Franz Lehár: Symphonic Works

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
10. Dezember 2001
Abgelegt unter:
Sampler

Franz Lehár

Von breiten Publikumsschichten wird die Musik von Franz Lehár (1870-1948), damals wie heute, wegen seiner herrlichen (Operetten-)Melodien geliebt. Einer gerechten Beurteilung seines Gesamt-Schaffens steht allerdings bis heute die abwertende Beurteilung der seriösen Musik-Kritik im Wege, die seine Kompositionen mit der Bezeichnung „Kapellmeistermusik“ versah. (Die frühe Rezeption der Musik Gustav Mahlers sah übrigens kaum anders aus.) Äußerungen, wie die von Kurt Tucholsky: „Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Lehár ist dem kleinen Mann sein Puccini“, gehören hier zu den intelligenten und heute eher amüsant klingenden Spöttereien über Lehárs kommerziell sehr erfolgreichen Musikstil. Immerhin entwickelte sich die Operette „Die lustige Witwe“ innerhalb kürzester Zeit zu einem internationalen Bestseller, was von den Kritikern lange Zeit als Anbiederung an die so genannte „Leichte Muse“ gedeutet und mit geringem handwerklichen Können gleichgesetzt worden ist. Lehár, der ehemalige Militärkapellmeister und „nur“ Operettenkomponist erweist sich beim eingehenderen Hören jedoch keinesfalls als zweit- oder gar drittklassig, im Gegenteil.

Den überzeugenden, klingenden Beweis hat cpo mit einer CD-Reihe mit praktisch unbekannten Werken des Komponisten angetreten, von denen hier zwei vorgestellt werden. Auf der CD „Symphonic Works“ ist der damals 23-jährige – nicht allein in den Vorspielen zum frühen (zweiten) Versuch, eine Oper, „Kukuschka“, zu schaffen – auf gutem Weg zum Musikdramatiker. Besonders beeindruckt hat mich die sinfonische Dichtung „Fieber“ für großes Orchester und Tenor, in der im Stile eines Melodrams (näheres zu dieser Werkgattung bei Max von Schillings) die Fieberphantasien eines sterbenden Soldaten dramatisch in Töne gefasst sind. Fast schon filmisch präsentiert sich hier eine halluzinatorisch-gespenstische Collage aus Bildern und Klängen von Schlachtfeldern, Paraden und walzerselig verliebten Erinnerungen. Faszinierend, wie der Komponist hier dramatisch gestaltet hat und auch, wie geschickt der Radetzky-Marsch und der ungarische Rakóczy-Marsch miteinander verwoben sind. Es fällt die Verwandtschaft zu den späteren Schlachtmusik-Collagen seines berühmten Landsmannes Max Steiner auf, z. B. zu They Died with Their Boots On.

Klangschön und virtuos – anknüpfend an die Tradition eines Max Bruch – gibt sich das „Concertino für Violine und Orchester“, quirlig pittoresk kommt die sinfonische Dichtung für Klavier und Orchester „Il Guado“ daher. Die ein wenig melancholische Walzerszene „Donaulegenden (An der grauen Donau)“ – komponiert nach Ende des 1. Weltkriegs – spiegelt nicht allein in Form einiger Reminiszenzen das berühmte Johann-Strauss-Opus, sie bildet auch eine schöne Überleitung zu den wenig bekannten tänzerischen Kompositionen, vertreten auf der CD „Fata Morgana“. Neben einer Reihe von weiteren Raritäten stehen hier vier Ballettmusiken im Mittelpunkt: „Zigeunerfest“, „Suite de Danse“, „Chinesische Ballettsuite“ (für die 1937er Neufassung der berühmten Operette „Das Land des Lächelns“ komponiert) sowie die Charaktertänze aus der Kinderoperette „Peter und Paul im Schlaraffenland“. Auch hier erweist sich die Musik zwar als unmittelbar ins Ohr gehend, sie ist auf ihre Art aber ebenso ideenreich, farbig und überhaupt erstklassig instrumentiert wie die sinfonischen Werke: Die CD „Fata Morgana“ macht böhmisches Musikantentum und das elegant Leichte Lehárs (auf die berühmten Operetten verweisende) hörbar und bietet damit „Austrian Light Music“ in bester Qualität.

Lehárs Tonsprache steht der seiner k.u.k. Kollegen Smetana (und damit auch Franz Liszts) und in den tänzerischen Stücken natürlich auch Johann Strauss nahe. Auch Anklänge an die – Anfang des 20. Jahrhunderts hoch im Kurs stehenden – Veristen (wie Pietro Mascagni) sind spürbar und in „Fieber“ sogar ein Hauch von Zemlinsky und Korngold: Der Komponist befand sich also auf der Höhe seiner Zeit. In der reizenden Konzert-Ouvertüre „Eine Vision: Meine Jugendzeit“ (auf der CD „Symphonic Works“) bewegt er sich auf den Spuren Smetanas und dessen berühmten Zyklus sinfonischer Dichtungen „Mein Vaterland“ (siehe auch „Die Moldau“[).

Komponist*in:
Léhar, Franz

Erschienen:
1997
Gesamtspielzeit:
69:48 Minuten
Sampler:
cpo
Kennung:
999 423-2

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