Im Dritten Reich verboten – „Entartete Musik“, Folge 1

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
17. April 2003
Abgelegt unter:
Special

Folge 1: Werke von Krenek, Korngold, Weill und Schreker

Das Leben im NS-Staat war in höchstem Maße politisiert. Dem Pluralismus der Weimarer Republik ein Ende zu bereiten, war das direkt nach der Machtergreifung konsequent in Angriff genommene Ziel der Machthaber unter dem Hakenkreuz. Einige der von ihren Ideologen benutzten Vokabeln stammten von keinem Geringeren als dem renommierten Komponisten Hans Pfitzner. Dieser schrieb im Jahr 1926 vom „atonalen Chaos“, das die künstlerische Parallele zum Bolschewismus sei und von der „Jazz-Foxtrott-Flut“ als musikalischem Ausdruck des Amerikanismus. Wobei er auch von der Beteiligung der „Alljuden“ an dieser „internationalistisch-bolschewistischen Umsturzarbeit“ sprach.

Besonders nachhaltig sind im Bewusstsein die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 und die 1937er Ausstellung „Entartete Kunst“ geblieben. Die als Pendant 1938 in Düsseldorf eröffnete Ausstellung „Entartete Musik“ hingegen war bis in die zweite Hälfte der 80er Jahre praktisch vergessen. Ihr Initiator, Hans Severus Ziegler, hatte sich bereits 1930 durch einen Erlass für das Land Thüringen „Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum“ hervorgetan. Ebenfalls auf Zieglers Vorschlag wurde Paul Schultze-Naumburg zum Direktor der Kunsthochschule in Weimar berufen – dem früheren Bauhaus. Während dieser sogleich Gemälde von Otto Dix, Otto Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Oskar Kokoschka entfernen ließ, verdrängte Ziegler mit Hilfe seines Erlasses schon vor der Machtergreifung Kompositionen von Ernst Krenek, Paul Hindemith und Igor Strawinsky aus den Konzertprogrammen in Thüringen …

Nach der Machtergreifung wurde das gesamte Musikleben im Dritten Reich zentral organisiert und die rigorose Gleichschaltung durch eine Fülle von Verordnungen geregelt. Anstelle der früher vom (von Franz Liszt gegründeten) „Allgemeine Deutsche Musik – Verein“ abgehaltenen „Tonkünstlerfeste“ traten die von der Reichsmusikkammer organisierten „Reichsmusiktage“. Im Rahmen dieser ersten „Olympiade deutscher Musik“ spielte Düsseldorf eine besondere Rolle. Nach einem hingerichteten „Widerständler“ gegen die französische Ruhrgebiets-Besetzung des Jahres 1923, Albert Leo Schlageter, war die Stadt zum nationalsozialistischen Sinnbild deutschen Widerstandes gegen fremde Willkür ernannt worden. Goebbels wählte den Termin für die ersten Reichsmusiktage geschickt (und militant), um gleichzeitig an den 125. Geburtstag von Richard Wagner und den 15. Todestag von Schlageter erinnern zu können.

So eröffnete am 22. Mai 1938 im Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung „Entartete Musik“ ihre Pforten. Das Motiv der als Broschüre zur Ausstellung gedruckten Ziegler-Rede zeigt auch sehr schön, wo (die sicher vielen) geläufige Bezeichnung „Neger-Musik“ ihren Ursprung hat: in einer perfiden Karikatur des Saxophon spielenden Schwarzen „Jonny“ aus Kreneks Skandal-Oper. 1270Dieser in rassistischer Stürmer-Manier klischierten Figur wurde zugleich der Judenstern ans Revers geheftet und damit der propagierte Angriff auf die abendländische (und damit in erster Linie die deutsche) Musikkultur versinnbildlicht: ein primitiver Wilder (jüdischen Einschlags), frech in europäischem Anzug gekleidet, erdreistet sich, die Kulturen zu vermischen. Die Säuberung des Kulturbetriebes erfolgte derart gründlich, dass das Vorwort des 1940 erschienenen „Lexikon(s) der Juden in der Musik“ Vollzug melden konnte: „Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt.“

Die Zerrissenheit der Gesellschaft spiegelt sich in den Wirren der keinesfalls goldenen, vielmehr „Brüllenden 20er“ („Roaring Twenties“) wider. Der verlorene Erste Weltkrieg hatte ein durch die Versailler-Verträge zutiefst gedemütigtes, dem Kaiserreich nachtrauerndes national-konservatives Großbürgertum hinterlassen, dessen Musikverständnis tief in einer naiven Verehrung der Romantik und insbesondere Richard Wagners verwurzelt war. Auf der Suche nach Beständigem sah man sich in den großen deutschen Musiktraditionen bestätigt, deren Werte durch den verlorenen Krieg nicht beschädigt worden waren. Diesen Kreisen stand eine wenig nationalistische, die romantische Tradition eher skeptisch einschätzende Nachwuchsgeneration gegenüber, die zudem den einer elitären Klasse vorbehaltenen Kunstbetrieb zugleich einem neuen breiten Publikum erschließen wollte: Kleinbürgern, Arbeitern, Angestellten und der Jugendbewegung.

Reformen des sozialdemokratischen Kulturpolitikers Leo Kestenberg bereiteten den Weg für frischen Wind in alten Gemäuern. Er begründete das pluralistische Kunst- und damit auch Musikleben der Weimarer Republik. Indem er Künstler wie Franz Schreker, Arthur Schnabel, Otto Klemperer, Paul Hindemith und Arnold Schönberg nach Berlin holte, half Kestenberg zugleich mit, die deutsche Hauptstadt mit ihrem schon im Kaiserreich hohen kulturellen Stellenwert zur Metropole internationalen Ranges auszubauen. Die Musikfeste von Donaueschingen und Baden-Baden trugen außerdem dazu bei, die Kunstmusik vom elitären Sockel herab in den Alltag breiter bürgerlicher Schichten zu tragen.

An der Spitze der vom NS-Regime verfemten Künstler stand Arnold Schönberg und mit ihm die vor allem verhasste Atonalität und 12-Ton-Musik der Zweiten Wiener Schule. Allerdings ist das Spektrum der in jenen Jahren verfemten und verbotenen Kompositionen – und damit auch der vertriebenen, zum Teil ermordeten Komponisten – enorm breit gefächert. Alle Versuche, in der Musik rassebezogene Merkmale anhand analytischer Betrachtung zu belegen, waren letztlich gescheitert. Es blieb damit rein willkürlich eine Mischung aus Rassendoktrin und arischem Überlegenheitsanspruch als Rechtfertigung für das, was zu tun war: So verschwanden die selbst von Hitler als typisch deutsch empfundenen Operettenmelodien Léon Jessels und für die unverzichtbaren Walzer eines Johann Strauß beging man Urkundenfälschung, um die teilweise jüdische Herkunft unkenntlich zu machen. Ebenso gerieten aber auch „arische“ Vertreter der Moderne wie Paul Hindemith und Kurt Weill ins Fadenkreuz. Es spielten neben der „nichtarischen“ Herkunft eben „musikalische“ und damit letztlich politische Gründe die entscheidende Rolle.

Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ wirkte auf die Nazis derart provozierend, dass die NSDAP Wien im Januar 1928 im Aufruf zu einer Protestkundgebung verlauten ließ: „Unsere Staatsoper, die erste Kunst- und Bildungsstätte der Welt, der Stolz aller Wiener, ist einer frechen jüdisch-negerischen Besudelung zum Opfer gefallen. Das Schundwerk eines tschechischen Halbjuden, „Jonny spielt auf“, in welchem Volk und Heimat, Sitte, Moral und Kultur brutal zertreten werden soll, wurde der Staatsoper aufgezwungen.“ Kreneks Oper, um die seinerzeit in Teilen der Presse eine heftige Polemik entfacht wurde, kommt aber nicht nur eine Schlüsselrolle bei der Kampagne gegen die „Entartete Musik“ zu. Vielmehr ist sie auch musikhistorisch überaus bedeutsam: integrierte sie doch noch vor „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ moderne angejazzte Tanzrhythmen in einem sinfonischen Rahmen.

Bereits in den 80er Jahren begann die Wiederentdeckung der damals verbotenen Komponisten: So wurden Zemlinskys Opern „Der Traumgörge“ und „Der Zwerg“ (nach Oscar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“), von Gerd Albrecht in Frankfurt aufgeführt und auch auf Tonträger herausgebracht. Und ebenso haben sich wagemutige Theaterregisseure wie der seinerzeit in Bielefeld tätige John Dew um dieses beschämende Kapitel der verfemten Werke verdient gemacht: Hierzu seien als Beispiele die Aufführungen von Kreneks „Der Sprung über den Schatten“, Egon Wellesz’ „Die Bakchantinnen“, Schrekers „Irrelohe“ und „Der singende Teufel“ sowie Korngolds „Das Wunder der Heliane“ erwähnt. Und ebenso erschien auf Tonträger ein erster Zyklus der sinfonischen Werke von Korngold wie auch von Zemlinsky „Die Seejungfrau“. Im Umfeld dieser Tätigkeiten und der Rekonstruktion der Ausstellung „Entartete Musik“ startete dann die Decca im Jahr 1993 ihre gleichnamige Serie: eine editorische Glanzleistung der 90er Jahre, die im Laufe der Zeit auf insgesamt 30 Titel angewachsen ist. Es handelt sich um einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Sich mit „Entarteter Musik“ zu beschäftigen, heißt zugleich, sich über den Zusammenhang von Politik, Ideologie und Musik zu informieren und ebenso, sich die fatalen Konsequenzen einer derart „gesäuberten“, verarmten und verkümmerten Musikkultur unter totalitärem Regime zu verdeutlichen. Eine wichtige Aufklärung in einem scheinbar unpolitischen Bereich, zumal gewisse geistige Strömungen jener Zeit weder heute noch in Zukunft als überwunden gelten dürfen. Hierzu gehört ebenso, sich über die Verdrängung im Nachkriegs-Deutschland bewusst zu werden, wo Täter wie Severus Ziegler, ehedem Staatsrat der Nazis, im Ruhrgebiet als Theaterleiter und in Norddeutschland als Gymnasiallehrer, im gleichen unbelehrbaren (Un-)Geist tätig sein durften …

Wie Michael Haas, ausführender Produzent der Reihe, im Begleitheft zum Sampler anmerkt, reichen die Einspielungen der Serie „Entartete Musik“ allein nicht aus, um die ganze Geschichte aufzuzeigen. Im Zuge einer kleinen Artikelreihe zum Thema sollen deswegen, neben den besonders exemplarischen Alben der Decca-Reihe, auch ebenso wertvolle Veröffentlichungen anderer Labels der gleichen Jahre (soweit noch erhältlich) und natürlich auch unserer Tage vorgestellt werden.

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