Ernst Krenek: Symphonies 1 & 5

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
8. Juni 2003
Abgelegt unter:
Sampler

Ernst Krenek: Sinfonien

Krenek dürfte einer der vielseitigsten Komponisten sein, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Groß geworden und musikalisch herangereift in stürmischen, spannungsgeladenen Zeiten, dürfte in seinem gewaltigen Werkkatalog wohl zu fast jeder Stilrichtung des letzten Jahrhunderts etwas zu finden sein. Ein derart breit gefächertes musikalisches Spektrum verbirgt sich hinter seinem Output wie bei kaum einem zweiten Komponisten: es reicht bis zu rein experimentellen und elektronischen Kompositionen. Zweifellos wird sich bei erneuter Prüfung längst nicht alles in seinem Schaffen als lebensfähig erweisen: gar manches, was einstmals so modern schien, inzwischen allein noch antiquiert sein.

Nicht allein aus musikhistorischen Gründen wäre eine Begegnung mit zumindest weiten Teilen seines von starken Gegensätzen geprägten musikalischen Kosmosses zweifellos sehr reizvoll und daher zu begrüßen. Dass der Name Krenek in jedem Fall für hervorragendes handwerkliches Geschick und Können steht, belegt nicht nur seine Erfolgsoper „Jonny spielt auf“; die hier versammelten CDs mit vier seiner fünf Sinfonien legen darüber ebenfalls Zeugnis ab.

Sein sinfonischer Erstling steht im Ausdruck Schönbergs 1. Streichquartett und auch dessen 1. Kammersinfonie nahe. Das Werk zeigt nur noch losen Bezug zur klassisch-romantischen Tradition und der damit verbundenen Tonalität. Es handelt sich um ein aus neun pausenlos ineinander übergehenden Sätzen bestehendes Stück, das zwar komplex, aber temperamentvoll und nicht übermäßig sperrig daherkommt.

Besonders markant und im wahrsten Wortsinn herausragend ist die 2. Sinfonie, ein monumentaler musikalischer Granitbrocken, der nicht nur in den Ausmaßen an Gustav Mahler erinnert – er ist übrigens Kreneks erster Frau, Anna Mahler, gewidmet. Ein formlos erscheinendes atonales Klanggebilde, das es dem Hörer auf Anhieb nicht ganz leicht macht. Eine Musik, die – in ihren zum gewaltigen Ausbruch kulminierenden klanglichen Schichtungen – ein wenig wie eine Verneigung vor dem großen Vorbild wirkt.

Im Gegensatz hierzu ist die 3. Sinfonie nicht allein in den Ausmaßen bescheidener. Bei aller Modernität lassen sich hier wieder klar Themen, ja sogar eindeutig melodische Bezugspunkte ausmachen. Die Nähe zu Gustav Mahler wird im Nebeneinander komplexer und einfach gestalteter Musikpassagen besonders deutlich. So, wenn beispielsweise gegen Ende des ersten Satzes eine Art grimassenhafter Gassenhauer erklingt, der auf die volkstümlichen Anklänge in dessen Sinfonik verweist.

Noch einen Schritt weiter, hin zu fast problemloser Fasslichkeit, geht das „Potpourri für Orchester op. 54“ aus dem Jahr 1927. Ein unbeschwertes leichtes, effektvoll gestaltetes Stück, das viele Stile – von Jazz-Anklängen über die klangschwelgerische Spätromantik hin zu Paso-Doble und sonstiger Unterhaltungsmusik der 20er Jahre – geschickt und farbig miteinander vereint. Schon der Einstieg, eine respektlose Parodie auf den Yorkschen Marsch von Ludwig van B. stimmt den Zuhörer richtig ein: auf eine überaus kurzweilige satte Viertelstunde.

Und auch die letzte Sinfonie Kreneks aus dem Jahr 1949 gibt sich infolge völliger Aufgabe der strengen Reihentechnik deutlich ohrenfreundlicher als mancher vielleicht erwarten würde. Ein fünfteiliges Musikstück, das sich klar hörbar darum bemüht, weniger abstrakt denn für sein Publikum verständlich zu sein.

Die Einspielungen der Werke unter Takao Ukigaya mit der Radio-Philharmonie Hannover des NDR sind zupackend, forsch und von einer sehr sorgfältig den Klangraum ausleuchtenden Tontechnik eingefangen worden.

Das gilt im Grunde entsprechend für die Einspielung der zweiten Sinfonie in der Decca-Reihe „Entartete Musik“ des Gewandhausorchester Leipzig unter Lothar Zagrosek. Zagrosek geht im Kopf- und besonders im Finalsatz des dreisätzigen Kolosses mit merklich gedehnteren Zeitmaßen zu Werke. Ob man seine Interpretation deswegen als angemessener empfindet, liegt m. E. allein im Ohr des Hörers. Mir erscheinen beide Auslegungen in sich stimmig und damit gleichsam überzeugend.

Komponist*in:
Krenek, Ernst

Erschienen:
1995
Gesamtspielzeit:
54:22 Minuten
Sampler:
cpo
Kennung:
999 359-2
Zusatzinformationen:
RP Hannover, Takao Ukigaya

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