CD

Veröffentlicht am 18.07.2000 | von Michael Boldhaus

Madame Bovary

Madame Bovary Michael Boldhaus
Bewertung

Der ungarische Komponist Miklós Rózsa (1907-1995) gehört zu den Legenden des klassischen Hollywood und damit des „Golden Age“. Der junge Rózsa sollte zuerst in Leipzig einen „seriösen“ Beruf erlernen und Chemie studieren. Dort gelang es ihm jedoch, seinen Neigungen entsprechend am berühmten Konservatorium ein Musikstudium aufzunehmen. Bereits früh wurde Rózsa vom renommierten Verlag Breitkopf und Härtel unter Vertrag genommen, und als erste Kompositionen erschienen frühe Kammermusiken. Nach abgeschlossener Ausbildung ging er nach Paris, wo er den berühmten Arthur Honegger kennen lernte. Der junge Komponist hatte bis dahin zwar durchaus Kritikerlob erhalten, aber keine einigermaßen lohnenden Aufträge. Durch Honegger und dessen Filmmusik zu Les Misérables kam er auf die Idee, selbst für das Kino zu komponieren.

Seine ersten Filmkompositionen entstanden ab 1937 in Großbritannien. Hier profilierte sich der Komponist vor allem mit seinen hervorragenden Arbeiten für den Produzenten Alexander Korda, der dem britischen Kino die ersten Drei-Farben- Technicolor-Filme bescherte. Rózsa erlangte mit den Musiken zu Knight without Armor (1937) sowie The Four Feathers • Vier Federn (1939) erste Anerkennung und wurde auch für die Musik zu The Thief of Baghdad • Der Dieb von Baghdad (1940) verpflichtet. Während der Dreharbeiten zu diesem Film brach der zweite Weltkrieg aus und Teile der Dreharbeiten mussten nach Hollywood verlagert werden. Der Komponist ging mit und blieb dort bis in die sechziger Jahre. Seine Musiken für Kordas zeitlos schöne 1001-Nacht-Märchenverfilmung The Thief of Baghdad und das ebenso faszinierende The Jungle Book • Das Dschungelbuch (1942) wurden erste Meisterwerke. An die prächtigen Fanfaren der Musik für den Thief of Baghdad sollte Rózsa sich während seiner Glanzzeit bei MGM nachhaltig erinnern.

1943 ging er bei Paramount unter Vertrag und schuf dort bemerkenswerte, zum Teil außergewöhnliche Filmmusiken für die sogenannte „schwarze Serie“. Zu seinen besten Kompositionen aus diesen Jahren gehören Double Indemnity • Frau ohne Gewissen (1944) mit Barbara Stanwyck als skrupelloser Versicherungsbetrügerin und The Lost Weekend • Das verlorene Wochenende (1945), eine auch heute noch eindrucksvolle frühe Filmstudie zum Thema Alkoholismus mit Ray Milland. Im selben Jahr entstand für Hitchcock auch die nicht zuletzt durch die fremdartigen Klänge des elektrischen „Theremins“ berühmt gewordene Musik zu Spellbound • Ich kämpfe um Dich, für die der Klangzauberer seinen ersten Oscar erhielt.

1947 wechselte der Komponist dann zu Universal Pictures — es sollte nur ein kurzes Zwischenspiel werden. 1949 begründete Rózsa durch seinen Wechsel zu MGM endgültig den Einstieg in die Legenden Hollywoods.

Seine dritte Arbeit für das üppigste der Hollywood-Studios, die Musik zu Madame Bovary • Madame Bovary und ihre Liebhaber (1949), wurde sogar als Suite auf dem hauseigenen MGM-Label als Langspielplatte veröffentlicht. Dank den Bemühungen der Hamburger Firma Ceraton kann der Filmmusikfreund jetzt sogar die wohl weitgehend vollständige Madame-Bovary-Musik auf CD in überwiegend sehr ansprechender Tonqualität erwerben — bis auf den etwas gepresst klingenden Main Title und das ebenfalls leicht antiquiert klingende Finale sind die übrigen Teile der alten Lichttonmaster überraschend frisch geblieben. Mit Madame Bovary begründete Rózsa auch den Wechsel von Kompositionen für weitgehend realistische Noir-Dramen und Gangsterfilme zu romantischen Kostüm- und Ausstattungs-Stoffen, ein Genre das nachhaltig seine herausragende Domäne werden sollte.

Die Filmstory des Kostümstreifens Madame Bovary ist nach dem Roman Gustave Flauberts gestaltet und spielt im Frankreich der „Belle Epoque“ (die Ära Napoleons III., siehe hierzu auch Juarez). Geschildert wird die tragische Geschichte der außergewöhnlich attraktiven und begehrten Frau eines Landarztes, die an der Diskrepanz zwischen ihren Sehnsüchten und der bürgerlichen Enge ihres Daseins zerbricht und schließlich Selbstmord begeht. Rózsas hochkarätige Musik reflektiert einfühlsam und mit dramatischem Gespür den Handlungsablauf. Es gibt ein üppiges romantisches Liebesthema, ein reizvoll komponiertes Tanzstück mit historisierendem Flair und natürlich den Berühmten, groß und dramatisch angelegten Walzer, der die auch optisch eindrucksvolle Ballszene musikalisch opulent gestaltet.

Titel: Madame Bovary
Erschienen: 2000

Laufzeit: 43:44 Minuten

Medium: CD
Label: Tsunami
Kennung: TCI 0619

Komponist(en):

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CD

Veröffentlicht am 18.07.2000 | von Michael Boldhaus

The Story of Three Loves

The Story of Three Loves Michael Boldhaus
Bewertung

Das eingängige Thema dieses komplexen Stückes, das den Geist von Ravels „La Valse“ atmet, hat Rózsa später verschiedentlich in Form netter Kaffeehaus-Arrangements „recycelt“ — unter anderem auch in seiner Musik zum Episodensfilm The Story of Three Loves • War es die große Liebe? (1953). Dieser Film verbindet drei völlig unterschiedliche, an drei verschiedenen Schauplätzen spielende Liebesgeschichten auf lockere Weise. Auch diese Musik ist dank Ceraton (auf dem Label tickertape) nun weitgehend komplett in sauberem Mono auf CD erhältlich. Rózsas Komposition gliedert sich, der Konzeption des Films entsprechend, in drei musikalisch unterschiedliche Abschnitte. Im ersten Drittel fußt seine Musik auf geschickt adaptiertem Material aus Sergej Rachmaninoffs bekannter „Paganini-Rhapsodie“. Dieser Teil der Filmmusik wird daher auch weitgehend von Klavier und Orchester getragen. Für die zweite, in Rom spielende Episode schuf der Komponist eine reizvolle impressionistisch gefärbte Klangvision der ewigen Stadt, die nur auf dem nachfolgend eingehend beschrieben Colosseum-Sampler vertreten ist. Gleiches gilt für den originellen Edel-Zirkusmarsch der finalen Liebesgeschichte — dieser dürfte wohl ein Unikat in Rózsas Œuvre sein. Ob es sich bei den beiden Stücken eventuell um frühzeitig eliminiertes oder später nur in völlig umgearbeiteter Form verwendetes Material handelt, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Auch wenn die Musik zu The Story of Three Loves insgesamt (zwangsläufig) nicht die Geschlossenheit der Madame-Bovary-Klangschöpfung erreicht, zählt sie in jedem Fall zu den guten Arbeiten dieses Komponisten, der überhaupt während seiner gesamten Kompositionstätigkeit niemals abseits solider handwerklicher Standards gearbeitet hat.

Titel: The Story of Three Loves
Erschienen: 2000

Laufzeit: 56:06 Minuten

Medium: CD
Label: tickertape
Kennung: tt 3015

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 18.07.2000 | von Michael Boldhaus

Rózsa: Violinkonzert/Cellokonzert etc.

Vor, während und im Anschluss an seine Hollywood-Karierre hat sich Miklós Rózsa fortwährend auch als Konzertkomponist gesehen, der musikalisch etwas mitzuteilen hatte. Im Rahmen dieses „Double Life“ — so auch der Titel von Rózsas Autobiografie — entstanden immerhin 38 „seriöse“ Werke mit Opuszahlen. Auf der vorliegenden Telarc-CD sind drei dieser Kompositionen vertreten: das Violinkonzert (1956) und das Cellokonzert (1968) sowie „Thema und Variationen für Violine, Cello und Orchester“ (1958).

Die eingängigste Schöpfung ist hier zweifellos das für den Geiger Jascha Heifetz komponierte Violinkonzert. Teile dieses überaus lyrisch-melodischen, mit einem ungarischen Touch versehenen und zutiefst romantischen Werks arbeitete der Komponist im Jahr 1970 für den Billy-Wilder-Film The Private Lives of Sherlock Holmes • Das Privatleben des Sherlock Holmes auf Wunsch des Regisseurs in Filmmusik um. Das für den Cellisten Janos Starker komponierte Cellokonzert ist dagegen über weite Strecken ein herbes, zuweilen von stählernen Rhythmen geprägtes Werk, das dem Solisten große technische Fertigkeiten abverlangt. Mit den Dmitri Schostakowitsch nahe stehenden schroffen Teilen kontrastieren gedämpfte lyrisch-impressionistisch gefärbte Passagen — diese Musik erfordert ein eingehenderes Einhören. Beim Schluss-Stück, „Thema und Variationen für Violine, Cello und Orchester“ Op. 29a (1958), handelt es sich um den überarbeiteten Mittelsatz der „Sinfonia Concertante“ Op. 29. Das folkloristisch geprägte Stück führt das Programm dieser CD zu einem wieder mehr romantisch orientierten, lyrisch eingängigen Finale.

Sowohl die Solisten (Robert McDuffie (Violine) und Lynn Harrell (Cello)) als auch das vorzüglich disponierte Atlanta Symphony Orchestra unter Yoel Levi bieten eine erstklassige Aufführung dieser seltener zu hörenden Musik. Die superbe Telarc-Aufnahmetechnik legt, im Gegensatz zu den (allerdings gekonnt) ein wenig auf Effekt getrimmten Erich-Kunzel-Filmmusik-Samplern, hier ausschließlich Wert auf eine transparent und natürlich klingende Reproduktion der Aufführung.

Fazit: Die beiden jeweils einer weitgehend vollständigen Filmkomposition (Madame Bovary und Story of Three Loves) gewidmeten beiden Ceraton-CDs sind empfehlenswerte Bereicherungen der Rózsa-Diskografie. Der zum 80. Geburtstag des Komponisten 1987 vorzüglich produzierte Colosseum-Sampler hingegen bietet seltene Suiten und Stücke aus verschiedenen filmmusikalischen Rózsa-Perlen — Für diesen gibt es eine extradicke Empfehlung. Den Spitzenplatz belegt die Telarc-CD mit den drei hervorragend aufgenommenen und virtuos interpretierten Solo-Konzertwerken; auch das herrliche lyrisch-romantische Violinkonzert ist enthalten.

Titel: Rózsa: Violinkonzert/Cellokonzert etc.
Erschienen: 2000

Laufzeit: 71:48 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Telarc
Kennung: 80518

Komponist(en):

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 18.07.2000 | von Michael Boldhaus

Hollywood Legend: Miklós Rózsa

Hollywood Legend: Miklós Rózsa Michael Boldhaus
Bewertung

Nicht ausschließlich derjenige, der gerne Teile der Musik zu Story of Three Loves in Stereo hören möchte, greife zu Colosseums inzwischen 13 Jahre alter, aber nach wie vor überzeugender Produktion. Die 1987 Miklós Rózsa zum 80. Geburtstag gewidmeten Einspielungen wurden seinerzeit von Elmer Bernstein mit den gut disponierten Nürnberger Sinfonikern realisiert. Ich erinnere mich gut, wie sehr sich verschiedene meiner Bekannten und natürlich auch ich auf die Veröffentlichung des Samplers gefreut haben. Das Produktionskonzept der CD, (in der jeweils präsentierten Form) nur unveröffentlichtes Material einzuspielen, führte zu einem überaus interessanten Album. Selbst heute haben die Aufnahmen der meisten Stücke nichts von ihrem damaligen Charme verloren. Der größte Edelstein dieser Kompilation ist die kurze Suite aus El Cid (1962), woraus der besonders brillante „Einzug der Ritter in den Thronsaal“ mit seinen hinreißenden Fanfaren kurioserweise in der Sedares-Einspielung (KOCH International) nicht enthalten ist! Mindestens ein solider Smaragd oder Rubin ist die gut zusammengestellte rund 13-minütige Auswahl aus The Story of Three Loves, die dazu auch die schon genannten, auf der tickertape-CD fehlenden beiden Stücke enthält. Die knapp 12-minütige Suite aus Plymouth Adventure • Schiff ohne Heimat (1952) überzeugt besonders im Main Title und in der das Finale bildenden, plastisch auskomponierten Ausfahrt der Mayflower aus Plymouth Harbour — siehe hierzu auch die Besprechung der 2003 rezensierten FSM-CD mit der Originaleinspielung.

Auf dem Colosseum-Sampler stören mitunter schleppende Tempi ein wenig, und das im Mittelteil der Plymouth Adventure-Suite fehlende Cembalo gehört ebenfalls zu den kleinen Mängeln. Aber obwohl sich Elmer Bernstein zusätzlich einige (seinerzeit wohl mit dem Meister abgestimmte) Freiheiten nimmt (z. B. in der etwas willkürlich erweiterten Ouvertüre zu Ben-Hur), sind auch die übrigen Stücke als jeweilige „Konzertversion“ weitestgehend gut geraten. Das originelle Finale bildet eine kurze Suite aus Rózsas letzter Filmkomposition, der gelungenen Musik zu Steve Martins Film-Noir-Parodie Dead Men Don’t Wear Plaid • Tote tragen keine Karos (1982), die noch einmal die Erinnerung an seine Kriminalfilmmusiken aus den Vierzigern wachruft. Die soliden Interpretationen dieser Musikstücke und auch der gute Klang reichen allemal für 4,5 Sterne. Dafür, dass in den Filmmusik-Veröffentlichungen der weniger fetten achtziger Jahre eine kleine deutsche Firma schon eine derartige Initiative ergriffen hat, gibt es noch einen halben Bonus-Stern obendrauf.

Titel: Hollywood Legend: Miklós Rózsa
Erschienen: 1987

Zusatzinformationen: Nürnberger Sinfoniker, E. Bernstein
Laufzeit: 71:28 Minuten

Medium: Sampler
Label: Colosseum
Kennung: CST 34.8027

Komponist(en):

Schlagworte:


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