielzeit:
106:14 Minuten
Sampler:
cpo
Kennung:
999 321-2
Zusatzinformationen:
2 CDs

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