Munich

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. Februar 2006
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Munich

Nicht um Ruhm und Ehre, sondern um die aus Hass und Rache erwachsenden Konsequenzen geht es in Steven Spielbergs Munich. Die tragischen Ereignisse während der Olympiade 1972 in München, ausgelöst von der palästinensischen Extremistengruppe „Schwarzer September“, lieferten den Ausgangspunkt für eine sich über rund 20 Jahre erstreckende geheime Racheaktion des israelischen Geheimdienstes Mossad. Im Film verkörpert Eric Bana Avner Kaufmann den Chef des israelischen Mordkommandos — entsprechend der 1984 erschienenen literarischen Vorlage von George Jonas, „Vengeance“. Der Regisseur sieht seinen Film als „Gebet für den Frieden“, als Diskussionsbeitrag zum nach wie vor schwelenden Nah-Ost-Konflikt und natürlich zum damit verbundenen 11. September 2001 und seinen Folgen. Spielbergs umstrittener Film zeigt den Weg der geheimen Mordkommandos, der „Operation Zorn Gottes“, bis zu Avners Ausstieg in den späten 70er Jahren.

Spielberg hat dazu angemerkt: „Wenn wir Terror ausgesetzt sind, müssen wir darauf reagieren. Aber wie stellen wir sicher, dass wir nicht genau das werden, was wir bekämpfen? Das ist der Schlüssel zu unserem Film. …“ Letztlich hat auch Munich keine einfache Antwort im Gepäck. Allerdings wird in einer visionären Schlusseinstellung im Manhattan der Seventies, mit den Twin-Towers im Hintergrund, der bekannte Satz, dass Gewalt und Gegengewalt immer nur neue Gewalt erzeugt, eindrucksvoll unterstrichen …

Williams hat bei Munich, dem Anliegen des Films und seines Regisseurs entsprechend, einen unpathetischen, insgesamt sehr subtilen und — ähnlich wie in Die Geisha — zur Konzertmusik tendierenden Vertonungsansatz gewählt. Der Orchestersatz meidet konsequent schweres Blech, betont in seinen elegischen Adagio-Sätzen besonders die Streicher und bindet dabei Soli von Oboe, Englischhorn, Cello, Gitarre und Klavier ein. Hier finden sich Ähnlichkeiten zu Die Asche meiner Mutter, und in der partiellen Nähe zu Barber und Vaughan Williams’ „Tallis-Fantasie“ werden ebenso Erinnerungen an Geboren am 4. Juli geweckt. Bei „Hatikvah“ handelt es sich um ein Arrangement der israelischen Nationalhymne für chorische Streicherbesetzung — welche übrigens auf dem gleichen Volkslied basiert, das bereits Bedřich Smetana in seiner berühmten Tondichtung „Die Moldau“ verwandt hat.

Ein ergreifender Klagegesang setzt den Tonfall im Eingangsstück „Munich“ — Vokal-Solo Lisbeth Scott. Überraschenderweise erinnert das Munich-Thema an vergleichbare Passagen aus Mychael Dannas Ararat, was im (zumindest für mein Empfinden) armenischen Feeling, eher für einen allgemein arabischen, eben nicht speziell jüdischen Touch spricht, der — vielleicht gewollt — als klingende Parabel auf die Opfer beider Seiten interpretiert werden kann. Eine warme, melancholisch gefärbte Melodie für Avner, die auch in variierter Form immer wieder erscheint, bildet das zweite Hauptthema des Scores. „Avner und Daphna“ und „Thought’s of Home“ bilden die Höhepunkte der Musik. In ihnen werden sowohl das Munich- als auch das Avner-Thema verarbeitet und auch kontrapunktisch miteinander verwoben. So sind z. B. die kunstvoll ausgeführten Kantilenen der Oboe in „Avner und Daphna“ sowie des Cellos in „Thought’s of Home“ erwähnenswert. „Avner’s Theme“ ist ein Gitarrensolo-Stück, das das Thema des Protagonisten sowohl in originaler Gestalt als auch verändert vorstellt. Die Varianten der beiden Hauptthemen beschränken sich freilich weitgehend auf den Klang und damit auf Veränderungen der Instrumentierung, in den Begleitstimmen und Tonartverschiebungen. Aber wie Williams es macht, das ist auch hier letztlich überzeugend und verrät den souveränen handwerklichen Könner. Beide wohl gewählten Themen stellen ihre Stärke besonders nach mehrmaligem Hören eindringlich unter Beweis: indem sie sich markant einprägen.

In Teilen besteht das vorliegende Album aus auskomponierten Konzertversionen in gegenüber der Filmfassung (behutsam) veränderten Arrangements. Das wird besonders bei der Abspannmusik deutlich. Bei den „End Credits“ des Albums handelt es sich um eine freie Konzertfassung, die nicht nur wesentlich kürzer als die Filmversion ist, sondern im Rahmen einer konzertierenden Schlussapotheose ausschließlich auf das Avner-Thema zurückgreift — dieses Mal unterstützt von Soli des Cellos und Klaviers. Setzt man „Avner und Daphna“ oder „Thought’s of Home“ sowie die „End Credits“ hintereinander, kommt man der Filmfassung näher — was der unten angeführte Vorschlag für eine Höralbumfassung berücksichtigt.

Williams’ Vertonung ist konzeptionell und im Ergebnis ähnlich der zu Der Soldat James Ryan. Auch im Kriegsdrama wird die Musik vergleichbar sparsam eingesetzt. Hier bestimmt die elegische Musik sogar ausschließlich die ruhigen, reflektierenden Momente des Films, komplett unvertont beiben die Kriegsszenen. In Munich hingegen sind die Spannungsteile (vielleicht auf Wunsch von Spielberg) mit Musik unterlegt. Allerdings, sehr intim und dezent ist Williams zu Werke gegangen, hat markant rhythmisierte Actionpassagen konsequenterweise ausgespart. Die Spannungssequenzen in diesem Polit-Thriller sind entsprechend mit dissonanten, zum Teil synthetisch unterstützten, (Herz-)pochenden Klangflächenkompositionen unterlegt, in denen partiell auch das Munich-Thema motivisch und variiert aufscheint. Hier besteht partiell Nähe zu JFK.

An diesen Stellen ist Williams zwar sicher nicht schlichtweg schlecht. Seine musikalische Gestaltung von Suspense-Momenten wirkt in ihrem elektronisch basslastigen, meist allein bohrend und brodelnden Gestus auf mich allerdings oftmals weniger inspiriert als standardisiert. Diese Teile der Komposition sind im (jeweiligen) Film zwar funktional, solo gehört vermögen sie — vor allem in Gänze (!) — allerdings rasch den musikalischen Fluss zu lähmen. Wie auch in anderen Fällen hilft bei Munich durch Programmieren Straffen Durchhänger zu vermeiden. Ich empfinde folgende rund 41-minütige, nicht komplett Album-chronologische — stärker dem Filmschnitt angenäherte — Zusammenstellung als Höralbum besonders überzeugend: 1, 3, 10, 4, 14, 7, 6, 12, 16, 8, 18. Hört man diese oder eine ähnlich verstärkt auf die thematisch orientierten Teile der Musik fokussierende Zusammenstellung, so tritt auch hier die spürbare Nähe zur Konzertmusik deutlich zu Tage.

Unterm Strich ist Munich zwar längst nicht so originell geraten wie die Musik zu Die Geisha. Allerdings vermögen die, unter autonomem Gesichtspunkt betrachtet, zum Großteil weniger wirkungsvollen Spannungsmusiken es nicht, den Blick auf die deutlichen Qualitäten der übrigen Musikteile zu verstellen. Deshalb erscheinen mir volle vier Sterne als „noch“ angemessen.

Betrachtet man das beachtliche Williams-Quartett des Jahres 2005, liegt Die Geisha sowohl kompositorisch als auch als autonome Musik gesehen, klar an der Spitze. Star Wars — Episode III und Munich, bilden, obwohl stilistisch markant unterschiedlich, Höralben von vergleichbar guter Qualität. Allein unter diesem Blickwinkel bildet War of the Worlds eindeutig das Schlusslicht.

Komponist*in:
Williams, John

Erschienen:
2006
Gesamtspielzeit:
62:44 Minuten
Sampler:
Universal Decca
Kennung:
987 9142

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