Treffen zweier Welten – Ein Filmmusik-Konzert in Gent/Belgien

Geschrieben von:
Magdi Aboul-Kheir
Veröffentlicht am:
7. November 2001
Abgelegt unter:
Special

1345The Magnificent Seven, The Great Escape, The English Patient, Camille Claudel. Hollywood-Hochglanz trifft europäischen Kunstanspruch – und das live in einem Konzert. Das Beste beider Filmmusik-Welten sollte laut Motto beim diesjährigen Konzert des Internationalen Filmfestivals Flandern zusammengebracht werden, und zwar in Gestalt Elmer Bernsteins und Gabriel Yareds. Es wurde ein Konzert mit zwei grundverschiedenen Hälften, ein Filmmusikabend des Kontrasts.

Filmmusik-Konzerte in Gent, das hat Tradition. Jahr für Jahr reisen namhafte Vertreter des europäischen und amerikanischen Filmmusik-Schaffens nach Belgien. Bruce Broughton, Michael Kamen und David Newman sind da schon aufgetreten, ebenso Ennio Morricone und Jean-Claude-Petit; im vergangenen Jahr feierte Hans Zimmer sehr recht unterhaltsame Konzertpremiere. Nun sollten es also Elmer Bernstein und Gabriel Yared gemeinsam in einem Konzert sein. Doch die Politik macht den Organisatoren des flandrischen Filmfestivals diesmal mehr als einen Strich durch die Rechnung: Das sonst ebenso wie das Konzert zum festen Festivalprogramm gehörende Seminar wurde wegen einem EU-Gipfel gestrichen; und wegen der Attentate vom 11. September und deren Folgen kam Elmer Bernstein nicht persönlich nach Gent.

Hollywood-Veteran Bernstein grüßte denn nur per Videoeinspielung, als Dirigent sprang für ihn der musikalische Leiter des Festivals ein, der belgische Komponist Dirk Brossé. Er hatte bereits das Zimmer-Konzert 2000 dirigiert, und auch diesmal zeigt er sich als vorzüglicher Orchesterchef. Das Belgische Nationalorchester zeigte sich bestens vorbereitet; offenkundig ein Ensemble, das Spaß daran hat, Filmmusik zu spielen und das sich ohne elitärem Dünkel dieser Art von „Gebrauchsmusik“ stellt.

Bernstein war mit einem abwechslungsreichen, knapp 40-minütigen Streifzug durch sein Filmmusikschaffen vertreten. Höhepunkte aus einem halben Jahrhundert Filmmusik, mit einigen prächtigen Paradestücken, auch mit einigen angenehm ruhigen Momenten, und zum Glück völlig ohne Ondes Martenot.

Den Auftakt machte eine kürzere Suite aus Bernsteins wunderbarer Partitur zu To Kill a Mockingbird • Wer die Nachtigall stört (1963), zurückhaltende Americana mit warmem Streicherklang, und sanften Pianosoli. Nach dem Thema zu „Hollywood and the Stars“ (1962), eine nostalgische Melodie, die Brossé fast schon schwärmerisch aussingen ließ, ein echter Leckerbissen: ein Suite aus der viel gesuchten Musik zu dem Abenteuerstreifen Kings of the Sun • Könige der Sonne (1963), bei der die fünf belgischen Schlagwerker Schwerstarbeit zu verrichten hatten. Es wäre erfreulich, wenn Bernstein diesen Score, wie geplant, tatsächlich neu einspielte. Auf den zackig gespielten Marsch aus The Great Escape • Gesprengte Ketten (1963) folgten rund zehn Minuten der Partitur The Age of Innocence • Zeit der Unschuld (1993): Walzer-Melancholie und viel Brahm’scher Ernst. Zum Abschluss des Bernstein-Teils das Unvermeidbare: The Magnificent Seven • Die glorreichen Sieben (1960) – ein unverwüstliches Thema, weder von unzähligen Kopien und Persiflagen, noch von 1500 Marlboro-Werbespots totzukriegen. Brossé trieb das Orchester mit hohem Tempo durch den Western-Klassiker, wie er überhaupt den Fehler vermied, Bernsteins Filmmusik zu zerdehnen und so auf hehren Konzertmusik-Anspruch zu trimmen. Ein schönes Programm, gekonnt dargeboten.

Nach der Pause stand dann der Franzose Gabriel Yared am Dirigentenpult – zumindest, wenn er nicht gerade am Klavier saß. Er bot Musik aus insgesamt sieben Filmen und einem Ballett, gab einen umfassenden Überblick über sein Schaffen, lediglich seine jüngsten Titel wie City of Angels fehlten. Aber dafür gab es ja genug Anderes: eingängig Klassizistisches, bluesige Einspengsel (etwa aus Betty Blue, 1986), Opernhaftes (L’Amant • Der Liebhaber, 1991) und viel (insgesamt zu viel) Streichermelodram. Den meisten Applaus erhielt eine 13-Minuten-Suite aus der Oscargekrönten Musik zum Wüstendrama The English Patient • Der englische Patient (1996), ein Stilmischung aus Bach, Wiener Klassik, ungarischem Volkslied und John-Barry-Streicherelegien. Abwechslungsreich auch La Lune Dans le Caniveau • Der Mond in der Gosse, 1983): Saxophon-Solo, Fuge und ein Tango mit Bandoneon-Violinen-Duo. Dagegen geriet eine längere Suite aus Camille Claudel (1988) zu einförmig. Und die lebendigeren, rhythmisch akzentuierteren Stücke etwa aus The Talented Mr. Ripley • Der talentierte Mr. Ripley, 1999) oder dem Ballett „Clavigo“ (1999) zeigten mit ihren doch sehr ähnlichen Ostinati (Bässe und Celli) Yareds Inspirations-Grenzen.

Zum Konzertende bekam der Komponist von Regisseur Jean-Jacques Annaud eine Auszeichnung des Filmfestivals für sein Lebenswerk überreicht. wobei das, wie der Filmemacher scherzte, vielleicht noch etwas zu früh kam. Das zufriedene Publikum lachte und klatschte freundlich, nur Yareds Versprecher – „Nationalorchester von Brüssel“ anstatt „von Belgien“ – kam gar nicht gut an.

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