Klassik-CD-Tipp, I-24: Ernest Ansermet – The Mono Years

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
11. März 2024
Abgelegt unter:
CD, Hören, Klassik, Sampler

Im zwar kleineren, aber dennoch durchaus beachtlichen Umfang war für Ernest Ansermet die Zeit bei Decca das was für Herbert von Karajan die Jahre bei EMI und insbesondere bei der Deutschen Grammophon gewesen sind. Nun ist es vollbracht: Das vorzügliche Ernest-Ansermet-Projekt der Decca ist jetzt mit dem Erscheinen des kleineren Bruders von „The Stereo Years“ abgeschlossen. Mit 26 Datenträgern, also rund zwei Drittel weniger bestückt als sein mit 88 CDs erheblich gewichtigerer Vorgänger, liegen die ansonsten gleichwertig aufgemachten und ausgestatteten „The Mono Years“ bereits recht gut in nur einer Hand.

Wie bei „The Stereo Years“ warten erfreulicherweise auch bei den „Mono Years“ die CDs durchweg mit  sehr gut genutzten Spielzeiten von 60+/70+ Minuten auf. Die kürzeste umfasst immerhin noch 55 Minuten Laufzeit. Mehrere überschreiten aber auch die 80-Minuten-Marke. Erfreulicherweise ist hier alles sehr überzeugend gelöst, inkl. der Gestaltung der Front-Cover. Bei den direkt auf LP erschienenen Titeln ziert die zugehörige Papptasche ein Front-LP-Cover, eventuell mit noch einem weiteren auf der Rückseite, dann allerdings nur im Format einer größeren Briefmarke. Und da, wo die Erstveröffentlichung in die Schellack-Ära fällt, hat man dazu stimmig ein Bouquet aus mehreren der betreffenden Schellackschätzchen in ihren schlichten Papierhüllen abgebildet.

Ansermets Decca-Monos:

Versammelt im Box-Set sind Einspielungen aus den Jahren 1929 bis 1955. Praktisch durchweg sind die versammelten Aufnahmen akustisch von guter bis sehr guter Qualität. Sie sind häufiger sogar von einer herausragenden Klarheit, Durchsichtigkeit und Präsens des Klanges geprägt, die gerade diejenigen Hörer besonders überraschen dürfte, die Mono mit antiquiertem Klang gleichsetzen. Gegen dieses Vorurteil liefert das vorliegende Set vielseitige Belege. Da viele der Einspielungen am selben Aufnahmeort, der Genfer Victoria Hall, entstanden sind, ermöglicht dies zudem Vergleiche mit diversen Stereo-Pendants. Wie zu erwarten, können insbesondere die Aufnahmen aus der Frühphase klanglich noch nicht mit den späterhin in vielem Decca-typisch eher hoch- bis höchstwertigen technischen Standards mithalten. Das lag neben der noch unzulänglichen Mikrofon- wie Speichertechnik auch mit daran, dass die zuerst genutzten Aufnahmeorte für größere Orchesterbesetzungen eher ungeeignet waren. Insbesondere gilt dies für die auf CD 1 versammelten, im Gründungsjahr des Decca-Labels 1929 in den Chenil Galleries, Chelsea London, aufgenommenen 6 der insgesamt 12 Concerti Grossi Opus 6 von Georg Friedrich Händel. Unter Ansermets Leitung spielt das aus Londoner Musikern speziell dafür zusammengestellte, sogenannte  Decca String Orchestra. Zu hören ist dabei auch ein aus dem Jahr 1790 stammendes Broadwood-Cembalo. Abgenommen von nunmehr rund 95 Jahre alten Schellackplatten (!) ist der in Rauschen eingebettete Sound zwangsläufig noch bescheiden und zeigt recht verschwommene Konturen. Da die Musik allerdings aufgrund der recht kleinen Besetzung nur über kleinere Änderungen in der Dynamik verfügt, klingt es immerhin noch akzeptabel. Alles in allem kommt diese 78-minütige Händel-Kollektion zwangsläufig über den Status einer netten Zugabe aus der Frühphase der ab 1925/26 nicht mehr rein mechanisch-akustischen, sondern mit frühen Röhrenverstärkern arbeitenden, so genannten  „elektrischen Aufnahmen“ nicht hinaus.

Die Nachkriegsjahre 1946–1955:

Anschließend geht es chronologisch im Jahr 1946 weiter, und ab hier wird es interessant. Ansermets erste Nachkriegseinspielung, Strawinskys Petruschka-Ballett, erfolgte nämlich mit dem von Decca 1945 eingeführten, deutlich verbesserten Aufnahmeverfahren „Full frequency range recording (ffrr)“. Aufgenommen mit dem London Philharmonic im Februar 1946 in der Londoner Kingsway Hall und betreut vom berühmten Toningenieur Kenneth Wilkinson findet sich dieses weit hinten im Set, auf CD 24. Und das was dazu den Boxen entströmt, kann zwar die Herkunft von einer 78er Schellackplatte noch nicht komplett verleugnen. Jedoch ist der kräftige Qualitätssprung im Vergleich zur 1929er Händel-Kollektion und auch dem, was man von Schellackeinspielungen der frühen 1940er Jahre gewohnt ist überdeutlich wahrnehmbar. Im Verhältnis ist der Klang schon außergewöhnlich präsent und dabei auch bereits überraschend dynamisch. Sogar ein dezentes Bassfundament ist hörbar. Und wenn man dann mit der vom OSR eingespielten 1951er Petruschka-Version auf CD 25 vergleicht, dann wird dank der bei den Aufnahmesitzungen seit 1948 bevorzugt genutzten Magnetbandspeicherung der erreichte Meilenstein in der Klangtechnik vollends deutlich.

Der Freund klassischer Filmmusik kann ja ein Lied davon singen, dass der Erhaltungszustand insbesondere der Magnettonfilme oder -bänder geradezu dramatisch differieren kann, selbst wenn diese altersmäßig nur wenig auseinanderliegen. Und das gilt nicht etwa nur im Falle eindeutig durch äußere Einwirkung verursachter Beschädigungen. Erfreulicherweise hat es an dieser Stelle offenbar keine unüberwindbaren Probleme gegeben. So sind klanglich ab CD 2 auf sämtlichen übrigen Datenträgern im Set insgesamt eher überschaubare Qualitätsschwankungen zu verzeichnen. Wobei die Schellackschätze zwangsläufig das, allerdings doch sehr beachtliche Schlusslicht bilden. Die Masterings sind durchweg ebenfalls sehr gut. Wodurch auch Rauschen kein ernsthaftes Thema ist.

Nur einzelne Aufnahmen klingen etwas enger und matter gegenüber einer absoluten Mehrheit mit besonders frischen und lebendigen Aufnahmen. Allerdings bildet eine einzige den klaren, aber keineswegs kaum mehr genießbaren Ausreißer: Ein Live-Mittschnitt des Schumann-Klavierkonzerts mit Dinu Lipatti am Klavier auf CD 5. Das sowohl kompakte als auch recht enge Klangbild geht hierbei allerdings nicht zu Lasten der Decca, da es sich um eine Aufnahme von Radio Suisse Romande vom 22. Februar 1950 handelt – erstveröffentlicht im Jahr 1970. Dagegen demonstrieren viele der Decca-Mono-Aufnahmen auf ihre Art doch bereits überzeugend, dass selbst eine „nur“ Mono-Aufnahme die jeweilige Musik dem Hörer durchaus gut zu vermitteln mag. Die besten Decca-Mono-Einspielungen sind mit den wiederum besten vom US-Label Mercury ab 1950 produzierten Aufnahmen praktisch gleichwertig. Und da, wo der Klang denn doch mal ein Quäntchen mehr schwächelt, ist das unterm Strich nicht wirklich einschneidend. Auffällig wird es nämlich primär im direkten Vergleich und stört ansonsten kaum, da man sich beim Hören rasch eingewöhnt. Und somit gilt unterm Strich, dass der exzellente, fortschrittliche Ruf der Decca-Aufnahmetechnik auch abseits der zum Teil blumigen Werbe-Slogans jener Zeit (siehe dazu Kleine Klassikwanderung 4: LIVING STEREO) durchaus berechtigt ist. Klang-Pioniere waren natürlich überall am Werk, und aufnahmetechnisch ist nicht bloß in den frühen Jahren der Mono-LP und späterhin der Stereofonie, letztlich überall mal etwas schief gegangen. Wobei enttäuschende Resultate im umfangreichen Katalog der Decca insgesamt jedoch schon recht selten sind. Überhaupt kann man sagen, dass gerade die britische Decca ganz besonders innovationsfreudig war. Das betrifft neben ffrr auch die außergewöhnliche Nutzung der neuartigen Stereo-Technik durch den Produzenten John Culshaw, etwa beim berühmten Wagner-Solti-Ring oder der Wiener Tosca unter Karajan. Dass die Umstellung auf Stereo bereits 1955, also drei Jahre vor der Einführung der Stereo-LP, abgeschlossen war spricht ebenfalls für sich. Darüber hinaus war es die Decca, die als erstes europäisches Label bereits ab Ende 1966 das neuartige Rauschverminderungssystem „Dolby-A“ einsetzte.

Als prägnante Beispiele für den fast durchweg guten Sound der „Mono-Years“ stehen u.a. die eher seltener zu hörende Ravel-Oper „Die spanische Stunde“, das Ballet „Daphnis und Chloe“ sowie mit leichten Einschränkungen die mit subtil schillernd ausgestalteten Klangfarbennuancen aufwartende Oper „Pellèas et Meélisande“, welche den Komponisten Debussy bereits selbst in „Mono“ als Klangmagier in Szene setzt. Und dazu passend brilliert CD 21 sowohl durch ihre Lauflänge von 76 Minuten als auch durch die geschickte Kombination zweier LP-Alben, die mit dem LP-Cover zu „French Orchestral Music“ firmiert. Zum Auftakt erklingt eine reizende klassizistisch gehaltene Rarität: Frank Martins „Petite Symphonie concertante für Harfe, Cembalo, Klavier und 2 Streichorchester“ gefolgt von Emmanuel Chabriers mitreißender Orchesterrhapsodie „España“. Vergleichbar gut schneidet auch CD 19 ab, versehen mit dem LP-Cover „Russian Music“. Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“, Borodins „Eine Steppenskizze aus Mittelasien“ und Mussorgskys „Die Nacht auf dem kahlen Berge“ und Prokowjefs „Symphonie  Classique“ sind zudem prima gespielt. Und die als Ergänzung hinzugefügten beiden Piecen von Debussy fallen dagegen keinesfalls ab. Die neben „Jeux“ vertretenen „6 Èpigraphes antiques“ sind besonders bemerkenswert. Diese liegen hier in einer Orchesterfassung vor, die Ansermet selbst erstellt und späterhin leider nicht nochmals in Stereo vorgelegt hat.

Darüber hinaus sind im Set weitere Raritäten schweizer Provenienz vertreten: Nochmals Frank Martin mit dem Violinkonzert und Wolfgang Schneiderhan als Solist, die 1. Sinfonie von Walther Geiser und von Robert Oboussier, der allerdings mittlerweile praktisch vergessen ist, „Antigone“ für Alt und Orchester. Den Kreis der eidgenössischen Komponisten schließt Ernest Bloch, der späterhin in den USA eingebürgert worden ist. Von ihm sind die im Jahr 1955 aufgenommenen beiden Werke für Cello und Orchester „Schelomo“ sowie „Voice in the Wilderness“ enthalten, mit Zara Selnova als Cellistin. In dieser Zeit zählten etwa Bartoks 3. Klavierkonzert wie das selbige von Prokofjew ebenfalls noch zu den Seltenheiten im LP-Klassikkatalog. Das gilt in noch etwas ausgeprägterem Maße für Prokofjews 6. Sinfonie, bei der Ansermets 1952er Einspielung sogar erst die 2te Einspielung auf dem Markt bildete, nach der 1950er Version unter Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra. Und was die geläufigeren Klassikpiecen angeht, so gefallen mir z.B. die „Bilder einer Ausstellung“ in der ebenfalls knackig klingenden 1953er-Einspielung insofern sogar besonders gut, da hier nämlich der Ochsenkarren (Bydło) eben nicht wie in den allermeisten Einspielungen des Stücks (übrigens auch Ansermets Stereo-Version aus dem Jahr 1959) erheblich zu schnell, nämlich wie ein Hundeschlitten, vorübereilt, sondern deutlich stimmiger, nämlich gemächlich vorbeizieht.

Der rund zweiminütige ukrainische Volkstanz „Gopak“ aus Mussorgskis Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschintzi“ (CD 7) bildet gewissermaßen die Brücke zum Box-Set „Stereo Years“. Auf CD 57 ist dort bereits besagter Gopak vertreten, allerdings nur in Mono. Auf CD 7 der „Mono Years“ hingegen befinden sich nun zum direkten Vergleich die Mono- und auch die (seinerzeit nur als interne Testpressung produzierte) Stereoversion des Stücks hintereinander.

Die im Set enthaltene Mono-Version (1952) von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ unterscheidet sich nur wenig von der Stereo-Aufnahme von 1957, und dieses Stück wird in Einspielungen jüngeren Datums rhythmisch erheblich prägnanter und schärfer akzentuiert gespielt. Dabei sollte man sich jedoch vor Augen halten, dass weder bei der Uraufführung noch in den Jahrzehnten danach ein Zeitgenosse Strawinskis völlig neuartige Rhythmen in derartiger Wildheit vernommen hat. Die Interpretation des Sacre hat sich erst seit etwa den 1980er Jahren dahingehend entwickelt und damit hat sich das berühmte Skandalstück eben auch in der Rezeption besonders markant verändert. Was besonders gefällt oder weniger, ist letztlich immer auch eine Sache des nicht still stehenden Zeitgeschmacks. Insofern gilt eben auch: Man muss gewiss nicht alles mögen, das einem in beiden Box-Sets geboten wird, kann durchaus Verschiedenes kritisieren, auch ohne dass dabei der Wert der gesamten Edition in Schieflage gerät.

Fazit: Ich fand und finde es immer sehr spannend, sowohl in den Mono- als auch den Stereo-Aufnahmen von Ansermet und ebenso einigen der anderen großen Interpreten der Vergangenheit und damit eben zugleich der stetig voranschreitenden Aufnahmetechnik auf aufschlussreiche Entdeckungsreisen zu gehen. Was Ansermet anbelangt dürften die „Stereo Years“ vermutlich den Leuchtturm bilden, den die meisten Interessenten bevorzugen. Die nur im Umfang deutlich bescheideneren, fast durchweg gut klingenden „Mono Years“ bilden dazu aber keineswegs nur ein eher mickriges Windlicht, sondern sind unbedingt eine exzellente Abrundung und daher willkommene Ergänzung, der gesamten Decca-Ansermert-Kollektion.

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Originaltitel:
Ernest Ansermet – The Mono Years

Erschienen:
01/2024
Land:
Deutschland
Sampler:
Universal Music
Zusatzinformationen:
26 CDs im Box-Set

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