Special

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 12: Eine nordische Rhapsodie, Teil 1

Den Auftakt dieser speziell auf die nordischen Länder fokussierenden Klassikwanderung macht eine Zusammenstellung des schwedischen BIS-Labels (www.bis.se). Das 1980 gegründete schwedische Label ist in der Angebotsgestaltung vergleichbar innovativ und unkonventionell wie beispielsweise cpo und Marco Polo/Naxos. Auch BIS hat sich vornehmlich auf musikalische Entdeckungen, bei nicht ausschließlich, aber (naheliegenderweise) schwerpunktmäßig nordischen Komponisten spezialisiert. Die BIS-Alben werden hierzulande vom „Klassik Center Kassel“ (www.classicdisc.de) vertrieben.


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Norwegian Rhapsody: Orchestral Favourites

„Norwegian Rhapsody: Orchestral Favourites“

Die „Norwegian Rhapsody“ präsentiert eine Reihe eingängiger, international bekannter Stücke, die hierzulande allerdings nur teilweise Konzertsaal-Evergreens sind. Hierfür stehen besonders drei Stücke von Edvard Grieg: die Liedbearbeitung „Letzter Frühling“, der „Norwegische Tanz Nr. 2“ und natürlich die berühmte „Morgenstimmung“ aus der Schauspielmusik zu Ibsens „Peer Gynt“. Letztere ist nicht nur Sinnbild für Norwegisches in Musik überhaupt, sondern diente auch x-fach als Vorbild zur Vertonung entsprechender Filme — ironischerweise, obwohl dieses Stück eine Morgenstimmung in der Wüste und eben nicht in Norwegen beschreibt. Zum Bekannteren der auf dieser CD vertretenen Stücke zählt auch Johan Halvorsens 1893 komponierter festlicher sinfonischer Marsch „Einzug der Bojaren“.

Weniger geläufig sind die Musiken von Komponisten wie Johannes Hanssen, Ludvig Irgens-Jensen, Johan Svendsen, Edvard Fliflet Bræin und Bjarne Brustad. Vertreten sind auch Auszüge aus den „100 Melodien aus Hardanger“ von Geirr Tveitt, dessen besonders hörenswertes Schaffen im zweiten Teil dieses Artikels noch eingehender gewürdigt wird.

Insgesamt handelt es sich um ein Bouquet aus effektvoller und (natürlich) melodischer, dabei oftmals volkstümlich angehauchter norwegischer (Light-)Musik, die zu vielerlei Gelegenheiten passt. Dem Hörer werden dabei keinerlei Probleme bereitet, was nicht mit anspruchslos gleichzusetzen ist. Somit ein schönes Album, das Appetit auf mehr Klingendes aus dem Norden macht und zugleich vom allgemein sehr hohen Standard der BIS-Alben zeugt. Dies betrifft einmal die praktisch immer hervorragende Aufnahmetechnik und ebenso die informativen und dabei international angelegten Begleithefte (neben schwedisch auch deutsch-, englisch- und französischsprachig).

Titel: Norwegian Rhapsody: Orchestral Favourites
Erschienen: 2002

Zusatzinformationen: Stavanger SO, E. Aadland
Laufzeit: 64:50 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-1367

Komponist(en):

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Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Leifs: Geysir etc.

Jón Leifs: „Geysir“, „Hafís“, „Hekla“ und „Dettifoss“

Der Isländer Jón Leifs (1899-1968) (www.jonleifs.is) nahm als 17-Jähriger während des ersten Weltkrieges in Leipzig ein Studium auf und wurde durch das deutsche Musikleben nachhaltig beeindruckt und mitgeprägt. Er lebte und wirkte anschließend, abgesehen von Konzertreisen ins Ausland, — mit seiner jüdischen Frau (!)— noch bis 1944 in Deutschland.

Vier markant-ungewöhnliche Orchesterwerke des Isländers, die typisch isländische Naturphänomene — des Landes aus Feuer und Eis — tonmalerisch entsprechend monströs in Szene setzen, stehen im Zentrum des ausgewählten BIS-CD-Quartetts.

„Geysir“ ist ein gewaltiges, ausladendes Tongemälde, das der Wucht der Naturkräfte überzeugend Ausdruck verleiht. Obwohl bereits 1961 komponiert, fand die Uraufführung erst nach dem Tode des Komponisten im Jahr 1984 statt. „Hafís“ entstand 1965 und konnte erst 1999 uraufgeführt werden. Hier handelt es sich um ein Naturporträt, das die Wucht brechenden Treibeises äußerst wirkungsvoll in Töne fasst. In „Hekla“ (ebenfalls von 1961) vertonte der Komponist einen im Jahr 1947 selbst erlebten gewaltigen Ausbruch des großen isländischen Vulkans. Hierfür dient neben dem großen Orchester noch ein gemischter Chor. „Dettifoss“ steht für einen der gewaltigsten Wasserfälle Europas im nördlichen Island. Das Werk ist für Bariton, gemischten Chor und Orchester komponiert.

Sämtliche vier Naturschilderungen beginnen mit einer sanften, langsamen Einleitung, wobei nach und nach immer mehr Instrumente hinzutreten, das musikalische Geschehen in eine gigantisch angelegte Steigerung, geradezu in einen musikalischen Ausbruch mündet. „Hafís“ ist im Unterschied zu den drei anderen Tondichtungen kein auf einen einmaligen Höhepunkt zusteuerndes Crescendo, sondern besteht vielmehr aus mehreren einzelnen, von denen ein jeder den vorherigen an Wucht übertrifft.

In den majestätischen, aber auch wilden und brachialen Tondichtungen präsentieren sich urwüchsige und kraftvolle, zugleich aber auch ungewöhnliche Klänge, die gerade die Filmmusikfreunde begeistern dürften, die es auch sonst gern bombastisch lieben. Immerhin gilt „Hekla“ sogar als die bislang lauteste Komposition der Musikgeschichte. Etwas, das auch auf die integrierten „Geräusch-Effekte“ zurückzuführen ist, die von einem besonders ungewöhnlich und eigenwillig zusammengesetzten großen Schlagwerk erzeugt werden — wobei hier unter anderem verschiedene Steine, schwere Eisen-Ketten, Sirenen, Ambosse und sogar Schüsse erforderlich sind. Der Solopauker des Isländischen Sinfonieorchesters Eggert Pálsson schildert dazu im Begleitheft ausführlich und eindrucksvoll, welch große Bedeutung das oftmals aufwändige Schlagwerk in der Musik von Jón Leifs besitzt.

Darüber hinaus spiegelt das CD-Quartett das Schaffen des Isländers recht repräsentativ wider, präsentiert dem Interessierten und Aufgeschlossenen eine Musik, bei der die Gesetze der isländischen Volksmusik einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer sehr individuellen Tonsprache genommen haben. Leifs hat hierfür Charakteristika des „Tvisöngur“ und „Rimur“ in die abendländische Kunstmusik integriert und daraus einen national-isländischen Musikstil entwickelt, dem man Originalität und persönliche Handschrift nicht absprechen kann.

Zu seinen frühen, noch stärker der mitteleuropäischen Tradition verpflichteten Werken gehören die „Variationen über ein Thema von Beethoven“ (auf der „Dettifoss“-CD). Dies ist ein besonders leicht eingängiges Werk im in Teilen anfänglich sperrig wirkenden Œuvre des Isländers. Entstanden innerhalb des langen Zeitraumes von rund 10 Jahren (zwischen 1920-30), zeigt die Komposition zugleich eindrucksvoll die schrittweise Weiterentwicklung des Komponisten auf.

Ebenfalls zum Eingängigeren zählen die „Isländischen Volkstänze“ (Auf der „Geysir“-CD), deren Orchesterfassung in den 30er Jahren viel aufgeführt worden ist. Außerdem sind noch besonders erwähnenswert: das eigenwillige und kühne Orgelkonzert, in dessen Zentrum eine gewaltige Passacaglia steht; das gedämpft ruhige „Fine II (Abschied vom irdischen Leben)“, eine abgeklärte Musik für Streicher und Vibraphon, die mit einer in immer höhere Register — geradezu himmelwärts — aufsteigenden D-Dur-Harmonie friedlich verklingt (auf der „Dettifoss“-CD); die recht populäre, leicht zugängliche „Island-Ouvertüre“ und auch das nur knapp fünfminütige eindringlich schöne „Requiem“ für gemischten Chor a capella, komponiert als Nachruf für die Opfer eines Badeunfalls gewordene Tochter Lif (auf der „Hekla“-CD) und auch die bezaubernd lyrische Gedichtvertonung „Nótt (Nacht)“ — auf der „Hafís“-CD.

Alles in allem ein eindrucksvolles und garantiert mehrfach Unerhörtes bietendes BIS-CD-Quartett, dessen hier nicht erwähnte Stücke gegenüber den genannten keineswegs unbedeutend sind. Das Isländische Sinfonieorchester (unter den Dirigenten Anne Manson, Osmo Vänskä und En Shao) ist für alle vertretenen Werke ein kompetent und auch einfühlsam agierender Klangkörper, was ebenso für die eingesetzten Vokalisten gilt. Eine hervorragende digitale Klangtechnik hat alle Details und auch die geballte klangliche Wucht einiger der Musiken von Leifs überzeugend auf den Tonträger CD gebannt.

Titel: Leifs: Geysir etc.
Erschienen: 1997

Zusatzinformationen: Iceland SO, Osmo Vänskä
Laufzeit: 55:35 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-830

Komponist(en):

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Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Leifs: Hafís etc.

Titel: Leifs: Hafís etc.
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: Iceland SO, Anne Manson
Laufzeit: 55:41 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-1050

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Leifs: Dettifoss etc.

Titel: Leifs: Dettifoss etc.
Erschienen: 1999

Zusatzinformationen: Iceland SO, E. Shao
Laufzeit: 56:02 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-930

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Rangström: Complete Symphonies

Ture Rangström: Complete Symphonies

Ein 3-CD-Pack des cpo-Labels vereint die zuvor bereits einzeln veröffentlichten Alben mit allen vier Sinfonien des Schweden Ture Rangström (1884-1947) in einem Schuber, der zum attraktiven Sonderpreis erhältlich ist.

Der schwedische Komponist entdeckte seine Liebe zur Musik relativ spät, erst als fast 20-Jähriger. Auf Anraten seines damaligen Musiklehrers gestaltete er seine Musik wilder und moderner. Er wurde daher nicht nur als „Sturm- und Drangström“ verspottet, sondern galt unter der jungen Komponistengeneration seinerzeit (um 1910) als einer, dem man beunruhigende Modernität und Unverständlichkeit nachsagte. Der große Vertreter der finnischen Musik Jean Sibelius beurteilte ihn jedoch positiv, hielt ihn für „Kopf und Schulter der schwedischen Komponisten“ und das, obwohl Ture Rangström nie eine Musikakademie besuchte, in der musikalischen Ausbildung weitgehend Autodidakt blieb.

Für heutige stärker dissonanzerprobte Ohren wirkt seine Musik kaum noch „beunruhigend modern“, eher als behutsam fortschrittlich orientiert, was im damals noch etwas provinziellen schwedischen Musikleben eben zwangsläufig anders beurteilt wurde.

Der Komponist zeigt sich in seinen Werken des Öfteren von Literaten beeinflusst. So in der 1. Sinfonie, die „August Strindberg in Memoriam“ untertitelt ist. Nicht nur in diesem Werk beweist er ausgeprägtes Gespür für wirkungsvolle neue Ideen, färbt typisch nordisch anmutende elegische Töne mit mitunter grellen Orchesterfarben zu einer im Resultat durchaus markanten und farbigen Musik mit eigener Handschrift. In jedem Fall sind seine Kompositionen aber auch reich an subtilen Nuancen. Hierfür stehen nicht ausschließlich der ebenfalls dem berühmten Dichter Strindberg gewidmete „Frühlingshymnus“ und die 3. Sinfonie „Lied unter den Sternen“. Beides sind Werke von betont sanft-lyrischem Ausdruck, wobei die Sinfonie einen Hauch von Seestimmung offeriert.

Auch die 2. Sinfonie, „Mein Land“, ist ebenso voller Naturlyrik, keinesfalls von nationalistisch-pathetischer Natur, wie der Titel vermuten lassen könnte. Fantasievolle Satzbezeichnungen wie „Das Märchen“, „Der Wald, Die Wellen“ sprechen da eine eindeutige Sprache.

Verhältnismäßig kühn wirkt das zur 4. Sinfonie ausgestaltete Orgelstück „Invocatio“. Eine von leuchtkräftigen Klangstrukturen und -schichtungen getragene Komposition, in der sich auch archaisierende Elemente des Barock finden. Ein auch durch manch ungewöhnliche Klangkombination von Orchester und Orgel besonders frisches und fesselndes Stück.

Das Symphonieorchester von Norrköping (SON) ist das schwedische Berufsorchester mit dem jüngsten Altersdurchschnitt seiner Mitglieder. Der renommierte Klangkörper interpretiert die Musik Rangströms unter dem Dirigat von Michail Jurowski frisch und zupackend. Die Tontechnik ist ebenfalls auf gewohnt vorzüglichem cpo-Niveau.

Titel: Rangström: Complete Symphonies
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: Norrköping SO, M. Jurowski
Laufzeit: 170:34 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: cpo
Kennung: 999 748-2 (3 CDs)

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Sinding: Symphonies 1 & 2

Christian Sinding (1856-1941): Symphonies 1 & 2

Der Name des Norwegers dürfte manchem Leser als Komponist eines besonders ohrenfälligen nordischen Evergreens, der (auch orchestrierten) Klavier-Miniatur „Frühlingsrauschen“ geläufig sein, ansonsten war Sindings Musik lange Zeit praktisch vergessen, wird erst in den letzten Jahren wieder entdeckt.

Sinding studierte wie auch Jón Leifs in Leipzig — der damals ersten Adresse im nördlichen Europa in Sachen Musik. In seiner Musik verschrieb er sich nicht den Idiomen der nordischen Volksmusik, sondern neigte sich während seines ausgedehnten Aufenthaltes in München stark dem „neudeutschen Stil“ und damit der Klangwelt Richard Wagners zu. Dass dieser für die braunen Machthaber Sympathie äußerte und von diesen auf seinem Weg zur letzten Ruhestätte durch pompöse Bekränzung vereinnahmt wurde, sollte die Rezeption seiner Musik heutzutage nicht mehr beeinträchtigen.

Die beiden auf der cpo-CD vertretenen Sinfonien sind kompositionstechnisch souverän ausgeformte Werke, dazu brillant und effektvoll orchestriert. Sie stehen trotz gelegentlich nordischen Tonfalls im Ausdruck Wagner (einen Schuss Richard Strauss inklusive) nahe, ohne dabei deren oftmals programmatische, tonmalerische Ansätze zu reflektieren. Dass Derartiges im Zeitalter der musikalischen „Moderne“ nicht als besonders originell gelten konnte, ist eine Sache; Sindings von eigenem Willen durchsetzte prachtvolle Klangsprache verdient es trotzdem gehört zu werden. Das vorliegende cpo-Album bietet dazu Gelegenheit. Die sehr gut disponierte Radio-Philharmonie Hannover des NDR wird von Thomas Dausgaard, dem (jungen) musikalischen Direktor des Schwedischen Kammerorchesters, geleitet und bringt beide Sinfonien sehr überzeugend zum Erklingen.

Titel: Sinding: Symphonies 1 & 2
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: Radio-Philharmonie Hannover des NDR, T. Dausgaard
Laufzeit: 70:42 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: cpo
Kennung: 999 502-2

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Leifs: Hekla

Titel: Leifs: Hekla
Erschienen: 1999

Zusatzinformationen: Iceland SO, E. Shao
Laufzeit: 64:41 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-1030

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Sibelius: The Complete Symphonies (EMI)

Jean Sibelius: Sinfonien, Orchesterwerke und Bühnenmusik „Der Sturm“

Keine Betrachtung des Schaffens nordischer Komponisten kommt am bedeutenden finnischen Komponisten Jean (auch Johan Julius Christian) Sibelius (1865-1957) vorbei. Galt seine Musik noch bis in die 1970er Jahre hinein als den modernen Zeitströmungen hinterherhinkend und damit als altbacken, hat sich das Blatt zwischenzeitlich gewendet. Sibelius’ Werke sind mehr als nur ein „Geheimtipp“, sondern erfreuen sich auch bei Nachwuchskomponisten eines wachsenden Interesses.

Sibelius, der in Leipzig und Wien studierte, ist zwar ein Produkt der deutsch-österreichisch-romantischen Schule, deren Werte er bewahrt und nicht allein mit einem eigenen Idiom einfärbte. Seine aus fantastischen Klangbildern bestehende Musik, mit ihrem unverwechselbaren, oftmals schwerblütigen rhapsodischen Tonfall, taugt für weitaus mehr als nur eine flüchtige Begegnung. Hier gibt es die Klangwelten eines tief in der Spätromantik Verwurzelten zu entdecken, der sich sowohl der ausladenden Monumentalität seines Zeitgenossen Gustav Mahler, wie auch den umstürzlerischen Bestrebungen des (durchaus geschätzten) Arnold Schönberg klar verweigerte, vielmehr seinen originären Prinzipien ein Leben lang treu blieb. Eine insgesamt faszinierende Tonsprache, die mal sinnlich und schwelgerisch, aber auch asketisch-karg und vergrübelt daherkommt. Oftmals mit tonmalerischen Akzenten versehen, aber besonders ausdrucksstark im Verleihen von Stimmungen: so bei der Vertonung von Legenden aus den heroischen Zeiten der „Kalevala“ (dem finnischen National-Epos), aber Klang wird auch der über den weiten Wäldern und der Einsamkeit der finnischen Seen liegende Hauch von Melancholie. Charakteristisch hierfür sind Färbungen, die aus der Verwendung der alten Kirchentonarten herrühren und klangbezogene Wirkungen, die entstehen, wenn Holz- und Streichinstrumente immer neue, verschiedenartig eingefärbte Klangflächen bilden.

Aus dem Werkkatalog ragen die sieben Sinfonien heraus, die hierzulande leider in den Konzertprogrammen eher selten anzutreffen sind. In diesen wird der ungewöhnliche Umgang mit dem thematischen Material fortlaufend weiterentwickelt. Hierbei wird regelmäßig mit Bruchstücken herunter bis zu Motivpartikeln gearbeitet, die von einem thematischen Grundmaterial (das auch aus mehreren Einzelthemen bestehen kann) abgeleitet werden. Diese werden zum einen in variierter Form in immer neu und auch nebeneinander angelegten Klangfeldern verarbeitet und zum anderen werden durch Kombinieren dieser Teilstücke auch neue Themen und Themengruppen geformt. Aus diesen können natürlich wiederum Bruchstücke erzeugt und neu kombiniert werden. Mehrfaches Wiederholen führt dann geradezu zu einem aus unzähligen Einzelteilen erstellten und verdichteten Netzwerk, dessen Konstruktionsprinzip die einzelnen Sätze der jeweiligen Sinfonie miteinander letztlich zur zyklischen Einheit verschmilzt. Dies alles hat mit thematischer Arbeit und Satztechnik im Sinne der austro-germanischen Sinfonie-Tradition kaum noch etwas gemein, hierin liegt das Neue oder zumindest doch das Unkonventionelle dieses großen Tonsetzers.

Natürlich ist dies alles im Detail nicht mehr unmittelbar durch einfaches Hören erkenn- und nachvollziehbar, bleibt vielmehr unter einer oftmals schönen (scheinbar glatten) Oberfläche verborgen, die oft auch weit geschwungene melodische Bögen aufweist. Es handelt sich also keinesfalls um eine abstrakt und akademisch trocken klingende, sondern um eine frische, experimentierfreudige und auch modern anmutende Tonsprache; dabei um eine, die in Teilen zwar durchaus etwas Zeit zum Eingewöhnen verlangt, dafür anschließend aber umso nachhaltiger beeindruckt. Insbesondere angelsächsische Komponisten wie Ralph Vaughan Williams, Arnold Bax, William Alwyn und Howard Hanson haben die Werke ihres Kollegen Jean Sibelius sehr geschätzt und seine Musik hat in ihren Werken zum Teil deutliche Spuren hinterlassen. Und auch so mancher Filmmusikfreund wird sich für die sich oftmals zu hymnischer Pracht entfaltenden aparten und ungewöhnlichen Klänge begeistern können.

Zur Auswahl stehen zwei attraktive im Midprice angesiedelte CD-Sets: der umfangreiche Sibelius-Zyklus unter dem Dirigenten Paavo Berglund in der EMI -Serie mit „Budget-Box-Sets“ (www.emiclassics.de) — 8 CDs in Platz sparenden Papp-Steckhüllen, untergebracht in einer soliden Papp-Box; sowie die in der Reihe „Columbia Legends“ (bei Sony Classical, www.sonyclassical.de) erschienenen Sibelius-Einspielungen unter Leonard Bernstein, in einer mit 4 CDs bestückten konventionellen Kunststoffbox.

Paavo Berglund ist ein renommierter Sibelius-Interpret, der sich ausgiebig mit den Werken seines großen Landsmannes auseinander gesetzt hat. Dies reflektiert auch der EMI-CD-Zyklus, der zwischen 1970 und 1987 entstand. Neben den Sinfonien bietet die EMI-Box zusätzlich Hörenswertes des großen Finnen. Neben einer Reihe ebenfalls wichtiger sinfonischer Tondichtungen — auch die zündende „Finlandia“ fehlt nicht — sind einige der aus Bühnenmusiken erstellten Suiten vertreten; aber auch ein sehr interessantes, noch besonders ausladend angelegtes Frühwerk von fast Mahlerschen Dimensionen wird geboten: die rund 70-minütige „Kullervo-Sinfonie“. Die nummerierten sieben Sinfonien sind mit dem Philharmonischen Orchester aus Helsinki, die „Kullervo“-Sinfonie sowie die allermeisten sonstigen Werke mit dem Bournemouth Symphony Orchestra aufgenommen. Das Begleitheft wartet (auch in Deutsch) mit sehr soliden Informationen zu den vertretenen Werken auf.

Die Box der Reihe „Columbia Legends“ präsentiert die unter dem legendären Dirigenten (und Komponisten) Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic in den Jahren 1961-67 eingespielten sieben Sinfonien sowie die Tondichtungen „Pohjolas Tochter“ und „Luonnotar“ — ein Klassiker des Repertoires. Das Begleitheft wartet (leider nur in Englisch und Französisch) mit einem informativen Artikel zu den Sinfonien auf.

Die Aufnahmen beider Editionen klingen gut bis sehr gut und auch interpretatorisch gibt es nichts zu bemängeln. Bernstein nimmt sich teilweise merklich mehr Zeit, ist im Klang einen Tick opulenter als Berglund, dessen insgesamt weniger romantisierende, stärker sachlichen Darstellungen sind aber im Resultat vergleichbar schlüssig und qualitativ hoch stehend.

Titel: Sibelius: The Complete Symphonies (EMI)
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: Bournemouth SO, Helsinki PO, P. Berglund

Medium: CD (Klassik)
Label: EMI
Kennung: 7243 5 74484 2 (8 CDs)

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Sibelius: The Complete Symphonies (Sony)

Titel: Sibelius: The Complete Symphonies (Sony)
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: New York Philharmonic, L. Bernstein

Medium: CD (Klassik)
Label: Sony
Kennung: SM4K87329 (4 CDs)

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 01.01.2004 | von Michael Boldhaus

Sibelius: The Tempest

Selbstverständlich hat auch das BIS-Label in Sachen Sibelius einiges zu bieten, es wird sogar eine Edition der vollständigen Werke auf Tonträger angestrebt. Hier sind natürlich auch besonders reizvolle Ausgrabungen nahezu unbekannter Werke zu finden. Zum Abschluss dieses Artikels sei aus diesem Fundus eine CD vorgestellt, in deren Zentrum die beiden Suiten stehen, die Sibelius für den Konzertgebrauch aus der Bühnenmusik zu Shakespeares „Der Sturm“ erstellte — übrigens Sibelius’ größter Bühnenkomposition. Die aus einzelnen Nummern bestehende Musik weist zwar nicht die formale Geschlossenheit der Sinfonien auf, sie steckt jedoch voller Poesie und orchestraler Einfallskraft und zeigt den großen Finnen auch als Beherrscher der kleinen Formen. Die zweite Suite ist für ein kleines Ensemble gesetzt, bietet neben Liedhaftem und Walzerklängen auch majestätische Musik für Streicher, die dem berühmten britischen Meister des Barock, Henry Purcell, Referenz erweist.

Wie nahe derartige Theatermusik mitunter der Filmmusik steht, beweist besonders eindrucksvoll die Suite Nr. 1, in der sich das große Orchester in seiner ganzen Klangpracht und Wucht entfalten kann und der heulende Sturm tonmalerisch packend, klangsinnlich erfahrbar wird.

Als Zugaben gibt es noch drei kleinere, nahezu unbekannte Gelegenheitsarbeiten des Komponisten: die unveröffentlichte „Cassazione, Op. 6“, ein sehr frei an den Cassationen (Abschiedsmusiken) des 18. Jahrhunderts orientierte charmante Orchesterfantasie. Den Abschluss bilden zwei Stücke für Bläser und Schlagwerk.

Die traditionsreichen Göteborger Sinfoniker unter Neeme Järvi liefern sehr engagiert und ambitioniert klingende Interpretationen. Und auch die Tontechnik hat ihren „Mann“ gestanden und das Klangbild sorgfältig ausgeleuchtet.

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern (All pictures, trademarks and logos are protected.)

Titel: Sibelius: The Tempest
Erschienen: 1989

Zusatzinformationen: Gothenburg SO, N. Järvi
Laufzeit: 64:32 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD-448

Komponist(en):

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