Die Tragödie von Brettheim

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Oktober 2003
Abgelegt unter:
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„Die Tragödie von Brettheim“ ist ein Beispiel für ein von der SS aus Durchhaltefanatismus noch im April 1945 begangenes Kriegsverbrechen, das ein wenig Bernhard Wickis berühmten Film Die Brücke in Erinnerung ruft. Um sinnloses Unheil zu vermeiden, nahmen mutige Bürger des württembergischen Dorfes Brettheim einem Trupp Hitlerjungen die Waffen ab und vernichteten diese. Ein fliegendes Standgericht der SS verhängte dafür insgesamt fünf Todesurteile, von denen drei vollstreckt wurden – wobei die Hinrichtung, zwecks besonderer Abschreckung, durch die anwesenden aufgeputscht-fanatisierten Hitlerjungen zum ganz besonders scheußlich inszenierten Spektakel geriet. Doch damit nicht genug: Wenige Tage später, am 17. April standen die Amerikaner vor dem Ort. Niemand traute sich, die weiße Fahne zu zeigen. Daher wurde Brettheim beschossen und durch Bombardierung in Trümmer gelegt: was 17 weitere Todesopfer unter der Bevölkerung forderte.

Öl aus den Schiefervorkommen der Schwäbischen Alb, das war „Hitlers letzte Hoffnung“ beim unter dem Decknamen „Unternehmen Wüste“ in Angriff genommenen Projekt, das die seit 1943 immer katastrophaler werdenden Versorgungsmängel mit Treibstoffen ausgleichen sollte. Ein vom Aufwand zum Nutzen geradezu illusionäres Unterfangen: eines, das aus etwa 35 Tonnen Öl-Schiefer gerade mal eine Tonne minderwertigen (!) Dieselkraftstoff ergab. Den immensen Aufwand macht der Kostenvergleich deutlich: ein Liter guter Diesel aus Rohöl kostete seinerzeit etwa 2 Pfennig, die gleiche Menge aus der Ölschieferproduktion jedoch das 75-fache und damit 1,50 Reichs-Mark! Bis Kriegsende konnten so gerade einmal lächerliche 1500 Tonnen schlechtes Dieselöl gewonnen werden.

Trotzdem mussten für diese völlig unwirtschaftliche und – da für den Kriegsverlauf keinesfalls von Bedeutung – allein sinnlose Verzweifelungstat noch tausende von KZ-Häftlingen sterben. Michael Grands Buch erläutert dieses keineswegs kleinformatige Unternehmen detailliert und lässt in Text und Bildern einen Eindruck vom Schrecken und Leid der unter unmenschlichen Bedingungen durchgeführten Arbeiten und Lebensbedingungen entstehen, das die „Wüsten-Häftlinge“ rund 16 Monate erdulden mussten. „Schlimmer als Auschwitz und Majdanek“, „eine Todesfabrik“, so bezeichnen Überlebende die kaum beschreibbaren Verhältnisse in den dafür speziell errichteten kleineren Konzentrationslagern, die nahezu unbekannt geblieben sind – welche die Geschichtsforschung deshalb als „vergessene Lager“ bezeichnet. Und auch über die kurz vor Kriegsende von dort ausgehenden „Todesmärsche“ wird berichtet.

Wie außerordentlich hoch bei der Naziführung der Stellenwert des Projektes war, belegt die Tatsache, dass das letzte KZ-Außenlager Dormettingen noch zum Jahreswechsel 1944/45 errichtet wurde – zu einem Zeitpunkt als Auschwitz bereits kurz vor der Befreiung stand.

Erschienen
2002
Seiten:
123
Verlag:
Siberburg-Verlag, Tübingen
Kennung:
ISBN 3-87407-522-2
Zusatzinfomationen:
€ 9,90 (D)

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