Die Vermessung der Welt (3D-Blu-ray)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
9. Oktober 2013
Abgelegt unter:
3D

Film

(2.5/6)

Bild

(5/6)

Ton

(5.5/6)

Extras

(5.5/6)

Kommentar zu Film, Filmmusik und Filmbuch

Regisseur Detlev Bucks Film porträtiert im Rahmen einer fiktiven Doppelbiografie zwei berühmte deutsche Wissenschaftler, den adligen Naturforscher Alexander von Humboldt (Albrecht Schuch) und den aus einfachen Verhältnissen stammenden genialen Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz) in Parallelmontage. Beide Charaktere könnten kaum unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite der nahezu ortsfeste Gauß, ein Grübler, dessen Genialität eher im Studierzimmer zum Tragen kam und sich in Form beschriebener Seiten niederschlug und auf der anderen der weitgereiste Humboldt, der versuchte die Zusammenhänge der Dinge experimentell zu erfassen.

Der Film hat ca. 10,5 Mio € gekostet und entstand hauptsächlich im an der deutsch-polnischen Grenze gelegenen Görlitz, das von Kriegseinwirkungen verschont geblieben ist. Seine gut erhaltene historische Bausubstanz wurde zum Braunschweig von 1780. Weitere Drehs fanden in Berlin, in Österreich und in Ecuador statt. Die literarische Vorlage ist Daniel Kehlmanns 2005er gleichnamiger Überraschungs-Bestseller, der mittlerweile in über 50 Sprachen übersetzt worden ist. Kehlmann verfasste auch das Drehbuch und fungiert außerdem als Off-Erzähler. Kehlmann, Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann (Radetzkymarsch), der vom Film als einer eigenständigen Fassung spricht, die im Geist sehr nah am Buch sei, sagte außerdem, er habe Details erfinden oder Szenen verändern können: „Je schräger, desto besser“ habe die Vorgabe gelautet. Und Produzent Claus Boje betonte, man werde viel zu lachen haben. Kehlmann und Buck gönnen sich im Film übrigens jeweils einen kleinen Cameo-Auftritt. Nach Pina und Wickie auf großer Fahrt ist Die Vermessung der Welt übrigens die dritte federführend deutsche 3D-Produktion.

Offenbar sollte diese Verfilmung eines historischen Kostümstoffes abseits der vom Hollywoodkino geprägten Standards realisiert werden. Ob man in der Filmversion den Protagonisten (neben Gauß und Humboldt in gewissem Sinne auch Kant), die letztlich doch wichtige Heroen der Aufklärung sind, durch ausschließliches Präsentieren in skurriler, lebensuntüchtiger Kauzigkeit noch einigermaßen gerecht zu werden vermag, erscheint mir allerdings zweifelhaft. Sicher versteht man die Welt nicht ausschließlich über die Wissenschaften, aber wie rückständig und irrational wäre diese wohl noch heute, ohne die durch wissenschaftliche Erkenntnisse begründete und beflügelte Aufklärung? Dass etwa Humboldt Südamerika noch nicht tropentauglich, sondern in der in Preußen üblichen Bekleidung bereiste, war damals genauso üblich, wie auch das Durchführen entscheidender chemischer Experimente in schlecht belüfteten, heutigen Chemie-Laboren kaum ähnlichen Räumen. Gearbeitet wurde dabei auch nicht mit spezieller Labor- und Schutzausrüstung, sondern im damals feinen Straßenanzug. Derartiges wäre heutzutage undenkbar und erscheint dadurch zwangsläufig grotesk.

Dass hier geniale historische Figuren der Kategorie „Deutsche Dichter und Denker“ durch Reduktion auf’s Allzumenschliche und durch fortwährendes Überspitzen schlichtweg verballhornt werden, vermag trotz einzelner interessanter Momente denn auch nicht recht zu überzeugen. Insbesondere das Bild Humboldts wird eindeutig an überlieferten Vorurteilen orientiert und ist dadurch besonders ausgeprägt verzerrt und klischeebelastet – siehe dazu im Anhang den Link zu „Ottmar Ette: Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmanns Welt“. Dabei wird dem völlig überdrehten satirischen Ganzen durch den sich fortwährend „seriös“ gebenden Kommentar – wohl eher gewollt statt ungewollt – die Aura des Wahrhaftigen verliehen. (Ein Eindruck der sich durch die Anmerkungen Kehlmanns im Audiokommentar noch verstärkt).

Der Film ist zwar insbesondere visuell schon eindrucksvoll, aber dem Plot fehlt die eindeutige augenzwinkernde ironische Leichtfüßigkeit, welche es den Figuren letztlich gestatten würde, Würde zu bewahren. Durch zur Schau stellen eines absurd-grotesken Panoptikums resultiert hier stattdessen leider eine Farce, die sich partiell auch den Hang zum Drastischen (Gauß’ heftige „Zahnbehandlung“ beim Barbier) oder auch Peinlichen (der sich einnässende, alte Humboldt) nicht erspart.

In der Riege der auftretenden Jung- und Altstars verkörpert Michael Maertens den Herzog von Braunschweig als ewig naschenden vertrottelten Landesvater und Sunnyi Melles ähnlich grell überdreht die Mutter Alexanders, Marie-Elisabeth von Humboldt. Wenn diese fortwährend „Sch…“ fluchend verstirbt, erscheint das nicht nur für das ausgehende 18. Jahrhundert denn doch etwas sehr salopp modern. Man fragt sich, was der Film dem Zuschauer damit denn nun vermitteln möchte.

Karl Markovics als Lehrer Büttner erscheint dafür umso glaubwürdiger. Zwar ist Büttner ein aus nichtigen Anlässen prügelnder Pauker der ganz alten Schule, aber zugleich derjenige, der im jungen Gauß auch das Mathematik-Genie erkennt und fördert. Gerade die Schulszene zu Beginn, wo sich die in der Luft umher schwebenden Staubpartikel zur das gestellte mathematische Problem lösenden – inzwischen als Gauß’sche Summenformel geläufigen – Ausdruck verdichten, ist einer der gelungensten Momente des Films. Zumindest visuell gut umgesetzt ist die (rein fiktive) tragikomische Begegnung von Gauß mit dem Philosophen Immanuel Kant (Peter Matic). Bemerkenswert ist hierbei das an Stanley Kubriks Barry Lyndon (1975) erinnernde, magisch wirkende gelbliche Tageslicht in der Szene in Kants Königsberger Domizil. Für das von Gauß mit nur 21 Jahren verfasste bahnbrechende Lehrbuch der Zahlentheorie (Disquisitiones Arithmeticae), welches bereits der Herzog von Braunschweig nicht verstand, erntet er von dem inzwischen komplett dementen Philosophen allein den völlig teilnahmslosen Kommentar: „Wurst“. Und auf dem Sklavenmarkt im Dschungel, wo Humboldt Sklaven von einem offenbar österreichischen Sklavenhändler (Georg Friedrich) kauft und anschließend freilässt, kontrastieren Rassen- und Herrenmenschenideologie mit dem Geist der Aufklärung. (Kehlmann bemerkt dazu übrigens im Audiokommentar bissig-ironisch wie skurril, dass da, wo sich schlimme Dinge abgespielt haben, immer auch Österreicher prominent beteiligt gewesen seien.)

Neben einigen betont künstlerisch gestalteten szenischen Übergängen ist auch Humboldts Überfahrt nach Südamerika besonders erwähnenswert. Diese ist nämlich angelegt im Stil eines drolligen, fantasyhaften Cartoons der „Pre-Aufkärungs-Ära“, bevölkert mit fantastisch anmutenden Fischen und Seeungeheuern.

Der 1945 geborene Kameramann Slawomir Idziak (Drei Farben: Blau, Black Hawk Down, King Arthur, Harry Potter und der Orden des Phönix) wurde im März 2004 mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet. In Detlev Bucks Vermessung der Welt sorgt er immer wieder für poetische und zugleich pfiffige 3D-Bildkompositionen, auch indem er den Raum im Bild durch schwebende Staubteilchen betont oder auch die immer wieder auftauchenden Federn geschickt im Bild platziert.

Wären da nicht die durch Nachbearbeiten der Bilder für meinen Geschmack oftmals einfach zu extrem vorgenommenen Verfremdungen. (Dieses Stilmittel ist inzwischen derart in Mode gekommen, dass sein geradezu inflationärer Einsatz mich in seinen oftmals nur noch „gewollt eigenwilligen“ Resultaten meist nur noch ermüdet.) Fortwährend erscheinen die Farben gekünstelt, sind entweder entsättigt oder geradezu surreal übertrieben – etwa in der sehr dunkel gehaltenen und noch zusätzlich in Magenta getauchten (Fast-)Besteigung des ecuadorianischen Vulkans Chimborazo. Das Bahnbrechende dieser für ihre Zeit eindrucksvollen Pioniertat bleibt dabei für den Zuschauer komplett auf der Strecke.

Ebensowenig natürlich gewählt ist der Kontrast. Dieser ist vielmehr durchweg überhöht, was im Bild zwangsläufig zu kräftigen Detailverlusten führt. Mitunter ist der Kontrast derart steil angelegt, dass abseits einzelner (zu) heller Bereiche alles Übrige fast nahtlos in tiefem Schwarz versinkt und dabei natürlich auch seine Detailstruktur nahezu komplett einbüßt. Entsprechend wirkt dann auch so manche an sich geschickt oder gar originell gewählte 3D-Einstellung wiederum etwas befremdlich.

Das Filmbuch zu Die Vermessung der Welt

Der gut aufgemachte Band entpuppt sich als ansprechendes Souvenir zum Film. Er enthält das mit vielen Filmbildern illustrierte Drehbuch und darüber hinaus weitere lesenswerte Infos zur Produktion. Den Reigen eröffnet ein sogenannter „Bonus-Track“: Die durch Storyboard-Entwurfszeichnungen illustrierte gestrichene Szene „Reise im Ballon“. Anschließend erläutern Kehlmann und Buck im Gespräch mit Willi Winkler in „Ein Fenster in die Vergangenheit“ detailliert ihre Beweggründe bei der filmischen Umsetzung der Romanvorlage und auch beim Einsatz von 3D. In „Ich war die Hebamme“ vermittelt die Schauspielerin Wenka v. Mikulicz Impressionen von den umfangreichen Dreharbeiten in Görlitz. Dabei wird auch verraten, wo Autor Kehlmann seinen Kurzauftritt hat. Willi Winkler berichtet in „Vom Schieben der Nilpferde“ über die Dreharbeiten in Ecuador.

Die folgenden beiden Beiträge widmen sich eingehender dem 3D-Verfahren: „Stimmen zu 3D“ und besonders Jan Distelmeyers „Da kommt was auf uns zu. Zur Geschichte und den Möglichkeiten von 3D“. Hier geht es in Form eines knappen Abrisses grundlegend um wichtige Aspekte der Kino-Stereoskopie – gestern, heute und auch ausblickend auf morgen. Beim stereoskopischen Natural-Visions-Verfahren hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: Dieses arbeitet nicht mit farbigen (Anaglyphen-)Filtern, sondern mit den dezent grau erscheinenden Polarisationsfiltern. Diese sind bei 3D die Voraussetzung für eine einwandfreie Farbwiedergabe.

Thomas Glavinics Beitrag „Ein Film ist ein Film“ berichtet abschließend und resümierend von der Premiere in Wien. Seiner humorigen Feststellung, dass man sich nach dem Anschauen von Die Vermessung der Welt unsagbar freut, in der Jetztzeit zu leben und damit nicht mehr die hygienisch bescheidenen Verhältnisse des frühen 19. Jahrhunderts aushalten zu müssen oder sich beim Zahnarzt einer Lokalanästhesie sicher sein zu können, bleibt nichts hinzuzufügen.

Die Vermessung der Welt auf 3D-Blu-ray

Die Präsentation von Bild und Ton befindet sich zweifellos auf sehr hohem Qualitätsniveau. Einschränkungen sind in beiden Fällen in erster Linie stilmittelbedingt (s.o.) und ihre Beurteilung daher auch in nicht unerheblichem Maße vom individuellen Geschmack geprägt.

Die 2D-Version ist trotz des mitunter sehr dunklen Bildes frei von Beeinträchtigungen wie Rauschen. In 3D enttäuscht der Qualitätsstandard ebenfalls nicht: Nur in begrenztem Maße sind auch mal Doppelkonturen (Ghosting) zu erkennen. Der effektverspielte Tonmix kommt sehr satt herüber. Hier handelt es sich übrigens um einen Downmix des derzeit brandneuen Dolby-Digitaltonstandards „Dolby Atmos“. Dieses aufwändige High-Tech-Surround-Klangsystem kann derzeit weltweit nur in einzelnen ausgewählten Anspielstätten erlebt werden. Es soll den akustischen 3D-Effekt völlig unabhängig von der Position des Hörers im großen Kinosaal perfektionieren.

Bei den Boni kommt die vorliegende 3D-Blu-ray-Ausgabe ebenfalls sehr gut weg, ist sie doch vergleichbar hochwertig angelegt wie die zu Pina. Die BD-Discs 1 und 2 enthalten den Film nebst Trailer in 2D bzw. in 3D. Der dazu jeweils wählbare Audiokommentar von Regisseur Buck und Schriftsteller/Drehbuchautor Kehlmann ist aufschlussreich und dabei behilflich, so manche Intention der Macher besser zu verstehen. Die dritte Disc im Set ist wiederum eine 3D-Blu-ray. Sie beherbergt ein äußerst sorgfältig in 3D produziertes „Making of“. Unterteilt in 22 Kapitel offerieren die rund 67 Minuten tiefe Einblicke in das, was beim Handhaben stereoskopischer Aufnahmetechnik zu beachten ist, sowohl im Allgemeinen als auch im Speziellen, nämlich bei der Produktion von Die Vermessung der Welt. Obendrein ist noch eine „Digital Copy“ zum Herunterladen mittels beiliegendem Code mit im Paket.

Die Filmmusik von Enis Rotthoff

Einis Rotthof ist zweifellos ein ambitionierter Nachwuchskomponist. Bereits im Jahr 2006 wurde seine Komposition zu Die blaue Grenze auf Cinemusic.de vorgestellt. Überraschenderweise ist seiner Vertonungsarbeit zu Die Vermessung der Welt weder im Bonusmaterial der 3D-BD-Edition noch im Filmbuch ein erläuterndes Plätzchen gewidmet.

Rotthoffs Streicher-dominierte Vertonung schöpft im weitesten Sinn bei der Minimal Music. Betont sind anstelle von Melodik eher Energie, Rhythmik und besonders Harmonik. Auch wenn es immer wieder recht aparte Klangkombinationen zu hören gibt, lässt das weitgehende Fehlen einprägsamer musikalischer Gedanken die Musik anfänglich etwas gleichförmig erscheinen. Dies behindert denn doch ein wenig dabei, mit dem an sich gut geschnittenen Album rasch warm zu werden.

Mit 50 Streichern, Horn, Klavier, Harfe und E-Gitarre versehen ging das ORF-Radio-Symphonieorchester (RSO Wien) im großen Sendesaal des ORF Radiokulturhaus Wien unter Gottfried Rabl zu Werk. Dessen verstärkte Streichersektion soll laut Begleithefttext Humboldts „Energie und Pathos“ vermitteln. Die für die sich flink bewegenden Gedanken des eher introvertierten Gauß stehenden Violinsoli, interpretiert von Kolja Blacher, wurden dagegen separat, im Studio P4 Berlin, aufgenommen. Das CD-Album ist erhältlich bei Scoring Records.

Fazit: Ob Daniel Kehlmanns 2005er Überraschungs-Bestseller, „Die Vermessung der Welt“, in der eher zwiespältigen „Sehbuch“-Version von Regisseur Detlev Buck einen ähnlichen Kultstatus erreichen wird, erscheint eher unwahrscheinlich. Die häufig mit ausgefeilter Tiefenstaffelung und gelegentlichen Popout-Effekten aufwartende 3D-Fotografie von Kameramann Slawomir Idziak bildet im leidlich unterhaltsamen Film das tragende Element. Abgesehen von der mitunter aufdringlichen Künstlichkeit der häufig extrem verfremdeten Bildeindrücke (s.o.) ist sie mindestens ein Grund, sich dem Streifen mal in Ruhe zu widmen. Das gut geschnittene Filmmusikalbum von Enis Rotthoff ist dazu in jedem Fall ein willkommenes klingendes Souvenir.

Weiterführender Link:

Ette, Ottmar (2012): Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmanns Welt. In: HiN – Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam – Berlin) XIII, 25, S. 34-40.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Regisseur*in:
Buck, Detlev

Erschienen:
2013
Vertrieb:
Warner Home Entertainment (3Blu-ray-Set (2x 3D-BD + 2D-BD)
Kennung:
Best.-Nr. 1000360056
Zusatzinformationen:
D/A 2012

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