Special

Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Im Dritten Reich verboten – „Entartete Musik“, Folge 2

Folge 2: Werke von Schreker, Krenek, Goldschmidt, Rathaus, Schulhoff

Wenn im ersten Artikel zum gleichen Thema darauf hingewiesen wurde, dass „bereits“ in den 80er Jahren die Wiederentdeckung der damals verbotenen Komponisten begann, so darf man hierbei nicht übersehen, dass – von einzelnen Rehabilitierungsversuchen abgesehen – dies bei den meisten der verfemten Komponisten eine schmerzliche Periode des Vergessenseins von immerhin fast 50 Jahren bedeutete.

Die Fülle der zwischen etwa 1910 und der Machtergreifung der Nazis (1933) entstandenen Werke ist riesig, was aber nicht bedeutet, dass nahezu alles, was in den 10er Jahren oder gar den oftmals hektischen (eben) „Brüllenden 20er Jahren“ komponiert wurde, meisterwerkverdächtig wäre, nur weil es radikal neuartig komponiert worden ist. Sicher eine bunte, höchst lebendige, aber eben auch schwierige und zerrissene Zeit, in der es als verpönt galt, sich an Vorbildern von früher zu orientieren und daran anzuknüpfen. Es entstand manch erinnerungswürdige Schöpfung, aber vielfach entlarvt sich im Nachhinein ein allein bilderstürmerisch überzogener Hang zum Neuen und damit zu Modernität um jeden Preis; im Resultat etwas, bei dem eher kurzlebige Irrwege beschritten wurden. In vielem glichen diese Jahre einem Hexenkessel, in dem neue Stilrichtungen hektisch geboren, und kaum propagiert bereits wieder als überholt galten. Wer dagegen aufbegehrte, wurde prompt für überkommen und veraltet erklärt.

Das Dilemma spiegelt sich in einem Brief Arnold Schönbergs, den dieser seinem Freund Franz Schreker zum 50. Geburtstag im März 1928 schrieb: „Lieber Freund, wir beide stammen aus einer Zeit, wo die unsympathischen Menschen sich als solche kenntlich machten, indem sie uns Neutöner nannten. Wie sollen wir uns in einer Gegenwart zurechtfinden, wo sie uns Romantiker heißen. Eines wissen wir immerhin: von uns Neutönern hat man damals nicht mehr gehalten als von uns Romantikern; immer waren welche da, die, ohne es besser zu können, es besser verstanden haben als wir. Aber wo sind sie heute, die uns damals Neutöner nannten? Wer nennt sie noch? Dürfen wir nicht damit rechnen, dass auch die, denen wir heute als Romantiker nichts mehr zu sagen haben (was sie brauchen konnten, haben sie längst gestohlen) in weiteren zehn oder zwanzig Jahren dort sein werden, wo die Gegner unserer Jugend von Anfang an hingehört haben? Jedenfalls: wir können scheinbar warten; wir können uns das leisten. Auf Wiederhören in zwanzig Jahren. Dein Arnold Schönberg.“

Dieser zweite Teil unserer Artikel-Reihe zum Thema „Im Dritten Reich verboten – Entartete Musik“ wird daher den Blick auf das bedeutende Werk Franz Schrekers vertiefen und sich ebenso nochmals mit dem Werk seines Schülers Ernst Krenek beschäftigen. Und auch Karol Rathaus und Berthold Goldschmidt, die ebenfalls bei Schreker gelernt haben, werden vorgestellt.


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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Franz Schreker: Symphonie a-Moll

Franz Schreker: Symphonie a-moll und „Flammen“

Der seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wogende – heutzutage (fast) ausschließlich kopfschüttelnd zur Kenntnis genommene – Streit zwischen Brahmsianern und Wagnerianern bestimmte das Klima einer Zeit, in der eine junge Generation, der neben Franz Schreker, Alexander Zemlinsky und Arnold Schönberg angehörten, ihren Weg finden musste. Schreker, der 1912 der Gattung Oper mit „Der ferne Klang“ neue Impulse gegeben hatte, bekannte im Jahr 1918 gegenüber dem einflussreichen Kritiker und Musikschriftsteller Paul Bekker: „Ich verehre Brahms und liebe Bruckner“.

Wie tiefgreifend sich der Kompositionsstil Schrekers in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts veränderte, belegen zwei reizvolle CD-Produktionen, die nicht den rauschhaft-sinnlichen Klangerotiker von “Die Gezeichneten“präsentieren, sondern vielmehr den nahezu völlig unbekannten, noch tastenden jungen Komponisten vorstellen.

Die Capriccio-CD präsentiert hierzu den „Psalm 116“, der 1900 als Prüfungsstück zum Abschluss der Studien bei Robert Fuchs entstand, und die leider nur als dreisätziges Fragment vorliegende Sinfonie in a-moll für großes Orchester.

Ist der „Psalm 116“ in erster Linie eine als Examensarbeit anzusehende, gewollte (und auch geforderte) handwerklich tadellose Referenz an den Komponisten von „Ein deutsches Requiem“, Johannes Brahms, so zeigt sich die Sinfonie als an Schubert, Bruckner und Brahms anknüpfendes, zwar eindeutig nicht eigenständiges, aber sehr frisches Jugendwerk aus der Feder des 20-Jährigen.

Für das Melodram „Das Weib des Intaphernes“ gilt das zum Schillingsschen „Hexenlied“ Geschriebene. Es handelt sich um eine ausdrucksstarke, stark tonmalerische, ein wenig zwischen Oper und Filmmusik stehende sinfonische Dichtung mit eingebetteter Sprechstimme. Eine expressive Komposition, die – reich an Stimmungen – weniger herb angelegt ist, als die meisten anderen späteren Werke des Komponisten, in denen sich die Auseinandersetzung mit den stilistischen Tendenzen der unruhigen Zeit spiegeln. Das Melodram entstand 1932/33 als letzte vollendete Komposition; die Wiener Uraufführung im Juni 1934 hat Franz Schreker nicht mehr erlebt.

Die in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln entstandenen Aufnahmen werden den Werken voll gerecht. Neben dem gut disponierten Kölner Rundfunkorchester agieren die anderen Mitwirkenden, der Kölner Rundfunkchor, Peter Dicke als Organist und der renommierte Gert Westphal als Sprecher tadellos. Ebenso wenig Anlass zur Kritik gibt das transparent und dynamisch eingefangene Klangbild.

Ebenso lädt der Opern-Erstling „Flammen“ zur Spurensuche ein. Das 1902 in einer eher provisorischen konzertanten Aufführung (allein mit Klavierbegleitung) ein einziges Mal (!) aufgeführte Stück verschwand anschließend in der Versenkung. Fast exakt 100 Jahre danach war das im Gestus sowohl Wagner als auch (insbesondere in den Chor-Teilen) Brahms nahe stehende Frühwerk in der Kieler Oper erstmals in der originalen Gestalt zu hören. Eine verspätete Uraufführung also, die den ursprünglichen Intentionen des Komponisten gerecht wird und Dank des verdienstvollen Engagements des cpo-Labels jetzt ebenfalls auf Tonträger zugänglich ist. Erst die nun vorliegende Originalversion mit voller Orchesterbesetzung (im Gegensatz zu der auf Quintett-Besetzung reduzierten Bearbeitung des PPP-Ensembles Wien aus den 80er Jahren) gestattet es, das Werk richtig einzuschätzen. Trotz der in Teilen noch sehr liedhaften Grundtendenz und der klaren Anbindung an die Tradition lässt der Erstling bei eingehender Betrachtung schon vieles vom später so charakteristischen musikdramatischen Konzept Schrekers vorausahnen – wobei das informative Begleitheft sehr hilfreich ist.

Titel: Franz Schreker: Symphonie a-Moll
Erschienen: 1999

Zusatzinformationen: Rundfunkorchester Köln, P. Gülke
Laufzeit: 71:52 Minuten

Medium: Sampler
Label: Capriccio
Kennung: 10850

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Franz Schreker: Flammen

Titel: Franz Schreker: Flammen
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: PO Kiel, Ulrich Windfuhr
Laufzeit: 79:40 Minuten

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999 824-2

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Franz Schreker: Das Spielwerk und die Prinzessin

Der jüngste Streich von cpo in Sachen Schreker ist die noch pressfrische „Das Spielwerk und die Prinzessin“. Dieses dritte Opernwerk des Komponisten erlebte bereits ein halbes Jahr nach der bejubelten Frankfurter Uraufführung von „Der ferne Klang“, am 15. März 1913, gleichzeitig in Frankfurt und in Wien seine Erstaufführung. Während in Frankfurt immerhin ein Achtungserfolg erreicht werden konnte, kam es an der Wiener Hofoper zu einem Skandal sondergleichen, wobei die Anti-Stimmung von einer Schreker-feindlichen Presse (angeführt von Julius Korngold, dem Vater von Erich W.) weiter angeheizt wurde. Franz Schreker berichtete emotionsgeladen an Schönberg. „[…] So was von Gehässigkeit und Wut, wie die Premiere meiner Oper hier erweckt, hätt’ ich nicht für möglich gehalten […] Diese Hunde müssen immer einen haben, an dem sie ihre Galle verschwenden können. […]“

Der Komponist nahm 1915/16 eine Überarbeitung vor, aus der eine auf einen Akt komprimierte Fassung, mit diversen Strichen unter dem Titel „Das Spielwerk“ resultierte. Wie bei „Flammen“ ist es auch hier das Verdienst des Dirigenten Ulrich Windfuhr, dass er für die Kieler Inszenierung die originale, musikalisch reichere Erstfassung von 1913 rekonstruieren ließ. Hier begegnet dem Entdeckungsfreudigen der ganze sinnliche Rausch der aufreizenden, farbenprächtigen Schrekerschen Musik. Die Oper ist jetzt übrigens erstmals überhaupt auf Tonträger zugänglich. Das komplex-sperrige, mit obskurer (teilweise erotischer) Symbolik überfrachtete Schrekersche Opernsujet sollte kein Hindernis sein, sich mit der herrlichen Musik auseinander zu setzen.

Wie auch bei „Flammen“ entstand die CD-Produktion von „Das Spielwerk und die Prinzessin“ als Live-Mittschnitt. In beiden Fällen gebühren sowohl dem engagiert aufspielenden Orchester, als auch seinem Dirigenten (ebenso dem Ensemble nebst Chor) gute Noten. Klangtechnisch ist es in beiden Fällen gelungen – trotz schwierigerer Bedingungen als bei einer Studioproduktion – die Musik in Form eines gut aufgefächerten Klangpanoramas einzufangen, bei dem die Singstimmen in einen unverdeckten, satten Orchesterklang sehr überzeugend eingebettet sind. Bei „Das Spielwerk und die Prinzessin“ belegen dies sehr gut einige der recht komplexen Klangschichtungen im zweiten Akt, bei dem sowohl Fernorchester, Bühnenensemble und Chor von CD prächtig erstrahlen.

Während sich bei „Flammen“ in einigen Teilen Bühnen- und Publikumsgeräusche doch etwas störend bemerkbar machen, ist die Aufnahme von “Das Spielwerk und die Prinzessin“ in diesem Punkt besser gelungen. Nun, der sehr gute Gesamteindruck wird durch diese Störungen bei „Flammen“ höchstens marginal beeinträchtigt. Auch das Textheft der Doppel-CD-Box zu „Das Spielwerk und die Prinzessin“ ist vorzüglich und wartet neben dem Libretto mit einem an Hintergründen und analytischen Infos reichen Text auf.

Es bleibt zu hoffen, dass anlässlich des bemerkenswerten Kieler Schreker-Zyklusses von Ulrich Windfuhr durch cpo auch weiterhin Opernraritäten für das Schreker-Repertoire auf Tonträger gehoben werden.

Titel: Franz Schreker: Das Spielwerk und die Prinzessin
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: PO Kiel, Ulrich Windfuhr
Laufzeit: 99:50 Minuten

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999958-2 [2 CDs]

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Franz Schreker: Orchestral Works, Volume 1

Franz Schreker: Orchestral Works Volume 1 & 2

Wer sich erst einmal mit dem farbigen Schrekerschen Klangidiom abseits des Gesungenen vertraut machen möchte, für den dürften die beiden üppig bestückten Chandos-CDs willkommen sein. Die CD mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter Vassily Sinaiski präsentiert in Topqualität eine Kollektion der wichtigsten sinfonischen Kompositionen, wobei auch einige der orchestralen Teile aus den Opern enthalten sind. Prächtig wirken die sinfonisch ausgestalteten Opernbilder, wie das Zwischenspiel aus „Der Schatzgräber“ oder auch das Nachtstück aus „Der ferne Klang“ (das übrigens der Lehrer Robert Fuchs als das Produkt eines Geisteskranken einschätzte). Vergleichbares gilt für das aus Material der Oper „Die Gezeichneten“ gewonnene rund 20-minütige „Vorspiel zu einem Drama“, für die „Phantastische Ouvertüre“, für das – aus der Fragment gebliebenen Oper „Memnon“ stammende – „Vorspiel zu einer großen Oper“ und ebenso für die der Lisztschen Tradition der Sinfonischen Dichtung nahe stehende Ouvertüre „Ekkehard“. Letztgenannte ist ein zwar schlichter gebautes, aber in jedem Fall sehr effektvolles Stück.

Die Musik zur Tanzpantomime „Der Geburtstag der Infantin“ spiegelt sich im intim-subtilen und zugleich impressionistischen Charme der „Valse lente“, gesetzt für ein kleines Kammerensemble. Die „Romantische Suite“ aus dem Jahr 1903 ist ein Werk aus einer Zeit des stilistischen Wandels, in dem das Traditionelle jedoch noch überwiegt – mit dem Schreker seinerzeit übrigens fast den Beethoven-Preis gewonnen hätte. Und in „Fünf Gesänge“ aus 1909 begegnet dem Hörer das erste Aufblühen des voll ausgereiften Stils des Komponisten.

Alles in allem eine sehr schöne Zusammenstellung, die sich keinesfalls vor den alternativen Einspielungen verstecken muss. Ein CD-Doppelpack, das durch eventuelle Anschaffung der betreffenden Opern-Gesamtaufnahmen nicht automatisch überflüssig wird, sondern auch zusätzlich prima als Abrundung der Schreker-Kollektion funktioniert.

Titel: Franz Schreker: Orchestral Works, Volume 1
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: BBC PO, V. Sinaisky
Laufzeit: 77:46 Minuten

Medium: Sampler
Label: Chandos
Kennung: CHAN 9797

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Franz Schreker: Orchestral Works, Volume 2

Titel: Franz Schreker: Orchestral Works, Volume 2
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: BBC PO, V. Sinaisky
Laufzeit: 76:01 Minuten

Medium: Sampler
Label: Chandos
Kennung: CHAN 9951

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Ernst Krenek: Symphonies 1 & 5

Ernst Krenek: Sinfonien

Krenek dürfte einer der vielseitigsten Komponisten sein, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Groß geworden und musikalisch herangereift in stürmischen, spannungsgeladenen Zeiten, dürfte in seinem gewaltigen Werkkatalog wohl zu fast jeder Stilrichtung des letzten Jahrhunderts etwas zu finden sein. Ein derart breit gefächertes musikalisches Spektrum verbirgt sich hinter seinem Output wie bei kaum einem zweiten Komponisten: es reicht bis zu rein experimentellen und elektronischen Kompositionen. Zweifellos wird sich bei erneuter Prüfung längst nicht alles in seinem Schaffen als lebensfähig erweisen: gar manches, was einstmals so modern schien, inzwischen allein noch antiquiert sein.

Nicht allein aus musikhistorischen Gründen wäre eine Begegnung mit zumindest weiten Teilen seines von starken Gegensätzen geprägten musikalischen Kosmosses zweifellos sehr reizvoll und daher zu begrüßen. Dass der Name Krenek in jedem Fall für hervorragendes handwerkliches Geschick und Können steht, belegt nicht nur seine Erfolgsoper „Jonny spielt auf“; die hier versammelten CDs mit vier seiner fünf Sinfonien legen darüber ebenfalls Zeugnis ab.

Sein sinfonischer Erstling steht im Ausdruck Schönbergs 1. Streichquartett und auch dessen 1. Kammersinfonie nahe. Das Werk zeigt nur noch losen Bezug zur klassisch-romantischen Tradition und der damit verbundenen Tonalität. Es handelt sich um ein aus neun pausenlos ineinander übergehenden Sätzen bestehendes Stück, das zwar komplex, aber temperamentvoll und nicht übermäßig sperrig daherkommt.

Besonders markant und im wahrsten Wortsinn herausragend ist die 2. Sinfonie, ein monumentaler musikalischer Granitbrocken, der nicht nur in den Ausmaßen an Gustav Mahler erinnert – er ist übrigens Kreneks erster Frau, Anna Mahler, gewidmet. Ein formlos erscheinendes atonales Klanggebilde, das es dem Hörer auf Anhieb nicht ganz leicht macht. Eine Musik, die – in ihren zum gewaltigen Ausbruch kulminierenden klanglichen Schichtungen – ein wenig wie eine Verneigung vor dem großen Vorbild wirkt.

Im Gegensatz hierzu ist die 3. Sinfonie nicht allein in den Ausmaßen bescheidener. Bei aller Modernität lassen sich hier wieder klar Themen, ja sogar eindeutig melodische Bezugspunkte ausmachen. Die Nähe zu Gustav Mahler wird im Nebeneinander komplexer und einfach gestalteter Musikpassagen besonders deutlich. So, wenn beispielsweise gegen Ende des ersten Satzes eine Art grimassenhafter Gassenhauer erklingt, der auf die volkstümlichen Anklänge in dessen Sinfonik verweist.

Noch einen Schritt weiter, hin zu fast problemloser Fasslichkeit, geht das „Potpourri für Orchester op. 54“ aus dem Jahr 1927. Ein unbeschwertes leichtes, effektvoll gestaltetes Stück, das viele Stile – von Jazz-Anklängen über die klangschwelgerische Spätromantik hin zu Paso-Doble und sonstiger Unterhaltungsmusik der 20er Jahre – geschickt und farbig miteinander vereint. Schon der Einstieg, eine respektlose Parodie auf den Yorkschen Marsch von Ludwig van B. stimmt den Zuhörer richtig ein: auf eine überaus kurzweilige satte Viertelstunde.

Und auch die letzte Sinfonie Kreneks aus dem Jahr 1949 gibt sich infolge völliger Aufgabe der strengen Reihentechnik deutlich ohrenfreundlicher als mancher vielleicht erwarten würde. Ein fünfteiliges Musikstück, das sich klar hörbar darum bemüht, weniger abstrakt denn für sein Publikum verständlich zu sein.

Die Einspielungen der Werke unter Takao Ukigaya mit der Radio-Philharmonie Hannover des NDR sind zupackend, forsch und von einer sehr sorgfältig den Klangraum ausleuchtenden Tontechnik eingefangen worden.

Das gilt im Grunde entsprechend für die Einspielung der zweiten Sinfonie in der Decca-Reihe „Entartete Musik“ des Gewandhausorchester Leipzig unter Lothar Zagrosek. Zagrosek geht im Kopf- und besonders im Finalsatz des dreisätzigen Kolosses mit merklich gedehnteren Zeitmaßen zu Werke. Ob man seine Interpretation deswegen als angemessener empfindet, liegt m. E. allein im Ohr des Hörers. Mir erscheinen beide Auslegungen in sich stimmig und damit gleichsam überzeugend.

Titel: Ernst Krenek: Symphonies 1 & 5
Erschienen: 1995

Zusatzinformationen: RP Hannover, Takao Ukigaya
Laufzeit: 54:22 Minuten

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999 359-2

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Ernst Krenek: Symphony No. 2 (cpo)

Titel: Ernst Krenek: Symphony No. 2 (cpo)
Erschienen: 1995

Zusatzinformationen: RP Hannover, Takao Ukigaya
Laufzeit: 57:28 Minuten

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999 255-2

Komponist(en):

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Krenek: Symphony No. 2 (Decca)

Titel: Krenek: Symphony No. 2 (Decca)
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: Gewandhausorch. Leipzig, Lothar Zagrosek
Laufzeit: 64:30 Minuten

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 452 479-2

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Ernst Krenek: Symphony No. 3 • Potpourri op. 54

Titel: Ernst Krenek: Symphony No. 3 • Potpourri op. 54
Erschienen: 1995

Laufzeit: 60:25 Minuten

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999 236-2

Komponist(en):

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Berthold Goldschmidt: Orchestral Works

Berthold Goldschmidt: Orchesterwerke auf cpo und Decca

„Ich war einmal radikal, ich gehörte zur Vorhut. Nun werde ich als Nachhut angesehen – aber es gibt kein Vor ohne ein Zurück, und ich glaube, die Leute fangen endlich an, das zu begreifen.“ Soweit das 1994 gezogene Lebensfazit eines weiteren hochinteressanten Komponisten, den die Berliner Kompositionsklasse Franz Schrekers hervorgebracht hat: Berthold Goldschmidt (1903-1996). Er gehört zu den wenigen vom Nazi-Regime in die Vergessenheit abgedrängten Künstlern, denen es vergönnt war, das spät – in vielen Fällen weit mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung! – wieder erwachte Interesse an seinen Werken noch mitzuerleben und auch aktiv daran teilzuhaben.

Bereits im Privatunterricht in der Geburtsstadt Hamburg zeigte Goldschmidt vielversprechende Begabung, sodass er mit 19 Jahren 1922 in Franz Schrekers Meisterklasse an der Berliner Hochschule für Musik eintreten konnte. Dirigieren studierte er bei Rudolf Krasselt und Julius Prüwer. Parallel dazu sammelte der junge Komponist wertvolle praktische Erfahrung an Opernhäusern (u. a. in Darmstadt bei Carl Ebert), wo er sich an der Probenarbeit beteiligte und als Assistenzdirigent und musikalischer Berater arbeitete. An der Berliner Staatsoper half er etwa 1925 Erich Kleiber bei den Premierenvorbereitungen für Alban Bergs „Wozzeck“.

Zur selben Zeit stellten sich erste Erfolge mit Eigenkompositionen ein. Die mit dem renommierten Mendelssohn-Preis ausgezeichnete „Passacaglia für Orchester“ und einige Kammermusikwerke fanden Anklang bei Publikum und Kritikern, der Name Goldschmidt begann bald auf den Spielplänen angesehener Ensembles aufzutauchen. Für den Durchbruch sorgte dann 1932 die umjubelte Mannheimer Uraufführung der ersten Oper „Der gewaltige Hahnrei“. Zu einer von Carl Ebert – jetzt Direktor der Städtischen Oper Berlin – geplanten Berliner Aufführung für die folgende Saison kam es allerdings schon nicht mehr. Berthold Goldschmidt, freilich jüdischer Abstammung und musikalisch ein Vertreter der (gemäßigten) Moderne, war in Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung schlagartig nicht mehr erwünscht.

Der Emigration 1935 nach England folgten sowohl finanziell als auch künstlerisch magere Jahre. Der einst als große Hoffnung des deutschen Musiklebens bezeichnete Komponist musste sich in London mit Privatstunden über Wasser halten. Gegen Kriegsende erhielt Goldschmidt eine Anstellung bei der deutschsprachigen Abteilung des BBC-Radio, die ein speziell für deutsche Hörer gestaltetes „Gegenpropaganda“-Programm produzierte. Auch später blieb er der BBC treu und dirigierte zahlreiche Rundfunkkonzerte, zum Teil auch mit überaus seltenen Aufführungen seiner eigenen Werke. Überhaupt, wenn von einer ersten Wiederentdeckung Goldschmidts in der unmittelbaren Nachkriegszeit gesprochen werden kann, dann bezieht sich das fast ausschließlich auf seine Dirigententätigkeit. Diese übte er in den 50er und 60er Jahren, bei Auftritten mit den namhaften Londoner Orchestern und anlässlich verschiedener britischer Musikfestivals, wieder verstärkt aus. Das Komponieren jedoch hatte er trotz einiger kleinerer Erfolgserlebnisse (z. B. der Sieg seiner zweiten Oper „Beatrice Cenci“ beim 1951er „Festival of Britain“-Wettbewerb) bis dahin weitgehend aufgegeben, galten seine Werke der nun das Musikleben kontrollierenden, auch in Großbritannien enorm umtriebigen „Serialisten-Mafia“ doch als hoffnungslos veraltet und unzeitgemäß.

Dieses äußerst intolerante Klima führte schließlich zu einem praktisch vollständigen Verstummen des Komponisten Berthold Goldschmidt zwischen 1958 und 1983, also zu einem vollen Vierteljahrhundert der schöpferischen Resignation! Die weiter oben schon angedeutete späte Goldschmidt-Renaissance nahm ihren Ausgang vor ziemlich genau 20 Jahren, wobei eine vielbeachtete konzertante Aufführung des „Gewaltigen Hahnrei“ in London einer der ersten Gradmesser für das neue Interesse an diesem Komponisten war. Die Fachwelt wurde hellhörig und neben vereinzelten Darbietungen in ganz Europa setzten ab Ende der 80er auch international bedeutende Festivals Goldschmidt-Schwerpunkte. Mit 60-jähriger Verspätung wurde 1992 die Berliner Premiere des „Hahnrei“ (konzertant, 1994 schließlich szenisch) nachgeholt, schon zuvor 1988 in England die ehedem preisgekrönte, aber eben sofort archivierte Shelley-Oper „Beatrice Cenci“ uraufgeführt. Von der späten Anerkennung beflügelt und über neue Kompositionsaufträge direkt dazu angeregt, fand der mittlerweile greise Goldschmidt in seinen letzten Lebensjahren zum Komponieren zurück. So ist von 1983 an bis ins Todesjahr 1996 ein beachtliches, vorrangig kammermusikalisches Spätwerk entstanden.

Das neue Interesse am Œuvre dieses wichtigen Vertreters der musikalischen Moderne in den 80er und 90er Jahren dokumentieren nicht zuletzt auch verschiedene CD-Einspielungen, von denen hier drei exemplarisch vorgestellt werden sollen.

Als besonders preisgünstiger Einstieg bieten sich die beiden 1994-95 erschienenen Goldschmidt-CDs des für hörenswerte Ausgrabungen bekannten Labels „cpo“ an. Insbesondere die Ouvertüre „Komödie der Irrungen“ (1926) und die „Greek Suite“ (1941) auf der zweiten cpo-CD machen den Hörer mit den Stil-Charakteristika Goldschmidts vertraut, ohne ihn zu überfordern: Transparenter Orchestersatz, klar herausgestellte kontrapunktische Strukturen, formale Stringenz und ausgeprägte Themenarbeit kennzeichnen die pfiffig-groteske Ouvertüre, in der Goldschmidt mit zwei Hauptthemen allerhand geistreichen Schabernack treibt. Eine ebenso unmittelbar verständliche Sprache spricht die „Greek Suite“. Diese Sammlung von acht einfach gearbeiteten Orchesterminiaturen, die auf originalen griechischen Volksmelodien basiert, sollte den von Italien in den Krieg verwickelten Griechen auf musikalisch-patriotische Weise den Rücken stärken. Zwar ist die Suite eher als Gelegenheitsauftragswerk anzusehen, doch eingängige Melodik und bisweilen eingearbeitetes griechisches Klangkolorit verhelfen ihr zu beträchtlichen Hörqualitäten.

Den Hauptteil derselben CD bildet Erwin Schulhoffs (1894-1942) „Ogelala“ (1925) – ein „Ballettmysterium nach einem antik-mexikanischen Original“, wie der Nebentitel erklärt. Das expressionistisch grimmige, von wilder Rhythmik und perkussiver Wucht bestimmte Werk beschreibt in zehn Bildern die (handlungsmäßig recht banale) Auseinandersetzung zwischen dem Indianerhäuptling Ogelala und König Iva. Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ stand in mancherlei Hinsicht merklich Pate, doch die Behauptung mancher Kritiker, man könne beim Hören des Schulhoff-Werkes zum Teil seitenweise in der „Sacre“-Partitur mitlesen, ist genauso überzogen wie der Versuch anderer Kollegen, „Ogelala“ zum vergessenen Meisterwerk hochzustilisieren. Das Ballettmysterium erreicht mit seinen vorwiegend gleichförmig ostinaten rhythmischen Figuren zwangsläufig nicht die Durchschlagskraft z. B. des „Sacre“, und Schulhoffs Fokus auf dunkle, nebulöse Klangfärbungen lässt auch kaum Raum für dem Strawinsky-Ballett vergleichbare orchestratorische Brillanz. „Ogelala“ ist deshalb keinesfalls schlechte Musik, doch über die volle Länge von knapp 40 Minuten dürfte sich bei so manchem Hörer ein Gefühl der Monotonie einstellen. Als Kind (s)einer stürmischen Zeit und Produkt eines insgesamt höchst entdeckenswerten, als „Entarteter“ hinter Lagermauern umgekommenen Komponisten ist das Werk dennoch hörenswert.

Die erste, 1994 auf cpo erschienene Goldschmidt-CD koppelt die „Ciaconna Sinfonica“ und die aus einer Ballettmusik hervorgegangene „Chronica“ mit dem 1953 vollendeten Cellokonzert. (Letzteres ist auch auf der weiter unten vorgestellten Decca-CD mit den drei Instrumentalkonzerten des Komponisten vertreten und wird dort näher besprochen.) In seiner „Ciaconna“ von 1936 arbeitet der Komponist mit einer Reihe von 32 Tönen. Sie fungiert einerseits – dem barocken Formprinzip der Chaconne gehorchend – als kontinuierliche Gegenstimme, die verschiedene kontrastierende thematische Episoden im Orchester anregt. Andererseits werden aus der Reihe im dreisätzigen Verlauf durch geschicktes Verdichten kleinere melodische Fragmente herausgelöst und symphonisch weiterverarbeitet. Diese kalte technische Beschreibung wird der Musik freilich nicht gerecht. Die „Ciaconna Sinfonica“ ist ein straffes, überaus ausdrucksstarkes Werk, das vor allem im „Andante sostenuto“-Mittelteil auch eine lyrisch-schwelgerische und gleichzeitig tragische Intensität entwickelt, die in dieser Form – ohne scharf-ironische Brechung – bei Goldschmidt nur selten zu hören ist. Die Wirren der Entstehungszeit scheinen hier besonders deutlich Niederschlag gefunden zu haben.

Interessanterweise bildet die „Chronica“ einen Brennpunkt, in dem frühes, mittleres und spätes Schaffen des Komponisten zusammenlaufen. Bereits Ende der 30er als zeitkritische Ballettmusik für die Jooss-Tanzkompanie in einer (großteils nicht mehr erhaltenen) Fassung für zwei Klaviere komponiert, orchestrierte Goldschmidt in den 50er Jahren sieben Stücke davon. Weitere 30 Jahre später stellte er diesen einen Prolog aus einer neu komponierten Intrada und einem schon 1932 entstandenen Militärmarsch voran, um so ein Werk mit gut 60-jähriger Entstehungsgeschichte definitiv abzuschließen. Das Resultat ist ein völlig geschlossen wirkendes, bissig-ironisches Zeit-Kaleidoskop, das im für Goldschmidt typischen Spiel mit barocken Formen unter anderem harsche Militarismusparodien (die Militärmärsche im Prolog und im Finale, das auf Goebbels gemünzte „Propaganda“-Scherzo) und sehr reizvolle leichtere, tänzerische Stücke (Rondino, Cantilena) miteinander verbindet.

Die Akteure auf den beiden cpo-Alben – die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Michail Jurowski („Greek Suite“, „Ogelala“) und die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Mathias Husmann („Ciaconna Sinfonica“ u. a.) – haben jeweils vorbildliche Arbeit geleistet und hervorragende, von großem persönlichen Engagement für diese viel zu lange vernachlässigte Musik zeugende Darbietungen abgeliefert. Die Goldschmidt-Werke profitieren auch von der in beiden Fällen tadellosen Tontechnik, die deren vielschichtige Architektur optimal zur Geltung kommen lässt.

Goldschmidts drei Instrumentalkonzerte für Cello, Klarinette und Violine sind in den 50er Jahren, nur wenige Jahre vor der großen Schaffens-Zäsur, entstanden. In den regelmäßig von ihm geleiteten BBC-Rundfunkkonzerten arbeitete er sich durch große Teile des orchestralen Standardrepertoires, und die häufige Zusammenarbeit mit führenden Solisten jener Zeit brachte ihn auf die Idee, die Konzertgattung selbst um einige repräsentative Werke zu bereichern.

Die Wurzeln des herb-leidenschaftlichen, viersätzigen Cellokonzertes (1953) reichen wiederum bis in die Frühphase vor der Emigration zurück. Der Komponist griff hier Material aus einer schon 1932 geschriebenen, später zu einem Concertino umgeformten Cellosonate auf. Vor allem die rasante Tarantella, die das Konzert mit einem wahren cellisti-schen Wirbelwind beschließt, ist wohl direkt aus der Sonate übernommen worden. ähnlich verhält es sich mit dem nicht minder gehalt- und ausdrucksvollen Violinkonzert (entstanden 1952-55), dem ebenfalls ein später verworfenes Concertino vorausging. Das virtuose Konzert für Klarinette und Orchester (1955 uraufgeführt) versprüht einiges an barock-groteskem Esprit (z. B. im Finalsatz), der aber wie oft bei diesem Komponisten mehrdeutig ist und schnell in abgründigere Sphären münden kann. Goldschmidt knüpft – das gilt für alle drei Werke – nicht an die romantische Tradition des Konzertierens an, sondern bezieht sich dabei auf das barocke Concerto Grosso. Das Soloinstrument tritt also nicht in Dialog und Streit mit dem Orchester, sondern wird als obligater Partner in das kammermusikalisch klar durch-hörbare Stimmengeflecht eingebunden. Alle drei Konzerte verbindet der für Goldschmidt charakteristische Tonfall zwischen Ironie und Melancholie. Eine Eigenschaft, die ihn ein wenig in die Nähe Dmitri Schostakowitschs rückt, den er im Übrigen sehr verehrte.

Zweifellos erfordert Berthold Goldschmidts kühl-sachlicher, verknappter, sozusagen mit wenigen gewählten Worten auskommender Personalstil einige Hördurchgänge, um seine unbestrittenen Qualitäten preiszugeben. Wer sich jedoch auf diese Sprache einlässt und ihr mitunter auch ein wenig mehr Zeit als üblich gibt, wird über die meisterhaft auskomponierten thematischen Bezüge und die sich eben nicht immer spontan mitteilenden Schönheiten dieser Musik erstaunt sein.

Für Cello- und Klarinettenkonzert konnten zwei der absoluten Stars auf ihrem Gebiet, Yo-Yo Ma und Sabine Meyer, gewonnen werden. Sie werden ihrem Ruf erwartungsgemäß voll gerecht und von den jeweiligen Orchestern (Orchestre symphonique de Montréal, Charles Dutoit; Orchester der Komischen Oper Berlin, Yakov Kreizberg) agil und einfühlsam begleitet. (Was die cpo-Einspielung des Cellokonzertes mit David Geringas anbelangt, so ist sie von vergleichbar hoher solistischer und Ensemblequalität. Da auch die gewählten Tempi in beiden Versionen nahe beieinander liegen, liegt es einmal mehr rein im Auge des Betrachters, welcher Fassung er den Vorzug gibt.) Mit der vorliegenden Aufnahme des Violinkonzerts hat es eine besondere Bewandtnis: Der Geigerin Chantal Juillet hat Goldschmidt dieses Konzert nach einigen erfolgreichen Aufführungen Anfang der 90er Jahre nachträglich gewidmet, und außerdem ist es der Meister höchstpersönlich, der hier das Philharmonia Orchestra leitet. Auch klanglich steht bei diesem Decca-Album alles zum Besten, einer nachdrücklichen Empfehlung steht also nichts im Wege.

Titel: Berthold Goldschmidt: Orchestral Works
Erschienen: 1995

Zusatzinformationen: Magdeburgische Phil., Mathias Husmann

Medium: Sampler
Label: cpo
Kennung: 999 277-2

Komponist(en):

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Veröffentlicht am 09.06.2003 | von Michael Boldhaus

Rathaus: Der letzte Pierrot 2/Symphonie Nr.1

Karol Rathaus: „Der letzte Pierrot“/Symphonie Nr. 1

Auch Karol Rathaus galt in den „roaring twenties“ als vielversprechendes neues Gestirn am musikalischen Firmament. 1895 im polnischen Tarnopol geboren, begann er schon im Kindesalter Klavierstücke zu komponieren. Seine Studien betrieb er zuerst in Wien, dann ab 1919 bei Franz Schreker in Berlin. Die Aufführungen seiner Werke erregten stets einiges Aufsehen, wenn auch nicht immer im positiven Sinne. Was für uns heutige Hörer im Kontext der Entstehungszeit gemäßigt modern klingt (etwa die beiden ersten Symphonien), erschien Presse und Publikum damals als radikal und stieß teilweise auf heftige Ablehnung. Auf der anderen Seite konnte Rathaus auch große Erfolge verbuchen, so beispielsweise mit dem 1927 uraufgeführten Ballett „Der letzte Pierrot“ und seiner erstmals 1930 in Berlin gegebenen Oper „Fremde Erde“.

Unter anderem machte sich Rathaus auch als Film- und Bühnenkomponist einen Namen. Seine dramaturgisch stimmige, und in Teilen mutig-experimentelle Musik zu Fjodor Ozeps „Der Mörder Dimitri Karamasoff“ von 1931 beeindruckte auch Bernard Herrmann tief, der sie später sogar zu einer der besten Filmmusiken erklärte, die er je gehört habe. Rathaus erkannte früher als viele, welch grundlegende Veränderungen sich in seiner Heimat vollzogen. 1932 emigrierte er über die Zwischenstationen Paris und London, wo er jeweils einige Jahre lebte und arbeitete, in die USA. Zwei weitere Jahre nach seiner Ankunft in Amerika im Jahr 1938 trat er in den Lehrkörper der noch sehr jungen Musikfakultät des New Yorker Queens College ein. Dort wirkte er bis zu seinem Tod 1954 als überaus beliebter und angesehener Kompositionslehrer und half, den ausgezeichneten Ruf des jetzt „Aaron Copland School of Music“ genannten College mitzubegründen.

Rathaus blieb unterdessen sehr produktiv, schrieb Auftragswerke und die eine oder andere Filmmusik und wurde bei prestigeträchtigen Projekten zu Rate gezogen (1952 z. B. wurde er mit der Aufgabe betraut, für die New Yorker Met eine näher am Original liegende Neufassung des „Boris Godunow“ von Mussorgsky zu erstellen). Auch manche seiner noch in Europa komponierten frühen Werke wurden hin und wieder aufgeführt; die einem Künstler seines Ranges wirklich gebührende Anerkennung blieb ihm jedoch versagt.

Es ist kaum zu glauben, aber die Einspielung der Symphonie Nr. 1 auf der Karol Rathaus gewidmeten CD der Decca-Reihe „Entartete Musik“ markiert die allererste Aufführung dieses Werkes seit der Premiere im Jahr 1926 (!). Gewisse Anlaufschwierigkeiten hatte die Symphonie schon zur Zeit ihrer Entstehung, denn fünf Jahre lang fand sich niemand, der das noch in der Berliner Studienzeit bei Schreker begonnene Stück aus der Taufe heben wollte. Das Risiko, mit einem schon bezüglich des geforderten Orchesterapparates riesenhaften Werk eines praktisch unbekannten Studenten möglicherweise durchzufallen, wollte niemand eingehen. Nach der skandalträchtigen Uraufführung der zweiten Symphonie 1925 lagen die Dinge etwas anders, doch mit seinem düster-expressiven und kraftvollen symphonischen Erstling traf der Komponist offenbar nicht den Publikumsgeschmack. Die Darmstädter Premiere endete in einem Pfeifkonzert, der sehr sensible Rathaus verwarf das Stück und vollzog eine Stilwende hin zu einem weniger schroff dissonanten Idiom, in dem sich Spätestromantik und moderne Elemente die Waage halten.

Ein echter musikalischer Leckerbissen ist das 1925/26 entstandene Ballett „Der letzte Pierrot“: Ein Pierrot aus dem 16. Jahrhundert wird in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts verfrachtet und versucht vergeblich, sich in der unendlich fremd erscheinenden, von Industrie, Kommerz und Unterhaltung geprägten Welt zurechtzufinden. Zu diesem Libretto schrieb Rathaus eine fabelhaft instrumentierte, abwechslungsreiche (sogar gewitzt in Orchestergewand gekleideten Jazz gibt es da zu hören) und sehr bildhafte – also stark in Richtung Filmmusik tendierende – Partitur für großes Orchester, die auch Gelegenheits-Klassikhörer auf Anhieb überzeugen dürfte.

Völlig zurecht ist diese rundum gelungene, auch klanglich herausragende Produktion mit dem „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ bedacht worden. Der israelische Dirigent Israel Yinon, hier am Pult des auf höchstem Niveau musizierenden Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, erweist sich als idealer Anwalt für diese Musik. (Ich habe Yinon vor allem als forsch zupackenden und zugleich feinsten Nuancen nachspürenden Chefdirigenten des Grazer Symphonischen Orchesters kennen und schätzen gelernt. Im Rahmen der „Europäischen Kulturhauptstadt Graz 2003“ gibt es als Teil des Abonnements-Zyklus des GSO auch eine Reihe namens „Aus der Tiefe des Vergessens“, in der vergessene Werke von Goldschmidt, Schulhoff, Rathaus, Viktor Ullmann, Heinz Tiessen, Alexandre Tansman, Emil Bohnke u. a. zur Aufführung gelangen. Yinons Verdienste um vergessene und „entartete“ Musik belegen auch zahlreiche weitere erstklassige CD-Einspielungen auf Koch-Schwann und anderen Labels.)

Lesen Sie hierzu in der Reihe „Im Dritten Reich verboten: Entartete Musik“:

Folge 1: Werke von Krenek, Korngold, Weill und Schreker

]Folge 3: Werke von Eisler, Ullmann und Hindemith

Titel: Rathaus: Der letzte Pierrot 2/Symphonie Nr.1
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: DSO Berlin, Israel Yinon

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 455 315-2

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