Master and Commander

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
23. Dezember 2003
Abgelegt unter:
CD

Kommentar zu Film und Filmmusik

Master and Commander — Bis ans Ende der Welt ist der neueste Film des australischen Regisseurs Peter Weir — Gallipoli (1981), Der einzige Zeuge (1985) und Die Truman Show (1998). Der Regisseur inszenierte den Film nach einem Drehbuch, das er zusammen mit John Collee auf der Basis mehrerer Patrick-O’Brian-Romane verfasst hat. Die historisierenden Romane der Reihe „Master and Commander“ schildern die fiktiven Abenteuer des Seehelden Kapitän Jack Aubrey und seines Freundes, dem Schiffsarzt Dr. Maturin, zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem Kriegsschiff seiner Majestät Surprise.

Patrick O’Brian erweckt in seinen Aubrey-Maturin-Romanen detailreich und historisch getreu die Welt der „British Navy“ zur Zeit der napoleonischen Kriege zum Leben. Es geht um die „HMS Surprise“, die bestückt mit 28 Kanonen und 197 Mann Besatzung an der Nordküste Brasiliens einen gefährlichen Auftrag ausführen soll: „Das französische Schiff Acheron ist auf seinem Weg in den Pazifik abzufangen, bevor es den Krieg auf diese Gewässer ausdehnen kann. Es muss versenkt, gebrandschatzt oder als Prise aufgebracht werden.“

Russell Crowe The Insider, Gladiator, A Beautiful Mind) ist vorzüglich in der Rolle des unkonventionellen und eigensinnigen Kapitäns Aubrey. Der bereits aus A Beautiful Mind (2001) bekannte Paul Bettany — dort als imaginärer Zimmergenosse Charles Herman — verkörpert auch hier wiederum Russell Crowes Widerpart, den gegensätzlichen Freund, Schiffsarzt und Naturforscher Dr. Stephen Maturin und vermag in dieser Rolle ebenfalls zu überzeugen. Maturin wirkt als Mensch dank seiner naturwissenschaftlichen Orientierung, dem von ihm propagierten Darwinismus und seiner humanistischen Grundeinstellung unmittelbar moderner als Aubrey, der als Kapitän einen eher einsamen Job verrichten muss. Aubrey ist ein brillanter Seemann und Seekriegsstratege, zugleich ein unkonventioneller aufmüpfiger Geist, der erhaltene Anweisungen mitunter sehr frei interpretiert. Jemand, der sich um die ihm anvertraute Mannschaft sorgt und an Bord Führungs- und Vaterfigur in einem ist. Als Kapitän muss er allerdings streng auf die Einhaltung von Disziplin und Gehorsam achten und ist dafür auch bereit, seine Männer — wenn nötig — mit harter Hand zu regieren. Er weiß, dass er nicht immer Recht hat, aber als Kapitän seinen Männern in einer lebensbedrohlichen Situation trotzdem keinerlei Unsicherheit vermitteln darf!

Die Freundschaft der beiden Männer gerät nach einem Überraschungsangriff der von einer Nebelbank getarnten Acheron in eine Krise. Die Surprise hat viele Tote und Verwundete zu beklagen und kann dem überlegen bewaffneten französischen Schiff nur schwer beschädigt und durch ein raffiniertes nächtliches Täuschungsmanöver äußerst knapp entkommen. Trotzdem scheint ihr Kapitän geradezu fanatisch entschlossen zu sein, den Gegner ohne Rücksicht auf Verluste unschädlich zu machen. Zwischen beiden Schiffen kommt es zu einem gefährlichen Katz-und-Maus-Spiel.

Peter Weir hat daraus einen brillanten Film gemacht, der eine in sich geschlossene Welt aus einer anderen Ära dem Zuschauer lebendig vor Augen führt. Er präsentiert nicht allein historisch akkurate Sets und Ausstattung, sondern vermittelt ebenso überzeugend ein intimes und weitgehend authentisches Zeitbild sowie psychologische Einsichten in die Charaktere der Handlung. Mit subtiler Kunstfertigkeit lässt Weir den Zuschauer an den Sorgen und Nöten sowohl des Duos Aubrey-Maturin als auch der Besatzung teilnehmen. Der Mikrokosmos eines Kriegsschiffs seiner britischen Majestät König Georgs III. wird faszinierend und mit großem, packendem Realismus gezeigt. Und ebenso überzeugend echt wirken nicht allein die wuchtigen Kampfszenen. Modernste Techniken, digitale Tricks wirken zusammen mit Miniatur-Modellen, was ungewöhnlich dynamische Kamerabewegungen und -perspektiven ermöglicht. Auch der gewaltige Sturm, den die Surprise bei der Umrundung von Kap Horn überstehen muss, wirkt — in der Kombination von unsichtbaren Visual Effects und Aufnahmen eines realen Taifuns — besonders natürlich. Im Zusammenwirken mit der sorgfältigen Ausstattung und der auch in den kleineren Rollen besonders auf Authentizität der Typen bedachten Besetzung ist Peter Weirs maritimes Kino-Epos einer der herausragenden Filme des Jahres 2003. Hierfür stehen auch der 13-jährige Max Pirkis und der junge Max Benty. Während der erstere als adliger Seekadett und damit Offiziersanwärter an Bord studiert und dient, hat der zweite als gemeiner Seekadett niedrige Arbeiten zu verrichten, muss z. B. als Pulver-Knabe während der Gefechte den Geschützbedienungen das Schießpulver anreichen. Der Film lässt keinen Zweifel an der Wichtigkeit dieser Kindersoldaten, ohne ihre Situation zu romantisieren. Die Franzosen erhalten dabei zwar (zwangsläufig) etwas weniger Gesicht, sie werden aber fair dargestellt: als ebenso tapfere und mutig agierende Gegner.

Die Tatsache, dass die einzigen an Land spielenden Szenen erstmals auf den Galapagosinseln gedreht werden durften, ist ein weiteres interessantes Detail. Es handelt sich aber auch so um ein packendes, dabei modern-realistisch (also nicht im Swashbuckler-Stil) inszeniertes unpathetisches Seekriegsabenteuer, das auf die hollywoodtypische Love Story verzichtet. Weirs Film bietet intelligentes lineares Erzählkino, das durch die Unverfälschtheit des historischen Hintergrunds sowie seine nüchtern-sachliche Darstellung in diesem Genre für die Kinoleinwand eine beeindruckende Novität ist. Das Pendant zu Master and Commander ist der — allerdings deutlich romantisierte — Captain Horatio Hornblower (1950).

Die Filmmusik

Die Musik zum historisierenden Seekriegsfilm stammt von drei australischen Künstlern, die bereits zuvor für die Millenniumsfeiern in Sydney komponiert hatten: Iva Davies, Richard Tognetti und Christopher Gordon, der auch Filmmusikfreunden hierzulande durch die beachtlichen TV-Scores Moby Dick, On the Beach und die Kino-Horrorkomödie When Good Ghouls Go Bad geläufig ist.

Aber Vorsicht! Wer das Cover, eine Fregatte unter vollen Segeln und aus allen Rohren feuernd, sieht und damit eine eher traditionelle breitorchestral angelegte, üppige Abenteuerfilmmusik mit Elementen einer romantischen Seesinfonie erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr erwartet den Hörer eine unkonventionelle, eher modern anmutende musikalische Untermalung, die zwar teilweise in einem sinfonischen Korsett daherkommt, aber nur wenig thematisch orientiert ist, vielmehr eine Musik, die stark zur Klang-Collage tendiert. Irgendwelche Gefühlsseligkeit oder gar üppige Romantik bleibt ausgespart.

Die Komposition agiert abseits vom großen Pathos, was sich besonders deutlich in den Schlachtszenen zeigt, und die berühmte „Tallis-Fantasie“ von Ralph Vaughan Williams wird als eher dezent zurückhaltende Trauerode für die Gefallenen der Kämpfe eingesetzt. Die benötigten Traditionals sind im Stil der Ära der Filmhandlung arrangiert, was atmosphärisch überzeugend echt wirkt; und auch die „Hausmusik-Einlagen“ von Kapitän und Schiffsarzt sind in ähnlich passender Form vertreten — als zeitlich stimmige Musik von Bach, Boccherini, Corelli und Mozart, arrangiert für Cello und Violine. (Die CD präsentiert erfreulicherweise ausschließlich die auch im Film verwendeten Arrangements.)

In den Kampfszenen und auch in anderen von Aktion bestimmten Momenten dominieren Percussions, die teilweise unterschwellig poppige Wurzeln besitzen, bei denen aber militärische Rhythmik der Epoche der Filmhandlung die tragende Rolle spielt. Hinzu treten ethnische Einwürfe und geschickt platzierte Synthesizersounds. Hier fungiert das Synthetische nicht als Orchester-Imitator, sondern wirkt (und funktioniert) als atmosphärischer und auch geräuschhafter Teil innerhalb eines spürbar durchdachten modernen Vertonungskonzeptes. Die Tonschöpfung ist darin oftmals ein geradezu unauffälliger stimmungsmäßiger Teil der gesamten Tonmischung.

Das sehr repräsentative CD-Album enthält eine Filmmusik, deren Wirkung in erster Linie im Zusammenwirken mit den Filmbildern zum Tragen kommt, eine Tonschöpfung, die als reines Höralbum nach den Cinemusic-Maßstäben kaum bewertet werden kann. Hier gilt wiederum das bereits in ähnlichen Fällen Geschriebene: Der Wert der CD liegt primär im individuellen Interesse an einem Souvenir zum Film. Wer also zu Peter Weirs Filmepos einen guten Draht findet, für den könnte auch diese CD etwas zu bieten haben. Hier würde ich eine (rein subjektive) Empfehlung von etwa dreieinhalb bis vier Sternen aussprechen, allerdings im Zweifelsfalle zugleich ein Probehören empfehlen.

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
59:45 Minuten
Sampler:
Decca
Kennung:
475 398-2

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