Citizen Kane

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. September 2000
Abgelegt unter:
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Im angelsächsischen Sprachraum herrscht an Literatur über Orson Welles und sein Film-Regie-Debüt, Citizen Kane, kein Mangel, anders liegen die Dinge im deutschsprachigen Raum. Um so willkommener ist die Übersetzung von Laura Mulveys Monografie „Citizen Kane, Der Filmklassiker von Orson Welles“. Laura Malveys Essay, im Original bereits 1992 veröffentlicht, untersucht unter einem psychoanalytisch inspirierten, feministischen Blickwinkel, speziell, wie der Film die für das damalige Hollywood üblichen Darstellungskonventionen des Weiblichen unterläuft. Aufbauend auf Zitaten aus bekanntem Material, stellt Laura Mulvey die Entstehungsgeschichte des berühmten Films verstärkt in Kontext zur historischen Periode seiner Entstehung, der politischen und kulturellen Atmosphäre von Roosevelts Ära des „New Deal“. Aber auch der zunehmenden Bedrohung durch den Faschismus in Europa und Orson Welles politischem Engagement gegen diese Gefahr wird dabei Rechnung getragen.

Interessant ist der Hinweis, dass die neuen Formen des Foto-Journalismus der späten dreißiger Jahre von Magazinen wie „Life“ und „Look“ die Arbeit Gregg Tolands, des Kameramannes bei Citizen Kane, deutlich beeinflusst haben. Die von der Beliebtheit der Ästhetik der damals neuen Kleinbildkamera ausgehende Tendenz zu realistischen Fotos mit besserer Auflösung und größerer Schärfentiefe unter gelegentlicher Verwendung starker Kontraste entsprach einem gewandelten Publikumsgeschmack. Dieser führte in Folge allgemein zu einem langsamen Wandel des fotografischen Stils auch in der Kinematografie.

Dies schärft den Blick auf eine wichtige, in älteren Publikationen häufig vernachlässigte Tatsache: nämlich, dass die in der Regel allein dem Regisseur eines Films zugeschriebene „Leistung“, im Ganzen gesehen, eher das Ergebnis von Teamarbeit und auch äußeren Einflüssen ist. Hierdurch wird die Leistung des jeweiligen Regisseurs in keiner Weise bestritten – nur ein wenig entmystifiziert und damit näher bei der Wahrheit angesiedelt.

Es gelingt der Autorin insgesamt erfolgreich, neben bislang zum Teil wenig bekannten Fakten, interessante neue Aspekte herauszuarbeiten. Das umfangreiche Bildmaterial erleichtert das Verstehen der aufgezeigten Zusammenhänge zusätzlich. Die sorgfältig ausgestattete, nicht zu umfangreiche Monografie ist trotz wissenschaftlich analytischer Betrachtungsweise flüssig geschrieben und gut lesbar. Sie dürfte manch einen auf eine erneute oder eingehendere Begegnung mit dem faszinierenden Film neugierig machen (siehe hierzu auch im DVD-Spezial „Film-Klassiker“: Citizen Kane).

Autor*in:
Mulvey, Laura

Erschienen
2000
Seiten:
112
Verlag:
Europa Verlag
Kennung:
ISBN 3-203-84108-8
Zusatzinfomationen:
€ 9,90 (D)

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