Die Mörder sind unter uns

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
6. Juni 2003
Abgelegt unter:
DVD

Film

(5.5/6)

Bild

(4/6)

Ton

(2.5/6)

Extras

(3/6)

Der Regisseur Wolfgang Staudte (1906-1984) gehörte zu den ganz Großen des deutschen Nachkriegsfilms. Allerdings war er bereits zuvor im Filmgeschäft tätig und nicht nur in Josef von Sternbergs Der blaue Engel (1930), sondern auch in Veit Harlans berüchtigtem Jud Süß (1940) als Statist zu sehen. Zweifelsfrei stand Staudte dem NS-Regime und dem preußischen Militarismus ablehnend gegenüber, war allerdings kein Widerständler, eher jemand, der nicht auffallen wollte. Immerhin entstand bereits kurz vor Kriegsende das Drehbuch zu Die Mörder sind unter uns und in späteren Jahren hat es der Regisseur auch an selbstkritischen Äußerungen gegenüber seinen Handlungen und Unterlassungen während der braunen Jahre nicht fehlen lassen.

Nur die russische Militäradministration akzeptierte Staudtes Filmprojekt und so entstand im Jahr 1946 der Film Die Mörder sind unter uns bei der in Aufbau befindlichen DEFA (Deutsche Film AG) in Ost-Berlin; es handelt sich nicht allein um den ersten deutschen Nachkriegsfilm überhaupt, sondern zugleich um den ersten Versuch sich mit den Verbrechen der Vergangenheit und Fragen wie Schuld und Sühne auseinanderzusetzen.

1258Es geht um den traumatisierten Kriegsheimkehrer Mertens, der seinem ehemaligen Hauptmann Brückner im zerstörten Berlin wiederbegegnet. Brückner ist verantwortlich für eine völlig übertriebene Strafaktion gegen Zivilisten an der Ostfront. Brückner, der am Tod unbeteiligter Männer, Frauen und Kinder schuldig geworden ist, hat sich zwischenzeitlich zum aufstrebenden aalglatten Industriellen gewandelt: Er profitiert bereits vom Wiederaufbau, indem er Stahlhelme zu Kochtöpfen umfunktioniert. Mertens will Rache nehmen, wird aber von seiner Freundin (verkörpert von der jungen Hildegard Knef), einer ehemaligen Verfolgten und KZ-Insassin, davon abgehalten. „Wir haben nicht das Recht, zu richten! Aber wir haben die Pflicht, Anklage zu erheben!“ und damit ist „Recht, nicht Rache!“ die markante Botschaft dieses beeindruckenden Films.

In der Umsetzung ist es eine gekonnte Mischung aus expressionistischer Tradition und aus quasi dokumentarisch eingefangenen Bildern. Bedrückend und beeindruckend zugleich sind die Bilder der endlosen Trümmerfelder des einst blühenden Berlins. Die Ruinen der zerbombten ehemaligen Reichshauptstadt ragen wie düstere, bizarre Mahnmale in den Himmel und werden mit Bildern des „Trümmeralltags“ zur quasi dokumentarischen „Kulisse“ eines insgesamt packenden Films.

Sicher wirkt aus heutiger Sicht das eine oder andere etwas zu stark idealisiert, ist gelegentlich vielleicht auch etwas zu pathetisch geraten: So ist z. B. die junge Hildegard Knef als angebliche KZ-Insassin geradezu eine Lichtgestalt an Schönheit, weiblicher Güte und menschlicher Wärme und damit nicht gerade vollkommen glaubwürdig. Über derartige kleine Schwächen helfen aber die Ehrlichkeit in der Aussage und Momente unwiederbringlicher Authentizität klar hinweg: So zählt die Szene mit der deprimierenden aber zugleich auch hoffnungsvollen Weihnachtsmesse in einer schwer beschädigten Kirche unter freiem Himmel, in sternenklarer kalter Christnacht bei fallenden Schneeflocken, zu den besonders eindringlichen Momenten des Films.

Staudte begründete mit Die Mörder sind unter uns zugleich seinen Ruf als Regisseur, der bevorzugt Filme mit politischer Aussage machen wollte. In diesem Zusammenhang sind außerdem erwähnenswert: Rotation (1949), Der Untertan (1951), Rosen für den Staatsanwalt (1959), Kirmes (1960) und Herrenpartie (1963).

Regisseur*in:
Staudte, Wolfgang

Erschienen:
2001
Vertrieb:
ICESTORM
Kennung:
19045
Zusatzinformationen:
D 1946

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