„The Sea Hawk“ (Kompilation)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
29. März 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Kompilation „The Sea Hawk“

In der kürzlich auf dem renommierten Label Deutsche Grammophon (DG) erschienenen Korngold-Kompilation, „The Sea Hawk“ könnte man gar einen Einstieg in ein auf dem Gelb-Label bislang fast völlig ignoriertes Programm-Segment vermuten: Filmmusik. Das bleibt jedoch abzuwarten. In jedem Fall sind die unter dem Dirigenten André Previn mit dem London Symphony Orchestra (LSO) aufgenommenen Filmmusik-Suiten nicht die erste Tat des Duos Previn/LSO in Sachen Korngold für das DG-Label. Bereits 1994 erschienen das Violinkonzert (zusammen mit dem von Samuel Barber) und die Suite aus der Bühnenmusik zu „Viel Lärm um Nichts“.

Die Hochglanz-Kompilation „The Sea Hawk“ vereint vier längere Suiten aus sehr geläufigen Filmkompositionen des Hollywood-Maestros zu ebenso bekannten Filmen, in denen der berühmteste Action-Star der späten 30er und 40er Jahre, Errol Flynn, mitgewirkt hat. Neben den rund 17 Minuten Musik zum titelgebenden Swashbuckler finden sich jeweils ca. 14 Minuten Auszüge aus The Private Lives of Elizabeth and Essex (1939) und Captain Blood • Unter Piratenflagge (1935) sowie etwa 23 Minuten aus The Prince and the Pauper • Der Prinz und der Bettelknabe (1937, auch unter dem Titel Mit eiserner Faust gezeigt).

Über Korngolds klangsinnlich-opulente, herrlich orchestrierte Filmmusiken, insbesondere zu den Kostüm-Stoffen (siehe auch „Tribute to E.W. Korngold“), kann man nur positiv schreiben: Es handelt sich um in den Fanfaren und Märschen prächtig leuchtende, in den Liebesszenen innig bis leidenschaftliche sowie in den Action-Passagen (Duellen) rasante und wuchtige, insgesamt klangschwelgerische Kompositionen. Dies gilt ein Stück weniger für The Prince and the Pauper, der als einziger der vier Filme auch kein typisches Errol-Flynn-Vehikel ist. Flynn spielt in dieser frühen Verfilmung der berühmten Mark-Twain-Story nur eine ordentliche Nebenrolle. Die übliche zentrale Love-Story fehlt, aber dafür finden sich sogar einige sozialkritische Untertöne. Auch in The Prince and the Pauper fehlt es nicht an strahlenden Fanfaren, aber Erich Korngold vertonte die über weite Strecken humorvolle Verwechslungsgeschichte mit überwiegend tänzerisch anmutender, in die Nähe eines Balletts gerückter, sehr lyrischer und wie (fast) immer von üppigen Melodien durchzogener Musik.

Rein musikalisch gesehen, wäre hier also die Höchstwertung angemessen. Dazu konnte ich mich allerdings nach eingehenden (auch vergleichenden) Hörsitzungen doch nicht durchringen. André Previn und das hervorragende London Symphony Orchestra bieten ein zwar sehr gut klingendes und auch spieltechnisch sehr sauberes Resultat: restlos zu überzeugen vermag mich diese CD aber trotzdem nicht. Im Prinzip kenne und schätze ich André Previn – der im Bereich Filmmusik seine Karriere startete – als recht zupackenden und dynamisch agierenden Maestro des Taktstocks: Im vorliegenden Fall aber geht er fast durchgehend mit arg langsamen, ja teilweise geradezu zerdehnten Zeitmaßen zu Werke. Dadurch drohen zwar derart ausgefeilte Musiken nicht auseinander zu fallen, werden aber nach meinem Empfinden in ihrer Wirkung doch merklich beeinträchtigt. Was im Bereich der romantischen Love-Scenes noch einigermaßen funktioniert, ist in den Action-Passagen völlig kontraproduktiv. Die fehlende Rasanz in den Kampf- und Duell-Szenen beraubt die an sich mitreißende Musik allzusehr ihrer ursprünglichen Funktion (als Filmmusik) und lässt damit das Filmtypische kaum noch spürbar werden. (Man vergleiche hier mit den zum Teil atemberaubenden Tempi der von Korngold selbst dirigierten Originale – siehe auch Captain Blood -, aber auch mit den konkurrierenden Nachspielungen unter Charles Gerhardt, Varujan Kojian und John Morgan, die zwar ebenfalls langsamer, aber ausgesprochen lebhaft wirken.)

Der Booklet-Vermerk „Scores reconstructed and assembled by Patrick Ross“ ist etwas merkwürdig, da sämtliches Musikmaterial dieser CD bereits in anderen Nachspielungen vorliegt. (Etwa 15-20 Minuten neues Musikmaterial hätten den Repertoirewert deutlich erhöht.) Überwiegend klingt die präsentierte Musik so als hätte man auf die bereits für die besagten früheren Aufnahmen verwendeten Orchester-Materialien zurückgegriffen und daraus kürzere Fassungen zusammengestellt – insbesondere bei The Sea Hawk. In letztgenannter Suite fehlt aber leider der – in beiden konkurrierenden Nachspielungen enthaltene – wichtige Chor im jubelnden „Strike for the Shores of Dover“.

In der etwas instabilen, leicht lädierbaren Präsentation der CD als „Digi-Pack“ ist ein gut gemachtes 25-seitiges Booklet enthalten, dessen Texte (vom Korngold-Biograf Brendan G. Carroll) durchweg kompetent und informativ gehalten sind – in Deutsch, Englisch und Französisch. Der folgende Satz im einführenden Textstück von André Previn irritiert allerdings ein wenig: „… Seine besten Filmmusiken erinnern auch an seine anspruchsvolleren Werke. …“ Im Übrigen wird hier der zweifellos sehr bedeutende und in vielem prägende Rang des Komponisten nach meinem Empfinden doch etwas überhöht. Warum bitte bleibt der mit Sicherheit für die Entwicklung der musikalischen Tonfilm-Standards vergleichbar bedeutende Max Steiner unerwähnt? Dessen musikalische Schreibweise ist zweifellos ein Stück weniger komplex, aber seine Musik trotzdem ähnlich farbig, sinnlich und nicht ohne Raffinesse. Der Name Steiner steht hier nicht allein für The Most Dangerous Game (1932) und King Kong (1933); seine herrliche Musik zum Swashbuckler The Three Musketeers und auch die maßstabsetzende zu John Fords Klassiker The Informer • Der Verräter entstanden beide ebenfalls 1935, also im selben Jahr wie Captain Blood.

Insgesamt ist „The Sea Hawk“ eine Korngold-Filmmusik-CD, die sich der Musik des Komponisten mehr als Konzert- denn als Filmmusik nähert. Trotz der kleineren Mängel handelt es sich um eine solide gemachte Neuerscheinung, die ihre Liebhaber finden dürfte.

Erschienen:
2002
Gesamtspielzeit:
67:57 Minuten
Sampler:
Deutsche Grammophon
Kennung:
DG 471347-2
Zusatzinformationen:
London SO, André Previn

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