Memoirs of a Geisha

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
8. Februar 2006
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Memoirs of a Geisha

2005 war für den Altmeister der Zunft, John Williams, ein geradezu erstaunlich arbeitsintensives Jahr. Um so erfreuter dürften die Fans und Freunde sein, bei Williams-CDs aus demselben Jahr immerhin viermal zugreifen zu können: nach Star Wars — Episiode III und War of the Worlds, jetzt bei Memoirs of a Geisha und Munich.

Im Auftrag des Produzenten Steven Spielberg inszenierte Regisseur Rob Marshall (Chicago) mit Memoirs of a Geisha • Die Geisha (deutscher Kinostart 19.1.2006) ein opulentes Melodram über die exotisch-geheimnisvolle Welt der japanischen Geishas. Im Zentrum der Filmhandlung steht der Zusammenprall westlicher und fernöstlicher Kultur. Zwar hatte sich Japan bereits Mitte des 19ten Jahrhunderts teilweise für den Westen geöffnet und dabei auch dramatische Umbrüche erlebt — siehe Der letzte Samurai. Der gravierendste Kulturschock erfolgte allerdings erst nach dem den 2. Weltkrieg beendenden Zusammenbruch des Kaiserreiches im Sommer 1945. Der Film visualisiert den Wandel bildgewaltig in Form der Erinnerungen der alten Geisha Sayuri. Gezeigt wird ihre Geschichte von 1929 bis Anfang der 50er Jahre. Dass in den Hauptrollen Chinesinnen oder Chinesisch-stämmige Darstellerinnen agieren, dürfte besonders in Fernost als pikant empfunden werden.

John Williams hat zu den Filmbildern eine sehr introvertierte, auf Reflexion der Gefühle der Protagonisten der Filmhandlung abzielende, vorzügliche musikalische Untermalung geschaffen, die auch als Albumschnitt zum durchgehend überzeugenden Hörerlebnis taugt. Die in einem exotischen klanglichen Umfeld dominierenden Cello-Passagen (interpretiert von Yo-Yo Ma) erinnern dabei an Sieben Jahre in Tibet, wobei die Musik im melancholischen Grundgestus auch Berührungspunkte mit Die Asche meiner Mutter aufweist.

Besonders hervorzuheben ist im musikalischen Kommentar zu Die Geisha die raffinierte Einbindung des Ethnischen. Dabei bekommt der Hörer neben vielfältigem exotischem Schlagwerk auch die aus anderen Filmvertonungen geläufigen Klassiker unter den japanischen Instrumenten zu hören: das Zupfinstrument Koto, die chinesische Violine Erhu und die von James Horner mitunter zu den unmöglichsten filmischen Anlässen herangezogene Bambusflöte Shakuhachi. Gerade mit der so „berüchtigten“ Shakuhachi demonstriert Williams, wie eigenständig und faszinierend subtil dieses bei Horner zum eher aggressiv-schrillen Effekt verkommene Blasinstrument denn doch eingesetzt werden kann: In „Dr. Crab’s Prize“ darf es in Form eines ausgedehnten Solos seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Und wie er hier beispielsweise die Harfe und die mit ihr verwandte japanische Koto geschickt miteinander kombiniert, führt zu klanglich ungewöhnlichem und zugleich reizvollem Resultat. In der Verschmelzung des Fernöstlich-Ethnischen mit westlicher Sinfonik ist Williams hier überhaupt eine sehr persönliche, eigenständige Lösung gelungen; eine, die sich z. B. von vergleichbar überzeugenden Kompositionen von Goldsmith (z. B. Tora! Tora! Tora! oder The Challenge) deutlich absetzt. Vielleicht gerade weil sie in Teilen einen gewissen artifiziellen Konzertmusik-Touch besitzt, vermag diese Musik den Hörer besonders zu beeindrucken.

Der in vielen Williamskompositionen so perfekt und niveauvoll gehandhabte Klangbombast bleibt dieses Mal insgesamt ausgespart; selbst der Ausbruch des 2. Weltkrieges in „The Fire Scene and the Coming of War“ ist zurückhaltend und unpathetisch. So bleibt diese (Film-)Musik praktisch durchgehend einer eher intimen Gestik und im Ausdruck dem fernöstlichen Klangidiom eng verbunden. Entsprechend ist sie selbst in den sparsamen Tuttipassagen sehr transparent, geradezu im klassizistischen Sinne kristallklar gehalten. Alles in allem wirkt diese faszinierende Williamskomposition weniger filmtypisch, mutet wie ein exotisch wie (partiell) avantgardistisch angehauchtes Konzertstück an. Letzteres findet sich z. B. in “The Journey to the Hanamachi“ und „The Rooftops of the Hanama-chi“. Ein typisches Ingredienz des Williams’schen Spätstils, wie die an A. I. gemahnenden Minimalismen, ist ebenfalls vertreten: z. B. in „Destiny Path“ sowie im Schlussstück „Sayuri’s Theme and End Credits“. Die besonders ausgeprägte Nähe dieses Scores zu den konzertanten Williamskompositionen machen sowohl das auf dem 2002er Album „Yo-Yo Ma plays the Music of John Williams“ vertretene Cellokonzert aber auch das träumerische „Treesong“ (für Violine und Orchester) deutlich.

Die romantische Seite dieser Filmmusik wird von zwei eingängigen Themen beherrscht. Mögen diese anfänglich vielleicht etwas unscheinbar wirken, nach mehrfachem Hören bekommt man sie kaum mehr aus dem Kopf. Das eingangs vom Solo-Cello vorgestellte „Sayuri’s Theme“ charakterisiert die Titelfigur. Dieser ist mit dem Cello zugleich das Instrument zugeordnet, welches im Stimmumfang der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Dem gegenüber steht das Thema für den „Direktor“, das erstmals vom Geiger Itzhak Perlman in Form eines delikaten Walzers vorgestellt wird („The Chairman’s Waltz“). Besagter „Direktor“ beeindruckt die junge Sayuri tief. Er wird ihre heimliche große Liebe — die in bester Hollywood-Tradition am Schluss erfüllt wird. Williams lässt daher das Thema des Chairmans als Liebesthema fungieren. Beiden Hauptthemen gewinnt der Komponist im Verlauf emotional vielschichtige Variationen und außerdem raffinierte kontrapunktische Verknüpfungen ab.

Auf den Romantiker Williams und seine süffigen Themen abbonierte Hörer dürften sich in die avantgardistischen Passagen wohl ein wenig einhören müssen. Aber dies lohnt sich unbedingt, denn auch als reines Hörabum belegt Die Geisha — nicht ausschließlich bei Williams-Filmmusiken aus dem Jahr 2005 — einen Spitzenplatz. Die CD besitzt in „Sayuri’s Theme (1), „Becoming a Geisha“ (6), „The Chairman’s Waltz“ (8), „The Garden Meeting“ (10), „Confluence“ (16) und „Sayuri’s Theme and End Credits“ (18) unmittelbar ansprechende Musikstücke von zum Teil berückender Schönheit. Dem Einsteiger, der einem Appetitmacher nicht abgeneigt ist, sei daher das Zusammenfassen dieser Teile zur knapp 21-minütigen Suitenfassung empfohlen.

Altmeister John Williams erhielt für Die Geisha bereits den Golden Globe. Nach den Oscarnominierungen für Die Geisha und Munich ist er aber wohl auch ein ganz heißer Kandidat für die alljährlich begehrte goldene Statuette. Zu Recht! Die aparte Musik zu Die Geisha zählt zum Besten, was das Jahr 2005 filmmusikalisch zu bieten hat. Durch ihre abwechslungsreiche, äußerst farbige und ungewöhnliche Gestaltung sowie die sich im Klangreichtum zeigende raffinierte Behandlung des Orchesters sind wertungsmäßig m. E. volle fünf Cinemusic.de-Sterne nicht übertrieben.

Komponist*in:
Williams, John

Erschienen:
2006
Gesamtspielzeit:
61:11 Minuten
Sampler:
Sony Classical
Kennung:
82876 77857 2

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