Die Unberührbare

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Juli 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(2/6)

Das tragische Leben der Schriftstellerin Gisela Elsner (1937-1992) thematisiert der Film Die Unberührbare, der zur Zeit hohes Kritikerlob bekommt und entsprechend Preise abräumt. Oskar Roehlers Film, seit dem 20. April in den bundesdeutschen Kinos angelaufen, ist in den „Lieblingsfarben“ der Themengestalt schwarz-weiß fotografiert und zeigt das Psychogramm einer komplexen, vom Leben enttäuschten und einsamen Frau (im Film Hanna Flanders), die der Regisseur seiner Mutter, der Autorin Gisela Elsner nachgestaltet hat — ein wenig erinnerte mich die Story beim Lesen des Pressematerials an Fassbinders Film Die Sehnsucht der Veronika Voss. Gisela Elsner war eine bekannte westdeutsche Autorin der Sechziger. Ihr Roman „Die Riesenzwerge“, eine ironisch-sarkastische Abrechnung mit dem Wohlstandsmief der Adenauer-Ära, machte sie bekannt. Sie war sozialistisch-marxistisch orientiert, DKP-Mitglied und gehörte zu den Vordenkern der 68er Revolte. Der vehement vertretene Standpunkt einer Erneuerung der politischen Verhältnisse in der BRD und ihr gnadenloser Spott, vor dem niemand sicher war, führte wohl auch privat zu einem „Berührungsverbot“ mit dem ungeliebten System und seinen Bewohnern, und dies alles wurde ihr nach und nach zum Verhängnis. Während der siebziger Jahre geriet sie — von den politischen Realitäten inzwischen überholt — in den Hintergrund des Interesses, in den Achtzigern wurde sie dann langsam vergessen. 1989 erlebte die isoliert lebende, den äußeren Schein wahrende alternde Diva den Zusammenbruch der DDR als persönliche Niederlage. Schon seit Jahren ein Alkohol- und Psychopharmaka-abhängiges kettenrauchendes Nervenbündel, beging Gisela Elsner am 12. Mai 1992 Selbstmord.

Roehler hat in seinem Film wohl zum einen versucht, ein Stück eigener Vergangenheit zu bewältigen, zum anderen aber auch ein Stück deutscher Nachwende-Geschichte dargestellt. Die bekannte Schauspielerin Hannelore Elsner (Darstellerin der Filmfigur Hanna Flanders) bezeichnet den Film auch als „Winterreise durch ein kaltes und gleichgültiges Deutschland“. Die Musik zu dieser trostlosen Seelen-Studie schrieb Martin Todsharow. Todsharow ist Absolvent des Hanns-Eisler-College in Berlin und war bislang überwiegend für Werbespots und Fernsehvertonungen tätig. Für mich war die vorliegende CD die erste bewusste Begegnung mit Musik dieses Komponisten. Ähnlich trist wie die Filmhandlung ist auch die für ein Quartett aus Cello, Klarinette, Klavier und wohl elektrischer Gitarre komponierte Filmmusik. Die CD präsentiert (neben zwei Songs) insgesamt rund 33 Minuten überwiegend aus Instrumentalsoli (meist Klavier) bestehende, sehr atmosphärisch wirkende äußerst kühle Musikpassagen, die im Film durchaus funktional sein mögen, aber vom Bild gelöst eher monoton und daher langweilig erscheinen. Aber das ist natürlich wieder einmal reine Geschmacksache. Daher gibt es auch hier eine eher „neutrale“ Bewertung.

Fazit: Drei aktuelle Veröffentlichungen von der Hamburger Firma Ceraton-Music. Die Alben „Our Man from Rome“ und „Sexy Voices“ bieten reine Hintergrund-Unterhaltungsmusik für Nostalgiker, die Pop-orientierten Main-Title-Musiken italienischer Filme aus der Zeit von etwa 1965-1972 etwas abgewinnen können. Martin Todsharows spröde, weitgehend von Instrumentalsoli bestimmte kammermusikalische Klänge zu Oskar Roehlers äußerst kühlem Film Die Unberührbare sind in meinen Ohren, vom Bild gelöst, mehr ein Film-Souvenir als eine eigenständig wirksame dramatische Filmmusik.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Todsharow, Martin

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
37:45 Minuten
Sampler:
Tsunami
Kennung:
TOS 0311

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