Special

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von Marko Ikonić

Im Dritten Reich verboten – „Entartete Musik“, Folge 1

Folge 1: Werke von Krenek, Korngold, Weill und Schreker

Das Leben im NS-Staat war in höchstem Maße politisiert. Dem Pluralismus der Weimarer Republik ein Ende zu bereiten, war das direkt nach der Machtergreifung konsequent in Angriff genommene Ziel der Machthaber unter dem Hakenkreuz. Einige der von ihren Ideologen benutzten Vokabeln stammten von keinem Geringeren als dem renommierten Komponisten Hans Pfitzner. Dieser schrieb im Jahr 1926 vom „atonalen Chaos“, das die künstlerische Parallele zum Bolschewismus sei und von der „Jazz-Foxtrott-Flut“ als musikalischem Ausdruck des Amerikanismus. Wobei er auch von der Beteiligung der „Alljuden“ an dieser „internationalistisch-bolschewistischen Umsturzarbeit“ sprach.

Besonders nachhaltig sind im Bewusstsein die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 und die 1937er Ausstellung „Entartete Kunst“ geblieben. Die als Pendant 1938 in Düsseldorf eröffnete Ausstellung „Entartete Musik“ hingegen war bis in die zweite Hälfte der 80er Jahre praktisch vergessen. Ihr Initiator, Hans Severus Ziegler, hatte sich bereits 1930 durch einen Erlass für das Land Thüringen „Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum“ hervorgetan. Ebenfalls auf Zieglers Vorschlag wurde Paul Schultze-Naumburg zum Direktor der Kunsthochschule in Weimar berufen – dem früheren Bauhaus. Während dieser sogleich Gemälde von Otto Dix, Otto Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Oskar Kokoschka entfernen ließ, verdrängte Ziegler mit Hilfe seines Erlasses schon vor der Machtergreifung Kompositionen von Ernst Krenek, Paul Hindemith und Igor Strawinsky aus den Konzertprogrammen in Thüringen …

Nach der Machtergreifung wurde das gesamte Musikleben im Dritten Reich zentral organisiert und die rigorose Gleichschaltung durch eine Fülle von Verordnungen geregelt. Anstelle der früher vom (von Franz Liszt gegründeten) „Allgemeine Deutsche Musik – Verein“ abgehaltenen „Tonkünstlerfeste“ traten die von der Reichsmusikkammer organisierten „Reichsmusiktage“. Im Rahmen dieser ersten „Olympiade deutscher Musik“ spielte Düsseldorf eine besondere Rolle. Nach einem hingerichteten „Widerständler“ gegen die französische Ruhrgebiets-Besetzung des Jahres 1923, Albert Leo Schlageter, war die Stadt zum nationalsozialistischen Sinnbild deutschen Widerstandes gegen fremde Willkür ernannt worden. Goebbels wählte den Termin für die ersten Reichsmusiktage geschickt (und militant), um gleichzeitig an den 125. Geburtstag von Richard Wagner und den 15. Todestag von Schlageter erinnern zu können.

So eröffnete am 22. Mai 1938 im Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung „Entartete Musik“ ihre Pforten. Das Motiv der als Broschüre zur Ausstellung gedruckten Ziegler-Rede zeigt auch sehr schön, wo (die sicher vielen) geläufige Bezeichnung „Neger-Musik“ ihren Ursprung hat: in einer perfiden Karikatur des Saxophon spielenden Schwarzen „Jonny“ aus Kreneks Skandal-Oper. 1270Dieser in rassistischer Stürmer-Manier klischierten Figur wurde zugleich der Judenstern ans Revers geheftet und damit der propagierte Angriff auf die abendländische (und damit in erster Linie die deutsche) Musikkultur versinnbildlicht: ein primitiver Wilder (jüdischen Einschlags), frech in europäischem Anzug gekleidet, erdreistet sich, die Kulturen zu vermischen. Die Säuberung des Kulturbetriebes erfolgte derart gründlich, dass das Vorwort des 1940 erschienenen „Lexikon(s) der Juden in der Musik“ Vollzug melden konnte: „Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt.“

Die Zerrissenheit der Gesellschaft spiegelt sich in den Wirren der keinesfalls goldenen, vielmehr „Brüllenden 20er“ („Roaring Twenties“) wider. Der verlorene Erste Weltkrieg hatte ein durch die Versailler-Verträge zutiefst gedemütigtes, dem Kaiserreich nachtrauerndes national-konservatives Großbürgertum hinterlassen, dessen Musikverständnis tief in einer naiven Verehrung der Romantik und insbesondere Richard Wagners verwurzelt war. Auf der Suche nach Beständigem sah man sich in den großen deutschen Musiktraditionen bestätigt, deren Werte durch den verlorenen Krieg nicht beschädigt worden waren. Diesen Kreisen stand eine wenig nationalistische, die romantische Tradition eher skeptisch einschätzende Nachwuchsgeneration gegenüber, die zudem den einer elitären Klasse vorbehaltenen Kunstbetrieb zugleich einem neuen breiten Publikum erschließen wollte: Kleinbürgern, Arbeitern, Angestellten und der Jugendbewegung.

Reformen des sozialdemokratischen Kulturpolitikers Leo Kestenberg bereiteten den Weg für frischen Wind in alten Gemäuern. Er begründete das pluralistische Kunst- und damit auch Musikleben der Weimarer Republik. Indem er Künstler wie Franz Schreker, Arthur Schnabel, Otto Klemperer, Paul Hindemith und Arnold Schönberg nach Berlin holte, half Kestenberg zugleich mit, die deutsche Hauptstadt mit ihrem schon im Kaiserreich hohen kulturellen Stellenwert zur Metropole internationalen Ranges auszubauen. Die Musikfeste von Donaueschingen und Baden-Baden trugen außerdem dazu bei, die Kunstmusik vom elitären Sockel herab in den Alltag breiter bürgerlicher Schichten zu tragen.

An der Spitze der vom NS-Regime verfemten Künstler stand Arnold Schönberg und mit ihm die vor allem verhasste Atonalität und 12-Ton-Musik der Zweiten Wiener Schule. Allerdings ist das Spektrum der in jenen Jahren verfemten und verbotenen Kompositionen – und damit auch der vertriebenen, zum Teil ermordeten Komponisten – enorm breit gefächert. Alle Versuche, in der Musik rassebezogene Merkmale anhand analytischer Betrachtung zu belegen, waren letztlich gescheitert. Es blieb damit rein willkürlich eine Mischung aus Rassendoktrin und arischem Überlegenheitsanspruch als Rechtfertigung für das, was zu tun war: So verschwanden die selbst von Hitler als typisch deutsch empfundenen Operettenmelodien Léon Jessels und für die unverzichtbaren Walzer eines Johann Strauß beging man Urkundenfälschung, um die teilweise jüdische Herkunft unkenntlich zu machen. Ebenso gerieten aber auch „arische“ Vertreter der Moderne wie Paul Hindemith und Kurt Weill ins Fadenkreuz. Es spielten neben der „nichtarischen“ Herkunft eben „musikalische“ und damit letztlich politische Gründe die entscheidende Rolle.

Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ wirkte auf die Nazis derart provozierend, dass die NSDAP Wien im Januar 1928 im Aufruf zu einer Protestkundgebung verlauten ließ: „Unsere Staatsoper, die erste Kunst- und Bildungsstätte der Welt, der Stolz aller Wiener, ist einer frechen jüdisch-negerischen Besudelung zum Opfer gefallen. Das Schundwerk eines tschechischen Halbjuden, „Jonny spielt auf“, in welchem Volk und Heimat, Sitte, Moral und Kultur brutal zertreten werden soll, wurde der Staatsoper aufgezwungen.“ Kreneks Oper, um die seinerzeit in Teilen der Presse eine heftige Polemik entfacht wurde, kommt aber nicht nur eine Schlüsselrolle bei der Kampagne gegen die „Entartete Musik“ zu. Vielmehr ist sie auch musikhistorisch überaus bedeutsam: integrierte sie doch noch vor „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ moderne angejazzte Tanzrhythmen in einem sinfonischen Rahmen.

Bereits in den 80er Jahren begann die Wiederentdeckung der damals verbotenen Komponisten: So wurden Zemlinskys Opern „Der Traumgörge“ und „Der Zwerg“ (nach Oscar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“), von Gerd Albrecht in Frankfurt aufgeführt und auch auf Tonträger herausgebracht. Und ebenso haben sich wagemutige Theaterregisseure wie der seinerzeit in Bielefeld tätige John Dew um dieses beschämende Kapitel der verfemten Werke verdient gemacht: Hierzu seien als Beispiele die Aufführungen von Kreneks „Der Sprung über den Schatten“, Egon Wellesz’ „Die Bakchantinnen“, Schrekers „Irrelohe“ und „Der singende Teufel“ sowie Korngolds „Das Wunder der Heliane“ erwähnt. Und ebenso erschien auf Tonträger ein erster Zyklus der sinfonischen Werke von Korngold wie auch von Zemlinsky „Die Seejungfrau“. Im Umfeld dieser Tätigkeiten und der Rekonstruktion der Ausstellung „Entartete Musik“ startete dann die Decca im Jahr 1993 ihre gleichnamige Serie: eine editorische Glanzleistung der 90er Jahre, die im Laufe der Zeit auf insgesamt 30 Titel angewachsen ist. Es handelt sich um einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Sich mit „Entarteter Musik“ zu beschäftigen, heißt zugleich, sich über den Zusammenhang von Politik, Ideologie und Musik zu informieren und ebenso, sich die fatalen Konsequenzen einer derart „gesäuberten“, verarmten und verkümmerten Musikkultur unter totalitärem Regime zu verdeutlichen. Eine wichtige Aufklärung in einem scheinbar unpolitischen Bereich, zumal gewisse geistige Strömungen jener Zeit weder heute noch in Zukunft als überwunden gelten dürfen. Hierzu gehört ebenso, sich über die Verdrängung im Nachkriegs-Deutschland bewusst zu werden, wo Täter wie Severus Ziegler, ehedem Staatsrat der Nazis, im Ruhrgebiet als Theaterleiter und in Norddeutschland als Gymnasiallehrer, im gleichen unbelehrbaren (Un-)Geist tätig sein durften …

Wie Michael Haas, ausführender Produzent der Reihe, im Begleitheft zum Sampler anmerkt, reichen die Einspielungen der Serie „Entartete Musik“ allein nicht aus, um die ganze Geschichte aufzuzeigen. Im Zuge einer kleinen Artikelreihe zum Thema sollen deswegen, neben den besonders exemplarischen Alben der Decca-Reihe, auch ebenso wertvolle Veröffentlichungen anderer Labels der gleichen Jahre (soweit noch erhältlich) und natürlich auch unserer Tage vorgestellt werden.


Sampler

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Entartete Musik: Verfemte Komponisten im Dritten Reich

Das preiswerte Doppelalbum ist mehr als eher entbehrliche Werbung für eine bekannt herausragende Albenreihe. Anhand seiner gut gewählten Musikbeispiele erhält man nicht allein einen ersten Eindruck von der ausgesprochenen musikalischen Vielfalt der Weimarer Jahre; das mit hervorragenden Texten ausgestattete knapp 30-seitige Begleitheft wartet zudem mit einer Fülle wertvoller Informationen zu jedem vertretenen Komponisten auf, die neugierig machen. Damit eignet sich der Sampler nicht allein als Wegweiser zum Reinschnuppern und Auswählen für Zögerliche, vielmehr ist er gut anhörbarer sowie sehr informativer und damit wertvoller Führer durch – und zugleich Rahmen für – die gesamte Decca-CD-Edition.

Titel: Entartete Musik: Verfemte Komponisten im Dritten Reich
Erschienen: 2003

Laufzeit: CD-1 67:54 Min.; CD-2 70:54 Minuten

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 473 691-2 (2 CDs)

Komponist(en):

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Korngold: Between Two Worlds

Korngold: Between Two Worlds und “The Adventures of a Wunderkind“

Erich Wolfgang Korngold, das Wiener Wunderkind, wurde sogar von Anton Webern beneidet: „Verleger, Aufführungen, alles hat der Bub: Ich werde alt werden!“ Die Arthaus-DVD bietet ein rund 90-minütiges Portrait des Komponisten, das als Koproduktion des Hessischen Rundfunks mit ARTE und Artsworld im Jahr 2001 entstanden ist. Gut kommentiert, mit eindrucksvollen Bildern ausgestattet und neben den Konzertmusiken und Opern auch recht ausführlich die Filmvertonungsarbeiten in Hollywood beschreibend, bietet die TV-Produktion einen sehr ansprechenden und informativen Abriss über Leben und Werk des berühmten Komponisten. Ein rund 55-minütiges Konzert mit dem Frankfurter Radio-Sinfonie-Orchester unter Hugh Wolff mit den Solisten Quirine Viersin (Cello), Leonidas Kavakos (Violine) und Alexander Frey (Klavier) ist willkommene Abrundung und hilft die musikalischen Eindrücke des Porträts zu vertiefen. In sehr engagierten Darbietungen erklingen das Cello-Konzert aus dem Film Deception (1947), sechs Charakterstücke für Piano-Solo „Don Quixote“, sieben Märchenbilder Opus 3 für Klavier-Solo und das Violinkonzert Opus 35 (1947).

Sowohl das Porträt als auch das Konzert kommen in sehr guter Bild- und Tonqualität daher: das Porträt in Dolby-Digital-2.0 und das Konzert in PCM-Stereo und damit CD-Qualität.

Die Decca-CD der Reihe „Entartete Musik“ mit Werken Korngolds bietet eine rund 30-minütige Suite aus der dem Album den Titel gebenden Filmmusik zu Between Two Worlds (1944), die der Dirigent John Mauceri aus Teilen der Partitur eingerichtet hat. Der intellektuell und esoterisch angehauchte Film schildert eine Emigrantenstory zwischen Diesseits und Jenseits. Korngold hat diese mit einer farbigen und harmonisch komplexen, in Teilen seiner Oper „Das Wunder der Heliane“ nahe stehenden Tonsprache versehen.

Die viersätzige Sinfonische Serenade für Streichorchester, Opus 39 sticht im herben Ausdruck von den romantischen Filmkompositionen deutlich ab. Sie ist ein eher unsentimentales Spätwerk, das von ausgeprägt rhythmischem Ausdruck und in Teilen schroff dissonanten Harmonien geprägt ist. Auch wenn insbesondere bei den ersten Hördurchgängen eine an Béla Bartók gemahnende Kühle dominiert, das unleugbar Wienerische und auch Korngoldtypische bleibt im virtuos-musikantischen und – wenn auch weniger breit ausschwingenden – melodischen Gestus nicht lange verborgen. Besonders reizvoll sind der im Stile eines Perpetuum Mobiles gehaltene zweite Satz, ein fahl dahinhuschendes Streicher-Pizzicato und insbesondere das schwermütig und gebrochen, aber zugleich warm und inbrünstig wirkende „Lento religioso“. In diesem ausdruckstarken, stellenweise ein wenig an Mahler erinnernden langsamen Satz greift Korngold auch auf ein Thema aus seiner Filmpartitur zu Anthony Adverse (1936) zurück.

Thema und Variationen, Opus 42 ist das letzte Werk des Komponisten. Ein reizender kleiner Variationssatz für amerikanische Studentenorchester, der letztmalig ein wenig an seine Filmmusiken erinnert.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter John Mauceri bieten ambitionierte Interpretationen und der sinnliche Klang der Musik wurde von einer exzellent disponierten Aufnahmetechnik optimal eingefangen.

Titel: Korngold: Between Two Worlds
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: DSO/RSO Berlin, John Mauceri
Laufzeit: 76:13 Minuten

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 444 170-2

Komponist(en):

Schlagworte:


DVD

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Erich Wolfgang Korngold: The Adventures of a Wunderkind

Titel: Erich Wolfgang Korngold: The Adventures of a Wunderkind
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: D 2001

Medium: DVD
Verleih: Arthaus Musik DVD

Regisseur(e):

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Korngold, Weill, Krenek: Violin Concertos

Drei stilistisch deutlich unterschiedliche Violinkonzerte präsentiert diese CD. Gegenüber den einer eher kühlen „Neuen Sachlichkeit“ verpflichteten, aber trotzdem sehr individuellen Konzerten von Weill und Krenek – entstanden in den 20er Jahren – bildet das 1947 von Jascha Heifetz uraufgeführte Korngold’sche Violinkonzert einen scharfen Kontrast. Es handelt sich um eine üppig spätromantische und auch dank der Verwendung breitmelodischer Themen aus vier Filmpartituren sinnliche und sehr eingängige Musik. Ein Werk von besonders nostalgischer Wirkung, aber zugleich auch anachronistisch.

Aus merklich anderem Holz geschnitzt ist das 1924 von Kurt Weill konzipierte Violinkonzert, in dem der Komponist die Violine originellerweise einem Blasorchester gegenüberstellt. Klar in der Form und klanglich eher kühl, setzt diese an Strawinsky orientierte Musik einen schlank und durchsichtig gehaltenen Kontrapunkt zur Korngold’schen Romantik.

Das Krenek’sche Violinkonzert entstand im zeitlichen Umfeld des Weill’schen und erlebte 1925 seine Uraufführung. Ein Konzert, bei dem, trotz partieller Schroffheiten in der Auseinandersetzung von Soloinstrument und Orchester, auch immer wieder zärtlich-innige Gefühle spürbar werden. Lebhaft-motorische und langsam-expressive Abschnitte stehen einander gegenüber und verleihen dem Werk seine Reize.

Die Solistin Chantal Juillet ist den Anforderungen souverän gewachsen, überzeugt im virtuosen Spiel sowohl durch Sinnlichkeit als auch Expressivität. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter John Mauceri begleitet differenziert und geschmeidig, wobei die vorzügliche Tontechnik alle klanglichen Finessen hörbar werden lässt.

Titel: Korngold, Weill, Krenek: Violin Concertos
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: RSO Berlin, John Mauceri
Laufzeit: 76:56 Minuten

Medium: Sampler

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Krenek: Jonny spielt auf

Ernst Krenek (1900-1991) hinterließ mehr als 240 mit Opus-Nummern versehene Werke, entstanden innerhalb einer schöpferischen Zeitspanne von mehr als sieben Jahrzehnten, vom Ende der 10er bis zum Ende der 80er Jahre. Die musikhistorische Einordnung des Komponisten gestaltet sich schwierig und verwirrend. Immer auf der Suche nach sich selbst, war er ebenso auf der Flucht vor den Erwartungen anderer. Im Nebeneinander von Stilen und Techniken ein sich fortwährend Wandelnder, einer, der sich nicht festlegen ließ. Krenek, ein Vertreter eines modernen Weltbürgertums: Sowohl griechische Mythologie, freiheitliches Denken als auch politische Analyse ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk, das eine verblüffende Kollektion von Idiomen und ein extrem vielseitiges Arsenal verschiedenster Techniken bietet.

„Jonny spielt auf“ ist (wie auch Kreneks andere Schöpfungen dieser Periode) Spiegelbild der 20er Jahre. Die Idee mit dem schwarzen Saxophon-Spieler kam dem Komponisten durch die Frankfurter Neger-Revue „Chocolat-Kiddies“. „Jonny spielt auf“ begründete die Gattung der so genannten „Zeitoper“, was bedeutet, dass die Oper aktuell und modern mit dem Zeitgeschehen verbunden ist. So spiegelt diese Oper das Ambiente ihrer Zeit und reflektiert die zeittypische Gegenwart auf damals unerhörte Art und Weise: Neben Anklängen an den Jazz sind Geräusche des Maschinenzeitalters – von Autohupen, Telephon oder Dampflok – Teil der Inszenierung. Die oftmals zu lesende Bezeichnung „Jazzoper“ ist jedoch etwas irreführend: Zum einen galt in den 20er Jahren bereits das als Jazz, was aus den USA in sublimierter populärer Form als angejazzte Unterhaltungs- und Tanzmusik herüberschwappte, zum anderen sind derartige Passagen klar in der Minderheit.

Die in die atonale Frühphase fallenden Kompositionen, die szenische Kantate „Die Zwingburg“ von 1922 sowie die komische Oper „Der Sprung über den Schatten“ von 1923, blieben im Gegensatz zu „Jonny spielt auf“ erfolglos. Bereits die Uraufführung des „Jonny spielt auf“ am 10. Februar 1927 war ein Riesenerfolg. Bis 1930 ging das Werk über mehr als 70 europäische Bühnen, avancierte sogar zur meistaufgeführten zeitgenössischen Oper der 20er Jahre.

Aber nicht allein bei den ersten Wiener Aufführungen (siehe oben) kam es zu Krawallen und wütenden Protesten (der Nazis), selbst in den USA, bei der New Yorker Erstaufführung, zeigten sich Ressentiments: Infolge der Rassendiskriminierung musste der Sänger des Jonny eindeutig als schwarz geschminkter Weißer zu erkennen sein.

Kreneks freche Erfolgsoper ist in erster Linie pfiffige liebevoll und handwerklich sehr sorgfältig auskomponierte Gebrauchsmusik im Zeitgeist und wohl weniger ein Werk mit Ewigkeitsanspruch. Ein einfaches, buntes und lebendiges Spiel, in dem sich keine wirklich revolutionäre Musik, sondern ein gerütteltes Maß an Romantik findet: So gibt es einen in der Hochgebirgseinsamkeit singenden Gletscher. Shimmy und Blues erklingen neben modernem Tango, eine Portion Slapstick der Stummfilmzeit ist ebenfalls vertreten und auch das metallisch-flirrend klingende Flexaton wird als Effektinstrument verwendet. All das ist in eine insgesamt harmonisch einfache (tonale) Sprache eingebettet, die dem Hörer kaum Probleme bereitet. Es gibt ansprechende, leicht-eingängige Melodien und Rhythmen, die stärker in Richtung Operette, denn Oper deuten.

Über die vorliegende – im Jahr 1991 erfolgte – Gesamteinspielung von „Jonny spielt auf“ lässt sich nur Positives sagen: Das Ensemble (Heinz Kruse als Jonny) und auch der Leipziger Opernchor sind in bester Form. Lothar Zagrosek und das Gewandhausorchester Leipzig begleiten schwungvoll und engagiert. All dies dokumentiert eine sorgfältig alle Details ausleuchtende Tontechnik.

Titel: Krenek: Jonny spielt auf
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: DSO Berlin, Lothar Zagrosek
Laufzeit: 130:53 Minuten

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 436 631-2 [2 CDs]

Komponist(en):

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Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Krenek: Jonny spielt auf (Kurzfassung)

Krenek: „Jonny spielt auf“ – 1964er Kurzfassung

Die ersten Wiederaufführungen von Kreneks „Jonny spielt auf“ nach dem Zweiten Weltkrieg setzten nach der Etablierung eines regulären Kulturbetriebs weder zügig ein, noch konnte mit ihnen an die durchschlagenden Erfolge vor dem Krieg angeknüpft werden. An jenen Werken und ganzen Kunstströmungen, die der Kultur-„Politik“ des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, offenbart sich so doppelt wirksames Unrecht. Nicht genug damit, dass den betroffenen Künstlern durch Aufführungsverbote und die Brandmarkung als „entartet“ die Lebensgrundlage – und in letzter Konsequenz nicht selten auch das Recht auf Leben selbst – entzogen wurde. Nein, ein derart krasser, völlig unnatürlicher Einschnitt in das blühende, an Stilen und Ausdrucksformen so ungemein vielfältige Kultur- und Musikleben jener Jahre musste auch auf übergeordneter Ebene verheerende Auswirkungen zeitigen. Durch das Diktat der Gewalt hatte ein Kontinuum vieler unterschiedlicher, nebeneinander lebensfähiger, sich oft gegenseitig befruchtender Strömungen einer verkümmerten, vereinheitlichten und dazu von plumpem Dogmatismus vereinnahmten Parzelle, einem erstarrten Ausschnitt, zu weichen.

Nach dem Krieg einfach dort weiterzumachen, wo der beispiellose kulturelle Kahlschlag ein Loch gerissen hatte, gestaltete sich aus vielen Gründen natürlich als unmöglich. Viele der im Exil lebenden Komponisten hatten es verständlicherweise nicht eilig, in die ihnen entfremdete Heimat zurückzukehren. Das fruchtbare kulturelle Klima der Weimarer Republik war unwiederbringlich verloren. Neue musikalische Trends kamen auf und Gruppen wurden federführend, die, während sie z. B. der Zwölfton-Schule zu verdienter Anerkennung verhalfen, die Werke der stärker spätromantisch-traditionell orientierten Komponisten weiterhin boykottierten oder doch zumindest vorsätzlich ignorierten.

Die faktische Tilgung vieler großer Tonschöpfer aus der Musikgeschichte im „Dritten Reich“, wodurch wichtige kontinuierliche Entwicklungslinien gekappt wurden, hatte so zur Folge, dass unzählige hervorragende Komponisten und Kompositionen niemals auch nur die Chance hatten, einen prägenden Eindruck zu hinterlassen, zum „Klassiker“ zu avancieren. Ungeschehen machen kann dieses Unrecht niemand. Was jedoch getan werden kann, ist, zur wenn auch späten Rehabilitation beizutragen. In diesem Lichte sind alle Bemühungen, das lange Zeit verzerrte musikgeschichtliche Bild des 20. Jahrhunderts durch CD-Einspielungen (und andere Publikationen) wieder einigermaßen in die rechten Proportionen zu rücken, in höchstem Maße unterstützenswert.

Zu den sehr frühen Auseinandersetzungen mit der gefeierten Krenek-Oper gehört die 1964 realisierte Wiener Schallplatteneinspielung einer vom Komponisten autorisierten Kurzfassung unter Heinrich Hollreiser. Um mit einer Einzel-LP auszukommen, wurden die Szenen 2, 5 und 8 komplett gestrichen und in den Szenen 4 und 10 Kürzungen vorgenommen. Aus Anlass einer Produktion des „Jonny“ Ende 2002 an der Wiener Staatsoper ist diese Kurzversion nun erneut – und wohl nur in Österreich, auf dem Label Amadeo – auf CD erschienen. In den wichtigsten Rollen sind William Blankenship (Max), Evelyn Lear (Anita), Gerd Feldhoff (Jonny), Lucia Popp (Yvonne) und Thomas Stewart (Daniello) zu hören. Hollreiser motiviert das Orchester der Wiener Volksoper, den Akademie-Kammerchor und die erstklassige Sänger-Riege zu einer schmissigen Darbietung, die Krenek-Interessierten als trotz der Straffung recht gut fließendes (und auch klanglich einwandfreies) Pendant zur Decca-Gesamteinspielung empfohlen werden kann.

Titel: Krenek: Jonny spielt auf (Kurzfassung)
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: Orchester der Wiener Volksoper, Heinrich Hollreiser
Laufzeit: 50:16 Minuten

Medium: Sampler
Label: Amadeo (Universal Austria)
Kennung: CD 472-757 2

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Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Ernst Krenek: Karl V

Ernst Krenek: „Karl V“

Die Oper „Karl V“ ist ein bis heute selten aufgeführtes Schlüsselwerk des österreichischen Komponisten geblieben. Das „Bühnenwerk mit Musik“ skizziert das Leben des bedeutenden römisch-deutschen Kaisers als Lebensbeichte. Der in einem spanischen Kloster auf dem Totenbett liegende Monarch legt einem jungen Mönch Rechenschaft über sein Leben ab, versucht Motive und Wirkungen seiner politischen Handlungen zu verdeutlichen, um Absolution zu erhalten. Dabei kommen die wichtigsten Gestalten seines Lebens in revuehaften Rückblenden zu Wort.

„Karl V“ ist ein mit vielen gesprochenen Szenen durchsetztes episches Welttheater. Ein Werk, das in vielem mit der klassischen Operntradition bricht und überhaupt wohl kaum das Zeug zum „Publikumsliebling“ haben dürfte. Komponiert in strenger 12-Tönigkeit, ist die Musik jedoch trotz unleugbarer Strenge von erstaunlicher Farbigkeit und Leuchtkraft. Passagenweise ist sie gar mit einer Klangschönheit und Opulenz ausgestattet, die man bei derartigen Kompositionen kaum vermutet. Der Komponist scheut auch vor naturalistischen und tonmalerischen Effekten nicht zurück: Die Windmaschine kommt zum Einsatz und in der faszinierend gestalteten Sterbeszene Karls – „mit den vier Uhren“ – suggeriert die Musik die unaufhaltsam verrinnende Zeit.

Krenek sah seinerzeit in der Kompositionsweise mit 12 einander gleichberechtigten Tönen ein Übertragen von Freiheit und Demokratie auf die Musik und in der Wahl der historischen Titelfigur zugleich zeitgeschichtliche Parallelen zur politischen Situation Österreichs. „Karl V“ wurde die erste vollständig auskomponierte 12-Ton-Oper der Musikgeschichte.

Das audiophile Label MDG (Musik Produktion Dabringhaus und Grimm) hat in Zusammenarbeit mit dem „Internationalen Beethovenfest Bonn 2000“ die erste vollständige Einspielung des Werkes auf (mit Gold bedampftem) Tonträger vorgelegt. Die erstklassige Aufnahmetechnik verbindet sowohl gesprochene, instrumentale als auch vokale Teile in einem luftig transparenten, prachtvoll weitläufigen Klangraum sehr gut miteinander. Auch die vom Tschechischen Philharmonischen Chor Brno sauber intonierten Chorpassagen kommen dabei erstklassig zur Geltung. Das unter Marc Soustrots einfühlsamer Leitung in hörbar bester Verfassung agierende Orchester der Beethovenhalle Bonn begleitet das tadellose Ensemble (in der Titelrolle David Pittman-Jennings) perfekt. Einem 1934 unterdrückten, 1938 unter eher abenteuerlichen Umständen in Prag uraufgeführten und nach dem Krieg nur vereinzelt (und dann meist nur stark gekürzt) gespielten, bedeutenden Werk des 20. Jahrhunderts ist damit (zumindest ein Stück) späte Gerechtigkeit widerfahren. „Karl V“ ist ein kraftvolles und hochrangiges modernes Musikdrama des 20. Jahrhunderts, das in Zukunft hoffentlich auch häufiger auf den Spielplänen zu finden sein wird.

Titel: Ernst Krenek: Karl V
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: Orchester der Beethovenhalle Bonn, Marc Soustrots
Laufzeit: 140:47 Minuten

Medium: Sampler
Label: MDG
Kennung: 337 1082-2 [2 CDs]

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Veröffentlicht am 18.04.2003 | von CINEMUSIC.DE Team

Schreker: Die Gezeichneten

Schreker: „Die Gezeichneten“

Im Zentrum des Schaffens von Franz Schreker (1878-1934) stehen ohne Zweifel seine insgesamt 9 Opern. Dreien davon war in den späten 10er und frühen 20er Jahren geradezu sensationeller Erfolg beschieden. Sie feierten einen Siegeszug über alle bedeutenden (und weniger bedeutenden) deutschsprachigen Bühnen, mit dem damals von den Zeitgenossen lediglich noch Richard Strauss mitzuhalten vermochte: „Der ferne Klang“ (1903-10, UA: 1912), „Der Schatzgräber“ (1915-18, UA: 1920) und „Die Gezeichneten“ (1913-15, UA: 1918).

Neben den großen Bühnenwerken hat Schreker, der sein Kompositionsstudium am Wiener Konservatorium bei Robert Fuchs (dem ersten Lehrer des blutjungen Erich Wolfgang Korngold) absolviert hatte, auch eine überschaubare Anzahl von Orchesterwerken (u. a. verschiedene Ouvertüren, eine Symphonie, das Melodram „Das Weib des Intaphernes“ und die Tanzpantomime nach Oscar Wilde, „Der Geburtstag der Infantin“), kammermusikalischen Stücken und Liedern geschaffen. Seine Liebe zur Chormusik, die er als Gründer und langjähriger Leiter des Wiener Philharmonischen Chores vor allem aktiv musizierend pflegte (u. a. hob er 1913 die „Gurrelieder“ seines Freundes Arnold Schönberg aus der Taufe), äußert sich in gut einem Dutzend Vokalkompositionen.

Seit 1912 war der von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierte Tonschöpfer auch maßgeblich pädagogisch tätig. Nach acht Jahren als Professor für Musiktheorie und Komposition an der Wiener Akademie folgte Schreker im Herbst 1920 dem Ruf Leo Kestenbergs an die renommierte Berliner Musikhochschule, der er für die nächsten zwölf Jahre als charismatische Direktorenpersönlichkeit vorstehen sollte. Viele seiner Kompositionsschüler – darunter so namhafte wie Ernst Krenek, Berthold Goldschmidt und Karol Rathaus – unterstrichen später Schrekers herausragende Eignung zum Lehrer. Sein besonderes Verdienst war, wie es die Schreker-Schülerin Grete von Zieritz (1899-2001) einmal ausgedrückt hat, dass er „Individualisten ausbildete“, anstatt stur eigene Vorstellungen aufzuzwingen.

Was indes nichts an Schrekers Entlassung von diesem eigentlich unkündbaren Posten im Jahr 1932 ändern konnte. Die Annahme einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin wenig später stand ebenfalls unter keinem guten Stern mehr, nach kaum einem Jahr wurde der Komponist auch hier zur Resignation genötigt. Der starken psychischen Belastung – in Zeiten unmissverständlicher NS-Anfeindungen, längst im Schwinden begriffener Publikumsresonanz seiner Werke und hoher Inflation sah er sich durch den Verlust der Lehrämter nicht zuletzt auch in ernster finanzieller Bedrängnis – hielt Schreker schließlich nicht stand. Im Dezember 1933 erlitt er einen Schlaganfall, dessen Folgen er wenige Monate später 55-jährig am 21. März 1934 erlag.

Von vielen mit einigem Recht als das Hauptwerk des Komponisten bezeichnet, demonstriert die Oper „Die Gezeichneten“ die volle Bandbreite Schrekerscher „Klangmagie“: Eine prunkvolle Liaison aus verführerisch impressionistisch schimmernden, irisierenden Farbmischungen, leidenschaftlich-verschwenderischer spätromantischer Orchesterpracht und erotisch aufgeladener Klangsinnlichkeit, deren zuweilen berauschende, zu Kopfe steigende Wirkung auf den Hörer mit Worten nur unzureichend beschrieben werden kann. „Als hielte man sich eine verzauberte Muschel ans Ohr“, charakterisierte es einst ziemlich treffend der bekannteste Schüler Schrekers, Ernst Krenek.

Diese so seltsam anziehende, von manchen vielleicht anfangs als überfrachtet empfundene Tonsprache Schrekers, die die Möglichkeiten der Tonalität in vollem Umfang ausnutzt, behandelt das Orchester wie ein großes, zu ungemein vielseitigen Klängen stimulierbares Instrument. Der oft synonym für ein Orchester-Ensemble gebrauchte Begriff „Klangkörper“ erhält hier wörtliche Bedeutung. Nicht umsonst thematisierte der Komponist, der sich in einer Selbstbeschreibung einmal „Klangphantast, Klangzauberer und Klangästhet“ nannte, das Phänomen des Klanges und die metaphysischen Mächte der Musik direkt in mehreren seiner Opern. So z. B. in „Der ferne Klang“, zu der im übrigen der anfänglich begeisterte Schreker-Anhänger Alban Berg einen Klavierauszug erstellte, oder auch in „Das Spielwerk und die Prinzessin“ (1909-1912, UA: 1913).

„Die Gezeichneten“ erfordert ein 120-köpfiges Orchester, in dem sich Klavier, Celesta und zwei Harfen verschiedentlich an raffinierten Farbstimmungen und Klangkombinationen beteiligen. Ein Beispiel dafür findet sich gleich zu Beginn des Vorspiels zum ersten Akt, das erfreulicherweise auch vollständig auf dem neuen Doppel-CD-Sampler der Decca-Reihe vertreten ist. Geteilte hohe Streicher, Celesta, Klavier und Harfen erzeugen eine duftig schwebende, von miteinander verschwimmenden, geheimnisvoll wabernden Dur- und Mollharmonien geprägte Klangfläche, über der ein sehnsuchtsvoller Melodiebogen in den Celli einsetzt. Schrekers Schüler sollen nach dem Opernbesuch bisweilen gemeinsam staunend über der Riesenpartitur gekauert haben, um den gehörten und doch so unerhörten Klangkreationen im Notentext auf die Schliche zu kommen. Große ohrwurmträchtige Melodien zum Mitsummen, wie das an Puccini erinnernde Tamare-Liebesthema in den „Gezeichneten“, sind bei Franz Schreker eher eine Ausnahmeerscheinung. In der Regel arbeitet er mit oft wunderschönen kürzeren melodischen Gedanken, die vor allem innerhalb des musikdramatischen Verlaufs hohen Wiedererkennungswert besitzen, davon losgelöst aber kaum echte Ohrwurmqualitäten entwickeln. Dem sich spontan erschließenden Reiz dieser Musik tut dies keinen Abbruch.

Die Handlung des auf Anregung des guten Freundes Alexander von Zemlinsky entstandenen Drei-Akters ist im Genua des 16. Jahrhunderts angesiedelt und kreist um drei in der freizügig-leichtlebigen Renaissance-Gesellschaft sonderbar „Gezeichnete“, um Außenseiter jeweils unterschiedlicher Prägung: Den reichen aber abstoßend hässlichen Adeligen Alviano Salvago, der, von Selbstzweifeln und Komplexen zerfressen, ein einsames Dasein führt und all seine Triebenergien in den Bau einer unfassbar kunstvollen hellenisch-heidnischen Märcheninsel namens „Elysium“ umlenkt; Carlotta Nardi, eine seelisch und emotional verstümmelte Malerin und Tochter des Bürgermeisters, die sich ihres schwachen Herzens wegen, aus übertriebenem Selbstschutz, zeitlebens jeglichen sinnlichen Freuden verschlossen hat; und Graf Andrea Vitelozzo Tamare, ein Kind des Glücks, dessen einmal entfachte Begierde keine Grenzen kennt und schließlich selbstzerstörerische Ausmaße annimmt; Zwischen diesen drei Personen entspinnt sich ein verhängnisvolles Dreiecksverhältnis, das vorerst jedem einzelnen die Erfüllung der sehnlichsten verdrängten Wünsche verheißt, jedoch am Schluss unausweichlich zur Katastrophe für alle Beteiligten führt.

Schreker spart bei der musikalischen Umsetzung der handlungsreichen eigenen Textvorlage – er schrieb seine Libretti stets selbst – nicht an dramatischer Wucht, neben der opulenten Vertonung äußerer Vorgänge gibt es aber immer wieder auch Passagen psychologisierender Introspektion, in denen die Gemütslage der Figuren in Töne gefasst wird (beide Qualitäten, Sinn für Dramatik und psychologische Differenzierung, veranlassten den zeitgenössischen Musikkritker Paul Bekker, Schreker als einzig legitimen Nachfolger Richard Wagners anzusehen). Das gesangliche Spektrum der Partitur ist breit und umfasst intime, mit kammermusikalischer Transparenz umspielte Duette (Alviano und Carlotta in den Atelier-Szenen des zweiten Aktes) ebenso wie ekstatisch gesteigerte Massenszenen mit großem Chor und voll eingesetztem Orchesterapparat (der dritte Akt auf dem der Bürgerschaft zum Geschenk gemachten Eiland Elysium, dessen geheime Grotten aber vom Genueser Adel seit jeher für bacchantische Gelage und Orgien missbraucht werden).

Der ausgeprägte Hang Schrekers zu abgründig-erotischen Sujets, die in Verbindung mit der farbtrunkenen, rauschhaften, selbst schon erotisch zu nennenden Musik freilich noch bedeutend an Durchschlagskraft gewannen, brachte ihm bald den Ruf eines „Schreckers“ ein – interessanterweise war dies auch die ursprüngliche Schreibweise des Familiennamens, der er trotz Namensänderung später augenscheinlich mehr als gerecht wurde. Der ausgezeichnete Komponist und Dirigent Winfried Zillig (1905-1963) etwa, ein Schüler Schönbergs, erzählte später, dass in seiner Heimatstadt Würzburg alleine der Besuch einer Frankfurter „Gezeichneten“-Vorstellung schon beinahe einem Sexualverbrechen gleichkam (Zilligs erstklassige Filmmusik – nur eine von vielen – für den deutschen Dokumentarfilm Panamericana – Traumstraße der Welt ist auf einer Doppel-CD der RCA-Serie „100 Jahre Filmmusik“ erschienen.). Ähnlich wie Zillig, dem übrigens auch einige der ersten Schreker-Aufführungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken sind, erinnerte sich auch Theodor W. Adorno an die „Gezeichneten“-Premiere 1918 in Frankfurt. Die besondere Aura des Verbotenen und Jugendgefährdenden übte nicht nur auf den damals 14-Jährigen große Faszination aus, sie war vielmehr mit eine der zentralen Triebfedern für den unmittelbaren, breitenwirksamen Erfolg der Schreker-Opern. Ein Zusammenhang, den auch die Nationalsozialisten erkannten. Wobei der große Klangzauberer Schreker denn auch – eine nur zu typische Vorgehensweise – auf diese eine Facette seines Schaffens reduziert wurde, wie die Inschrift auf dem entsprechenden Plakat der „Entartete Musik“-Ausstellung zeigt: „Es gab keine sexual-pathologische Verirrung, die er [Schreker] nicht unter Musik gesetzt hätte“.

In der Tat reflektieren Schrekers Bücher oft Elemente der psychologischen Forschungen Sigmund Freuds und Otto Weiningers. Doch, wie hoffentlich mit einiger Klarheit aus dem bisher Geschriebenen hervorgeht, war Franz Schreker weitaus mehr als ein Lieferant halbseidener, in Opern verpackter Schlüpfrigkeiten. Er war ein bedeutender Musikdramatiker und großer Klangmagier des 20. Jahrhunderts. Die vermehrte Rückkehr seiner Werke auf die Bühnen in jüngster Zeit und eine stetig wachsende Diskographie versprechen für die Zukunft noch so manches sinnliche Klangerlebnis.

In der Decca-„Gezeichneten“-Gesamtaufnahme von 1993/94 dirigiert Lothar Zagrosek das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und den Rundfunkchor Berlin, das ausnahmslos souverän agierende Sänger-Ensemble führen Heinz Kruse als Alviano (Tenor), Elizabeth Connell als Carlotta (Sopran) und Monte Pedersen als Vitelozzo Tamare (Bariton) an. Zagrosek erweist sich als idealer Schreker-Interpret, der mit dem glänzend aufspielenden Berliner Orchester jedes noch so kleine Detail der schillernden Partitur voll auskostet, dabei jedoch nie den größeren dramatischen Zusammenhang aus den Augen verliert. Eine exzellente Tontechnik, die Schrekers betörende Klangvisionen auch von der heimischen Stereo-Anlage aus lebhaft und nuanciert zu Gehör bringt, sowie ausführliche mehrsprachige Booklet-Informationen bestätigen den Eindruck einer Spitzenproduktion.

Lesen Sie hierzu in der Reihe „Im Dritten Reich verboten: Entartete Musik“:

Folge 2: Werke von Schreker, Krenek, Goldschmidt, Rathaus und Schulhoff

Folge 3: Werke von Eisler, Ullmann und Hindemith

Titel: Schreker: Die Gezeichneten
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: DSO Berlin, Lothar Zagrosek
Laufzeit: 170:42 Minuten

Medium: Sampler
Label: Decca
Kennung: 444 442-2 [3 CDs]

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