Minnesota Clay

Geschrieben von:
Stefan Schlegel
Veröffentlicht am:
14. Mai 2005
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Minnesota Clay

Filmisch wie musikalisch betrachtet ist Minnesota Clay ein Werk des Übergangs. Sergio Corbucci, den man zusammen mit Sergio Leone gern als einen der Gründerväter des Italo-Western bezeichnet hat, inszenierte diese Story um einen erblindeten, unschuldig verurteilten Gunman, der zwischen zwei Banden gerät, ebenfalls mit einem amerikanischen Schauspieler in der Hauptrolle, nämlich mit dem durch mehrere US-Western bereits bekannten Charakterdarsteller Cameron Mitchell. Minnesota Clay kam im November 1964 in die italienischen Kinos, also genau zwei Monate nach Leones Per un pugno di Dollari, und ganz im Gegensatz zu Leones Western verzichtete Corbucci von Beginn an ganz auf amerikanische Pseudonyme, ja verkündete sogar später noch voller Nationalstolz, dass er der erste gewesen sei, der gesagt habe: „Das ist ein italienischer Western.“

Auch Piero Piccioni, den man gewiss nicht als typischen Western-Komponisten bezeichnen kann, beschritt in seinem Score ganz andere Wege als Morricone. Schon ab Mitte der 50er Jahre hatte er zum einen mit impressionistischen Klängen und zum anderen mit jazzbetonten Soundtracks nahezu vergleichbar einem Alex North in den USA neue Tore in der traditionellen italienischen Filmmusik aufgestoßen. Und so verwundert es nicht, dass auch seine Arbeit zu Minnesota Clay mit Jazz-Elementen unterminiert ist, wie Piccioni mir selbst gegenüber in einem Interview, das ich 2003 mit ihm in Rom geführt habe, betont hat: „Bei Minnesota Clay habe ich den Stil der US-Westernmusik durchsetzt mit Jazz-Einsprengseln, mit starker Rhythmik, vielen Bläsern, vor allem Posaunen. Und immer wieder dieser synkopierte Rhythmus: dum da de dum dum.“ In der Tat ist dieser fast in allen Tracks mal aggressiv aufschäumende, mal nur untergründig präsente synkopierte Rhythmus besonders prägend für den Score und verleiht ihm eine zum Teil enorme Rasanz. Das mitreißende Hauptthema zieht sich dabei in interessanten Variationen mit Gitarren- und Trompeten-Soli durch die Partitur. Während die wilden Actionpassagen der Filmmusik schneidend scharfe, rhythmisch forcierte Bläserattacken zu Gehör bringen, gibt es ab und zu in den Suspense-Passagen kantige, quer stehende Jazz-Einwürfe von E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug, die hier sehr originell wirken und vor allem gekonnt eingegliedert worden sind wie etwa im Track „Six Gun“. In ihrem kraftvoll-dissonanten Duktus erinnern sie zugleich sehr stark an Piccionis ein Jahr zuvor, nämlich 1963, entstandenem konzisen Score für Francesco Rosis berühmtes engagiertes Politdrama Le mani sulla città • Hände über der Stadt.

Geradezu erstaunlich ist auf der anderen Seite, wie sehr sich an der Musik zu Minnesota Clay der damalige Einfluss der Karl-May-Musik von Martin Böttcher feststellen lässt. Man achte nur einmal im lyrischen Abschnitt des ersten CD-Tracks „Minnesota Sky“ auf die plötzlich aufrauschenden Streicher, die dann im Mittelteil von den Hörnern bzw. einer Harmonika als melodietragenden Instrumenten abgelöst werden. Auch die Melodielinie und Rhythmusbegleitung ist hier wie in ein paar anderen Stücken der Komposition gar nicht so unähnlich zu der bei Böttcher. Die Frage stellt sich daher schon, ob Piccioni hier tatsächlich von Böttcher beeinflusst wurde, was ich eigentlich annehme, oder ob es sich dabei um einen bloßen Zufall handelt.

Interessant ist Minnesota Clay vor allem durch die Vermischung verschiedener Stile — ein Konzept, das auf diesem Album sehr gut funktioniert und das der Musik ihre Frische und Lebendigkeit verleiht. Die bereits 1992 auf dem CAM-Label erschienene CD, die inhaltlich identisch ist mit der hyperraren CAM-LP von 1964, kann allen Sammlern empfohlen werden, die einen etwas ungewöhnlich instrumentierten und harmonisierten, jedoch trotzdem melodisch — wenn auch hauptsächlich monothematisch — sich entfaltenden Italo-Western-Score suchen. Das Klangbild ist trotz des Alters der Aufnahme als recht ordentlich zu bezeichnen, und ein paar knisternde Nebengeräusche etwa im ersten Track beeinträchtigen das Hörbild nur unwesentlich.

Italo-Western-Special 6: CDs zu Cipriani, Ferrio & Bacalov

Komponist*in:
Piccioni, Piero

Erschienen:
1992
Gesamtspielzeit:
34:31 Minuten
Sampler:
CAM
Kennung:
CSE 078

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