Alan Rawsthorne: Klavierkonzerte

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. Mai 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(5.5/6)

Die Situation in Sachen Filmpartituren und Orchestermaterialien gestaltet sich bei derartigen Einspielungen häufig sehr schwierig. So wurden bei einer Aufräumaktion in den Pinewood Studios bereits 1955 große Teile von William Alwyns und William Waltons Musikmaterialien und auch die zugehörigen Tonmaster vernichtet. Das sich hierfür jemals noch ein Mensch würde interessieren können kam den Verantwortlichen nicht in den Sinn. Faireweise muss man hier aber sagen, das selbst in den größten Hollywood-Studios aus Partituren zum Teil wohl Schmierzettel-Blöcke gemacht worden sein müssen… Im Falle von Alwyn konnte erfreulicherweise im Nachlass des Komponisten etwa zwei Drittel der Filmkompositionen in Kopien der Partituren und Klavierauszüge gefunden werden. Für den Rest bleibt in der Regel dann nur, die Musik durch Abhören der (Film-)Tonspur mühsam zu rekonstruieren – denn reine Musikmaster existieren aus den vorstehend genannten Gründen in der Regel ebenfalls nicht mehr. Phillip Lane hat diese mühsame Kleinarbeit im Falle des Rawsthorne-CD-Projektes auf sich genommen. Der Komponist Gerard Schurmann, der durch Alan Rawsthorne zur Filmkomposition fand, hat viel mit seinem Mentor zusammengearbeitet. Er ist somit ein großer Kenner Rawsthornscher Instrumentierung und sorgte bei dem aktuellsten Projekt der Serie für größtmögliche Authentizität.

Der Klang der auf den drei CDs präsentierten Filmkompositionen unterscheidet sich deutlich von den Hollywood-Standards dieser Zeit – dies gilt auch für die George-Auric-CDs. Die Musik wirkt formstrenger, mitunter auch etwas akademisch-britisch, aber sicher nicht trocken und langweilig. Für jeden Liebhaber sinfonischer Filmmusik, der eine repräsentative Sammlung aufbauen möchte, sind die hervorragenden Chandos-CDs daher ein Muss. Nach einer kleinen Eingewöhnungsphase spürt der Hörer auch bei diesen inspirierten und handwerklich superb ausgeführten Tonschöpfungen den in vielen Passagen deutlichen Bildbezug. Es bleibt zu hoffen, das die „Chandos-Movies-Serie“ nachhaltig erweitert wird. Nicht nur Werke bislang nicht vertretener Komponisten wie Arnold Bax und Gerard Schurmann bieten sich hier an, auch die vorliegenden Editionen sollten durch Einspielungen zusätzlicher Filmmusiken ergänzt werden.

Fazit: Bei Malcolm Arnold, William Alwyn und Alan Rawsthorne handelt es sich um große britische Komponisten, die auch (aber nicht ausschließlich) für das (vorwiegend britische) Kino komponiert haben. Dem interessierten Hörer geben die Filmmusiken reizvolle und bereichernde Einblicke in das Schaffen des jeweiligen Künstlers. In vielem unterscheiden sich diese brillanten Kompositionen für die britische tönende Leinwand merklich vom Hollywood-Sound der Zeit und bilden für den Interessierten ein überaus reizvolles Kontrastprogramm. Aber auch das übrige Werk dieser Könner der klassischen britischen (Tonfilm-)Musik sollte nicht unentdeckt bleiben. Zu jedem Komponisten wird daher auch eine CD mit Konzertkompositionen vorgestellt, die einen leichten Einstieg in das jeweilige „seriöse“ Œuvre ermöglicht.

Hier gibt es eine Übersicht der bisher besprochenen Chandos-Movies-CDs.

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Komponist*in:
Rawsthorne, Alan

Erschienen:
1992
Gesamtspielzeit:
62:43 Minuten
Sampler:
Chandos
Kennung:
CHAN 9125

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