Schreker: Die Gezeichneten

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
17. April 2003
Abgelegt unter:
Sampler

Schreker: „Die Gezeichneten“

Im Zentrum des Schaffens von Franz Schreker (1878-1934) stehen ohne Zweifel seine insgesamt 9 Opern. Dreien davon war in den späten 10er und frühen 20er Jahren geradezu sensationeller Erfolg beschieden. Sie feierten einen Siegeszug über alle bedeutenden (und weniger bedeutenden) deutschsprachigen Bühnen, mit dem damals von den Zeitgenossen lediglich noch Richard Strauss mitzuhalten vermochte: „Der ferne Klang“ (1903-10, UA: 1912), „Der Schatzgräber“ (1915-18, UA: 1920) und „Die Gezeichneten“ (1913-15, UA: 1918).

Neben den großen Bühnenwerken hat Schreker, der sein Kompositionsstudium am Wiener Konservatorium bei Robert Fuchs (dem ersten Lehrer des blutjungen Erich Wolfgang Korngold) absolviert hatte, auch eine überschaubare Anzahl von Orchesterwerken (u. a. verschiedene Ouvertüren, eine Symphonie, das Melodram „Das Weib des Intaphernes“ und die Tanzpantomime nach Oscar Wilde, „Der Geburtstag der Infantin“), kammermusikalischen Stücken und Liedern geschaffen. Seine Liebe zur Chormusik, die er als Gründer und langjähriger Leiter des Wiener Philharmonischen Chores vor allem aktiv musizierend pflegte (u. a. hob er 1913 die „Gurrelieder“ seines Freundes Arnold Schönberg aus der Taufe), äußert sich in gut einem Dutzend Vokalkompositionen.

Seit 1912 war der von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierte Tonschöpfer auch maßgeblich pädagogisch tätig. Nach acht Jahren als Professor für Musiktheorie und Komposition an der Wiener Akademie folgte Schreker im Herbst 1920 dem Ruf Leo Kestenbergs an die renommierte Berliner Musikhochschule, der er für die nächsten zwölf Jahre als charismatische Direktorenpersönlichkeit vorstehen sollte. Viele seiner Kompositionsschüler – darunter so namhafte wie Ernst Krenek, Berthold Goldschmidt und Karol Rathaus – unterstrichen später Schrekers herausragende Eignung zum Lehrer. Sein besonderes Verdienst war, wie es die Schreker-Schülerin Grete von Zieritz (1899-2001) einmal ausgedrückt hat, dass er „Individualisten ausbildete“, anstatt stur eigene Vorstellungen aufzuzwingen.

Was indes nichts an Schrekers Entlassung von diesem eigentlich unkündbaren Posten im Jahr 1932 ändern konnte. Die Annahme einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin wenig später stand ebenfalls unter keinem guten Stern mehr, nach kaum einem Jahr wurde der Komponist auch hier zur Resignation genötigt. Der starken psychischen Belastung – in Zeiten unmissverständlicher NS-Anfeindungen, längst im Schwinden begriffener Publikumsresonanz seiner Werke und hoher Inflation sah er sich durch den Verlust der Lehrämter nicht zuletzt auch in ernster finanzieller Bedrängnis – hielt Schreker schließlich nicht stand. Im Dezember 1933 erlitt er einen Schlaganfall, dessen Folgen er wenige Monate später 55-jährig am 21. März 1934 erlag.

Von vielen mit einigem Recht als das Hauptwerk des Komponisten bezeichnet, demonstriert die Oper „Die Gezeichneten“ die volle Bandbreite Schrekerscher „Klangmagie“: Eine prunkvolle Liaison aus verführerisch impressionistisch schimmernden, irisierenden Farbmischungen, leidenschaftlich-verschwenderischer spätromantischer Orchesterpracht und erotisch aufgeladener Klangsinnlichkeit, deren zuweilen berauschende, zu Kopfe steigende Wirkung auf den Hörer mit Worten nur unzureichend beschrieben werden kann. „Als hielte man sich eine verzauberte Muschel ans Ohr“, charakterisierte es einst ziemlich treffend der bekannteste Schüler Schrekers, Ernst Krenek.

Diese so seltsam anziehende, von manchen vielleicht anfangs als überfrachtet empfundene Tonsprache Schrekers, die die Möglichkeiten der Tonalität in vollem Umfang ausnutzt, behandelt das Orchester wie ein großes, zu ungemein vielseitigen Klängen stimulierbares Instrument. Der oft synonym für ein Orchester-Ensemble gebrauchte Begriff „Klangkörper“ erhält hier wörtliche Bedeutung. Nicht umsonst thematisierte der Komponist, der sich in einer Selbstbeschreibung einmal „Klangphantast, Klangzauberer und Klangästhet“ nannte, das Phänomen des Klanges und die metaphysischen Mächte der Musik direkt in mehreren seiner Opern. So z. B. in „Der ferne Klang“, zu der im übrigen der anfänglich begeisterte Schreker-Anhänger Alban Berg einen Klavierauszug erstellte, oder auch in „Das Spielwerk und die Prinzessin“ (1909-1912, UA: 1913).

„Die Gezeichneten“ erfordert ein 120-köpfiges Orchester, in dem sich Klavier, Celesta und zwei Harfen verschiedentlich an raffinierten Farbstimmungen und Klangkombinationen beteiligen. Ein Beispiel dafür findet sich gleich zu Beginn des Vorspiels zum ersten Akt, das erfreulicherweise auch vollständig auf dem neuen Doppel-CD-Sampler der Decca-Reihe vertreten ist. Geteilte hohe Streicher, Celesta, Klavier und Harfen erzeugen eine duftig schwebende, von miteinander verschwimmenden, geheimnisvoll wabernden Dur- und Mollharmonien geprägte Klangfläche, über der ein sehnsuchtsvoller Melodiebogen in den Celli einsetzt. Schrekers Schüler sollen nach dem Opernbesuch bisweilen gemeinsam staunend über der Riesenpartitur gekauert haben, um den gehörten und doch so unerhörten Klangkreationen im Notentext auf die Schliche zu kommen. Große ohrwurmträchtige Melodien zum Mitsummen, wie das an Puccini erinnernde Tamare-Liebesthema in den „Gezeichneten“, sind bei Franz Schreker eher eine Ausnahmeerscheinung. In der Regel arbeitet er mit oft wunderschönen kürzeren melodischen Gedanken, die vor allem innerhalb des musikdramatischen Verlaufs hohen Wiedererkennungswert besitzen, davon losgelöst aber kaum echte Ohrwurmqualitäten entwickeln. Dem sich spontan erschließenden Reiz dieser Musik tut dies keinen Abbruch.

Die Handlung des auf Anregung des guten Freundes Alexander von Zemlinsky entstandenen Drei-Akters ist im Genua des 16. Jahrhunderts angesiedelt und kreist um drei in der freizügig-leichtlebigen Renaissance-Gesellschaft sonderbar „Gezeichnete“, um Außenseiter jeweils unterschiedlicher Prägung: Den reichen aber abstoßend hässlichen Adeligen Alviano Salvago, der, von Selbstzweifeln und Komplexen zerfressen, ein einsames Dasein führt und all seine Triebenergien in den Bau einer unfassbar kunstvollen hellenisch-heidnischen Märcheninsel namens „Elysium“ umlenkt; Carlotta Nardi, eine seelisch und emotional verstümmelte Malerin und Tochter des Bürgermeisters, die sich ihres schwachen Herzens wegen, aus übertriebenem Selbstschutz, zeitlebens jeglichen sinnlichen Freuden verschlossen hat; und Graf Andrea Vitelozzo Tamare, ein Kind des Glücks, dessen einmal entfachte Begierde keine Grenzen kennt und schließlich selbstzerstörerische Ausmaße annimmt; Zwischen diesen drei Personen entspinnt sich ein verhängnisvolles Dreiecksverhältnis, das vorerst jedem einzelnen die Erfüllung der sehnlichsten verdrängten Wünsche verheißt, jedoch am Schluss unausweichlich zur Katastrophe für alle Beteiligten führt.

Schreker spart bei der musikalischen Umsetzung der handlungsreichen eigenen Textvorlage – er schrieb seine Libretti stets selbst – nicht an dramatischer Wucht, neben der opulenten Vertonung äußerer Vorgänge gibt es aber immer wieder auch Passagen psychologisierender Introspektion, in denen die Gemütslage der Figuren in Töne gefasst wird (beide Qualitäten, Sinn für Dramatik und psychologische Differenzierung, veranlassten den zeitgenössischen Musikkritker Paul Bekker, Schreker als einzig legitimen Nachfolger Richard Wagners anzusehen). Das gesangliche Spektrum der Partitur ist breit und umfasst intime, mit kammermusikalischer Transparenz umspielte Duette (Alviano und Carlotta in den Atelier-Szenen des zweiten Aktes) ebenso wie ekstatisch gesteigerte Massenszenen mit großem Chor und voll eingesetztem Orchesterapparat (der dritte Akt auf dem der Bürgerschaft zum Geschenk gemachten Eiland Elysium, dessen geheime Grotten aber vom Genueser Adel seit jeher für bacchantische Gelage und Orgien missbraucht werden).

Der ausgeprägte Hang Schrekers zu abgründig-erotischen Sujets, die in Verbindung mit der farbtrunkenen, rauschhaften, selbst schon erotisch zu nennenden Musik freilich noch bedeutend an Durchschlagskraft gewannen, brachte ihm bald den Ruf eines „Schreckers“ ein – interessanterweise war dies auch die ursprüngliche Schreibweise des Familiennamens, der er trotz Namensänderung später augenscheinlich mehr als gerecht wurde. Der ausgezeichnete Komponist und Dirigent Winfried Zillig (1905-1963) etwa, ein Schüler Schönbergs, erzählte später, dass in seiner Heimatstadt Würzburg alleine der Besuch einer Frankfurter „Gezeichneten“-Vorstellung schon beinahe einem Sexualverbrechen gleichkam (Zilligs erstklassige Filmmusik – nur eine von vielen – für den deutschen Dokumentarfilm Panamericana – Traumstraße der Welt ist auf einer Doppel-CD der RCA-Serie „100 Jahre Filmmusik“ erschienen.). Ähnlich wie Zillig, dem übrigens auch einige der ersten Schreker-Aufführungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken sind, erinnerte sich auch Theodor W. Adorno an die „Gezeichneten“-Premiere 1918 in Frankfurt. Die besondere Aura des Verbotenen und Jugendgefährdenden übte nicht nur auf den damals 14-Jährigen große Faszination aus, sie war vielmehr mit eine der zentralen Triebfedern für den unmittelbaren, breitenwirksamen Erfolg der Schreker-Opern. Ein Zusammenhang, den auch die Nationalsozialisten erkannten. Wobei der große Klangzauberer Schreker denn auch – eine nur zu typische Vorgehensweise – auf diese eine Facette seines Schaffens reduziert wurde, wie die Inschrift auf dem entsprechenden Plakat der „Entartete Musik“-Ausstellung zeigt: „Es gab keine sexual-pathologische Verirrung, die er [Schreker] nicht unter Musik gesetzt hätte“.

In der Tat reflektieren Schrekers Bücher oft Elemente der psychologischen Forschungen Sigmund Freuds und Otto Weiningers. Doch, wie hoffentlich mit einiger Klarheit aus dem bisher Geschriebenen hervorgeht, war Franz Schreker weitaus mehr als ein Lieferant halbseidener, in Opern verpackter Schlüpfrigkeiten. Er war ein bedeutender Musikdramatiker und großer Klangmagier des 20. Jahrhunderts. Die vermehrte Rückkehr seiner Werke auf die Bühnen in jüngster Zeit und eine stetig wachsende Diskographie versprechen für die Zukunft noch so manches sinnliche Klangerlebnis.

In der Decca-„Gezeichneten“-Gesamtaufnahme von 1993/94 dirigiert Lothar Zagrosek das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und den Rundfunkchor Berlin, das ausnahmslos souverän agierende Sänger-Ensemble führen Heinz Kruse als Alviano (Tenor), Elizabeth Connell als Carlotta (Sopran) und Monte Pedersen als Vitelozzo Tamare (Bariton) an. Zagrosek erweist sich als idealer Schreker-Interpret, der mit dem glänzend aufspielenden Berliner Orchester jedes noch so kleine Detail der schillernden Partitur voll auskostet, dabei jedoch nie den größeren dramatischen Zusammenhang aus den Augen verliert. Eine exzellente Tontechnik, die Schrekers betörende Klangvisionen auch von der heimischen Stereo-Anlage aus lebhaft und nuanciert zu Gehör bringt, sowie ausführliche mehrsprachige Booklet-Informationen bestätigen den Eindruck einer Spitzenproduktion.

Lesen Sie hierzu in der Reihe „Im Dritten Reich verboten: Entartete Musik“:

Folge 2: Werke von Schreker, Krenek, Goldschmidt, Rathaus und Schulhoff

Folge 3: Werke von Eisler, Ullmann und Hindemith

Komponist*in:
Schreker, Franz

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
170:42 Minuten
Sampler:
Decca
Kennung:
444 442-2 [3 CDs]
Zusatzinformationen:
DSO Berlin, Lothar Zagrosek

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