Ein Wigwam steht in Babelsberg (DEFA-Western Vol. 1)

Ein Wigwam steht in Babelsberg (DEFA-Western Vol. 1)
Geschrieben von:
Cinemusic.de - Team
Veröffentlicht am:
15. Juni 2002
Abgelegt unter:
Sampler

Musik aus deutsch-deutschen Western

„all score media“ (www.allscore.de/label.htm) hat jetzt seine auf insgesamt drei CDs angelegte Edition mit Musik zu den Western „Made in DDR“ abgeschlossen: Nach dem 1999er Debüt mit „Ein Wigwam steht in Babelsberg“ folgte 2001 „Wigwam, Weste(r)n, Weiße Wölfe“ und im Februar 2002 schloss sich der Kreis mit „Wigwam, Cowboys, Roter Kreis“. Und „Bear Family Records“ hat zwei Musiken von Peter Thomas vorgelegt: bereits 1998 die zu Onkel Toms Hütte und noch pressfrisch die zu Der letzte Mohikaner (1965) nachgereicht.

Musikalisch zum Besten des Trios von „all score media“ gehören die Auszüge aus den Filmmusiken, für die Karl-Ernst Sasse verantwortlich zeichnet. Auf der CD „Wigwam, Weste(r)n, Weiße Wölfe“ sind geschickt Themen und Suiten aus insgesamt 8 Filmmusiken vereint: Spur des Falken (1968), Weiße Wölfe (1969), Tödlicher Irrtum (1970) — Musik Wilhelm Neef, Osceola (1971), Ulzana (1974), Kit & Co. (1974), Der Scout (1983) und Präriejäger in Mexiko (TV 1988). Die CD des Labels „Cobra Records“ bietet längere Fassungen der Musiken zu Der Scout (1983) und zur DDR-TV-Produktion Präriejäger in Mexiko (1988) — in der übrigens zum ersten Mal für einen DDR-Western Karl-May-Stoffe („Trapper Geierschnabel“ und „Juarez“) als Vorlage dienten.

Insbesondere die Arbeiten Sasses zeigen, dass hier ein versierter Handwerker am Werk gewesen ist. Man hört hier keinesfalls einfach lieblos Routiniertes, sondern Musik, die nicht nur ordentlich gearbeitet ist, sondern partiell auch Pfiff hat. Im Vergleich mit den netten zeitparallelen Arbeiten Martin Böttchers sind in Teilen die Musiken von Karl-Ernst Sasse und Wilhelm Neef verwandt, sind ähnlich leicht und eingängig, dabei jedoch eindeutig sinfonischer strukturiert und vor allem merklich vielseitiger angelegt — Letztgenanntes gilt insbesondere für die Beiträge von Sasse.

Bedenkt man, dass die Filmemacher darum bemüht waren, sich ideologisch möglichst klar von den Standards des „Klassenfeindes“ abzugrenzen, ist es schon lustig festzustellen, wie wenig dies offenbar musikalisch gefordert wurde: So reiten auf der Spur des Falken (1968) unüberhörbar Die Glorreichen Sieben von Elmer Bernstein mit und das Hauptthema aus Der Scout (1983) liegt verflixt nahe bei dem Alfred Newmans zu Nevada Smith (1967). In der straffen Rhythmik der Action-Passagen spiegelt sich ein wenig der Einfluss Hanns Eislers wider; hier und da schimmert auch ein wenig der Böttcher-Sound durch, aber das Folkige der DEFA-Westernmusiken wirkt hier insgesamt doch etwas überzeugender, „echter“ amerikanisch. Als Zugaben gibt es noch drei Songs, deren dezenter Jazz-/Blues-Einfluss ein wenig an Songs von Kurt Weill erinnert.

Auf dem Erstlings-Album „Ein Wigwam steht in Babelsberg“ sind die Musiken Wilhelm Neefs zu Die Söhne der großen Bärin (1966) und Chingachgook, die große Schlange (1967) auszugsweise vertreten. Beide Kompositionen sind noch weitgehend der klassischen sinfonischen Western-Tradition verpflichtet, wobei allerdings die 60er-Jahre-Beat-Einlagen in Teilen von Die Söhne der großen Bärin etwas grotesk wirken.

Andersartig Klingendes präsentiert das aktuelle Album „Wigwam, Weste(r)n, Weiße Wölfe“, auf dem kleinere Suiten vertreten sind — aus Tecumseh (1972), Apachen (1973), Blutsbrüder (1975), Severino (1978), Blauvogel (1979) und Atkins (1985). Besonders erwähnenswert sind hier die Musiken des im Jazz beheimateten Bandleaders Günther Fischer, dessen transparente, sanft von Jazz und Folklore inspirierte Musik zu Tecumseh zwar auch ein kleineres Streicher-Ensemble verwendet, aber die Hauptwirkung auf das Zusammenwirken von Soloinstrumenten wie Gitarre, Kontrabass, Flöte und Perkussion legt. In Teilen gibt es deutliche Anklänge an die etwa zeitgleiche Musik von Isaac Hayes zu Shaft (1971), und in Severino ist das Vorbild Ennio Morricone deutlich spürbar. Hörenswert ist auch die Klangschöpfung von Hans-Dieter Hosalla (ein Mitarbeiter von Paul Dessau), dessen ähnlich sparsame musikalische Untermalung für Apachen kaum sinfonisch genannt werden kann. Diese verwendet Gitarre, Kontrabass, Flöte, Perkussion und mexikanisch anmutende Bläser und rückt damit ein wenig in Richtung von The Missouri Breaks (1976) von John Williams. Und auch der bereits erwähnte Karl-Ernst Sasse schlägt in seiner Arbeit zu Blutsbrüder stärker rockig-folkige, Morricone-nahe und weniger klassisch-sinfonisch orientierte Töne an.

Daneben bringen beide CDs eine ganze Reihe von Songs, die auch, aber nicht allein, Bestandteil von Filmmusiken sind. Gerade bei diesen, seinerzeit auf dem DDR-Staatslabel „Amiga“ veröffentlichten Songs geht es ganz schön bieder, kindlich-naiv und/oder auch einfach nur schräg zu. So hat hier der aus Colorado stammende Dean Reed (1938-1986) seinen Auftritt — ein linker politischer Protestsänger der 60er, der sich in der DDR niedergelassen hatte. Und wenn im geradezu programmatischen Lied „Ein Wigwam steht in Babelsberg“ die Gruppe „Express“ das damalige Publikum mit „He Gojko, Gojko du bist ganz groß“ anstachelt, ist der real-sozialistische Western-Schmarrn „Made in DDR“ perfekt. Geradezu ironisch wird es, wenn der Ost-Winnetou Gojko Mitic — ähnlich wie sein West-Gegenpart Pierre Brice — das Mikrofon ergreift; es zeigt sich, wie nahe sich die Publikumsgeschmäcker in Ost und West trotz extremer politischer Gegensätze schon damals standen.

Die CDs präsentieren ihre Musik neben einigen stereophon produzierten Songs im durchweg sauberen, weitgehend klaren Mono-Sound — die Techniker haben sich recht erfolgreich bemüht, den im Original (zum Teil deutlich gealterten) eher flachbrüstig klingenden Filmmusikeinspielungen mehr Hör-Power zu verleihen. Die recht liebevoll gestalteten Booklets steuern dazu einige nette Fotos und solide Informationen bei.

Komponist*innen:
Diverse
Neef, Wilhelm

Erschienen:
1999
Gesamtspielzeit:
64:25 Minuten
Sampler:
all score media
Kennung:
ASM 002

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