Karl-May-Special

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
28. September 2000
Abgelegt unter:
Special

Am 19. September 2000 ging Kinowelts DVD-Edition der vier Karl-May-Filme des Regisseurs Harald Reinl an den Verkaufs-Start. Reinls Filme markieren nicht allein den Beginn, sondern auch das Beste einer deutschen Kinolegende der sechziger Jahre. Der Erfolg der deutschen Karl-May-Filme gab dem Italo- und überhaupt dem Eurowestern starken Auftrieb. Während die Karl-May-Filme eher altmodisch Farbenglut und Macharten des alten Hollywood-Kinos für ihre Zwecke nutzten, sind die Italowestern in ihrer Bildsprache zum Teil zwar ebenfalls traditionsgebunden, aber farblich nahezu schmucklos und in ihren Geschichten von einer bissig-sarkastischen Grundtendenz sowie von schwarzem Humor geprägt — siehe dazu das Italo-Western-Special. Ihre Welten sind ebenfalls nicht wahrheitsgetreu, aber wirken heute deutlich moderner als die der Karl-May-Western-Filme. Ironischerweise handelt es sich bei dem Film, aus dem die Büffelszenen in Winnetou I und Winnetou III eingeschnitten worden sind — The Last Hunt • Die letzte Jagd (1955) — um einen Western, der ein sehr desillusioniertes, nicht mehr romantisiertes, sondern herb-brutales Bild des Wilden Westens und seiner Helden präsentiert.

Vieles in den Winnetou-Filmen erscheint, nicht erst seit heute, eher lach- denn westernhaft. Die speziell im Schatz im Silbersee größtenteils unkontrolliert und grotesk wirkende Handhabung der außerdem wenig zeittypisch wirkenden Schusswaffen mit dem markantem „Piff-Paff“ ist schon ziemlich starker Tobak. Dies und manches mehr besitzt heutzutage geradezu Saalbrüller-Qualitäten. Streng genommen wird in sämtlichen Filmen das gleiche Thema nur leicht variiert präsentiert: Eine Bande weißer Unholde stört den Frieden zwischen Weiß und Rot, worauf Old Shatterhand und Winnetou auf den Plan treten und die Leinwand am Ende in moralisch einwandfreiem Zustand hinterlassen. Die eklatanten historischen Ungenauigkeiten in den Stories, die (Holzfäller-)hemdsärmlig stilisierte Ausstattung und Atmosphäre, die extreme Schwarz-Weiß-Malerei der Charaktere und nicht zuletzt die Simplizität der Dramaturgie verwehren den Filmen den Zutritt zu den höheren Rängen der Filmkunst. Trotzdem sind sie bei allen Mängeln unterhaltsam und wirken in ihrer rückwärts gewandten „moralisch sauberen“ Tendenz sicher auch nostalgisch.

Der Erfolg der Karl-May-Filmwelle in den 60er Jahren war sicher ein Zeitphänomen, vergleichbar mit dem Erfolg der Sissi-Filmtrilogie in der zweiten Hälfte der 50er, aber auch der Scream-Trilogie der späten 90er. Zwar geht hier einiges auf das Konto des typisch deutschen Karl-May-Abenteuer-Mythos, aber wohl nicht ausschließlich: In einer Zeit des noch blühenden Wirtschaftswunders, einer Industrie unter Volldampf mit vollen Auftragsbüchern, niedriger Arbeitslosigkeit sowie allgemein wachsendem Wohlstand dürften diese deutschen Western-Märchen auch Balsam für die deutsche Seele der Prä-68er-Ära gewesen sein. Die Zerstörungen des verlorenen Krieges beseitigend, seine Ursachen und Wirkungen in der Biederkeit der späten Adenauer-Ära hingegen eher verdrängend, begann man unter Bundeskanzler Ludwig Erhardt „wieder Wer zu sein“. Dazu kam, dass Farbfilme und Filme in Breitwandverfahren wie CinemaScope noch eine relative Besonderheit waren — das noch in den Kinderschuhen steckende deutsche Fernsehen blieb ja noch bis 1967 zur Farblosigkeit verdammt. In jenen Jahren begann auch die Lust der Deutschen an Urlaubs-Reisen in ferne Länder zu wachsen. Dass Jugoslawien — Drehort der Karl-May-Filme — ein besonders beliebtes Urlaubsziel wurde, kam sicher nicht von ungefähr.

Sieht man sich die Filme heute nacheinander an, so bemerkt man deutlich, dass den Produktionen ab Winnetou I mehr Geld zur Verfügung stand. Vielfältiger ausgestattete Schauplätze und größer angelegte Action-Szenen zeichnen die Winnetou-Trilogie aus. Dem Quartett gemeinsam sind hingegen die schon immer zu Recht gerühmten, zum Großteil traumhaft schönen jugoslawischen Landschaftspanoramen: z. B. wurden die überaus schön gestalteten Szenen am „Silbersee“ vor der malerischen Kulisse der Plitvičer Seen gedreht und gehören zum Besten, das dieser Film zu bieten hat.

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