Hamlet

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
28. Mai 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(5.5/6)

Dmitri Schostakowitsch

Der 100. Geburtstag des russischen Meisters im Jahr 2006 wirft seine Schatten voraus: Noch presswarm ist auf dem Naxos-Label eine hervorragende Bereicherung des filmmusikalischen Repertoires dieses russischen Komponisten erschienen: Erstmalig ist auf dem Markt nun die vollständige Musik zu Grigori Kosinzews Shakespeare-Verfilmung Hamlet (1964) zugänglich. Über den Komponisten Schostakowitsch muss an dieser Stelle nichts Grundlegendes geschrieben werden. Hierzu verweise ich auf den in die Thematik einführenden Artikel: „Zwischen staatlicher Gängelung und praktizierter Kunst: Der (Film-)Komponist Dmitri Schostakowitsch“.

Die bereits verschiedentlich eingespielte Orchestersuite aus Hamlet vereint zweifellos das am leichtesten zugängliche Material dieser — besonders in den jetzt hinzugekommenen Teilen — stark atmosphärisch-grüblerischen und überhaupt düsteren Musik. Schostakowitsch verwirklichte sein Vertonungskonzept bei ausgeprägter Reduktion der eingesetzten Mittel. Nur in einzelnen Höhepunkten tritt das volle Orchester auf den Plan. Überwiegend ist die Besetzung stark aufgelichtet, eher neoklassizistisch und kammermusikalisch durchsichtig und dabei fast ausnahmslos in kühlen, modern anmutenden Klangfarben gehalten. Der Komponist arbeitet nicht mit breit angelegten Melodien, sondern mit zum Teil längeren eher motivischen Tonfolgen, wobei in der Verarbeitung eine minimalistische Tendenz spürbar wird. Die Klangschöpfung zeigt anfänglich beträchtliche Sprödigkeit — sticht scharf von anderen Filmmusiken Schostakowitschs ab, z. B. The Gadfly — und erzeugt durch ihre oftmals statischen Klänge eine Atmosphäre schicksalhafter Unerbittlichkeit. In der im Ausdruck klar spürbaren Modernität ist Verwandtschaft zu Herrmann und Waxman spürbar.

Die Musik zu Hamlet benötigt gewisse Zeit zum Eingewöhnen. Dann erweist sie sich aber auch in den anfänglich etwas unscheinbar erscheinenden Musikteilen als hochdramatische, insgesamt stimmige und auch kraft- und effektvolle Filmmusik. Schostakowitsch erweist sich hier wieder einmal als Meister der Instrumentierung. Hamlets Thema erscheint im den Film eröffnenden Stück, das auf dem Album (etwas irreführend) als „Ouvertüre“ bezeichnet wird. Die ernsten Klänge funktionieren im Film als wuchtiger (moderner) Trauermarsch für Hamlets Vater, dessen Geist späterhin eine auch musikalisch wichtige Rolle spielen wird. Einzig der weiblichen Hauptfigur, Ophelia, ist lyrisch-anmutige tänzerische Musik zugeordnet. Das hierbei häufig eingesetzte Cembalo setzt dabei nur ansatzweise einen archaisierenden Zeitbezug zur Filmhandlung, häufiger wirkt sein Einsatz eher modern. Selbst da, wo erkennbar Formen alter Tanzmusik zugrunde liegen, handelt es sich weniger um elegante Stilkopien, sondern vielmehr um spiegelbildliche Reflexionen alter Stile aus moderner Sichtweise — etwas, das zweifellos kalkulierter Effekt ist, um das Zeitlose des Shakespeare-Dramas zu betonen.

Der besonders leicht zugängliche „Palace Ball“ wirkt dabei ein wenig wie eine modern gestaltete Reminiszenz an den Walzer aus der Streicherserenade Tschaikowskys und weist im Mittelteil geschickt kontrastierende Einsätze der Bläser auf. Auch das jetzt erstmalig zur Verfügung stehende Musikmaterial ist eine Bereicherung. Die „Story of Horatio and the Ghost“ ist ein atmosphärisch dichtes Vorspiel zur Geistererscheinung. Im (aus der Orchestersuite bekannten) „The Ghost“ verleiht ein Crescendo des Orchesters mit wuchtigem Schlagwerkeinsatz besagtem Gespensterauftritt machtvollen Ausdruck. „Hamlet at Ophelia’s Grave“ greift auf das thematische Material der mit prägnanten Schlägen des vollen Orchesters beginnenden „Ouverture“ zurück. Es erweist sich als geschickt auskomponierter, bohrend steigernder Dialog zwischen Cembalo und Orchester.

Das Russian Philharmonic Orchestra unter Dmitry Yablonsky lässt es in den pathetisch-wuchtigen Momenten („The Ghost“, „The Duel“) nicht an dynamisch-kraftvollem Vortrag fehlen und überzeugt ebenso in den eher zurückhaltenden, oftmals kammermusikalischen Teilen durch fein akzentuiertes, präzises und ausdrucksstarkes Spiel. So wird ein insgesamt eindrucksvoller Spannungsbogen geschaffen, der den Hörer jetzt über etwas mehr als eine Stunde und damit rund eine halbe Stunde länger als bisher zu fesseln vermag.

Neben der üblichen CD-Version (NX 8.557446) ist die Hamlet-Filmmusik auch als preiswerter High-Tech-Tonträger, SACD, erschienen, der vielseitiger einsetzbar ist. Die SACD enthält nämlich drei separate Versionen des aufgenommenen Programms. Neben der klassischen CD-Version (abspielbar auf allen CD-Spielern) sind — mit speziellem Abspielgerät — sowohl ein aus einem hochauflösenden Digitalsignal dekodiertes 2-kanaliges Stereo-Signal und alternativ ein mehrkanaliges Surround-Klangfeld wählbar. Bereits die CD-Version überzeugt durch ein überaus klares und hervorragend gestaffeltes Klangbild, das kaum Wünsche offen lässt. Das Surround-Klangfeld ist qualitativ dem Dolby-Surround-kodierter CDs eindeutig überlegen, es bleibt allerdings Geschmacksache — siehe auch Robin Hood.

Erschienen:
2004
Gesamtspielzeit:
62:28 Minuten
Sampler:
Naxos
Kennung:
NX 6.110062
Zusatzinformationen:
Russian PO, D. Yablonsky

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