Tribute to E. W. Korngold

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
15. März 2000
Abgelegt unter:
Sampler

Score

(5/6)

Eine lange erwartete Filmmusik-Veröffentlichung aus goldenen Kinojahren ist Kochs „Tribute to E. W. Korngold“, ein soeben erschienener Sampler, der drei neueingespielte Filmmusik-Suiten vom New Zealand Symphony Orchestra unter James Sedares präsentiert. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Warten hat sich gelohnt.

Erfreulicherweise legt der Sedares-Sampler das Schwergewicht auf die beiden bis heute nur in kurzen Auszügen vorliegenden Musiken Juarez (1939) und The Sea Wolf • Der Seewolf (1941), von denen jeweils rund 27-minütige Extrakte präsentiert werden. Die 6 Minuten aus Elizabeth and Essex • Günstling einer Königin (1939) haben mehr den Charakter einer ungewöhnlich (nämlich in der Mitte) platzierten Overtüre und treten damit nicht in unnötige Konkurrenz zur seit längerem vorliegenden Gesamteinspielung unter Carl Davis. Die drei genannten Filmmusiken liegen im Rahmen von Korngolds Hollywood-Karriere in der mittleren Periode. Juarez und Elizabeth and Essex gehören in den Bereich episch angelegter Historien-Melodramen. Etwas merkwürdig bleibt, dass die Aufnahmen fast genau drei Jahre im Archiv schlummern mussten und nicht bereits im Produktionsjahr 1997, dem 100. Geburtstag Korngolds, erschienen sind.

Juarez schildert eine tragische Episode aus dem französisch-mexikanischen Abenteuer Napoleons III. (Louis Napoleon, ein Neffe Napoleons I. und französischer Kaiser von 1852 bis 1870). Dieser versuchte im Zuge der Erweiterung des französischen Kolonial-Imperiums in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein mexikanisches Kaiserreich europäischen Stils von Frankreichs Gnaden zu errichten. Hierzu unterstützte er reformfeindliche und royalistische Kräfte im Lande gegen den gewählten Präsidenten Benito Juarez. Der österreichische Erzherzog Maximilian, Bruder Kaiser Franz Josephs II., Thronfolger ohne Thron, nahm 1864 die ihm angebotene mexikanische Kaiser-Krone an und begab sich mit seiner Frau Carlota (Charlotte), einer belgischen Prinzessin, nach Mexico City. Getragen von großen Idealen wollte er sich als friedfertiger, reformwilliger Herrscher erweisen und dem „alten und faul gewordenen Europa“ zeigen, wie man ein krisengeschütteltes und vom Bürgerkrieg zerrissenes Land zu Wohlstand und internationaler Anerkennung führen kann. Maximilian erkannte allerdings nicht, dass man ihn als einen Tyrannen empfand, der von einer feindlichen ausländischen Macht ins Land geholt worden war. Seine Macht ruhte nahezu vollständig auf einem französischem Expeditionskorps, das Napoleon III. nach dem gewonnenen US-Bürgerkrieg unter dem zunehmenden nordamerikanischen Druck abziehen musste. Die verzweifelten Versuche Carlotas, die Dinge durch eine persönliche Intervention bei Napoleon in Paris und anschließend beim Papst in Rom doch noch zu wenden, waren zum Scheitern verurteilt: Sie sah ihren Mann nicht wieder und verfiel langsam dem Wahnsinn. Maximilians Situation wurde rasch aussichtslos: Der unglückliche Kaiser fiel schließlich durch Verrat in die Hände seines Gegners Benito Juarez und wurde im Juni 1867, fast genau 3 Jahre nach seiner Ankunft in Mexiko, erschossen.

Ein Habsburger auf Montezumas Thron: Vom prächtigen und pittoresken Triester Schloss „Miramar“ ins exotische Mexiko! Welch ein dramatischer und zugleich abenteuerlicher und märchenhafter Stoff vor fast weltumspannendem historischen Hintergrund liegt in dem, wie Golo Mann schrieb, „jammervollsten Versuch, eine Monarchie europäischen Stils in Mexiko zu errichten“. Auf Schauplätzen, die über Nord- und Mittelamerika sowie Mitteleuropa breit gestreut sind, spielen Bürger, Soldaten, Abenteurer und adelige Politiker, aber auch Angehörige des Klerus ihre Rollen in einer menschlichen und politischen Tragödie großen Stils. Garibaldi einigt Italien, Lincoln führt aus denselben Gründen die USA in ihren blutigen Bürgerkrieg, und der Preuße Bismarck arbeitet am „Zweiten Deutschen Reich“. Die sich anbahnenden Konflikte mit dem Österreich des Kaisers Franz Joseph I. (Schlacht von Königgrätz) und dem Frankreich der „Belle Epoque“ ziehen bedeutende Konsequenzen nach sich, die uns auch heute noch berühren. Der Epilog: Die aus Mexiko abrückenden Franzosen marschieren unaufhaltsam der Niederlage von Sedan entgegen; ein weiteres Kaiserreich wird daran zerbrechen. Liebe und Leidenschaft, soldatische Kühn- und Tapferkeit sind eng verknüpft mit großer, international gespannter Politik sowie Intrigen und Verrat. Dies alles formt diese Geschichtsepisode zu einem äußerst vielseitigen und sehr spannenden historischen Bilderbogen, der nicht nur faszinierende Einblicke in die Historie sowohl Mexikos und der USA, sondern auch des sich in einer Epoche stürmischer Entwicklung und des Umbruches befindlichen „alten“ Europas bietet.

Überraschenderweise ist die Geschichte seit den vierziger Jahren nicht mehr für das Kino oder Fernsehen verfilmt worden. Nur Teilaspekte, wie der Zustrom von Abenteurern und zwielichtigen Gestalten aus dem Strandgut des amerikanischen Bürgerkrieges dienten als Kulisse für Robert Aldrichs berühmten Film Vera Cruz (1954), zu dem Hugo Friedhofer (der Orchestrator Korngolds) nicht nur ein berühmtes Hauptthema, sondern überhaupt eine sehr gute Musik beigesteuert hat. Nach der Kinoversion von Anna und der König und der TV-Adaptation von Cleopatra, dürfte es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis dieser faszinierende Stoff für einen epischen Kinofilm oder eine TV-Miniserie neu entdeckt wird.

Der Regisseur Michael Curtiz inszenierte Elizabeth and Essex (1939) und The Sea Wolf (1941). Im selben Jahr wie Elizabeth entstand, ebenfalls für Warner Brothers, unter der Leitung von William Dieterle mit großem Aufwand und Star-Besetzung Juarez nach der Romanvorlage Bertita Hardings „The Phantom Crown“ und Franz Werfels Bühnenstück „Juarez und Maximilian“.Claude Rains verkörperte Napoleon III., Brian Aherne Maximilian, Bette Davis Charlotte, Maximilians Frau, und Paul Muni Juarez. 34 Sets, darunter eine aufwändige Rekonstruktion des historischen Mexico City, wurden errichtet, und Erich Korngold lieferte dazu rund 3000 Takte seiner unverwechselbaren Musik. Finanziell war der Film allerdings weniger erfolgreich und ist in Deutschland meines Wissens bislang regulär weder im Kino noch im Fernsehen gezeigt worden.

Korngold (zu Korngold siehe auch A Midsummer Night’s Dream) vertonte Stoffe mit geschichtlichem Hintergrund immer als moderne Dramen mit historischen Figuren, wobei er in seinen Kompositionen sowohl Zeit- als auch Lokalkolorit nur ansatzweise verarbeitete. So bleibt seine Musik fern der „Musikarchäologie“, die Miklós Rózsa bei der Vertonung von Filmen wie Plymouth Adventure, The King’s Thief und Ben Hur überzeugend einsetzte. Die Juarez-Partitur weist auch keinerlei mexikanisch angehauchtes Kolorit auf, sondern bleibt unverbindlich: Die vereinzelt eingewobenen Tamburin-Rhythmen sind eher einer klischeehaften pseudo-spanischen Klangwelt verpflichtet. Dafür hat Korngold einen musikalischen Favoriten Carlotas, das bekannte mexikanische Volkslied „La Paloma“, kunstvoll und dramatisch als Leitmotiv gestaltet – das Verwenden eines Original-Themas ist im Œuvre des Meisters übrigens eine Seltenheit geblieben. „La Paloma“ dürfte wohl auch den meisten Lesern nicht unbekannt sein – ich hatte anfangs Mühe, die Assoziation mit dem Film Grosse Freiheit Nr. 7, in dem „Hans Albers“ dasselbe Lied singt, aus dem Kopf zu verbannen. „La Paloma“ erklingt in Carlotas Abschiedsszene vor ihrer Abreise nach Europa sehr melancholisch, von Klangfiguren der Celesta umspielt und von vokalisierender Frauenstimme über sanft schimmernden Orchesterklängen intoniert. In der Hinrichtungsszene Maximilians muss man im groß auskomponierten Spannungsbogen die Variations- und Orchestrationskunst Korngolds besonders bewundern. Die Musik klingt und wirkt geradezu fantastisch: Von der gespenstischen, ja fast minimalistisch anmutenden, fortwährenden Wiederholung eines abgewandelten Themen-Bruchstückes, vorgetragen durch Celesta und Harfe, ergänzt mit rhythmischen Figuren des Tamburin über das nach dem zögernden Harfenglissando letztmalige Aufblühen einer melodischen Phrase des mexikanischen Volksliedes im vollen Streicherklang zum Trauermarsch, der durch Trommelwirbel, Tam-Tam und schweres Blech hochdramatisch gestaltet ist. Daneben gibt es für Carlota ein überaus lyrisches, eingängiges, breit ausschwingendes Thema in bester Korngold-Heroinen-Manier und strahlende Fanfaren für den Glanz des mexikanischen Hofes. Hier liegt der Komponist musikalisch auf gleicher Linie wie in seinen Musiken zu Elizabeth and Essex und dem Swashbuckler The Sea Hawk • Herr der sieben Meere. Die von Morgan und Stromberg vor einigen Jahren für Marco Polo eingespielte Juarez-„Premierenouvertüre“ lässt sich übrigens wirkungsvoll der vorliegenden Sedares-Suite voranstellen. Diese einmalig zur Uraufführung des Films gespielte Ouvertüre wirkt gegenüber der Main-Title-Musik des Filmvorspannes recht eigenständig. Sie ist daher wohl speziell für die feierliche Premiere komponiert und nicht, wie im Fall von Elizabeth and Essex, aus Zeitnot (allerdings gekonnt) mit Hilfe der „Schere“ realisiert worden. Der Juarez-Main-Title hat den Charakter eines sinfonischen Vorspiels zum großen Musikdrama: Trotzig leuchtende Fanfaren kontrastieren mit dramatisch-wuchtigen Schlägen des vollen Orchesters und versinnbildlichen die dramatischen Konflikte der Handlung und der fahle, mit einem leisen Tam-Tam-Schlag verklingende Schluss ist bereits eine musikalische Vorahnung des tragischen Finales.

Elizabeth and Essex wurde als einziger der drei Filme im damals noch sehr teuren 3-Farben-Technicolor-Verfahren gedreht. Es ist die filmische Umsetzung des Bühnenstücks „Elizabeth the Queen“ von Maxwell Anderson, das die tragisch endende, von Liebe und Hass geprägte Beziehung zwischen der alternden Elisabeth I. und dem jungen, machthungrigen Earl of Essex in dramatisierter Form verarbeitet. Neben Bette Davis als Königin Elisabeth spielt Errol Flynn den Earl of Essex. Die Elizabeth-Musik ist Korngold von feinster Qualität: Leuchtkräftig in den Fanfaren und Märschen, innig bis leidenschaftlich glühend in den Liebesszenen und düster dramatisch im Finale.

Warners 1941er Verfilmung nach Jack Londons berühmtem Roman The Sea Wolf ist zwar in den modifizierten Kulissen des Errol-Flynn-Vehikels The Sea Hawk gedreht worden, aber ansonsten haben beide Filme praktisch nichts miteinander gemein. Der mit Edward G. Robinson als psychopatisch-sadistischem Kapitän Wolf Larsen brillant besetzte und vom berühmten Kameramann Sol Polito in fantastischen Schwarz-Weiß-Bildern aufgenommene Film ist ein Vorläufer des Psycho-Thrillers. Vielen Lesern dürfte wohl die deutsche Version des Stoffes als TV-Weihnachts-Vierteiler von 1971 mit Raimund Harmstorf in der Titelrolle bekannter sein. Die 1941er Verfilmung setzt Larsens brutales Credo „Besser in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen“ überaus eindrucksvoll in Szene. Gemessen an seiner Entstehungszeit, ist dieser Film in manchen Szenen von geradezu menschenverachtender Brutalität.

Die Musik ist in ihrer grimmigen, herb-dissonanten Grundstimmung wohl Korngolds harmonisch kühnste Hollywood-Schöpfung. Die weitgehend harsche, aber sehr ausdrucksstarke und farbige Komposition ist ein wesentlicher Bestandteil der satanischen Höllenfahrt von Larsens Schiff „The Ghost“ und dessen Besatzung. Doch selbst in diesem brutalen Film-Umfeld blüht ein musikalisches Blümchen: Für die Liebesszenen zwischen dem von Larsen als Schiffbrüchige eines Fährunglückes aufgefischten Schriftsteller, Van Weydon (Alexander Knox), und einer von Ida Lupino gespielten jungen Diebin entwarf der Komponist ein schlichtes von der Mundharmonika getragenes, Einsamkeit suggerierendes, melancholisches Liebesthema. Der Figur Larsens ist hier kein breites Thema, sondern ein kurzes, schneidendes Bläser-Motiv zugeordnet, welches in eine wütend-tosende Meeresstimmung eingebettet ist, und erst im stürmischen Finale – die „Ghost“ versinkt mit ihrem Kapitän in den Fluten – klingt die Musik optimistisch aus. Für seine Komposition zu The Sea Wolf erhielt Korngold einen Preis des „National Federation of Music Clubs“ für die beste Filmmusik des Jahres 1941.

Fazit: Eine sehr wertvolle CD, die mit der Erst-Veröffentlichung repräsentativer Suiten aus den Filmmusiken zu Juarez und The Sea Wolf auch praktisch das Ende in Sachen Erschließung des filmmusikalischen Œuvre Korngolds markiert. Das informative Booklet macht einen überwiegend positiven Eindruck: Leider enthalten die detailliert in Einzel-Tracks aufgelisteten Suiten unnötigerweise eine Reihe fehlerhafter Laufzeitangaben. Interpretation, Orchesterspiel und Klangqualität sind durchweg gut geraten. Besonders im Finale gefällt mir allerdings die dynamischere und auch kraftvollere Interpretation Charles Gerhardts deutlich besser, die dieser in einer Kurzsuite im Rahmen seiner legendären Classic-Film-Score-Serie in den Siebzigern eingespielt hat. Im Vergleich lässt Sedares für mein Empfinden etwas matt und schleppend aufspielen. Doch das ist natürlich auch Geschmacks- und nicht zuletzt Gewohnheitssache, denn die zuerst gehörte Version prägt das Empfinden des Hörers meist nachhaltig.

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
60:30 Minuten
Sampler:
Koch Int.
Kennung:
3-7302-2H1

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