CD

Veröffentlicht am 14.10.1999 | von Michael Boldhaus

The Song of Terezin

Als das Cincinnati May Festival Franz Waxman 1964 mit einer Komposition beauftragte, die eine Dichtung über Kinder beinhalten sollte, stieß der Komponist bei seinen Recherchen auf die Gedicht- und Bildersammlung tschechischer Kinder – „I Never Saw Another Butterfly“, so der englische Originaltitel – aus dem NS-Vorzeige-Konzentrationslager Theresienstadt (Terezín). Er wurde durch den tiefen Ausdruck der Kinderschicksale, der in der nur wenig naiv wirkenden Lyrik beeindruckend festgehaltenen ist, stark beeindruckt. Der Komponist wählte aus der Sammlung acht Gedichte aus und von November 1964 bis Februar 1965 entstand das jetzt erstmals auf Tonträger eingespielte rund 40-minütige Werk für Kinderchor, gemischten Chor, Mezzosopran und Orchester. „Das Lied von Terezin“ wurde am 22. Mai 1965 mit 600 Sängern, dem Cincinnati Symphony Orchester und der Sängerin Betty Allen erfolgreich uraufgeführt. Weitere Aufführungen, auch in Europa, folgten.

In dieser Komposition steht Waxman der Schönbergschule, besonders Alban Berg und auch Alexander von Zemlinsky (dem Lehrer Korngolds), sehr nahe. Im zweiten Lied „Versunken“, gibt es in der Verwendung der Celesta, besonders in der Textzeile „…und von der Ewigkeit…“, Anklänge an Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Wie bei Berg, der in seiner Musik trotz Atonalität noch goldene Brücken zur Romantik baute, wirkt diese Waxman-Musik (bei eingehenderem Hören) nicht spröde und schwer zugänglich, sondern ist trotz aller Tragik eher lyrisch und abgeklärt. Von vereinzelten dissonanten Klangausbrüchen des Blechs abgesehen, wird die Komposition von einem eher ruhigen Ausdruck beherrscht. Die hochexpressive Musik durchläuft eine Vielzahl von Stimmungszwischenstufen, die kaum in Worte zu fassen sind, sondern erhört werden müssen. Neben Passagen von Furcht, Tapferkeit, Wut, Melancholie und natürlich auch Bedrohung ist die Sehnsucht nach einer besseren Welt das tragende Element dieses Liederzyklus.

„Das Lied von Terezin“, neben dem Oratorium „Joshua“ Waxmans einzige große Schöpfung für den Konzertsaal, ist zweifellos sein persönlichstes Werk geworden. Waxman hatte Deutschland bereits 1934 wegen des Naziterrors verlassen. Wie der Sohn des Komponisten John Waxman erzählte, wurde sein Vater durch dieses Werk trotz fortschreitender Krebserkrankung in dem Wunsch bestärkt, das Lager Theresienstadt selbst zu besuchen. Waxman dirigierte den Liederzyklus noch (zum ersten Male) selbst, im Rahmen eines Konzertes des Los Angeles Music Festival. Es war sein letztes Konzert.

Die vorliegende Aufnahme entstand im Rahmen der Decca-Serie „Entartete Musik“, einem hoch ambitionierten Projekt, das Werke von unter der Naziherrschaft verbotenen Komponisten und solchen, die hierzu in Beziehung stehen, zu Gehör bringt (siehe unsere Artikelreihe „Im Dritten Reich verboten: Entartete Musik“). Neben dem „Lied von Terezin“ ist noch Eric Zeisls „Requiem Ebraico“ auf der CD vertreten. Zeisl, der beide Elternteile in Theresienstadt verlor, schuf ein im Tonfall traditionelleres, aber ebenfalls sehr farbiges und ausdrucksstarkes Werk. Der Emigrant Zeisl, Landsmann Korngolds und Steiners, war laut Booklet-Text Kollege und Freund Waxmans in Hollywood: eine Tatsache, die wohl nicht ausschließlich dem Rezensenten bis dato unbekannt gewesen sein dürfte. Insgesamt ist die vorliegende Einspielung ein aufnahmetechnisch und interpretatorisch gelungener wichtiger Repertoirebeitrag in Sachen musikalische Mahnmale gegen den Faschismus, daneben natürlich auch zur Musik Franz Waxmans und generell zur Musik des zwanzigsten Jahrhunderts.

Titel: The Song of Terezin
Erschienen: 1998

Laufzeit: 61:04 Minuten

Medium: CD
Label: Decca
Kennung: 460 213

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 14.10.1999 | von Michael Boldhaus

Passover Psalm

Korngolds „Passover Psalm (Passah-Psalm)“ ist neben Janáceks „Glagolitischer Messe“, wie auch der „Psalm 83“ Zemlinskys, eher ein reizvoller Füller. Als Auftragswerk für den Rabbi Jakob Sonderling entstand das kleine Werk in Hollywood und wurde dort 1941 auch uraufgeführt. Als einzige geistliche Komposition in Gesellschaft der großen Filmkompositionen, ist der „Passah-Psalm“ besonders für den Kenner und Liebhaber interessant. Auch hier finden sich die unverkennbaren Instrumentenkombinationen (Harfe, Klavier und Solovioline ragen in einem Orchester ohne Holzbläser heraus), die auch für andere Werke des Komponisten charakteristisch sind. Dieser Psalm ist eine von den Zeitläufen unberührte, sicher nicht bedeutende, aber einfach schöne Komposition.

Die bis Ende der achtziger Jahre immer noch recht unglücklich verlaufene Rezeptionsgeschichte Korngoldscher Musik scheint inzwischen, dank einer liberaleren Haltung in den Betrachtungsweisen durch die öffentliche Kunstkritik, positiv zu verlaufen. Die lange Zeit gültige Ideologie, „Musikgeschichte müsse sich stets linear vorwärts entwickeln, ein Komponist der zähle, müsse in seinem Werk stets den vordersten Stand des Materials repräsentieren ist brüchig geworden“ (Gottfried Eberle). Als ein, bei aller Kühnheit in der Harmonik, doch „letzter Romantiker“ erschien der Komponist im Umfeld der Schönbergschule für die Kunstkritik lange Zeit einfach nur als Anachronist. Dabei rangierte in den zwanziger Jahren speziell die Oper „Die tote Stadt“ in der Beliebtheit beim Publikum zeitweilig sogar vor dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Die Zäsur durch Aufführungsverbot und Emigration taten ein übriges das Werk „aus den Ohren aus dem Sinn“ zu vertreiben. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es für Korngold dann in Europa für lange Zeit keine echte Chance mehr: Zum einen galten andere Töne als zeitgemäß, zum anderen wurde ihm auch sein Hollywooder Zwischenspiel, für Kritiker wohl ein Abstieg in „filmusikalische Niederungen“, negativ angerechnet. Dass er in dieser Zeit die Entwicklung der neuartigen Kunstform Filmmusik entscheidend mitgeprägt hat, wird erst heute langsam anerkannt. Inzwischen dürfte Erich Wolfgang Korngolds Zeit doch endgültig gekommen sein: Gerade die vermehrt auf Tonträger vorgelegten kleinen Werke sind ein wichtiges Indiz hierfür.

Titel: Passover Psalm
Erschienen: 1998

Laufzeit: 61:35 Minuten

Medium: CD
Label: Decca
Kennung: 460 213

Komponist(en):

Schlagworte:


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