Der Eissturm

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
28. Mai 2002
Abgelegt unter:
DVD

Film

(5/6)

Bild

(6/6)

Ton

(4.5/6)

Extras

(2/6)

Regisseur Ang Lees Ice Storm • Der Eissturm reflektiert das Lebensgefühl der 70er Jahre. Der Film thematisiert die Probleme im Umgang mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution der späten 60er am Beispiel zweier bürgerlicher Familien in der amerikanischen Provinz. Die Filmhandlung ist 1973 in Connecticut angesiedelt, dem Jahr des Watergate-Skandals. Neben dem politischen Verwirrspiel von Präsident Nixon ist die „befreite Lust“ Teil des alltäglichen Lebens geworden. Allerdings wird rasch deutlich, wie „eiskalt“ und oberflächlich trotz erotischer Freizügigkeit die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Protagonisten in der Realität sind. Die Ehen haben sich in Monotonie festgelaufen, Fremdgehen wird (erfolglos) als Rezept gegen Beziehungskrisen erprobt. Inmitten des emotionalen Chaos der Erwachsenen befinden sich die pubertierenden Kinder auf der Suche nach dem „Ersten Mal“.

Der Film zeichnet sehr stimmungsvoll ein unterhaltsames satirisches Bild einer in Widersprüchlichkeit und Verklemmtheit befangenen, in vielem verlogenen Elterngeneration und ihres Nachwuchses. Man gibt sich aufgeklärt, liberal und sexuell befreit, aber letztlich zeigt sich doch, dass die Spezies Mensch für bedeutende Veränderungen in ihrem Dasein einfach sehr viel Zeit braucht. Der Wandel von puritanisch geprägten Moralvorstellungen und althergebrachtem autoritärem Patronat zum freien, modernen, demokratisch orientierten Individuum ist bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Insofern sind die Figuren des Films zugleich Spiegelbild von Teilen der heutigen Gesellschaft. Daher empfinde ich Ang Lees Film auch nicht primär als eine schonungslose Analyse des „American Dream“ der 70er Jahre, sondern als deutlich allgemeingültiger.

Der Regisseur nutzt ein Naturphänomen, „den Eissturm“ mit seinen eigenwilligen Formen voll bizarrer Schönheit, als Höhepunkt des Films und zugleich zur Visualisierung des Seelenzustandes seiner Figuren. Das Geräusch brechenden Eises bei alltäglichen Verrichtungen (z. B. beim Zerkleinern von Eis für Drinks) wird bereits zuvor dramaturgisch stimmig zum wichtigen Teil einer insgesamt dezent agierenden Tonkulisse.

Ein sehr sehenswerter, ernster, aber zugleich auch unterhaltsamer, eher leiser Film über die Problematik zwischenmenschlicher Beziehungen; ebenso ein Zeitbild, dessen dezent eingestreute Alltagswitze nicht aufgesetzt sondern realsatirisch sind. Eiskalt, aber zugleich – ohne in Saccharin-Kitsch abzugleiten – auch nicht ohne Menschlichkeit und Hoffnung. Die Wirkung der ausdrucksstarken Bilder wird durch Mychael Dannas geheimnisvoll, ethnisch-fremdartig klingende Musik gekonnt unterstrichen. Der Eissturm erhält auch durch seine gut bis sehr gut agierende Schauspieler-Riege beträchtlichen Reiz. Neben anderen spielen Kevin Kline, Tobey Maguire und besonders überzeugend Sigourney Weaver. Aber auch die jugendlichen Darsteller werden ihrer Aufgabe mehr als nur gerecht.
Das Drehbuch von James Shamus zu Der Eissturm wurde 1997 in Cannes ausgezeichnet. Nicht allein dadurch gerät der Film zu einem Highlight des Kinojahres 1997.

Ang Lees Der Eissturm auf DVD

In der vorliegenden Kinowelt-DVD-Präsentation besticht insbesondere das brillante Bild: hell, lichtstark, in satten Farben sowie von Topwerten in Auflösung und Kontrast bestimmt. Im Vergleich dazu wirkt das in verschiedenen Fernseh-Ausstrahlungen Gesehene eher blass und stumpf. Viele Details, die von DVD mühelos zu erkennen sind, gehen in der recht kontrast-schwachen Fernsehversion weitgehend unter. Die Kinowelt-DVD präsentiert Der Eissturm bildschirmformatfüllend (im Seitenverhältnis 4 : 3). Ein eingehender Vergleich mit der im Seitenverhältnis 1 : 1,85 ausgestrahlten TV-Fassung zeigt, dass bei der 4 : 3-Version keine Bildverluste zu beklagen sind. Vielmehr ist der Film als Fullframe aufgenommen worden, derart, dass für Kinovorführungen auch im Seitenverhältnis 1 : 1,85 abgedeckt projiziert werden kann, ohne dass dabei entscheidende Bildinhalte abgeschnitten werden. Beim gegenüber Kinoleinwänden zwangsläufig minimäßigen TV-Bild ist (allein in derartigen Ausnahmefällen) der voll ausgefüllte Bildschirm eine positive Begleiterscheinung.

Die eher dezente, aber recht stimmungsvolle Dolby-Surround-Tonkulisse (AC-3-2.0) ist nur in Deutsch vorhanden. Als Zusatzmaterial gibt es ausschließlich einen Trailer in ordentlicher Qualität.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Regisseur*in:
Lee, Ang

Erschienen:
2001
Vertrieb:
Kinowelt
Zusatzinformationen:
USA 1997

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