Madame Bovary

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
17. Juli 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Der ungarische Komponist Miklós Rózsa (1907-1995) gehört zu den Legenden des klassischen Hollywood und damit des „Golden Age“. Der junge Rózsa sollte zuerst in Leipzig einen „seriösen“ Beruf erlernen und Chemie studieren. Dort gelang es ihm jedoch, seinen Neigungen entsprechend am berühmten Konservatorium ein Musikstudium aufzunehmen. Bereits früh wurde Rózsa vom renommierten Verlag Breitkopf und Härtel unter Vertrag genommen, und als erste Kompositionen erschienen frühe Kammermusiken. Nach abgeschlossener Ausbildung ging er nach Paris, wo er den berühmten Arthur Honegger kennen lernte. Der junge Komponist hatte bis dahin zwar durchaus Kritikerlob erhalten, aber keine einigermaßen lohnenden Aufträge. Durch Honegger und dessen Filmmusik zu Les Misérables kam er auf die Idee, selbst für das Kino zu komponieren.

Seine ersten Filmkompositionen entstanden ab 1937 in Großbritannien. Hier profilierte sich der Komponist vor allem mit seinen hervorragenden Arbeiten für den Produzenten Alexander Korda, der dem britischen Kino die ersten Drei-Farben- Technicolor-Filme bescherte. Rózsa erlangte mit den Musiken zu Knight without Armor (1937) sowie The Four Feathers • Vier Federn (1939) erste Anerkennung und wurde auch für die Musik zu The Thief of Baghdad • Der Dieb von Baghdad (1940) verpflichtet. Während der Dreharbeiten zu diesem Film brach der zweite Weltkrieg aus und Teile der Dreharbeiten mussten nach Hollywood verlagert werden. Der Komponist ging mit und blieb dort bis in die sechziger Jahre. Seine Musiken für Kordas zeitlos schöne 1001-Nacht-Märchenverfilmung The Thief of Baghdad und das ebenso faszinierende The Jungle Book • Das Dschungelbuch (1942) wurden erste Meisterwerke. An die prächtigen Fanfaren der Musik für den Thief of Baghdad sollte Rózsa sich während seiner Glanzzeit bei MGM nachhaltig erinnern.

1943 ging er bei Paramount unter Vertrag und schuf dort bemerkenswerte, zum Teil außergewöhnliche Filmmusiken für die sogenannte „schwarze Serie“. Zu seinen besten Kompositionen aus diesen Jahren gehören Double Indemnity • Frau ohne Gewissen (1944) mit Barbara Stanwyck als skrupelloser Versicherungsbetrügerin und The Lost Weekend • Das verlorene Wochenende (1945), eine auch heute noch eindrucksvolle frühe Filmstudie zum Thema Alkoholismus mit Ray Milland. Im selben Jahr entstand für Hitchcock auch die nicht zuletzt durch die fremdartigen Klänge des elektrischen „Theremins“ berühmt gewordene Musik zu Spellbound • Ich kämpfe um Dich, für die der Klangzauberer seinen ersten Oscar erhielt.

1947 wechselte der Komponist dann zu Universal Pictures — es sollte nur ein kurzes Zwischenspiel werden. 1949 begründete Rózsa durch seinen Wechsel zu MGM endgültig den Einstieg in die Legenden Hollywoods.

Seine dritte Arbeit für das üppigste der Hollywood-Studios, die Musik zu Madame Bovary • Madame Bovary und ihre Liebhaber (1949), wurde sogar als Suite auf dem hauseigenen MGM-Label als Langspielplatte veröffentlicht. Dank den Bemühungen der Hamburger Firma Ceraton kann der Filmmusikfreund jetzt sogar die wohl weitgehend vollständige Madame-Bovary-Musik auf CD in überwiegend sehr ansprechender Tonqualität erwerben — bis auf den etwas gepresst klingenden Main Title und das ebenfalls leicht antiquiert klingende Finale sind die übrigen Teile der alten Lichttonmaster überraschend frisch geblieben. Mit Madame Bovary begründete Rózsa auch den Wechsel von Kompositionen für weitgehend realistische Noir-Dramen und Gangsterfilme zu romantischen Kostüm- und Ausstattungs-Stoffen, ein Genre das nachhaltig seine herausragende Domäne werden sollte.

Die Filmstory des Kostümstreifens Madame Bovary ist nach dem Roman Gustave Flauberts gestaltet und spielt im Frankreich der „Belle Epoque“ (die Ära Napoleons III., siehe hierzu auch Juarez). Geschildert wird die tragische Geschichte der außergewöhnlich attraktiven und begehrten Frau eines Landarztes, die an der Diskrepanz zwischen ihren Sehnsüchten und der bürgerlichen Enge ihres Daseins zerbricht und schließlich Selbstmord begeht. Rózsas hochkarätige Musik reflektiert einfühlsam und mit dramatischem Gespür den Handlungsablauf. Es gibt ein üppiges romantisches Liebesthema, ein reizvoll komponiertes Tanzstück mit historisierendem Flair und natürlich den Berühmten, groß und dramatisch angelegten Walzer, der die auch optisch eindrucksvolle Ballszene musikalisch opulent gestaltet.

Komponist*in:
Rózsa, Miklós

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
43:44 Minuten
Sampler:
Tsunami
Kennung:
TCI 0619

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