The Last Samurai

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
16. Januar 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(2.5/6)

Kommentar zu Film und Filmmusik

Regisseur Edward Zwick (Glory, Legenden der Leidenschaft) reflektiert in seinem neuesten Leinwandopus The Last Samurai auf die komplexe Thematik von Krieg und Ehre. Zugleich spiegelt er den Konflikt zwischen Tradition und Moderne am Beispiel unterschiedlicher, im Umbruch befindlicher Kulturen.

Tom Cruise verkörpert den US-Army-Captain Nathan Algren. Algren hat im Bürgerkrieg für die Union gekämpft und wird von den anschließenden Ereignissen in den Feldzügen gegen die Indianer schockiert. Er erlebte, wie das 7. Kavallerie-Regiment unter General Custer im offiziellen Auftrag menschenverachtend „verbrannte Erde“ bereitete. Auf der Ebene am Washita River richteten die Soldaten zu den Klängen des „Gary Owen“ unter den friedlichen Bewohnern eines Winterlagers der Cheyenne ein entsetzliches Massaker an. Neben mehr als 100 ermordeten Frauen und Kindern wurden dabei über 800 Pferde rücksichtslos erschossen und außerdem die komplette Infrastruktur des Lagers durch Niederbrennen vernichtet.

(Zu denen, die sich angesichts dieser verbrecherischen Ereignisse, aus berechtigter Furcht, es drohe ihren Stämmen ein ähnliches Schicksal, General Sheridan ergaben, gehörte der Comanchen-Häuptling Tosawi. Seinen Worten „Tosawi, good Indian“ entgegnete der General „The only good Indians I ever saw were dead“, woraus die berühmt-berüchtigte Devise entstand „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“.)

Algren muss erkennen, dass Mut und Opferbereitschaft dem kapitalistisch motivierten Eigennutz weichen, etwas, dem ein strenger traditioneller Ehr- und Moralbegriff nur im Wege steht. Der traumatisierte Algren wird zum Zyniker, versucht sich erfolglos als Zivilist. Er tingelt als Jahrmarktattraktion („Ich ritt mit Custer“) durch die Lande und bewirbt Winchester-Gewehre. Schließlich geht er mit zwei ehemaligen Kriegskameraden in das sich, dank US-Kanonenbootpolitik seit den 1850er Jahren, westlichen Einflüssen öffnende Japan. Auch hier erlebt er eine Nation im starken Wandel. Der feudale, rund 200 Jahre systematisch von äußeren Einflüssen abgeschottete Inselstaat ist in Aufbruchstimmung. Auf der einen Seite stehen die archaischen Samurai, Vertreter der japanischen Ritter-Kaste, die nach einem strengen, kompromisslosen Ehrenkodex, dem Bushido („Der Weg des Kriegers“), leben und handeln und ihren Shoguns als Soldaten treu ergeben dienen. Auf der anderen Seite stehen die Verfechter einer Industrialisierung nach westlichem Vorbild, deren Kopf der junge japanische Kaiser Mutsuhito ist – der den Namen Meiji (erleuchtete Regierung) annahm. Und sowohl die Amerikaner als auch die europäischen Mächte geben sich in Tokio die Klinke in die Hand, wollen teilhaben am großen Geschäft.

Die Frühphase des amerikanischen Engagements in Japan bringt der im Jahr 1856 spielende The Barbarian and the Geisha (1958) auf die Kinoleinwand. Vom eher verkorksten, exotisch-kitschigen und zugleich langweiligen Filmdrama ist allerdings allein die vorzügliche Musik Hugo Friedhofers erinnerungswürdig.

Algren setzt in seinen Vorstellungen von Ehre und Moral einen scharfen Kontrast zu Leuten wie dem (ihm verhassten) Bürgerkriegskameraden Colonel Bagley. Letzterer ist ein typischer Vertreter seiner Zeit: Ein reiner Pragmatiker, zudem sendungsbewusster Vertreter des aufstrebenden Kapitalismus, der fest daran glaubt, dass die Errungenschaften der westlichen Kultur für jede technologisch weniger entwickelte Nation zwangsläufig eine Bereicherung darstellen muss – das gilt für die amerikanischen Ureinwohner und ebenso für die sich dem „Fortschritt“ in den Weg stellenden Samurai.

Algren lässt sich vom Tenno zum Aufbau einer modernen Armee nach westlichem Vorbild anheuern, die helfen soll, die sich widersetzenden Samurai zu vernichten. Bei seinem ersten Einsatz gerät er allerdings in Gefangenschaft und lernt Katsumoto (Ken Watanabe) kennen, den letzten Führer dieser uralten Kriegerkaste. Eine Begegnung mit tief greifenden Folgen. Algren lernt den Gegner und seine Denk- und Lebensweise zu schätzen. Er überwindet dabei seine persönliche Krise und wird vom Gefangenen zum Freund und Mitkämpfer, der versucht, den drohenden Untergang abzuwenden.

The Last Samurai inszeniert ein würdevolles Scheitern im Rahmen eines am klassischen Hollywood-Kino orientierten epischen Bilderbogens. Im Zusammenwirken mit einem sorgfältig ausgeführten Produktionsdesign lässt der Film die Zeit der Meiji-Epoche (in der Mitte der 1870er Jahre) in überaus eindrucksvollen Bildern lebendig werden. Zwick will in seinem Film seiner Verehrung für das japanische Ethos der Samurai und dem Geist des Bushido zum Ausdruck bringen, der für Stärke, Mitgefühl und bedingungslose Loyalität steht. Er ist dabei zugleich bereit, den Mythos zu pflegen – ähnlich wie John Ford es in seiner berühmten Kavallerie-Trilogie getan hat. Dem entsprechend findet eine kritische Auseinandersetzung auch nicht statt. Die Samurai dürfen vielmehr in einem eindrucksvoll inszenierten Fanal ehrenvoll untergehen. Ihnen werden symbolhaft die „Errungenschaften“ der modernen westlichen Waffen-Technik (in Form des Maschinengewehr-Vorläufers „Getling-Gun“) zum Verhängnis.

Das opulent inszenierte, sehr ansehnliche Kino-Epos ist ein japanisches Vom Winde verweht und durch seine Handlungskonstellation zugleich ein „Der mit dem Wolf tanzt goes Nippon“. Freunde des epischen Kinos kommen voll auf ihre Kosten, werden an den Schauwerten manch liebevoll inszenierter und prachtvoll ausgestatteter Szene große Freude haben. Aber natürlich ist der Film kein rein an historischen Fakten orientiertes Dokumentarspiel, bleibt trotz sorgfältig auf stimmiges Zeitkolorit bedachter Ausstattung in erster Linie eine spannende epische Abenteuerunterhaltung. Dabei ist das weitgehend treffend inszenierte Sujet mit überwiegend interessanten Figuren bevölkert und auch der Blick auf die Indianerkriege ist für einen heutigen (!) US-Film überraschend kritisch.

Besonders Algrens Wandlung, seine Annäherung an die Samurai ist packend geraten. Kasumoto erweist sich als keineswegs stereotype, sondern interessante und facettenreiche Figur. Nur auf den ersten Blick ist er väterlicher Anführer und erbarmungsloser Kämpfer, er erweist sich ebenso als stark verunsicherter Untertan des jugendlichen Kaisers – und auch diese, als Gottheit verehrte, Figur zeigt klare menschliche Schwächen, erweist sich als wankelmütiger Spielball im Ränkespiel seiner macht- und geldbesessenen Berater. Hierbei ist die Tatsache, dass Kasumoto Lehrer des jungen Kaisers war, ein zusätzliches markantes Detail. Dank behutsamer und zurückhaltender Inszenierung überzeugt ebenso wie sich Algren und die ihn pflegende junge Kriegerwitwe Taka langsam näher kommen, deren Mann er im Kampf getötet hat. Wie er ihre und auch die Zuneigung ihres kleinen Sohnes gewinnt, ist ohne ein Abgleiten in schwülstigen Kitsch in Szene gesetzt. Und ebenso gelungen sind die packend choreographierten Schwertkämpfe (Kendo), die sich m. E. durch ihren ausgeprägten Realismus wohltuend von den fantasyhaft abgefahrenen chinesischen Martial-Arts-Standards abheben.

Eindeutiger Schwachpunkt ist der stark aufgesetzt wirkende Epilog. Algren „darf“ die rasant inszenierte Finalschlacht (in der übrigens Braveheart grüßen lässt) als einziger überleben und dem Kaiser das Schwert Kasumotos überreichen, worauf der gerührte Tenno gar das unterzeichnungsreife Handelsabkommen mit den USA ablehnt.

Trotz kleiner Einschränkungen ist das Epos insgesamt eine gelungene Kinounterhaltung. Eine, die nicht allein dazu anregen kann, sich mit den historischen Fakten eingehender zu befassen, sondern zusätzlich manch einen ermuntern mag, sich Akira Kurosawas vorzüglichen Film Die 7 Samurai (1953) anzusehen – den Regisseur Edward Zwick übrigens als den Ausgangspunkt für The Last Samurai bezeichnet.

Die Filmmusik von Hans Zimmer bewegt sich in völlig gewohntem Fahrwasser. Auch dieses Mal verknüpft der Komponist sinfonische, synthetische, poppige und ethnische Klang-Elemente miteinander. Eindeutiges Vorbild ist Gladiator, mit seinem betont sinfonisch angehauchten hymnischen Bombast-Sound. Allerdings bekommt der Käufer den (relativen) Abwechslungsreichtum der Musik zum Gladiator hier nicht geboten.

Was bleibt ist ein überwiegend ruhiger, in Teilen lyrischer, aber oftmals recht pathetischer Klangteppich. Einer, der solide und nicht ungeschickt ohrenfällig gestaltet ist, der sich bei eingehenderem Hören aber zugleich als recht banal erweist und dem man ebenso einen gewissen Hang zur Monotonie attestieren kann. Daran ändern auch die nett eingearbeiteten ethnischen Einsprengsel nichts. So sind die seit Horner mitunter berüchtigte Bambusflöte Shakuhachi und auch die einer Zither ähnliche Koto nett eingesetzt und die großen (dicken) Taiko-Trommeln sorgen partiell für einige Wucht. Allerdings, dies alles bleibt klischeehaft, geht über einfaches Klangkolorit kaum hinaus. Von einer raffinierten Synthese aus Ethno und Sinfonik – wie in Tora! Tora! Tora! und The Challenge – kann nicht wirklich die Rede sein. Eine interessante thematische Entwicklung fehlt außerdem. Dem Hauptthema fehlt gegenüber dem von Gladiator der vergleichbare Wiedererkennungseffekt, und den dynamischen Passagen in „Red Warrior“ und „The Way of the Sword“ geht der Schmiss des holstschen „Mars“-Verschnitts im „Gladiator-Waltz“ einfach ab.

Insbesondere der Einsatz der Taiko-Trommeln ist ziemlich enttäuschend. Diese werden nämlich ausschließlich wie übliche Trommeln (oder Pauken) verwendet – man höre hier den rhythmisch wesentlich überzeugenderen Score Marco Beltramis zu Blade II. Als Requiem für die Samurai greift Zimmer auch nur auf das gewohnte Wagner-Lohengrin-Schema – in einer stilistischen Light-Kopie – zurück und lässt die Streicher in höchsten Lagen verklärend aufspielen. Für meinen Geschmack ist Hans Zimmer mit dem bevorzugten (höchstpersönlich beigesteuerten) synthetischen Bassfundament etwas sehr großzügig umgegangen. Durch seine nahezu Allgegenwart wirkt es denn auch schnell aufdringlich.

Wertungsmäßig erscheinen mir hier 2,5 Sterne doch stimmiger als sehr wohlwollende ebenfalls (noch) vertretbare 3 Sterne. Alles in allem erhält der Käufer ein repräsentativ geschnittenes Höralbum und damit ein ordentliches Filmsouvenir. Ich glaube allerdings nicht, dass die Zimmer-Fans den Tanz ihres Maestros mit dem Schwert vergleichbar ins Herz schließen werden, wie ihr Schlachtross, die Musik zu Gladiator.

Komponist*in:
Zimmer, Hans

Erschienen:
2004
Gesamtspielzeit:
59:47 Minuten
Sampler:
Elektra (Warner Sunset Records
Kennung:
7559-62932-2

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