Klassik-CD-Tipp II-2022: Clemens Krauss, Complete Decca Recordings

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
20. September 2022
Abgelegt unter:
CD, Hören, Klassik, Sampler

Clemens Krauss (* 31. März 1893 in Wien,† 16. Mai 1954 in Mexico City) zählt zu den großen Dirigentenpersönlichkeiten der Vergangenheit, die heutzutage in erster Linie noch Liebhabern geläufig sind. Clemens war der uneheliche Sohn der Wiener Balletttänzerin und späteren Opernsängerin Clementine Krauss. Er wuchs bei den Großeltern seiner Mutter auf und wurde im Jahr 1901 Mitglied der Wiener Sängerknaben. Bereits ab 1907 studierte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Klavier sowie 1911/12 Musiktheorie und Komposition bei Richard Heuberger. Er profilierte sich im Zuge seiner zwischen 1912 und 1921 ausgeübten Tätigkeiten als Chordirektor und Kapellmeister in Brünn, Riga, Nürnberg und Stettin. Dabei prägten ihn offenbar besonders Konzerte der Berliner Philharmoniker unter Arthur Nikisch, den er späterhin als seinen eigentlichen Lehrmeister bezeichnete. Von 1922 bis 1924 war er unter Franz Schalk und Richard Strauss Dirigent am Wiener Operntheater. Richard Strauss und Krauss hatten zwar bereits um 1910 erstmalig Kontakt, aber erst ab 1922 wurde Clemens nach und nach zu dem Strauss nahestehenden, engen Freund des Komponisten, dem dieser letztlich die Uraufführungen von „Arabella“, „Friedenstag“, „Capriccio“ und „Die Liebe der Danae“ anvertraute. Darüber hinaus gab es aber auch eine dramaturgische  Zusammenarbeit  beider  Künstler, bei der Strauss Änderungsvorschläge gern berücksichtigte. Bei seiner letzten Oper „Capriccio“ bescheinigte er Krauss ausdrücklich große Verdienste bei der Ausgestaltung.

Ab 1924 betrat der noch junge Krauss auch die internationale Bühne. Neben seiner Haupttätigkeit als Intendant der Oper Frankfurt und Leiter der Wiener Museumskonzerte führten ihn Gastspiele nach Nord- und Südamerika sowie nach Barcelona und Leningrad, wo er auch seinen Ruf als versierter Lehrer begründete. Äußerst zwiespältig bleibt allerdings seine Rolle während der NS-Ära. Krauss wechselte im Jahr 1935 an die Berliner Staatsoper als Ersatz für Wilhelm Furtwängler. Er suchte direkten Kontakt zu Hitler, der ihn sehr schätzte und ihm letztlich den Weg an die Bayerische Staatsoper in München ebnete, wo er von 1937 bis 1944 Generalmusikdirektor war. Im Juni 1939 wurde er Leiter des Wiener Mozarteums, und im September 1941 erfolgte die Ernennung zum Leiter der Salzburger Festspiele. Sein Bestreben, wieder zur Wiener Staatsoper zurückzukehren, wurde ihm vom Führer allerdings rundweg abgelehnt. Er sollte stattdessen Hitlers extravagante Pläne einer Nationaloper in München verwirklichen. Krauss, der sich zwar auch für Künstlerkollegen einsetzte, war während dieser Jahre unzweifelhaft Hitlergünstling und karriereorientierter Opportunist und Taktiker, der nach dem Anschluss auch bei Wiener NS-Größen ein- und ausging. Diese Haltung trug ihm nach Kriegsende ein zweijähriges Berufsverbot ein. Nach dessen Ablauf nahm Krauss neben Gastdirigaten am Theater an der Wien wieder eine internationale Tourneetätigkeit auf.

Clemens Krauss auf Decca

Von der hiesigen Decca erschien übrigens bereits 2014 ein 5-CD-Set „Clemens Krauss dirigiert Richard Strauss“, das allerdings ausschließlich die instrumentalen Richard-Strauss-Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern beinhaltet. Es fehlt allerdings die exzellente ‚Salome’ mit Christel Goltz in der Titelrolle. Dass dieses Set trotzdem als „vollständig“ firmiert, ist schon ein etwas arger Lapsus. Das aktuell vorliegende Box-Set des australischen Ablegers von Universal Music aus der Reihe „Eloquence“ hält hingegen erfreulicherweise Wort, denn es enthält wirklich sämtliche Aufnahmen, die der Dirigent ab 1947 für Decca realisiert hat. Nahezu alles davon ist allerdings bereits zuvor auch auf CD erhältlich gewesen, lediglich die Beethoven-Ouvertüren-Kollektion ist eine Premiere. Derart ansprechend miteinander vereint wie erstmals jetzt ist das Set aber eben doch eine ganz besonders gelungene Sache, in der das Herumstöbern und auf Entdeckungsreise Gehen besonders viel Spaß bereitet.

Krauss, der 1954  im Alter von nur 61 Jahren auf einer Tournee in Mexico City an einem Herzinfarkt verstarb, hat die stereophone Ära nur knapp verpasst. Die zweite positive Nachricht betrifft die durchweg in jedem Fall durchaus solide, in Teilen sogar sehr gute Mono-Klangqualität der im aktuellen, 16 Datenträger umfassenden Box-Set versammelten Aufnahmen. Deccas ffrr-Technologie – nicht zu verwechseln mit dem erst 1986 gegründeten Tanzmusik-Label FFRR-Records – lieferte seit 1945 mit dem in die HiFi-Zukunft verweisenden Frequenzgang von 80–15.000 Hz bereits erstaunlich transparent, lebendig und dynamisch klingende Resultate. Top-Erhaltungszustand der überlieferten Speichermaterialien vorausgesetzt liegen die besten ffrr-Aufnahmen dicht auf mit den legendären des kleinen, aufstrebenden US-Labels Mercury ab 1952 – siehe dazu auch „Rafael Kubelík: The Mercury Masters“. Toningeneur Cyril Windebank war Teil des die Wiener Aufnahmen betreuenden Techniker-Teams der Decca, die im September 1947 im Goldenen Saal das im zweiten Weltkrieg entwickelte, 1944/45 in Dienst gestellte, seinerzeit revolutionäre ffrr-Aufnahmesystem installierte. Der Mono-Klang ist dabei auch im sensiblen Streicherklang kaum schrill, wie es gelegentlich vorkam, wenn das ffrr-System in Einzelfällen nicht perfekt an die jeweilige Raumakustik angepasst worden ist.

Das Set steigt auf CD 1 und 2 mit Beethoveninterpretationen der Wiener Philharmoniker ein: Neben den drei Leonoren-Ouvertüren und der zu Fidelio sind noch die Klavierkonzerte 2, 4 und 5 mit Michael Backhaus am Piano enthalten. Manche bevorzugen hier wohl die wenige Jahre späteren Stereo-Aufnahmen, welche der Pianist ebenfalls mit den Wiener Philharmonikern unter Hans Schmidt-Isserstedt (Decca) eingespielt hat. Wie auch immer, dass der junge Backhaus (1884–1969) noch dem greisen Brahms vorgespielt hat, ist eine der Anekdoten, welche diesem hochgerühmten Grandseigneur des Klavierspiels und dabei Maßstäbe setzenden Beethoven-Interpreten deutscher Schule vorauseilt. In den 1960er und frühen 1970er Jahren wetteiferte Backhaus in der Publikumsgunst mit dem vergleichbar angesehenen Wilhelm Kempff (1895–1991).

CD 3 wartet mit einem tadellosen Brahms/Dvořák-Programm auf, das neben zwei Slawischen Tänzen des Letztgenannten mit der Alt-Rhapsodie, den Haydn-Variationen, zwei Ungarischen Tänzen sowie der Akademischen Festouvertüre aufwartet. Im Jahr 1953 dirigierte Krauss Richard Wagners ‚Der Ring des Nibelungen’ und ‚Parsifal’ bei den Bayreuther Festspielen. Beide Mitschnitte gelten als Highlights der Wagner-Diskografie. CD 10, ein Sampler mit Auszügen aus Opern, vermittelt dazu einen kleinen ersten Eindruck mit Wagners Vorspiel und Liebestod aus ‚Tristan und Isolde’.

Gerade die insgesamt fünf CDs der Richard-Strauss-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern bilden ebenso wie die insgesamt sogar sechs Discs umfassenden Einspielungen des Walzerkönigs zweifellos besondere Highlights des Sets. Krauss zählt zu den wenigen Kapellmeistern des Fin de Siècle, die ähnlich wie auch Fritz Reiner die Musik von Strauss noch aus erster Hand kennengelernt haben. In vielem war sein Dirigierstil ein Vorbild für Rudolf Kempe, dessen spätere Strauss-Stereoaufnahmen den Hörer häufig in ähnlichem Maße zu begeistern vermögen. Dabei enthalten die CDs 4 bis 7 die zentralen Tondichtungen des Münchner Maestros, darunter auch das eher selten zu hörende ‚Aus Italien’. Den ‚Till Eulenspiegel’ gibt es sogar zweimal. Dieser ist auch in einer bemerkenswerten früheren, dabei fast identisch wirkenden Einspielung mit dem Orchester der Mailänder Scala mit im Set; abgenommen von einem aus dem Jahr 1947 stammenden, hörbar gut erhaltenen Schellackschätzchen.

‚Salome’ ist leider die einzige komplette Studioaufnahme einer Strauss-Oper unter der Leitung von Krauss geblieben. Und wie praktisch alles insgesamt eher Wenige, was von Krauss als Operndirigent überliefert ist, besitzt auch diese Aufnahme nicht nur einen hervorgehobenen, sondern in diesem Falle sogar absolut herausragenden Rang, gilt unter vielen Kennern geradezu als kaum zu überbietende Sternstunde. Und ja, man kann sich dem Sog dieser von rauer Intensität und Dramatik geprägten, aber zugleich abseits jedweden überzogenen Theaterdonners ungemein klar und feinsinnig ausgeführten, besonders mitreißenden Darbietung kaum entziehen. Auch die klanglichen Proportionen zwischen Vokal- und Orchesterklang sind optimal ausbalanciert, was die relative klangliche Enge des monauralen Klangfeldes rasch weitgehend vergessen lässt, zumal dieser späte Vertreter aus Deccas Wiener ffrr- Ära dank sehr guten Erhaltungszustands auch mit sehr frischem Klang aufwartet.

Am 13. August 1939 gaben die Wiener  Philharmoniker unter Leitung von Krauss im Großen Saal des Mozarteums ihr „Drittes Orchesterkonzert“ im Rahmen der Salzburger Festspiele. Das Programm (bereits im April desselben Jahres von der österreichische Volks-Zeitung als Johann-Strauß Konzert angekündigt) war identisch mit dem des wiederum von Krauss geleiteten „Außerordentlichen Konzerts“ der Wiener Philharmoniker am 31. Dezember 1939 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. So hat Clemens Krauss letztlich die Tradition der Wiener Neujahrskonzerte begründet. Er leitete diese bis 1945 und dann wieder von 1948 bis zu seinem Todesjahr 1954. Im Anschluss übernahm Willi Boskovsky, der in der Einspielung von ‚Ein Heldenleben’ die Violinsoli interpretiert, die Neujahrskonzerttradition. Die letzten beiden CDs (15 & 16) des Sets spiegeln die große Nähe von Krauss zu den Wiener Sträußen besonders reizvoll wider, auf denen die drei Neujahrskonzert-LP-Alben (mit Stücken von Vater und Sohn sowie Josef Strauß) der Decca vereint sind. Sie entstanden allerdings nicht aus Live-Mittschnitten, sondern aus Studioeinspielungen. Damit einhergehend vermitteln auch die Einspielungen der Johann-Strauß-Operetten ‚Die Fledermaus’ (CDs 11 & 12) und ‚Der Zigeunerbaron’ (CDs 14 & 15) weitere interessante Einblicke in das, was man auch von der Besetzung her als urwienerisch und als noch von der Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts inspirierte, also im besten Sinne als authentische Interpretationen dieser Klassiker der Wiener Operette schlechthin ansehen kann. Bereits die mitreißend dargebotenen Ouvertüren stimmen brillant in das Kommende ein. Auch ansonsten gilt, dass Wiener Operette nicht kitschige Postkartenidylle bedeuten muss. Entsprechend straff angelegt sind die Tempi, sehr ironisch der Tonfall und urtypisch der Wiener Schmäh. Beide Einspielungen beschränken sich aus LP-Platzgründen auf die jeweiligen Musiknummern. Die ältere ‚Fledermaus’ (aufgenommen 1950) klingt dabei allerdings merklich frischer, als der zwar akzeptable, im Vergleich jedoch deutlich belegtere, etwas rauhere und mattere ‚Zigeunerbaron’ (1954).

Das 44-seitige Begleitheft verfügt neben umfassenden diskografischen Infos zu den vertretenen Aufnahmen und ihrer Aufteilung auf die einzelnen CDs über einen informativen Einführungsartikel zum Dirigenten von Peter Quantrill.

© aller Logos und Abbildungen bei Decca Eloquence Australien. (All pictures, trademarks and logos are protected by Decca Eloquence Australia.)

Erschienen:
2022/03
Land:
Australien
Gesamtspielzeit:
16 h 52 min Minuten
Sampler:
Universal Music
Kennung:
Decca Eloquence ELQ4841704 (Universal Music Australia)
Zusatzinformationen:
16 CDs, Wiener Philharmoniker, London Philharmonic Orchestra, London Sinfonie Orchestra, Orchestra del Teatro alla Scala

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