The Ghost and Mrs. Muir

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
25. Juli 1999
Abgelegt unter:
CD

Score

(6/6)

Dass Bernard Herrmann einer der großen Komponisten in Hollywood war, ist unumstritten. Auch die meisten Filmmusik-Liebhaber sind sich der Bedeutung Herrmanns bewusst, halten sich aber beim Kauf von Herrmann-CDs trotzdem zurück. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Herrmanns bekannteste Schöpfungen Vertonungen sehr abstrakt fantasievoller Stoffe oder das musikalische Ausleuchten menschlicher Abgründe waren. Vielfach wird seine Musik besonders mit seinen Arbeiten für Alfred Hitchcock und hier in erster Linie mit seiner Musik für Psycho gleichgesetzt: Die schrillen Streicherglissandi für die Mordszene unter der Dusche und die unterkühlten Streicherklänge für den übrigen Film eröffnen allerdings auch nicht gerade einen leichten Zugang zur Musik dieses Könners. Hinzu kommt, dass der Komponist meist auf eingängige Melodien verzichtet und sich viel mehr auf kurze Motive, ja minimalistische Kleinstpartikel beschränkt. Diese werden häufig wiederholt, erweitert und verändern durch raffinierte Instrumentierung und Rhythmus ihre Klangfarbe so, dass der Komponist damit auch ganze Szenenkomplexe musikalisch gestaltet. Auf diese Weise prägen sie sich dem Zuschauer eher unterschwellig ein und wirken so als eine Art musikalische Psychoanalyse. Einprägsame Themen gibt es nur selten, etwas zum Mitsummen à la „Laras Thema“ aus Dr. Schiwago überhaupt nicht, und da die meisten Musikhörer zuerst einmal eine möglichst gefällige Melodie als Einstieg in eine Komposition suchen, stößt die Herrmann-Musik-Rezeption abseits der Filme auf Schwierigkeiten. Herrmanns Kompositionskonzept ist nun einmal ein Bruch mit dem üblichen postromantischen Stil etwa eines Max Steiner, Franz Waxman oder Alfred Newman und macht daher ein Eingewöhnen durch Einhören erforderlich. Auf die faszinierenden Klangfarben und die starke Ausdruckskraft von Herrmanns Musik sollte aber deswegen kein Liebhaber sinfonischer Filmmusik freiwillig verzichten.

Speziell dem grundsätzlich interessierten, aber noch zaudernden Newcomer möchte ich hier zwei Filmkompositionen vorstellen und als Einstieg empfehlen: The Ghost and Mrs. Muir • Das Gespenst und Mrs. Muir (1947) und Vertigo • Aus dem Reich der Toten (1958). Für beide Musiken verwende ich hier in voller Überzeugung den meines Erachtens inflationär häufig zu lesenden Begriff „Meisterwerk“.

Das Gespenst und Mrs. Muir ist wohl Herrmanns romantischste und auch lyrischste Filmmusik geworden. Der Film ist eine Hollywood-Gespenstergeschichte ohne Horrorelemente: eine poetische Story um eine junge, verwitwete Schriftstellerin, die in das am Meer gelegene Haus eines verstorbenen Kapitäns einzieht und sich in dessen Geist verliebt, der sie zum Schreiben erfolgreicher Bücher animiert. Es entwickelt sich eine wahrhaft gespenstische, aber tief anrührende Romanze, die spät ihre Erfüllung findet: erst im Tod sind die Liebenden vereint. Bernard Herrmann komponierte hier eingängige Themen, die auch leitmotivisch bestimmten Personen, Handlungsabläufen oder Symbolen zugeordnet sind. Eine wichtige Rolle spielt das musikalisch allgegenwärtige Meer als romantisches Symbol für die Ewigkeit wahrer Liebe, das in Form vielfältig auskomponierter naturalistischer Seestimmungen seinen Platz hat. Dazu kommen musikalische Signaturen, z. B. ein Seemannslied für den Geist des Kapitäns und eine geheimnisvolle Tonfolge für das Gespensterhaus. Die äußerst lieblich charmante, in den Liebesszenen sanft glühende, gelegentlich melancholische Musik zeigt inniges Gefühl und ist unmittelbar eingängig. Herrmann selbst hat diese Partitur besonders geschätzt und Teile davon in seiner Oper „Wuthering Heights“ wiederverwendet.

Es handelt sich hier um die in der Varèse-Serie „Fox Classics“ erschienene Original-Film-Einspielung. Obwohl aus dem Jahr 1947 und daher noch auf Lichtton eingespielt, wurde dank dem fortschrittlichen Chef des Musikdepartments von 20th Century-Fox, Alfred Newman, schon mehrkanalige Aufnahmetechnik eingesetzt. Daher war es möglich, die vollständige Musik in echtem Stereo herauszubringen. Wie plastisch schon damals ein Orchester aufgenommen werden konnte, belegt diese brillante Produktion.

Komponist*in:
Herrmann, Bernard

Erschienen:
1997
Gesamtspielzeit:
51 Minuten
Sampler:
Varèse
Kennung:
VSD-5850

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