Ride with the Devil

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. Februar 2001
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

US-Bürgerkriegs-Special

Für die Nord-Amerikaner war der Sezessions- oder Bürgerkrieg (1861-65) nicht nur eine äußerst bittere, sondern überhaupt die bislang blutigste Erfahrung ihrer gesamten Geschichte. Keine kriegerische Auseinandersetzung, in welche die Vereinigten Staaten verwickelt waren, forderte derart hohe Verluste an Menschenleben – eine Tatsache, die weniger bekannt sein dürfte.

Im Spiegel des Hollywood-Films ist das Bild des Bürgerkriegs überwiegend stark verzerrt: Die Bedeutung des Konfliktes und seine Auswirkungen werden weitgehend simplifizierend und romantisierend dargestellt. In den Filmen der 30er bis 70er Jahre entsteht eher das Bild einer überwiegend durch Guerilla-Aktionen ausgetragenen Auseinandersetzung mit romantischem Abenteuer-Touch. Selbst im großen Bürgerkriegs-Melodram Vom Winde verweht (1939) ist die wichtige Schlacht von Gettysburg (1863) nur Hintergrund für eine eindrucksvolle Szene am Telegrafen-Büro, vor dem die Bevölkerung auf die neuesten Verlust-Listen wartet. Und selbst die auch für heutige Zuschauer noch sehr eindringlich inszenierten Bilder, wo kurz vor der Aufgabe von Atlanta die Verwundeten in Massen am Bahnhof in der Sonne schmachten, vermögen nur einen schwachen Eindruck von der in der Rückschau in vielem „modernen“ Wirklichkeit dieser inzwischen 140 Jahre zurückliegenden Auseinandersetzung zu vermitteln.

Der US-Bürgerkrieg war ein sehr vielschichtiger Konflikt, in dem zwar auch noch klassisches Husarengeschick eine wichtige Rolle gespielt hat, der aber bereits den ersten Weltkrieg in vielen Ereignissen vorausahnen lässt. Von Anfang an wurde mit recht modernen Waffen (für diese Zeit fast schon „Vernichtungs-Waffen“) gekämpft, wobei sich allerdings noch die napoleonischen Kriege in den angewendeten Kampf-Taktiken spiegelten – extreme Verluste waren die Folge. Letztlich unterlag der Süden der entscheidend gewordenen Überlegenheit des stark industrialisierten Nordens an Menschen und Kriegs-Material.

Der US-Bürgerkrieg war allein auf Nebenkriegs-Schauplätzen ein Guerilla-Krieg: Es gab nicht allein gewaltige Schlachten, sondern auch langwierige Belagerungs- und Stellungs-Kämpfe in tiefgestaffelten Graben-Systemen und dazu erste Erfahrungen mit „modernen“ Panzerschiffen und sogar U-Booten. Aus dieser Zeit stammt bereits die Erfahrung, dass gut ausgebaute, gestaffelte Verteidigungsstellungen im frontalen Sturmangriff kaum noch zu nehmen sind – fatale Angriffs-Operationen mit tausenden von Toten innerhalb von nur 10 bis 20 Minuten sind dem vorausgegangen. Trotz der Tatsache, dass auch europäische Militär-Beobachter wie Graf Zeppelin teilnahmen, bedurfte es offenbar eines ersten Weltkrieges bis derartige Erfahrungen allgemein akzeptiert wurden – mit ähnlich verlustreichen Operationen bei Verdun und anderen Schauplätzen von vergleichbar trauriger Berühmtheit…

Anmerkungen zum Film Ride with the Devil

Ride with the Devil drehte der von der Kritik zur Zeit nahezu einhellig gelobte taiwanesische Regisseurs Ang Lee (Tiger & Dragon, Sense and Sensibility, Der Eissturm) bereits 1999. Der Film schildert eine wenig bekannte Episode aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Im Grenzgebiet von Kansas/Missouri schwelte schon seit 1856 ein latenter Krieg zwischen fanatisierten militanten Sklaven-Befreiern (Abolitionisten) aus Kansas und den Südstaatlern aus Missouri. In der historisch als „Bleeding Kansas“ bezeichneten Vorphase des Krieges überzogen Guerilla-Banden – teilweise von krimineller Energie und nackter Mordlust getrieben – das Land mit blutigem Terror. Der ehemalige Lehrer William Clark Quantrill war wohl der Schillerndste unter den Anführern derartiger Banden. Es gelang ihm 1863, die zersplitterten Kräfte zu bündeln und zu einem letzten Schlag auszuholen. Mit rund 450 Mann rückte er im August desselben Jahres in Kansas ein und richtete in der Stadt Lawrence – einer Hochburg der Abolitionisten – ein Blutbad an.

Ang Lees Rekonstruktion dieses dunklen historischen Ereignisses steht im Zentrum des Films Ride with the Devil, der seit dem 4. Januar 2001 in den deutschen Programm-Kinos gezeigt wird. Erzählt wird die Geschichte einiger Jugendlicher aus Missouri, die in die Guerilla-Kämpfe hineingezogen und damit vorzeitig erwachsenwerden müssen. Aber auch eine weitere kaum bekannte Facette des US-Bürgerkriegs thematisiert der Film: den Kampf freigelassener Sklaven auf der Seite des Südens…

Übrigens, auch die legendären Brüder Frank und Jesse James sowie die Younger-Brüder gehörten zu denen, deren Outlaw-Karriere bei der Missouri-Südstaaten-Guerilla begann. Ihr zweifelhafter Mythos ist, wie der des mindestens ebenso zwielichtigen Quantrill nicht nur in Volks-Liedern, sondern ebenso in vielen Hollywood-Filmen stilisiert und verklärt worden.

Mychael Dannas Filmmusik auf CD

Der Komponist der Filmmusik zu Ride with the Devil, Mychael Danna, bevorzugt in seinen Klangschöpfungen kammermusikalische Transparenz und verarbeitet gern ethnische Einflüsse. Seine Klangstrukturen zu Ride with the Devil sind dem entsprechend stark von Instrumenten der Region (Banjo, Fidel etc.) durchsetzt. Erfreulicherweise hält der Komponist gebührenden Abstand zu der als western-typisch geltenden Copland-Americana, die mittlerweile schnell etwas abgedroschen wirkt. Danna geht hier einen weitgehend eigenständigen Weg – wohl am nächsten steht seiner Musik Ry Cooders Tonschöpfung zu Geronimo • Geronimo – Das Blut der Apachen (1994).

Bei den in Ride with the Devil reichhaltig vertretenen folkloristischen Klängen handelt es sich zum einen um adaptierte Originale, die besonders Zeit- und Lokalkolorit erzeugen; zum anderen kombiniert Danna Ethnisches auf ungewöhnliche Weise gekonnt mit vorzugsweise schlanken Orchester-Klängen. Anzumerken sind die häufig schönen und stimmungsvollen Instrumental-Soli in der Musik. In den episch angelegten Szenen lässt der Komponist die Muskeln des Orchesters spielen: er setzt mit recht wuchtigen orchestralen Tableaus dramatische Akzente, die von raffinierten Percussions und markanten Einsätzen des Blechs dominiert werden. Auch die hier verschiedentlich unüberhörbaren minimalistischen Einflüsse wirken keinesfalls störend, sondern sind integraler Bestandteil eines insgesamt gelungenen Klang-Designs, in dem Elektronik keinen gravierenden Anteil hat. Mychael Dannas musikalische Lösung zu Ride with the Devil wirkt kraftvoll und zeitgemäß zugleich: sie überzeugt nachhaltig, vielleicht auch, weil sie, obwohl eigenständig, Gewohntes nicht völlig über Bord wirft, sondern vielmehr neu interpretiert, ohne den Hörer zu überfordern. Den letzten Track der CD bildet der passabel wirkende Song „What’s Simple is True“, interpretiert von der Folk-Sängerin Jewel, welche im Film die Rolle der Sue Lee Shelly verkörpert. Erfreulicherweise ist die Filmmusik-CD auch in Deutschland veröffentlicht worden und daher problemlos zu beschaffen.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Danna, Mychael

Erschienen:
1999
Gesamtspielzeit:
53:32 Minuten
Sampler:
Atlantic
Kennung:
7567-83262-2

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