CD

Veröffentlicht am 20.09.2000 | von Michael Boldhaus

Marnie

Marnie Michael Boldhaus
Bewertung

Bernard Herrmann (Näheres über den Komponisten in 7th Voyage of Sinbad) war zweifellos einer der größten Komponisten des „Golden Age“. Das generell zunehmende Interesse an Filmmusik hat speziell im relativ bescheidenen Herrmannschen Gesamt-Œuvre (insgesamt etwa 50 Filmmusiken) zu einer Vielzahl von Einspielungen geführt. Seit Mitte der neunziger Jahre ist das Varèse-Label daran gegangen, im Rahmen seiner „Film-Classics-Serie“ auch von Herrmanns Filmmusiken Neueinspielungen vorzulegen. Unter der Stabführung des Dirigenten Joel McNeely entstanden bis heute insgesamt sieben Einspielungen, von denen fünf auf die Zusammenarbeit zwischen Herrmann und Hitchcock entfallen. Bis auf die mit dem National Philharmonic Orchestra realisierte Torn-Curtain-CD, sind die übrigen Titel mit dem Royal Scottish National Orchestra aufgenommen worden.

Die jetzt erschienene, wohl praktisch vollständige Musik zu Marnie dürfte in Sachen Varèse-Herrmann-Hitchcock auch den Schlusspunkt bedeuten. Die vorliegenden Titel, The Trouble with Harry, Vertigo, Psycho, Marnie und Torn Curtain, ermöglichen dem Interessierten tiefe musikalische Einblicke in die Zusammenarbeit des legendären Duos. Grundsätzlich kann man sagen, dass sämtliche Einspielungen auf sehr gutem bis hervorragendem Niveau und auch die präsentierten Filmmusiken von sehr guter bis hervorragender Qualität sind. Trotzdem habe ich mich für eine etwas stärker differenzierte Bewertung entschlossen. Auf den vorliegenden CDs führt die Musik vom Film gelöst ein Eigenleben, und das gelingt auch exzellenten Filmmusiken nicht immer in vergleichbar überzeugender Weise. Abseits von Hör-Sitzungen, die primär autodidaktischen Studien dienen, geht ein Großteil der Musiken Herrmanns m. E. als Kurzfassung nicht nur leichter, sondern auch häufiger und besser ins Ohr als in der Langversion. Insofern sind die von mir bereits an anderer Stelle besprochenen Herrmann-Sampler sowohl eine ideale Ergänzung, aber auch ein guter Einstieg für Neulinge, die sich behutsam einhören möchten.

Titel: Marnie
Erschienen: 2000

Laufzeit: 50:39 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-6094

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 20.09.2000 | von Michael Boldhaus

The Trouble with Harry

The Trouble with Harry Michael Boldhaus
Bewertung

Von den vorliegenden Musiken sind drei besonders eingängig und verursachen daher geringe Probleme beim Einhören. An erster Stelle steht hier Herrmanns erste Arbeit für Hitchcock, The Trouble with Harry • Immer Ärger mit Harry (1955). Die für Herrmannsche Verhältnisse üppig melodische und von traumhaft schönen pastoralen Stimmungen bestimmte, in Teilen auch sanft-groteske Musik zählt zu den großen Perlen des späten Golden Age – für weitere Informationen empfehle ich die vorzügliche Rezension von Marko Ikonic.

Titel: The Trouble with Harry
Erschienen: 1998

Laufzeit: 43:07 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-5971

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 20.09.2000 | von Michael Boldhaus

Vertigo (McNeely)

Vertigo (McNeely) Michael Boldhaus
Bewertung

Knapp dahinter, aber auf gleich hohem Niveau, rangiert die dunkle, tiefromantische und auch leidenschaftlich-erotische, mitunter tranceartige Musik zu Vertigo • Aus dem Reich der Toten (1958). Neben der Neueinspielung ist von Varèse auch die Original-Einspielung erhältlich – hier verweise ich auf meinen älteren Artikel zu The Ghost and Mrs. Muir/Vertigo. Für fortgeschrittene Hörer ist übrigens der Vergleich beider Fassungen durchaus reizvoll, auch, weil beide CDs im musikalischen Material nicht völlig identisch sind.

Auf Platz drei folgt die vergleichsweise romantische Musik zu Marnie (1964) – die vorletzte fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann. Das romantisch-geheimnisvolle Marnie-Thema, gesetzt für Streicher und Harfe, hat einige Ohrwurmqualitäten und wird in der Partitur Herrmann-typisch gekonnt verarbeitet. Die Marnie-Musik verwendet anders als das wagnerisch besetzte Vertigo-Orchester einen deutlich kleineren Klangkörper mit wenig Blech. Der Höhepunkt ist die auch auf der Varèse-CD sehr sauber interpretierte Jagd-Sequenz (siehe hierzu auch den brillanten Herrmann-Sampler unter Esa-Pekka Salonen).

Titel: Vertigo (McNeely)
Erschienen: 1996

Laufzeit: 63:19 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-5600

Komponist(en):

Schlagworte:


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Veröffentlicht am 20.09.2000 | von Michael Boldhaus

Psycho

Psycho Michael Boldhaus
Bewertung

Bei der expressiven Streichermusik zu Psycho (1960) und ebenfalls bei der Komposition zu Torn Curtain • Der zerrissene Vorhang (1966) handelt es sich um musikalisch recht schwierige Kost. In beiden Fällen dürften für viele Hörer, zumindest für den Anfang, die auf dem bereits genannten Salonen-Sampler vertretenen Suiten aus beiden Filmmusiken empfehlenswert sein. Die Psycho-Musik ist zweifellos ein filmmusikalischer Meilenstein, ein Meisterwerk; allein von der CD gehört – besonders in der kompletten Version – jedoch eher etwas für Spezialisten. Ähnliches gilt für die Musik zum Kalten-Kriegs-Drama Torn Curtain. Bei dieser ebenfalls äußerst herb und düster geratenen Klangschöpfung handelt es sich sicher ebenso um eine sehr gute Arbeit, auch wenn die Musik wohl nicht ganz den Rang der Psycho-Komposition erreicht. Herrmann verwendet in Torn Curtain im Gegensatz zu Psycho nur tiefe Streicher aber keine Violinen und setzt dazu ein ungewöhnlich besetztes Ensemble aus Holz- und Blechbläsern ein.

Titel: Psycho
Erschienen: 1997

Laufzeit: 61:09 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-5765

Komponist(en):

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CD

Veröffentlicht am 20.09.2000 | von Michael Boldhaus

Torn Curtain

Torn Curtain Michael Boldhaus
Bewertung

Während der Einspielungen zu Torn Curtain • Der zerrissene Vorhang (1966) kam es nicht nur zum endgültigen Bruch mit Hitchcock, Herrmann verließ außerdem Hollywood für immer. Infolge dessen ist die Tonschöpfung leider auch unvollendet geblieben. Der Rest ist Geschichte: Seine Musik wurde durch eine stärker kommerziell orientierte, aber nicht schlecht gemachte Komposition von John Addison ersetzt. Auffällig ist bei der Varèse-Einspielung der Herrmann-Musik, dass die Mordszene ohne Pauken eingespielt worden ist, anders als in den Fassungen auf den Samplern von Esa-Peka Salonen (Sony-Label) und Paul Bateman (Silva-Label). Dass der recht schwache Film durch diese Musik in gewissem Maße eine Aufwertung erfahren hätte, beweist das verschiedentlich in den dritten Fernseh-Programmen gezeigte Herrmann-Portrait.

Die Interpretationen sämtlicher Varèse-Einspielungen sind um propere Tempi bemüht und auch im übrigen tadellos geraten, die Tonqualität ist in allen Fällen sehr gut. Die Booklets der Varèse-Film-Classics-Serie sind ansprechend gestaltet und enthalten lesenswerte, kompetente Informationen. Besonders interessant ist hier das Booklet zu Marnie, dessen Text wichtige Bezüge zwischen der Musik, dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und auch zu Herrmanns letztem schwierigem Lebensabschnitt herstellt.

Fazit: Die legendäre Zusammenarbeit des Duos Herrmann-Hitchcock begann 1955 mit The Trouble with Harry • Immer Ärger mit Harry und endete knapp 11 Jahre später mit einem Desaster: Bei den Aufnahme-Sitzungen zu Torn Curtain • Der zerrissene Vorhang (1966) kam es zum Eklat und damit zum endgültigen Bruch zwischen Herrmann und dem Hollywood-Studiosystem.

Joel McNeely hat seit 1996, mit der soeben erschienen Marnie-CD, insgesamt fünf Einspielungen vorgelegt – die zusammen mit der anderweitig veröffentlichten Musik zu North by Northwest • Der unsichtbare Dritte (1956) – das musikalisch Beste dieser Ära repräsentieren. Die sowohl interpretatorisch wie aufnahmetechnisch tadellosen CDs sind von hohem Repertoire-Wert und dazu erfreulicherweise auch mit informativen Booklets ausgestattet.

Besonders eingängig ist die Musik zu The Trouble with Harry, gefolgt von der zu Vertigo und Marnie (1964). Psycho (1960) und Torn Curtain (1966) sind, in Gänze genossen, besonders für Neueinsteiger äußerst schwierige musikalische Brocken. Überhaupt empfiehlt es sich, den auf dem Markt befindlichen Herrmann-Samplern zusätzlich einen eingehenderen Blick zu widmen: Denn abgesehen von The Trouble with Harry und Vertigo (eventuell auch noch Marnie), dürften aus den jeweiligen Musiken repräsentativ zusammengestellte Suiten für viele Filmmusikfreunde – zumindest für den Anfang – eher ausreichend sein. Neben immer wieder neuen raffinierten Klangeffekten, begegnet der Hörer natürlich auch stets bewährten Herrmannschen Orchesterstandards. Trotz der oft ähnlichen Machart ist die dramatische Kraft dieser Kompositionen, stellvertretend für die meisten Herrmannschen Filmmusiken, immer wieder aufs Neue faszinierend zu erleben. Allerdings dürfte dies für viele Hörer erst nach einem guten Stück Einhörarbeit nachzuvollziehen sein.

Titel: Torn Curtain
Erschienen: 1998

Laufzeit: 48:13 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-5817

Komponist(en):

Schlagworte:


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