Die blaue Grenze

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. Februar 2006
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

Die Blaue Grenze

Die Flensburger Förde bildet die blaue Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Hier liegt in Till Franzens Debüt-Film (Bundesstart: 24. November 2005) zugleich die Grenze zwischen Himmel und Erde, von Dies- und Jenseits und damit ein Ort, wo Traum und Wirklichkeit miteinander verschwimmen. Im gefühlvollen Melodram Die Blaue Grenze treffen die Schicksale einer handvoll Personen aufeinander, deren Verbindungen untereinander das filmische Mosaik nur zum Teil erklärt. Der von einem fernöstlichen Mythos angehauchte Film erzählt etwas über die Toten, die in die Spiegel verdammt sind und gelegentlich daraus wieder hervortreten können, um uns so wieder zu begegnen. Er erzählt aber auch von den unsterblich Verliebten.

Entsprechend gefühlsbetont, elegisch und melancholisch, mitunter geheimnisvoll und überhaupt dezent ist die Klangwelt, die der Komponist zur Untermalung geschaffen hat. Rotthoff hat, trotz zweifellos kleinen Musikbudgets, erfreulicherweise nicht die preiswerteste Lösung, eine rein synthetische Untermalung, gewählt. Vielmehr hat er ein kleines Streicherensemble organisiert und die Piano-Parts selbst übernommen. Und neben einer sorgfältigen Abmischung, ein paar gesampelter Sounds (Schlagzeug sowie eine Priese an Morricone gemahnender Vokalise) inklusive, ist auch noch ein wenig verfremdet worden, um den Klang passend zur entrückten Atmosphäre des Films zu gestalten.

Ein klares Vorbild ist Thomas Newman, an dessen mitunter ätherischen Klängen sich die teilweise synthetisch unterstützten Klangraumkompositionen orientieren. Gelegentlich fühlt man sich auch an die Minimalismen eines Philip Glass erinnert. Das Klavier intoniert eingangs ein sehr einfaches Thema, das rasch einige Ohrwurmqualitäten entwickelt und als eine Art stimmungsmäßiges Leitmotiv immer wiederkehrt. Neben eingängigen Adagio-Sätzen sowie einem Blues für einen Polizeikommissar, finden sich aber auch ein paar Stücke, die infolge ihres ausgeprägt collagehaften Stils, als reine Stimmungsreflexion, ohne den Film weniger interessant geraten sind. Ein gewisses „Problem“ bildet auch die ausgeprägte Kürze der meisten Tracks, da sich die Musik darin zwangsläufig nur begrenzt zu entfalten vermag. Von dieser nur abseits der Bilder wirklich zum Tragen kommenden Einschränkung bildet die rund 6-minütige Piece „Der Regen“ einen bemerkens- und hörenswerten Kontrast. Die Musik zum Naturereignis ist ein besonders gelungenes mehrstimmiges Streicheradagio, das mit hübsch auskomponierten Effekten durchsetzt ist.

Alles in allem ist die auf dem Album vollständig vorliegende Filmmusik zu Die Blaue Grenze eine recht ansprechende (Hör-)Angelegenheit. Wertungstechnisch sind solide drei Sterne, mit etwas wohlwollendem Rückenwind auch dreieinhalb vertretbar. Immerhin hat hier nämlich jemand aus eher bescheidenen Möglichkeiten eine einfache, aber keineswegs fantasielose filmmusikalische Untermalung geschaffen: Diese hörenswerte Fingerübung verdient daher etwas Aufwertung. Bleibt zu hoffen, dass Enis Rotthoff in nicht allzu ferner Zukunft die Gelegenheit erhält, mit einem größeren Ensemble ein filmisches Projekt zu vertonen, das ihm breiteren Gestaltungsspielraum lässt.

Das Album zu Die Blaue Grenze enthält einen Score-Anteil von rund 37 Minuten. Zwei im Film vertretene Songs der Band Lambchop („The Daily Growl“ und „The New Cobweb Summer“) sowie der von Rotthoff selbst beigesteuerte Song „Something like I love you“ ergänzen auf die Gesamtspielzeit.

CD-Veröffentlichungen mit Vertonungen von Vertretern des Komponistennachwuchses sind hierzulande besonders rar. Enis Rotthoffs Musik zu Die blaue Grenze hat es dennoch geschafft: Das Album stand bereits rechtzeitig zum Filmstart (24. November 2005) online zum Kauf bereit. Auf der Aftershow-Party im Anschluss an die Kölner Premiere brachte übrigens ein Streichquartett der Musikhochschule Köln die Musik des jungen Berliners, Jahrgang 1979, den anwesenden Gästen live in Erinnerung. Wer wollte, konnte dann auch noch die CD erwerben. Wobei sich der Komponist kräftig ins Zeug gelegt hat, dazu die Voraussetzung zu schaffen. Wer jetzt neugierig geworden ist, der kann das Album online, bei Scoring Records, bestellen und/oder beim Gewinnspiel mitmachen.

Komponist*in:
Rotthoff, Enis

Erschienen:
2005
Gesamtspielzeit:
51:34 Minuten
Sampler:
Scoring Records
Kennung:
SCRE 1001

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