CD

Veröffentlicht am 20.09.1999 | von Michael Boldhaus

Bernard Herrmann at Fox Vol. 1

Bernard Herrmann at Fox Vol. 1 Michael Boldhaus
Bewertung

Bernard Herrmann at Fox Vol. 1

Eine willkommene Bereicherung der Herrmann-Diskografie ist die soeben erschienene Varèse-Kompilation „Bernard Herrmann at Fox, Vol. 1“. Sie präsentiert drei Musiken, die Bernard Herrmann zwischen 1955 und 1962 für 20th-Century-Fox Filme komponiert hat. Bei allen handelt es sich um die Originaleinspielungen, die, für CinemaScope-Filme ab 1953 typisch, in Stereo aufgenommen worden sind. Die Tonmaster sind erfreulicherweise noch in gutem Zustand, und der Klang der schon recht betagten Aufnahmen ist trotz leichter Qualitätsschwankungen insgesamt ansprechend.

Von den drei Filmen habe ich nur Tender is the Night • Zärtlich ist die Nacht (1962) vor einiger Zeit in einer Fernsehausstrahlung beurteilen können. Es ist ein in den zwanziger Jahren an der Riviera spielendes Melodram, das trotz schöner Landschaftsaufnahmen heute total soapig wirkt – schon damals ein Flop und auch heutzutage für die meisten Filmfreunde wohl kaum genießbar. In The Man in the Gray Flannel Suit • Der Mann im grauen Flanell (1956) geht es um einen Weltkriegsveteranen (Gregory Peck), der sich im veränderten Nachkriegsamerika zurechtfinden muss – neben Ehe- und Berufsproblemen wird er von traumatischen Kriegserlebnissen heimgesucht. Als Nachhall des immer noch eindrucksvollen 1946er Films The Best Years of Our Lives • Die besten Jahre unseres Lebens dürfte der auch zu seiner Zeit sehr erfolgreiche Film schon eher das Zeug zu einem Klassiker haben, obwohl er in der Betrachtung der Beziehungsproblematik heute zweifellos ein wenig antiquiert wirkt. A Hatful of Rain • Giftiger Schnee (1957) ist ein weitgehend realistisch in Szene gesetztes Drama um einen rauschgiftsüchtigen Koreakriegsheimkehrer – ein Parallelfilm zu Otto Premingers Der Mann mit dem Goldenen Arm (1955), – und dürfte heutzutage ebenfalls noch einigermaßen sehenswert sein. Nun, erfreulicherweise kann eine gute Filmmusik ja auch ohne Film genossen werden.

Besonders interessant an der vorliegenden Veröffentlichung ist, dass uns die Musik für die beiden Melodramen Bernard Herrmann von einer weniger bekannten Seite zeigt: nämlich als gefühlvollen, warmen Romantiker. Das bedeutet, dass die Herrmann-typischen, ungewöhnlichen kantigen Klangeffekte weitgehend eliminiert sind. Auch den Bombast mancher Abenteuer- oder Fantasy-Filmmusiken Herrmanns wird man hier nicht finden, dafür aber eine ebenfalls ansprechende eher intime Tonsprache. Überwiegend Streicher, Holzbläser und Harfe bestreiten das Terrain, wobei die Musik trotzdem niemals nach Delerue oder John Barry klingt.

In Tender is the Night beginnt „The Beach“ sogar mit einem Selbstzitat, nämlich dem London-Thema aus The Ghost and Mrs. Muir • Das Gespenst und Mrs. Muir (1946). Stücke wie „Breakdown“ und „The Mirror“, zum Teil auch „The Dawn“ und „The Closing Door“, lassen musikalisch das Neurotische der Handlung durch dezente Pre-Psycho-Anklänge in den Streichern erahnen. Ansonsten beherrschen eher sanft-lyrische und melancholische Klänge die Ausdruckspalette. Das Liebesthema „The Embrace“ weist in seiner Steigerung sogar Parallelen zum Herrmann/Hitchcock-Klassiker Vertigo • Aus dem Reich der Toten (1958) auf. Der etwas kraftlose Titelsong von Sammy Fain (Musik) und Paul Francis Webster (Text) wurde von Herrmann erst nach anfänglichen massiven Auseinandersetzungen in die eigene Musik integriert – das Duo war damals berühmt durch den Song zu Love Is a Many-Splendored Thing • Alle Herrlichkeit auf Erden (1955). Kurioserweise enthielt die seinerzeit zum Film veröffentlichte LP nur den Titelsong und Hintergrund-Jazzmusik, aber von Herrmanns Komposition keine Spur: ein deutliches Indiz für den Niedergang der Kino-Sinfoniktradition im Hollywood jener Tage. Tender is the Night wurde so auch Bernard Herrmanns letzte Arbeit für 20th-Century-Fox, und nach seinem Bruch mit Alfred Hitchcock bei der Vertonung von Torn Curtain • Der zerrissene Vorhang (1965) verließ er Hollywood für immer.

The Man in the Gray Flannel Suit enthält ebenfalls Musik von sehr gefühlvoll-romantischer Natur. Speziell die Tracks „The Children’s Hour“, „Maria“, „Maria’s Room“ und „Farewell“ sind von großer Schönheit, ein wenig vergleichbar mit Herrmanns Filmmusik zu The Snows of Kilimanjaro • Schnee auf dem Kilimanjaro (1952).

A Hatful of Rain bildet zu den beiden vorhergehenden Musiken einen deutlichen musikalischen Kontrast, da hier verstärkt Bläserostinati und teilweise furiose Streicherpassagen eingesetzt sind. Trotzdem ist auch diese eher intim als üppige Musik dem individuellen Schicksal der Hauptfigur durchaus angemessen. Dazu gelingt es Herrmann eindrucksvoll, die Qualen der Sucht in Töne zu fassen. Erst im positiven Finale wird die Spannung auch musikalisch gelöst.

Fazit: Eine sehr zu empfehlende CD. Auch denen, die bislang nur den Power-Herrmann à la 7th Voyage of Sinbad oder Jason and the Argonauts kennen! Somit ein wichtiger Beitrag für jede ernsthafte Herrmann-Kollektion mit liebevoll illustriertem Booklet und einem informativen Text von Jon Burlingame.

Titel: Bernard Herrmann at Fox Vol. 1
Erschienen: 1999

Laufzeit: 74:23 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse
Kennung: VSD-6052

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