Der Kaiser von Atlantis

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Oktober 2003
Abgelegt unter:
Sampler

Das Hauptwerk dieser Zeit ist die Oper „Der Kaiser von Atlantis“: Eine Parabel auf Krieg und Tod, die mit dem Kaiser „Overall“ – „über alles“ und einer stark verfremdeten, aber doch unüberhörbaren Anlehnung an das Deutschland-Lied gewiss unmittelbare zeitpolitische Bezüge aufweist. Allerdings sollte man hier nicht ausschließlich auf die Nazis beziehen, sondern vielmehr eine allgemeingültige Aussage über das Böse in totalitären Machtstrukturen sehen.

Musikalisch handelt es sich (wohl auch zwangsläufig) nur sehr bedingt um eine Oper im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr, wie der das Stück eröffnende Lautsprecher ankündigt „ … eine Art Oper in vier Bildern“. In dem überwiegend aus kurzen Nummern bestehenden Opus gibt es klare Anlehnung an die Zeitoper der 20er Jahre. Hier im Technischen mit dem besagten Lautsprecher und damit dem Radio, aber auch in den Bezügen zur Unterhaltungsmusik. Wobei gerade die jazzigen Bezüge in Blues und Shimmy den Nazis ja schon in „Jonny spielt auf“ (siehe dazu auch Entartete Musik, Folge I) besonders verhasst waren, man also schon von Protest in der Musik sprechen kann. Daneben finden sich Mahler-Anklänge, aber auch atonale Elemente, melodramatische Partien, der Volksliedton, und obendrein ist im Ausdruck gelegentlich ein Hauch von Kurt Weill spürbar. Alles dieser vielfarbigen Mixtur ist in einer eher eingängigen, nicht zu komplizierten Tonsprache gehalten, deren wenige innig-zarte Momente durch ihre besonders große Schönheit tief berühren. Den Schluss dieses überhaupt nicht pessimistischen, vielmehr lebensbejahenden Werkes bildet ein christliches Bekenntnis, das Zitat des Luther-Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Erstaunlicherweise durfte das Stück sogar geprobt werden, die Uraufführung wurde dann aber doch verboten.

Die vorliegende Einspielung präsentiert gleich zwei unterschiedliche Versionen der dem eigentlichen Finale vorausgehenden Arie des Kaisers, die inhaltlich gegensätzlich sind. Die eine menschheitspessimistisch und zynisch, die andere, anthroposophisch geprägte, philosophisch-politisch – wobei Letztere stimmiger zum übrigen Stil des Werkes passt.

Das sparsam und eher kurios besetzte Gewandhausorchester agiert unter dem engagierten Lothar Zagrosek als sehr ambitionierte und mitreißende Begleitung eines insgesamt sehr guten Solisten-Ensembles.

(Das Orchester ist allerdings gegenüber der sehr dünnen Besetzung, die Ullmann in Theresienstadt zur Verfügung stand, etwas verstärkt. Ob es für diese Änderungen entsprechende Hinweise im originalen Notenmaterial gibt, ist aus dem Begleitheft nicht entnehmbar. In jedem Fall sind für diese Einspielung Materialien verwendet worden, die Schott anhand des Originalmanuskripts komplett neu erstellt und verlegt hat und die der 1975er Fassung an Werktreue klar überlegen sind.)

Die Mezzo-Sopranistin Iris Vermillion und Jonathan Alder am Klavier geben noch eine sehr klangschöne Zugabe: Drei ebenfalls aus jenen dunklen Tagen stammende Gesänge nach Texten von Hölderlin.

Komponist*in:
Ullmann, Viktor

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
67:54 Minuten
Sampler:
DECCA
Kennung:
440 854-2

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