Speer und Er

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Oktober 2005
Abgelegt unter:
Special

Speer und Er

Der Architekt Albert Speer (1902-1981) zählt zu den schillerndsten Größen des NS-Staates. Er war der Einzige, der den Todesurteilen des Nürnberger Prozesses nicht nur entkam, sondern dem es sogar gelang, sich nach Verbüßung seiner Haftstrafe erneut ins Rampenlicht zu rücken. Seine Publikationen „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“ wurden international viel gelesene Bestseller. In ihnen entwarf er das Selbstbild eines „Engel, der aus der Hölle kam“, eines Verführten, der von den Verbrechen des Systems, dem er diente, letztlich nichts gewusst habe. Zwar blieb er umstritten, aber es gelang ihm, sich bei einer breiten Leserschaft — und auf späteren Vortragsreisen auch Zuhörerschaft — weitgehend zu rehabilitieren. Am Mythos des sympathischen Gentleman-Nazis Speer haben einzelne Anwürfe, wie 1982 vom Historiker Matthias Schmidt in „Albert Speer — Das Ende eines Mythos“, im Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit bislang nur wenig bewirkt. (Selbst in Der Untergang wird noch am positiven Speer-Bild festgehalten.)

Heinrich Breloer ist im Rahmen eines weiteren groß angelegten Filmprojekts daran gegangen, mehr Licht ins Dunkel um die Biografie Albert Speers zu bringen. Vergleichbar mit Die Manns ist erneut ein insgesamt vierteiliges Doku-Drama entstanden, das sich in der bekannt raffinierten und typischen offenen Form der Montagetechnik an sein komplexes Thema heranwagt. Speer und Er präsentiert eine vergleichbar faszinierende Mischung aus Dokumentarmaterial, aufwändig inszenierten Spielszenen und Gesprächen mit Zeitzeugen, wobei auch vier Angehörige der Familie Speer zur Mitarbeit am Projekt gewonnen werden konnten.

Sebastian Koch war im vergangenen Jahr als Hitler-Attentäter Stauffenberg und zuvor in Die Manns in der Rolle des Klaus Mann zu sehen. Er liefert als Speer eine ebenso glaubwürdige und subtile Darstellung der Figur. Tobias Moretti als Hitler wirkte auf mich vorab auf Szenenfotos und in den ersten szenischen Auftritten doch recht gewöhnungsbedürftig. Allerdings, je länger ich am Ball blieb, umso mehr zog mich seine Interpretation in ihren Bann. Und nicht erst in den Szenen der „Götterdämmerung“, wo man partiell noch die Darstellung von Bruno Ganz in Der Untergang vor Augen hat, kann ich Morettis eindringlicher Darstellung meine Anerkennung nicht versagen.

Im ausgeklügelten Nebeneinander der Handlungs- und Zeitebenen spielen akribisch genau und detailliert ausgeführte Rekonstruktionen wichtiger Orte im Leben der beiden Zentralfiguren eine entscheidende Rolle. Da ist das (gut getrickste) mit monströsem Prunk überladene, wie eine riesige Halle wirkende Arbeitszimmer Hitlers in der neuen Reichskanzlei und im Kontrast dazu die bedrückende Enge und Uniformität des Führerbunkers; und neben dem Saal der Nürnberger Prozesse steht der Innenhof des Spandauer Gefängnisses — im Wechsel der Jahreszeiten —, wo Speer seine 20-jährige Haftstrafe verbüßte, gar im Zentrum des dritten Filmteils. Dieser äußere Aufwand geht Hand in Hand mit einer ausgereiften Inszenierung, die es gestattet, Dokumentaraufnahmen und Spielszenen ineinander zu schneiden. Das ist nicht nur spannend, es unterstreicht beim Zuschauer auch den Eindruck von Authentizität. Im geschickt dargebotenen Mix der zur Verfügung stehenden Mittel dürfte man in Teilen der Wahrheit schon sehr nahe kommen, wird manches im Verhalten Speers sinnvoll interpretiert vermittelt, es bleiben aber auch Fragen offen.

Doch wozu dies alles überhaupt: Wie wichtig ist Aufklärung der Legende um Albert Speer für eine wahrheitsgemäße Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte? Albert Speer war der, welcher dem Führer neben anderen die Entwürfe zur Umgestaltung der Reichshauptstadt in die Welthauptstadt „Germania“ erstellte. Deren Fertigstellung war für 1950 geplant. Ihre überladene Monstrosität sollte mit einem gigantomanischen, über 200 Meter hohen Kuppelbau gekrönt werden. Speer war aber eben nicht allein Hitlers Architekt und Baumeister. Nach dem Unfalltod von Fritz Todt, dem Vater der Reichsautobahn und nicht allein Generalbevollmächtigten für die Bauwirtschaft („Organisation Todt“), wurde Speer zu dessen Nachfolger. Bereits zuvor war er allerdings schon im recht großen Stil mit der Betreuung von Rüstungsprojekten betraut gewesen. Infolge seines außerordentlichen organisatorischen Talents avancierte er nun innerhalb kürzester Zeit zu einem Superminister, der in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, in einem speziell dafür umbenannten Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, zum Lenker des gesamten europäischen Produktionsapparates wurde. Speer wurde damit nicht nur neben Himmler zum mächtigsten und einflussreichsten Mann des NS-Staates, er hat mit Himmler aufs Engste zusammengearbeitet!

Letztlich haben seine, trotz zunehmender Bombardierungen des Reichsgebiets (!), außergewöhnlichen Erfolge in der Organisation und Steigerung der Rüstungsproduktion mit dazu beigetragen, dass der Krieg verlängert wurde. Er erkannte als einer der wenigen das Potential der Peenemünder Raketen-Wissenschaftler um Werner von Braun. Bereits als Hitler dem Projekt im Spätherbst 1939 jede Dringlichkeit absprach, war Speer wohl der Einzige, der es wagen konnte, heimlich weiterbauen zu lassen. Und im Juli 1943 gelang es ihm, Hitler endgültig für dieses Projekt zu gewinnen.

Auch die Alliierten erkannten seine Manager-Fähigkeiten und Sebastian Haffner würdigte dies bereits im britischen Exil in einem Artikel für den „Observer“, verfasst im Jahr 1944. Wie Speer und Er zeigt, hat der „Diktator der Nazi-Industrie“ — als den ihn Haffner bezeichnet, nicht nur da, sondern bereits während seiner früheren Aktivitäten zur Neugestaltung der Reichshauptstadt die Vorgehensweisen des Regimes widerspruchslos gebilligt. Speer war auch für die Verlagerung der von Bombardierung bedrohten Rüstungsbetriebe unter Tage verantwortlich, was unter barbarischsten Bedingungen stattfand — siehe dazu auch „Unternehmen Wüste“ und „Vernichtung durch Arbeit“. Er ist also kalt und rücksichtslos über die Leichen von Juden und KZ-Häftlingen hinweg gegangen. Den im Auftrage des Nürnberger Tribunals tätigen Rechercheuren, wie Richard Sonnenfeldt, blieb dies allerdings zwangsläufig verborgen, da sie, in anbetracht der kurzen Zeit, das überaus verschachtelte System der Verantwortlichkeiten im Dritten Reich nicht komplett durchschauten.

In der Endphase des Krieges befähigte Speer die Kombination aus Intellekt und Nüchternheit über die Götterdämmerung hinaus zu denken und zu planen, wie kein zweiter. Er fuhr nicht nur mehrgleisig, indem er die Ausführung des berüchtigten „Nero-Befehls“ sabotierte. In den letzten Kriegsmonaten plante er bereits den Wiederaufbau: Den Alliierten bot er sich als eine Art Wiederaufbauminister an und hatte dafür bereits die Mannschaft zusammen. Auch ohne ihren Chef war es letztlich besagte „Mannschaft“, die in der Architektur im Nachkriegsdeutschland so manch charakteristische, rückwärtsgewandte Spur hinterließ. Dem disziplinierten Technokraten Speer gelang es die öde Zeit der 20-jährigen Haft mit ausgeklügelten Routinen und Abläufen erstaunlich gut zu überstehen. Er gestaltete den Anstaltshof um und legte (spätestens) in dieser Zeit zugleich den Grundstein für seine Legende: in Form von rund 20.000 handbeschriebenen Blatt Papier, die als Kassiber aus der Haft geschmuggelt wurden und deren Texte die Basis seiner späteren Bücher wurden.

Adolf Hitler sagte einmal zu Speers Frau: „Ich werde ihrem Mann eine Welt zu Füßen legen, und er wird Bauten errichten, wie sie kein Architekt der Weltgeschichte hat je errichten können“. Hitler sah in Speer wohl vieles, was er selbst gern gewesen wäre und gewährte ihm größtmögliche Freiheiten, ja unterstützte ihn fast blind. Im größenwahnhaften Umfeld der Germania fühlte sich der Ehrgeizige, selbst um den Preis eindeutig an Verbrechen wider die Menschlichkeit mitschuldig zu werden, dazu berufen, „Großes“ zu vollbringen und unauslöschlich in die Geschichte einzugehen. Er war offenbar ein in hohem Maße fähiger Kopf, dabei zugleich ein irritierend rätselhafter, widersprüchlicher und zweifellos schrecklicher Deutscher des 20. Jahrhunderts. Auch wenn das Wesen des Menschen Speer nicht bis ins Letzte erklärbar ist, zweifelsfrei wird erkennbar, dass er keinesfalls der unwissende Mitläufer war, als der er sich geschickt inszenierte: Er war vielmehr der Manager des Grauens. Dass er dabei äußerlich eher unauffällig, freundlich und charmant wirkte, macht die Sache, wie auch im Fall Hitler, dem Breloer (in bestimmten Situationen) den „typischen österreichischen Oberkellner-Charme“ attestiert, nicht gerade einfacher.

Die Komplexität des Ganzen zu erkennen, dazu bieten die beiden zum Film veröffentlichten Publikationen besonders wertvolle Hilfestellung. Das gleichnamige Buch zum Speer-Film liefert in die Breite gehende Informationen und zusätzliche Interpretationsansätze zum in den drei Filmteilen Gezeigten: Teil 1 Germania — Der Wahn; Teil 2 Nürnberg — Der Prozess und Teil 3 Spandau — Die Strafe. Entsprechend verhält es sich mit dem allein zum quasi vierten Teil, Dokumentation: Nachspiel — Die Täuschung, erschienenen Band „Unterwegs zur Familie Speer“. Im Zentrum stehen hier die Jahre nach der Spandauer Haft — vom 1. Oktober 1966 bis zum Tode während einer Vortragsreise in London 1981 — und damit die Zeit, in der Albert Speer den Hauptteil seiner Selbstinszenierung bestritt. Im Band zur Doku auf Spurensuche zu gehen, ist besonders im Anschluss oder auch parallel zur Lektüre des Filmbuches, „Speer und Er“, hochinteressant. Dabei findet man beispielsweise heraus, wie wenig Speer offenbar selbst seiner Familie nahe stand. Diese kommt nicht nur in seiner Biografie überhaupt nicht vor (!), während der Kriegsjahre verbrachte er die Weihnachtstage nicht zu Hause, sondern auf einer seiner Baustellen, 1942 am Atlantikwall, 1943 in Lappland.

Was ist Wahrheit, wo handelt es sich um verdrängte Wahrnehmung, Selbsttäuschung oder bewusst selbst gestrickte Legende? Auf der Suche nach der geschichtlichen Wahrheit erhebt Speer und Er nun keineswegs den Anspruch alles rückhaltlos aufklären zu können. Breloer unterstreicht im Interview — enthalten sowohl im Bonusmaterial als auch auszugsweise im umfangreichen 23-seitigen Beiheft der DVD-Edition —, dass weitere Nachforschungen nötig sind, das Bild um Hitlers Baumeister und Kriegsminister lückenärmer und damit stimmiger und schärfer zu machen. Den Film, der dazu einen Anstoß geben will, sieht der Regisseur als eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema, die neugierig machen soll.

Die (relative) Breitenwirkung von Die Manns dürfte Speer und Er beim Publikum wohl nicht erreichen. An Zeitgeschichte Interessierte sollten aber auch diesen Breloer-Film keinesfalls versäumen. Dieser leistet wichtige Aufklärungsarbeit zum für manchen mittlerweile vielleicht überbeansprucht erscheinenden Themenkreis der jüngeren deutschen Geschichte. „Wenn der nichts gewusst hat, wie hätten wir dann etwas wissen können?“: Entsprechend ist von vielen der deutschen Leser und Zuhörer, die wie er die Ära des Dritten Reiches erlebten, Speers gekonnt inszenierte Selbststilisierung als bequeme und hochwillkommene Rechtfertigung akzeptiert und im Bewusstsein als „wahr“ verankert worden. Die seit über 20 Jahren überfällige Erkenntnis, dass dieses überkommene, auch im Ausland anzutreffende Speer-Bild schlichtweg falsch ist, wird hoffentlich rasch Allgemeingut werden. Die Initiative dazu kommt zwar verspätet, aber immerhin aus Deutschland. Es gilt, was Sebastian Haffner bereits 1944 im o. g. Observer-Artikel schrieb: „Die Hitlers und Himmlers mögen wir loswerden — die Speers werden uns bleiben.“

Ergänzende Infos zur DVD-Edition

EuroVideo hat Speer und Er auf drei DVDs in einer vorbildlich ausgestatteten und überzeugend designten Digipack-Klappbox im Pappschuber veröffentlicht. Die DVDs 1 und 2 beinhalten jeweils zwei der insgesamt vier Teile (drei Filme plus Doku). Auf der dritten DVD befindet sich ausgiebiges, rund 150-minütiges Bonusmaterial: Da gibt’s ein rund 90-minütiges „Making Of“ zur Produktion, rund 30 Minuten lang Interviews mit Heinrich Breloer, Sebastian Koch und anderen sowie insgesamt 26 geschnittene Szenen (über 30 Minuten) anzuschauen.

Das kontrastreiche Bild ist fast durchweg scharf, detailfreudig und überzeugt ebenfalls mit sauber konturierten Farben. Nur ganz vereinzelt sind minimale Bildfehler zu beobachten. (Das eingefügte zeitgeschichtliche Dokumentarmaterial ist nicht in die wertende Betrachtung einbezogen worden.)

Der AC3-5.1-Tonmix ist, vergleichbar wie der bei Die Manns, zwar unspektakulär, aber überlegt ausgeführt. Die sparsamen und eher subtilen Effekte sind jeweils stimmig zur Atmosphäre der jeweiligen Szene eingesetzt. Ebenfalls abrufbar ist der Ton im fast schon klassisch zu nennenden Dolby-Surround-Mix (AC3-2.0). Gewaltig sind die Unterschiede zwischen beiden Tonspuren nicht, der Ton der 2.0-Version ist aber etwas weniger kraftvoll und räumlich diffuser. Die unaufdringliche, in Teilen das Orchester offenbar synthetisch generierte, recht elegische Filmmusik — wiederum von Hans P. Ströer — ist behutsam ins Tongeschehen eingebettet.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum 3. Oktober 2005.

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