Schostakowitsch: Das neue Babylon

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
18. März 2001
Abgelegt unter:
CD

Score

(6/6)

Dmitri Schostakowitsch

Am Anfang steht eine Schöpfung des berühmten Russen Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) zum Stumm-Film Das neue Babylon aus dem Jahr 1929. Es handelt sich hier um die erste Kino-Komposition des Komponisten überhaupt. Der avantgardistische und zugleich idealisierende Film entstammt der Phase der revolutionären Romantik der jungen Sowjetunion. Als Hintergrund für seine Filmhandlung nutzt er die Niederschlagung der Pariser Kommune nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen (1870/71). Der Film unterstreicht die Kluft zwischen Bourgeoisie und „gesunder“ Arbeiterklasse, was sich natürlich auch in der Musik des jungen, noch unbekannten Komponisten widerspiegelt. Zur Charakterisierung der dekadenten Oberschicht greift er ausgiebig auf Musik-Material der französischen Operette der „Belle Epoque“ und damit auch auf (berühmte) Musik Jacques Offenbachs zurück. Für die Kommunarden erklingen revolutionäre Lieder und auch die Marseillaise. Letztgenannte geht dann in eine Paraphrase des Cancans aus „Orpheus in der Unterwelt“ über – auch Walzerseliges fehlt nicht. Die rhythmisch sehr bewegte, teilweise ironisch und grotesk wirkende Komposition ist äußerst geschickt gemacht und dabei harmonisch kühn gehalten. (Die besonders repressive Phase der Stalin-Ära, die Zeit des verordneten „Sozialistischen Realismus“ und der berüchtigten Säuberungen, hatte noch nicht begonnen und in dieser frühen Phase der Sowjetunion waren Experimente noch an der Tagesordnung).

Hier wird kaum eine Vorform der Kinosinfonik à la Hollywood geboten, sondern in vielem Ungewöhnliches. Die bekannten Melodien erklingen zum Teil grell verfremdet und grimassenhaft verzerrt, aber auch heldenhaft, melancholisch und dann wieder grotesk. Eine moderne experimentelle, raffiniert instrumentierte Musik, die den Bläsern besonderes Gewicht gibt und auch das metallisch-flirrend klingende Flexaton als Effekt-Instrument verwendet. Keineswegs trocken und spröde, sondern eine – nach etwas Eingewöhnen – mitreißende Filmmusik und fast schon ein Geniestreich eines jungen aufstrebenden Komponisten, der sich zu einem der Großen des 20sten Jahrhunderts entwickeln sollte. Die nicht gerade unkomplizierte Partitur überforderte nicht nur die Kino-Orchester ihrer Zeit eindeutig, sie irritierte auch die Hörgewohnheiten des Publikums. Bei der Premiere kam es zu einem Skandal, es hieß: „Der Dirigent ist betrunken“.

Die auf der Chandos-CD eingespielte Suite wurde in den 1970er Jahren vom Dirigenten Gennadi Roschdeswenski eingerichtet und fasst die wichtigsten Teile der Filmmusik in rund 45 Minuten optimal zusammen. Die Musik ist beim Russischen Staatssinfonieorchester unter Valeri Polyanski in besten Händen: eine effektvoll interpretierte und auch tontechnisch sehr gelungene Aufnahme. Der auf der CD ebenfalls vertretene Liederzyklus „Aus der hebräischen Volkspoesie“ entstand 1948 als der Komponist (wiederholt) unter starkem politischen Druck stand. Das Werk spiegelt zwar die offiziell verordnete „Volkstümlichkeit“ wider, enthält aber viele verklausulierte Anspielungen grimmigen Protestes und bildet damit ein interessantes Pendant zum filmmusikalischen Jugendwerk des Komponisten.

Erschienen:
1998
Gesamtspielzeit:
69:37 Minuten
Sampler:
Chandos
Kennung:
9600

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