Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse/Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
6. Juni 2003
Abgelegt unter:
DVD

Film

(3/6)

Bild

(5/6)

Ton

(3/6)

Extras

(3.5/6)

Die beiden Thälmann-Filme von Regisseur Kurt Maetzig (geboren 1911) aus den Jahren 1954/55 sind in erster Linie Produkte des in der DDR ausgeprägten Kults um den Führer von deutscher KP und Arbeiterbewegung. Seit der Gründung der DDR im Jahr 1949 gehörte der Film zum Haupt-Planvorhaben der DEFA. Basierend auf der von Willi Bredel verfassten Biografie „Ernst Thälmann: Ein Beitrag zu einem politischen Lebensbild“ ist das filmische Resultat ein aufwändig inszeniertes Gesellschaftspanorama der Zeit von 1918 bis 1944, in dem sich allerdings wohl nahezu jedes Klischee findet, das in das Geschichtsbild und die Weltanschauung der SED jener Jahre passte.

Entstanden ist ein in erster Linie optisch zum Teil recht eindrucksvoll und sehr aufwändig umgesetztes Filmepos, das das Leben des im August 1944 von den Nazis ermordeten Parteiführers zum Mythos für Generationen verklärte. Weitab von der historischen Realität wird Thälmanns Rolle und Bedeutung generell allzu hochstilisiert: bereits sein Auftreten beim Trauerzug für die 1919 ermordeten KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und dazu sein Wirken beim Hamburger Arbeiteraufstand 1923 verklären ihn zum überlegenen Strategen und starken Führer. Im zweiten Film erhält die SPD die Generalschuld an der Machtergreifung Hitlers, wobei als dessen Hintermänner das schurkische amerikanische Monopolkapital angedeutet wird, die Rolle der Deutschen hingegen ist weitestgehend auf Opfer und Widerständler zusammengestrichen. Und dass der Sieg über den Faschismus „ausschließlich“ der roten Armee zu verdanken sei – die Anti-Hitler-Koalition wird überhaupt nicht erwähnt –, ist dann schon fast selbstverständlich. Und am Schluss des zweiten Films schreitet der seit 1933 in Haft sitzende Thälmann im KZ Buchenwald aus irdischem Gefängnis in einen (wohl) kommunistischen Himmel, der vom leuchtenden Rot wehender Fahnen symbolisiert wird.

Damit insgesamt sicher eher biedere Heiligenlegende und in der Porträtierung der Titelfigur entsprechend blutleer und blass, gehören die beiden Thälmann-Filme jedoch zum Teuersten, was die DEFA je produziert hat. Die Filme enthalten beeindruckende Massenszenen und zum Teil hervorragende Bauten, z. B. die Szene von Thälmanns Rede im – brillant nachgebauten – Reichstag. Auch die Auftritte von Fritz Dietz als Adolf Hitler und Hanns Stuhrmann als Goebbels sind sehenswert. Recht interessant ist auch die Farbdramaturgie: die Rottöne sind als Symbol für die gesunde Arbeiterklasse eingesetzt, die Szenen mit den bösen Kapitalisten sind hingegen grün dominiert, was damit auch die Gesichtsfarben oftmals geradezu widernatürlich erscheinen lässt.

In der DDR gehörte der Film zum Pflichtprogramm. Einige markante Szenen, in denen der sowjetische Führer und Genosse Stalin auftritt und damit der Personenkult (allzu) offensichtlich wird, wurden Anfang der 60er Jahre entfernt. (Leider sind diese Szenen nicht im Zusatzmaterial enthalten.) Unterm Strich sind die beiden Thälmann-Filme im Sinne von Filmkunst nur sehr bedingt wertvoll, aber als zeitgeschichtliche Dokumente durchaus ansehbar und auch ansehenswert.

Die Filme auf DVD

Die Bildqualität der präsentierten Filme ist in keinem Fall Gegenstand größerer Kritik. Die Mörder sind unter uns ist unter schwierigen Bedingungen auf Negativmaterial von eingeschränkter Qualität realisiert worden. Dem entsprechend ist das (Schwarzweiß-)Bild nicht ganz frei von Griesel, leichteren Bildfehlern und wirkt teilweise etwas überbelichtet, wobei aber insgesamt noch ein „gut“ vergeben werden kann. Der Untertan schneidet hier eine Klasse besser ab und insgesamt sind die Bildqualitäten beider Filme annähernd gleich mit der der jeweiligen Fernsehpräsentation.

Das in Agfacolor gedrehte Thälmann-Film-Duo weist einen sehr guten Kopienzustand auf und zeigt die Reize und charakteristischen Eigenheiten dieses ersten Mehrschicht-Farbfilmverfahrens: Die frühen deutschen Farbfilmproduktionen wie Die Goldene Stadt (1942) ließen in der Farbsättigung noch merklich zu wünschen übrig, litten besonders unter den auffällig stumpfen Rottönen. Die Ende der 40er Jahre wieder aufgenommene Farbfilmproduktion zeigt hier klare Fortschritte, der sich bei den Thälmann-Filmen beispielsweise anhand des oftmals besonders leuchtenden Rots der kommunistischen Fahnen etc. leicht nachvollziehen lässt. Geblieben ist eine gewisse Kühle im Farbeindruck sowie der typische, dezente Blaustich. Abgesehen von vereinzelten leichten Bildschäden kann die Bildqualität als sehr gut bezeichnet werden.

Der Mono-Ton aller drei Defa-Filme ist insgesamt in Ordnung: Die Mörder sind unter uns ist altersbedingt und umständehalber leicht rau und rauscht dazu merklich. Bei Der Untertan und auch bei den beiden Thälmann-Filme gibt es – bis auf vereinzelte kurze Tonstörungen im ersten Thälmann-Film – nichts Entscheidendes zu bemängeln.

Als ordentlich kann man bei allen drei DVDs das Zusatzmaterial bezeichnen. Da gibt es zu den Filmen jeweils Filmografien & Biografien des Regisseurs und der wichtigsten Schauspieler sowie Wochenschauausschnitte, die Dreharbeiten oder Filmpremieren betreffen. Enthalten sind bei der Untertan-DVD ein Segment des Historikers Dr. Jürgen Angelow mit Betrachtungen zum historischen Hintergrund und beim Thälmann Doppel-DVD-Set neben einer Thälmann-Biografie auf Texttafeln noch eine recht informative 12-seitige Textbeilage.

Regisseur*in:
Maetzig, Kurt

Erschienen:
2002
Vertrieb:
ICESTORM
Kennung:
19168
Zusatzinformationen:
DDR 1954/1955

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