Traumfabrik Hollywood

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
7. Februar 2000
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Sehr lesenswert ist Robert S. Sennetts Essay „Traumfabrik Hollywood“ aus der mittlerweile etablierten Reihe „Filmbibliothek“ des Europa-Verlages (Europa Verlag). Besonders aufschlussreich ist der Untertitel „Wie Stars gemacht und Mythen geboren wurden“. Dem Autor geht es darum, das goldene Zeitalter der Traumfabrik, speziell unter dem Aspekt eines der bedeutendsten Phänomene angewandter Massen- und Verhaltens-Psychologie, zu beleuchten: der Werbung. In Amerika haben Werbung und Verkaufen eine große Tradition: Schon 1922 sagte Präsident Coolidge sinngemäß „… das Geschäft Amerikas ist das Geschäft selbst“.

Ausgehend vom Wandel der Werbung in den ersten Dekaden des 20sten Jahrhunderts, setzt der Autor mit seiner Betrachtung an. Heutzutage bedeutet Marketing nicht mehr marktschreierisches reines Vorzeigen und Anpreisen, sondern psychologisch unterstützte Verkaufsförderung, für die geläufige Begriffe wie Produktplatzierung und Prominentenwerbung stehen. Ein besonders wichtiger Aspekt der modernen Werbung ist, dass diese eine Verbesserung der Lebensqualität suggeriert. Sennett beschreibt das klassische Hollywood unter dem vorrangigen Aspekt seiner Existenz: der Absicht große Profite zu machen. Der Autor beleuchtet die Mechanismen und Funktionsweisen der Traumfabrik detailliert: Hollywood vermarktete nicht ausschließlich seine Produkte (Filme), sondern begann bereits in den 30er Jahren damit, sich selbst massiv ins Rampenlicht zu setzen. Diese Form von Image-Werbung für Personen betraf vorwiegend die Film-Regisseure und Produzenten; Walt Disney war jemand, der seinen Mythos am besten vermarktet hat. Auch hierdurch wird die Macht der vielen Menschen mit Hilfe der Film-Bilder vermittelten Illusionen deutlich; etwas das man in der Politik (negativ besetzt) Propaganda und heute eher Öffentlichkeitsarbeit nennt, das in Hollywood aber immer nur Publicity hieß. Auch der Star-Rummel (für den in jener Zeit besonders MGMs Slogan „more Stars than there are in Heaven“ stand) war etwas hollywood-typisches und untrennbar verbunden mit der Glamour-Fotografie: hochartifizielle Hochglanz-Fotos der Stars, bei denen „der schöne Schein“ alles war.

In Hollywood etablierte sich neben dem Studiosystem eine spezielle Film-Presse, für die Zeitschriften wie „Variety“ und „Hollywood-Reporter“ stehen und deren flapsig lockerem Stil wir beliebte Begriffe wie „Hit“ oder „Flop“ verdanken. „Traumfabrik Hollywood“ bietet hier Einblicke in das oft schmutzige Geschäft der Kolumnisten: Die Berichterstattung derartiger Magazine war nur in Teilen seriös, meist war sie, um die „Attraktivität“ und damit die Auflage des betreffenden Blattes zu steigern, von bösartigem Klatsch und rücksichtsloser Sensationsgier geprägt.

Dass es mit dem „guten Geschmack“, auch Abseits der Klatsch-Kolumnen, oft nicht weit her war, belegen die häufig fragwürdigen Gimmicks des Produzenten und Regisseurs William Castle (der ursprünglich Schloss hieß). Er inszenierte Public Relations zu einer ganz besonderen Kunstform – mit sich selbst als größtem Star. Einmal beabsichtigte Castle sogar, jeden Zuschauer eines seiner Horror-Streifen gegen Tod durch Erschrecken zu versichern: „Es wäre schrecklich, wenn jemand sterben würde, aber der Werbeeffekt wäre großartig“…

Das Buch bietet aber auch drollige Infos über Merchandising Produkte wie ein Ben Hur-Golfhemd mit wie Streitwagenräder gestylten Knöpfen. Sennetts Essay liefert darüber hinaus auch Informationen zu Themen wie „Nachtleben in Hollywood“, „Tourneen und Selbstinszenierung“, „die Hollywood Agenten“, „Plakate und Trailer“, „3-D, CinemaScope und 1001 verrückte Ideen“ und die gewaltigen Kino-Tempel einer vergangenen Ära im Kapitel „Paläste des Lichtes“.

Bei einer derart facettenreichen Studie zu einem komplexen Thema sind kleinere Ungenauigkeiten und Fehler wohl kaum zu vermeiden. Im Kapitel „CinemaScope und 1001 verrückte Ideen“, in dem der Autor Hollywoods Film-Marketing mit neuartiger Kinotechnik als Werbeargument behandelt, sind mir drei aufgefallen: So entstand das Breitwandverfahren CinemaScope in Folge von Cinerama (und nicht umgekehrt) und das 70-mm-Todd-A-O-Verfahren brachte es nicht ausschließlich auf zwei Filme, sondern diente der Fox bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre zur Realisierung nahezu aller Groß-Produktionen. Auch handelt es sich bei der Panavision-Linse nicht um ein neuartiges Verfahren, sondern „nur“ um eine Weiterentwicklung der CinemaScope-Optik.

Nun, dies schmälert den Wert der humorvoll geschriebenen und überhaupt amüsanten Publikation nur wenig. Der Autor vermittelt augenzwinkernd einen Eindruck von der Bedeutung und Vielfalt der Werbung und ihren zum Teil grotesken Blüten im so genannten „Golden Age“. Vieles von dem hat aber auch in der Hollywood-Landschaft heutiger Tage (in zeitgemäß gewandelter Form) noch Gültigkeit. So ist die alljährliche Verleihung der Academy Awards eine mit äußerlichem Glanz aufgezogene Zeremonie mit feierlichen Reden und Selbstbeweihräucherung geblieben. Bereits in den goldenen Kino-Tagen wurden die Oscars nicht allzu ernst genommen, außer um aus ihnen Kapital zu schlagen. Insgesamt resultiert daher die zwar nicht grundsätzlich neue, hier aber umfangreich untermauerte Erkenntnis, dass Kunst und Kino sich zwar durchaus nicht ausschließen müssen, aber Kommerz und Geschäft klar den Vorrang haben. Was bedeutet: Raum für künstlerische Experimente schafft allein der kommerzielle Erfolg!

Wer also die Welt des (nicht ausschließlich klassischen) Kinos besser verstehen lernen will, der werfe einen tieferen Blick in Robert S. Sennets – mit reizvollem Bildmaterial zur schillernden „Wundertüte“ ergänzten – Buch „Traumfabrik Hollywood“ über eines der bedeutendsten Themen der Populär-Kultur (nicht allein Amerikas): dem in vielem grotesken Märchenland Kino.

Erschienen
2000
Seiten:
176
Verlag:
Europa Verlag
Kennung:
ISBN 3-203-84112-6
Zusatzinfomationen:
€14,90 (D)

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