Die Manns

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. März 2005
Abgelegt unter:
DVD

Film

(6/6)

Bild

(4.5/6)

Ton

(4.5/6)

Extras

(6/6)

Gleich vorneweg: Wer Interesse an Zeitgeschichte hat, der sollte sich diese ausgezeichnete TV-Produktion unbedingt zulegen. Das gilt sowohl für diejenigen, welche Die Manns — Ein Jahrhundertroman schon von den TV-Ausstrahlungen her kennen als auch für jene, welche bislang nur davon gehört oder gelesen haben.

Bereits der älteste Sohn Thomas Manns — des Verfassers von „Buddenbrooks“ —, Klaus Mann, sah es voraus und prophezeite: „Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über UNS — nicht über einzelne von uns — schreiben!“ Das dreiteilige Dokumentar-Drama von Autor Horst Königstein und Regisseur Heinrich Breloer ist das derzeit wohl spektakulärste und aufwändigste Projekt dieser Art in einer Fülle ähnlicher zur Familie Mann zur Verfügung stehender Materialien. Dank hervorragender Inszenierung und durch sorgfältig ausgewählte Schauspieler wie Armin Mueller-Stahl als Thomas Mann, Monica Bleibtreu als dessen Ehefrau Katja u. a. entstand ein aufschlussreicher packender Bilderbogen. Anhand der Schilderung der wichtigen Situationen im Leben der Manns zwischen 1923 und 1955, dem Todesjahr von Thomas Mann, entsteht zugleich ein lebendiges Zeit- und Charakterbild einer Epoche des 20. Jahrhunderts, deren Aus- und Nachwirkungen nicht allein uns Deutsche noch in Generationen beschäftigen werden. Im Zentrum stehen dabei Thomas und Katja Mann, deren sechs Kinder und Heinrich Mann, älterer Bruder von Thomas, Autor von Der Untertan.

Horst Breloer hat für seine Reise in die Vergangenheit einen interessanten Weg gewählt: Er ist an den (seinerzeit) letzten noch lebenden Spross aus der Ehe von Thomas und Katja Mann herangetreten, an deren Lieblingstochter Elisabeth Mann-Borgese — welche im Februar 2002 verstarb. Die damals bereits über 80-jährige Meeresforscherin und Mitbegründerin des „Club of Rome“ lebte seinerzeit in Kanada. Die sehr sympathisch wirkende alte Dame ist mit Regisseur Breloer bereitwillig auf eine bewegende, dabei sicher auch für sie nicht immer ganz einfache Zeitreise gegangen. Eine, an welcher der Regisseur, dank brillanter Inszenierung, den Zuschauer auf packende Art und Weise teilnehmen lässt. Überaus geschickt werden die unterschiedlichen, zeitlich weit auseinander liegenden Ebenen aus Erinnerung und szenischer Rekonstruktion nicht einfach nur nebeneinander stellt; sie gehen vielmehr oftmals derart unmittelbar ineinander über, dass der Betrachter von der Raffinesse und der Lebendigkeit des Resultats verblüfft und zugleich tief beeindruckt ist.

Am durchweg überzeugenden, sehr flüssigen und packenden Gesamtergebnis hat auch die glaubwürdige Typisierung der historischen Figuren durch sorgfältig ausgewählte Darsteller in den Spielszenen einen maßgeblichen Anteil. Dafür ist eine verwechselnde Ähnlichkeit zwischen Darsteller und geschichtlicher Person, die eh nur selten im Bereich des Machbaren liegt, nicht das allein Entscheidende. Hier sind sämtliche Darsteller derart gut gewählt, dass sie für den Zuschauer den jeweiligen Charakter überaus glaubwürdig widerspiegeln.

Hinzu kommt eine geschickte Dramatisierung, die bestimmten Szenen besondere Eindringlichkeit verleiht ohne dabei in klischeehaftes Pathos abzurutschen: So in der Szene wo Katja Mann ein vor dem Haus deponiertes Päckchen öffnet und darin als Warnung ein weitgehend verkohltes Exemplar von „Buddenbrooks“ vorfindet. Eine eintretende Person sorgt unbeabsichtigt für eine durch den Raum fegende Windböe, welche die verbrannten Buchseiten symbolträchtig durch die Luft wirbelt. Auch die Farbe ist gelegentlich dramaturgisch stimmungsvoll eingesetzt worden. Beispielsweise erhält das Gezeigte ein wenig vom obsessiven Touch in Hitchcocks Vertigo, wenn Klaus Mann im von draußen unheimlich herein scheinenden nächtlichen blauen und roten Licht der Neonreklamen heimlich versucht, seine Morphin-Sucht zu stillen. Sehr interessant dargestellt sind auch die recht innigen Kontakte von Klaus und Erika Mann mit dem berühmten Gustav Gründgens. Dessen äußerst fragwürdige, ja skrupellose Anbiederung an die braunen Machthaber führte zu Klaus Manns literarischer Spiegelung in „Mephisto“.

Elisabeth Mann-Borgeses detailfreudige Erinnerungen sind Seele und Leitfaden des TV-Films, aber auch andere noch lebende Zeitzeugen kommen zu Wort, wie Thomas Manns langjährige Sekretärin im kalifornischen Exil, Hilde Kahn-Reach, und Fridolin, der 1940 geborene Enkel (Sohn von Michael). Insgesamt vier Jahre haben die Recherchen zum aufwändigen Fernseh-Dreiteiler beansprucht. Rund 140 Stunden Interviews sind dabei aufgezeichnet worden. Außerdem wurde Archivmaterial ausgewertet und dabei sind beispielsweise auch Teile aus einem Interview mit Golo-Mann eingearbeitet worden. Außerdem finden sich Ausschnitte aus Wochenschauen und sonstigem zeitbezogenem Dokumentarmaterial.

Auf dem Bavaria Filmgelände in München baute der Filmarchitekt Götz Weidner nach Anleitung von Elisabeth Mann das Heim der Familie Mann zwischen 1914 und 1933 maßstabgetreu nach, die großbürgerliche Villa in der Münchner Poschingerstraße. Und in drei Hallen des WDR-Geländes in Köln-Bocklemünd wurden weitere 25 Filmsets errichtet, wie auch das kalifornische Exil. Neben den detailgetreuen Nachbauten ist ebenso viel Wert auf atmosphärische Details gelegt worden, wie Änderungen in der Mode.

Der faszinierende Film zeigt nicht verfilmte Literatur, er zeichnet vielmehr die wichtigsten Stationen und Ereignisse im Leben dieser Literaturdynastie in stürmischen Zeiten nach. Darin zeigen sich Liebe, Hass und Leidenschaft, Freude, Verzweiflung, ebenso Exzess, Obsession wie vielfacher Tod und damit zugleich die Tragik der politischen Zeitläufe. Besonders an Heinrich Mann, der die Jahre im US-Exil vereinsamt und isoliert, wirtschaftlich völlig abhängig von seinem Bruder Thomas verbrachte, wird das traurige Schicksal, das Entwurzeltsein der meisten von den Nazis außer Landes Getriebenen deutlich. Und die Biografien von Erika und Klaus Mann spiegeln auch die Probleme nach dem Zweiten Weltkrieg, einen neuen Anfang zu finden.

Die Manns auf DVD

Der mit diversen Preisen ausgezeichnete TV-Film wird als Geschenkbox in einem vorzüglichen 3-DVD-Amaray-Set von EuroVideo angeboten. Das aufklappbare Set kommt in einem Pappschuber daher. Durch das eingeklebte 18-seitige Heft mit „Hintergrundinformationen“ erhält es noch etwas mehr Buchcharakter. Es hält zum ersten Einstieg einige Hintergründe zur Produktion bereit und ist zugleich ein gut gemachter Wegweiser durch die Edition, mit Tracklistings, Hinweisen zur Menüführung und Produktionsdaten. Das Set ist auch optisch sehr geschmackvoll gestaltet; unter jedem durchsichtigen Digi-Tray findet sich das kontrastschwache, transparent erscheinende schwarzweiße Porträtmotiv der zugehörigen DVD nochmals als (weichgezeichnetes) Farbfoto abgebildet.

Das Bildschirmmenü der drei DVDs ist bis auf die Hintergrundfarbe identisch. Es ist schlicht, ohne (oftmals unnötig verspielte) Animationen, dabei sehr übersichtlich und funktional gehalten. Der aufrufbare Stammbaum der Manns hält auf Texttafeln Informationen zur fast schon (Über-)Fülle historischer Figuren, aber auf Wunsch zugleich über den verkörpernden Schauspieler bereit. Wem das nicht reicht, der kann den Dreiteiler im „Interactive-Modus“ betrachten. Dabei wird während des Films an geeigneten Stellen durch ein am unteren Bildrand eingeblendetes Stammbaumsymbol direkt per Anwahl mittels der Fernbedienung zur passenden Stelle der Biografien geleitet.

Jeder etwa 105-minütigen Folge des TV-Dreiteilers ist eine jeweils 80- bis 90-minütige Folge der Dokumentation „Unterwegs zur Familie Mann“ unmittelbar an die Seite gestellt. Das Material ist aus dem umfangreichen Interviewmaterial zusammengestellt worden, von dem Teile auch in den Dreiteiler eingeschnitten sind. Überschneidungen zwischen Doku und TV-Film halten sich dabei jedoch in engen Grenzen. Dafür sind in der Doku auch einige kurze Spielszenen zu sehen, die im Dreiteiler nicht aufgenommen worden sind. Zusätzlich findet sich auf der DVD-3 noch ein knapp dreiviertelstündiges „Making of“ mit interessanten Einblicken zu den Dreharbeiten.

Auch beim Bild gibt es kaum etwas zu bemängeln. Es wirkt meist scharf und auch recht detailfreudig. Ebenso überzeugen die durchweg sauberen, ruhig stehenden Farben wie auch die überwiegend sehr soliden Kontraste. Zwar lassen einzelne Einstellungen eine Portion Schärfe vermissen und besonders in einzelnen der Interview-Passagen sind kurzzeitig kleinere Bildfehler sichtbar. (Das ausschnittweise eingefügte zeitgeschichtliche Dokumentarmaterial ist dabei nicht in die wertende Betrachtung einbezogen worden.) Der Jahrhundertroman von DVD ist dabei allerdings der erst kürzlich auf 3sat erfolgten Wiederholung des TV-Dreiteilers qualitativ eine Stufe überlegen.

Der dem Dokumentar-Drama beigegebene AC3-5.1-Mix ist zwar insgesamt eher unspektakulär und zurückhaltend, dabei aber keineswegs langweilig und/oder einfallslos angelegt. Die sparsamen Effekte sind durchaus geschickt, subtil und zur jeweiligen Atmosphäre stimmig gesetzt. Auch die recht gefühlvolle Filmmusik von Hans P. Ströer ist dabei gut eingebettet, umfängt den Zuschauer in unaufdringlichem Surround-Sound.

Die Manns — Ein Jahrhundertroman belegt einmal mehr, wie „kinomäßig“ spektakuläre TV-Produktionen der TOP-Klasse sein können. Unterm Strich verbleibt damit eine eindeutige Empfehlung für diese hochinteressante und dazu praktisch makellose DVD-Präsentation, deren Attraktivität durch das sehr günstige Preis-Leistungs-Verhältnis noch zusätzlich gesteigert wird. Getrost können auch diejenigen zugreifen, die bislang weder bei „Der Zauberberg“ noch dem „Dr. Faustus“ bis zum Ende durchgehalten haben — der Rezensent gehört übrigens ebenfalls dieser (Ziel-)Gruppe an.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Ostern 2005.

Regisseur*in:
Breloer, Heinrich

Erschienen:
2002
Vertrieb:
EuroVideo
Kennung:
21 885 (3-DVD-Edition Geschenkbox)
Zusatzinformationen:
D 2001

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