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Veröffentlicht am 24.06.2012 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 50, Teil 2

Musikarchäologie einmal anders — Classic Production Osnabrück (CPO)

Die Erfolgsstory des im südlich von Osnabrück gelegenen Georgsmarienhütte beheimateten Labels (Vertrieb durch jpc) begann im Jahr 1986. Inzwischen ist gar die 1000. Veröffentlichung in Vorbereitung: die Oper „Die Räuberbraut“ des Beethovenschülers Ferdinand Ries.

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)

cpo 777 485-2: Das immer noch verfügbare, sehr feine und inzwischen zudem äußerst preiswerte 4-CD-Set mit Orchesterwerken von E. W. Korngold markierte beim Verfasser dieses Artikels den Einstieg bei CPO. Das war im Jahr 1990. Und rund 21 Jahre danach hat man nun mit „Die stumme Serenade“ den Schlusspunkt unter das Wieder-Erschließen des Korngold-Terrains gesetzt. Die kurz nach dem 2. Weltkrieg, Ende 1946, fertiggestellte, irgendwo zwischen Wiener-Operette und Musical stehende „Komödie für Musik“ verschwand in der Nachkriegsära nach völlig verständnislosen, vernichtenden Kritiken sang- und klanglos in der Versenkung. Anlässlich der Dortmunder Inszenierung 1954 war in der Kölnischen Rundschau dazu zu lesen: „Nach der Welturaufführung der Komödie, die sich als zähflüssige Operette entpuppte, weiß man’s nun genau, so genau, wie man es besser nie erfahren hätte: dass Korngold in der Anonymität billiger Musikkonfektion untergegangen ist. Seine Musik hat das gesichtslose Gesicht einer meist süßlich-klebrigen Amüsiermusik angenommen — Massenmusik wäre zu umfassend gesagt, Barmusik zu intim. Es ist eine Allerweltsmusik, wie sie jeder mittelmäßige Unterhaltungspianist aus dem Stegreif improvisiert.“

Wie man insbesondere die gar nicht üble Musik derart in Grund und Boden zu treten vermochte, ist für mich nicht ansatzweise nachvollziehbar. Zwar hat auch Luzi, die Frau des Komponisten, in ihrer 1967 erschienenen Korngold-Biografie besagtes Stück eher beiläufig erwähnt und als „Werkchen“ tituliert. Allerdings sollte man besagtes Werkchen, das nun sicher nicht zu den großen Würfen Korngolds zählt, nun auch nicht derart unterschätzen.7774852_multipac.inddDer eher platte Plot ist im italienischen Neapel im Jahr 1820 angesiedelt. Es geht um einen unglücklich verliebten Modedesigner, Andrea Coclé, der sich hinreißen lässt, dem Objekt seiner Begierde, der Verlobten des Ministerpräsidenten, Silvia Lombardi, eine nächtliche „Stumme Serenade“ darzubringen und ihr einen Kuss zu rauben. Dieses „Verbrechen“ zieht ein absurdes Verwirrspiel um tollpatschige polizeiliche Ermittlungen, einen Attentatsversuch auf den Ministerpräsidenten, das Todesurteil für Andrea, eine romantische Henkersmahlzeit mit Silvia und schließlich eine Revolte mit Happy End für Andrea und Silvia nach sich.

Die Young Opera Company hat hier wohl merklich modernisiert. Die zusammen mit dem SWR koproduzierte Rundfunk-Version des im April 2009 im Freiburger E-Werk wiederaufgeführten Stücks fühlt sich nämlich um mindestens 100 Jahre in die Zukunft versetzt an. Dabei wird auch der sich so diktatorisch gebende Ministerpräsident Lugarini derart mit betont rollendem R verballhornt, das ein gewisser Herr aus Österreich mit charakteristischem Oberlippenbart in Erinnerung kommt. Durch derartig satirische politische Anspielungen wird das Ganze zwar auch nicht grandios, aber die breit angelegten, rund eine Dreiviertelstunde umfassenden, zum Teil übrigens (film-)musikalisch unterlegten Dialogeinlagen kommen insgesamt immerhin als recht unterhaltsame Farce herüber.

Erheblich besser schneidet die Musik ab, bei der Korngold übrigens, ähnlich wie z. B. im Violinkonzert, eine Reihe von Zitaten aus früheren Werken eingebaut hat: etwa eine Phrase aus der dritten Klaviersonate oder ein Motiv aus der Filmmusik zu Devotion (1943). Bei dem auch in Escape Me Never (1946) auftauchenden kleinen Marsch stellt sich gar die interessante Frage, ob dieser nun für die „Stumme Serenade“ aus der Filmpartitur entlehnt worden ist oder umgekehrt.

Neben der Farbigkeit der Instrumentierung sticht direkt die korngoldtypische, üppige melodische Inspiration hervor. Gemeint ist hier der unmittelbar eingängige Charme liedhafter Melodien, die im Ausdruck an die berühmte Arie der Marietta „Glück, das mir verblieb“ aus der Oper „Die tote Stadt“ erinnern. Etwa im „Lied vom Glück“, einem melancholisch anmutenden Walzerlied, oder auch in Andreas Lied „Ich hab mich so verliebt“. Dabei fällt der Klang des nur kleinen, mit insgesamt gerade mal acht Spielern auskommenden, kammermusikalischen Ensembles erstaunlich üppig aus. Hier zeigt sich ein weiterer Aspekt des Könners, der auch kleinen Besetzungen (hier durch geschickten Einsatz von zwei Klavieren und Celesta) sowohl außergewöhnlich üppig anmutende als auch äußerst aparte, zarte Klänge zu entlocken vermag. (Das ruft ein wenig die ebenfalls trotz ihres schlankem Ensembles von nur 15 Spielern voll klingende, vergleichbar reizende wie spritzige [url=rezension.htm?rid=1621]„Baby Serenade“[/url] in Erinnerung.)

Das sehr pointierte und geschmeidige Spiel der Holst-Sinfonietta unter Klaus Simon ist denn auch im Besonderen das tragende Element dieser Produktion. Aber auch durch das unüberhörbare Engagement der Young Opera Company wird daraus eine sehr ansprechende Begegnung mit einem eher leichtgewichtigen Spätwerk Erich Wolfgang Korngolds.

Franz Schreker (1878-1934)

cpo 777 647-2: Auch im Falle Schrekers hat CPO bereits zuvor durch die Veröffentlichung der Opern „Christophorus“, „Das Spielwerk und die Prinzessin“ sowie des Jugendwerks „Flammen“ in der Original-Fassung für großes Orchester Beträchtliches geleistet. Mit „Der Schmied von Gent“ hat man sich jetzt in Zusammenarbeit mit der Chemnitzer Oper das letzte Bühnenwerk des Komponisten vorgenommen. Schrekers zwischen 1929 und 1931 komponierte „Große Zauberoper“ basiert auf einer Vorlage des belgischen Dichters Charles De Coster (1827-1879), die wiederum auf einer flandrischen Legende aus der Zeit der spanischen Besatzung im 16. Jahrhundert fußt.

Nach dem vorangegangenen düster-grüblerischen „Der singende Teufel“ wollte der Komponist ein Werk mit Volkslied-Naivität schaffen, eines, das mit großer Wahrscheinlichkeit repertoiretauglich sei. Eine Oper für jedermann sollte das Märchen um den pfiffigen Schmied Smee werden, der nicht nur den spanischen Besatzern, sondern auch den Mächten der Hölle ein Schnippchen schlägt, denen er zuvor seine Seele für sieben fette Jahre verschrieben hatte. Ein heiteres, fantastisches Zauberspiel erwartet den Hörer, in dem es um Lebende, Tote, Höllengeister und himmlische Heerscharen geht und wo der Schmied, nach seinem Ableben vom Teufel, den er zuvor das Fürchten lehrte, verschmäht und nebst höllischem Anhang verjagt, schließlich doch ins Paradies einziehen darf.7776472_multipac.inddIn weiten Teilen ist von der als so Schreker-typisch assoziierten überwältigenden Klangentfaltung, wie in „Der ferne Klang“ oder „Die Gezeichneten“, kaum etwas zu spüren, vielmehr ist eine merkliche Prise Neue Sachlichkeit mit von der Partie. Aber bereits stofflich ist das heitere, mit einigem Wortwitz versehene Märchen Lichtjahre vom Skandalträchtig-Erotischen und Wahnhaft-Visionären der frühen Opern-Sujets des Komponisten entfernt. Die klanglich eher durchsichtig und neoklassizistisch anmutende Komposition gibt sich dafür in ihrer relativen Einfachheit stilistisch besonders vielfältig und abwechslungsreich. Volkstümliche Tänze und Liedhaftes stehen barocken und klassischen Formen zur Seite und neben oratorienhaften Chorpassagen findet sich als originelle Referenz an die Neutöner sogar eine Zwölftonreihe zur Charakterisierung von des Schmieds Smee missgünstigem Gegenspieler Slimbroek.

Oliver Zwarg als Schmied, ausgestattet mit überzeugendem Heldenbariton, und Judith Kuhn als so verführerische wie böse höllische Fürstin Astarte ragen aus dem weitgehend adäquat besetzen Ensemble noch ein Stückchen hervor. Frank Beermann und die Robert-Schumann-Philharmonie loten dazu, unterstützt von den beiden Chören der Chemnitzer Oper, die üppige Klangpalette der Partitur sehr überzeugend aus. Über weite Strecken wird mit mitunter geradezu kammermusikalischer Durchsichtigkeit agiert. In den reichhaltigen sinfonischen Zwischenspielen findet sich bereits einige Klangentfaltung und beim Auftritt der (de Costers Sujet gezielt hinzuerfundenen) dämonischen Astarte darf sich die Musik dann auch mal ganz Schreker-typisch klangsinnlich und impressionistisch funkelnd geben, was die leidenschaftlich glühenden Heroinenmusiken der früheren Schreker-Opernschöpfungen in Erinnerung ruft. Wie aber auch die unterschiedlichen Stimmungen des Werkes zum Klingen gebracht werden, z. B. das Gespenstische im höllischen Schattenreich oder auch das Erhabene der himmlischen Sphären, das ist spürbar ambitioniert und professionell.

Schreker hat seinen „Schmied“ nach der von massiven nationalsozialistischen Störungen stark beeinträchtigten Premiere im Herbst 1932 überarbeitet. Neben ein paar offenbar sinnvollen dramaturgischen Eingriffen wurden aber eben auch Kürzungen vorgenommen, um die „Anstößigkeit“ der Handlung abzumildern. Und hier zeigt sich ein kleiner Schwachpunkt einer im Übrigen tadellosen Produktion: Es bleibt nämlich leider unklar, ob die Einspielung vollständig ist, bzw. in welcher Version oder in welcher Kombination von Ur- und Neufassung das Werk hier vorliegt.

Der Live-Mitschnitt ist erfreulicherweise von störenden Bühnen- und Publikumsgeräuschen praktisch unbeeinträchtigt. Auch darüber hinaus hat die Tontechnik tadellos gearbeitet, indem sie die insbesondere in den Steigerungen komplexeren Klangschichtungen von Orchester, Sängern und Chören sehr gut aufgefächert eingefangen hat. Ebenso vorbildlich ist das 100-seitige Begleitheft. Es wartet neben einem sehr informativen Einführungstext von Janine Ortiz mit dem vollständigen Libretto auf.

Mit „Der Schmied von Gent“ stand erstmals seit 1921 wieder eine Schreker-Oper in Chemnitz auf dem Spielplan. Nach der Berliner Staatsoper (1981) und dem Theater Bielefeld (1993) ist diese Oper damit nach der Uraufführung insgesamt erst dreimal überhaupt ins Programm genommen worden. Das belegt klar, dass es um die „Schreker-Renaissance“ im Opernalltag bislang schlecht bestellt ist, und dies unterstreicht zugleich die besondere Bedeutung dieser CPO-Veröffentlichung. Ob der Schmied nun wirklich das Zeug zur Oper für jedermann hat, darf bezweifelt werden. Ein echtes Kunstwerk und zugleich eine beachtliche Entdeckung ist das Stück, dem man zukünftig mehr Beachtung wünscht, in jedem Falle. Abschließend bleibt die Hoffnung, dass sich CPO mittelfristig auch noch Schrekers „Der singende Teufel“ annehmen wird, um damit auch die Erschließung des Schreker’schen Opern-Œuvres auf Tonträger abzuschließen.

Hans Christian Sinding (1856-1941)

03 cpo; Sinding; Violin Concertos 1-3cpo 777 114-2: Von den norwegischen Komponisten ist im hiesigen Konzertleben in erster Linie Edvard Grieg noch ein Begriff. Vom bei uns eher dem Namen nach noch bekannten Sinding sind im Rahmen von Klassikwanderung 12 — Eine nordische Rhapsodie, Teil 1 bereits die Sinfonien 1 & 2 vorgestellt worden. Die auf dem vorliegenden Doppel-CD-Album vereinten Violinkonzerte 1-3 gehören, wie auch die reizvollen Zugabestücke, zur Gattung des romantischen Konzerts. All diese Werke spiegeln die auch auf Sindings Ausbildung am Leipziger Konservatorium zurückzuführende mitteleuropäische, betont deutsche Tradition von Bach bis Brahms, aber auch Einflüsse der Neudeutschen, insbesondere von Wagner, sind deutlich spürbar. Zum im besten Sinne Traditionellen gehören neben der farbigen Instrumentierung schöne Themen und ein immer wieder spürbar werdender nordischer Tonfall, der für zusätzliche Reize sorgt.

Andrej Bielow (Violine) und die NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Frank Beermann, Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie (s. o.), sind ein kompetentes Team, das diese virtuosen wie überaus klangschönen Stücke vollkommen adäquat zum Erklingen bringt. Das vorzüglich informative Begleitheft und die ebenso tadellose Aufnahmetechnik runden den Hörgenuss perfekt ab.

Ludovit Rajter (1906-2000)

cpo 777 574-2: Fast so alt wie das 20. Jahrhundert, in dem er lebte, ist der Slowake Ludovit Rajter geworden. Nun die Frage in den Raum zu stellen, ob man von ihm schon einmal Musik gehört habe, wäre fast schon reine Rhetorik. Der eine oder andere Leser mag sich an den Dirigenten erinnern, eventuell auch eine Aufnahme besitzen. Der Komponist Rajter hingegen dürfte in unseren Breiten bislang praktisch völlig unbekannt geblieben sein.

Rajters musikalische Ausbildung begann in Pressburg, dem heutigen Bratislava (nach dem ersten Weltkrieg Teil der Tschechoslowakischen Republik) und wurde ab 1924 in Wien weitergeführt, wo er unter anderem Komposition bei Franz Schmidt studierte und zusammen mit Herbert von Karajan dirigieren lernte. Rajter, der ab 1930 auch noch in Budapest bei Ernst von Dohnányi studierte und dort bis 1945 arbeitete, hat nach dem zweiten Weltkrieg praktisch ausschließlich in Bratislava gewirkt, wo er insbesondere unterrichtete und das Rundfunkorchester sowie die Slowakische Philharmonie (auch auf Gastspielen) dirigierte.

04 cpo; Rajter-Ludovit, Orchestral WorksMit diesem Album wird nun Klingendes von ihm lebendig, das belegt, wie multikulturell und kultiviert das Musikleben auf dem Terrain der Nachfolgestaaten des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn zwischen den beiden Weltkriegen gewesen ist. Zwar präsentiert sich mit Rajter nun sicher nicht die Musik eines Schrittmachers auf dem Weg ins avantgardistische Neuland. Zweifellos handelt es sich beim hier zu Hörenden auch nicht um Musik, die zur Kategorie vergessener Meisterwerke zu rechnen wäre. Sie ist allerdings handwerklich derart gut gemacht und auch melodisch so sehr inspiriert, dass es viel Freude bereitet, sie zu hören. Die hier vertretenen Kompositionen verbleiben stilistisch in einem spätromantisch orientierten Rahmen, in dem geschickt Elemente der Volksmusik mit den europäischen Traditionen vom Barock bis ins frühe 20. Jahrhundert verbunden werden. Besonders unmittelbar zeigt sich dies in der Suite aus dem überaus klangsüffigen, melodischen Ballet „Das Pressburger Maifest“, das in den Budapester Jahren entstand. Da stehen Folklore, Wiener-Walzer-Charme und barockes Menuett reizvoll neben k. u. k. Militärmarsch. Die äußerst farbige, effektvoll orchestrierte, nie altbacken erscheinende Musik erinnert in Teilen an Kodalys „Hary Janos“. Sie erweist sich als unmittelbar ansprechend und verfügt über mehrere Themen, die einiges Ohrwurmpotenzial besitzen. Darüber hinaus ermöglicht die CD die Gegenüberstellung von frühen Werken — „Divertimento für Orchester“ (1932) und „Suite Symphonique“ (1933) — und ganz späten Kompositionen des fast Neunzigjährigen — „Sinfonietta per grande Orchestra (1993) und „Impressioni rapsodiche“ (1995). Alle Werke belegen das handwerkliche Können Rajters und sein Gespür für musikalische Wirkungen.

Das 1954 gegründete Philharmonische Orchester Janáček, beheimatet im tschechischen Ostrava (Ostrau), interpretiert unter der versierten Leitung des Niederländers David Porcelijn all diese reizvollen Stücke mit viel Elan, mitunter so richtig leidenschaftlich-glutvoll und immer sehr klangschön.

Ernst Krenek (1900-1991)

cpo 777 210-2: Bereits 1993 hatte CPO einen Zyklus der fünf Sinfonien Kreneks mit der NDR Radiophilharmonie unter dem Dirigenten Takao Ukigaya begonnen — siehe dazu auch Im Dritten Reich verboten — „Entartete Musik“, Folge 2. Damals musste die vierte, als verschollen geltende Sinfonie ausgespart bleiben. Aber dann tauchte das Original-Manuskript vor rund sechs Jahren unverhofft in den USA wieder auf. Da ist man erfreulicherweise am Ball geblieben und hat nun im Mai 2011 den Schlusspunkt unter die hoch verdiente CPO-Edition gesetzt.

05 cpo; Krenek, Sinf. 4, Concerto GrossoDie 1947 uraufgeführte vierte Sinfonie entstand als Auftragswerk des Dirigenten Dimitri Mitropoulos. Das freitonal gehaltene, eher sperrige Stück, erfordert mehr Einhörarbeit, um seine nicht unmittelbar hervortretenden Reize zu entfalten. Das bereits 1924 fertiggestellte Concerto Grosso Nr. 2 hingegen entstammt der neoklassizistischen Periode des Tonsetzers und reflektiert Rhythmik und typische barocke Tanzformen im Stil der Brandenburgischen Konzerte Bachs. Es gibt sich wesentlich einfacher zugänglich und zählte bereits in seiner Entstehungszeit zu den erfolgreicheren Werken Kreneks. Es ist daher zum Einstieg in das Œuvre dieses Komponisten besonders geeignet, obwohl es auch hier nichts zum Mitsummen gibt.

Erfreulicherweise konnte auch hier wieder die NDR Radiophilharmonie, dieses Mal allerdings geleitet von Alun Francis, gewonnen werden. Deren hochprofessionelle Musiker und ihr in der musikalischen Moderne ebenso erfahrener Dirigent liefern hoch engagierte Interpretationen der beiden stark kontrastierenden Werke. Diese aktuelle Produktion knüpft damit im Punkt musikalische Qualität, aber auch bei den von der Aufnahmetechnik vorzüglich ausbalancierten dynamischen Proportionen des Klanggeschehens und dem informativen Begleithefttext, nahtlos an die zuvor erschienenen Alben an. Es resultiert eine höchstwertige Gesamteinspielung aus einem perfekten Guss und damit ein weiteres packendes klingendes Zeitzeugnis der Musik des 20. Jahrhunderts.

Josef Matthias Hauer (1883-1959)

cpo 777 154-2: Wer sich über die Musik der Neuen Wiener Schule informiert, der hat sicher auch den Namen Josef Matthias Hauer als Schönberg-Antipoden zumindest schon gehört oder gelesen. Der ebenfalls aus Wien stammende Hauer hat zeitlebens darum gestritten, er habe die Zwölftonmusik als erster entwickelt. Zu Hauers größten Bewunderern zählte übrigens John Cage. Aber darüber hinaus bestand lange Zeit das Problem,von dieser Musik überhaupt etwas hören zu können. Von 1996 bis heute sind immerhin eine Handvoll CD-Alben mit Hauers Musik auf Orfeo, Wergo und MDG erschienen. Die 2007 von CPO beigesteuerte SACD mit den wichtigsten Orchesterwerken ist bislang eine ganz besondere Bereicherung geblieben. Die Tonträger der genannten Labels enthalten nämlich — bis auf den Operneinakter „Salambo“ — ausschließlich Kammermusik.06 cpo; Josef Matthias Hauer, Violin Concerto & Apocalyptische PhantasieBis zu den in die letzte Schaffensperiode (ab 1940) fallenden „Zwölftonspielen“ sind auf dem vorliegenden Album nun immerhin die Meilensteine der Orchesterkompositionen Hauers zugänglich und zeichnen zugleich chronologisch die Entwicklung des Komponisten nach. Am Anfang steht die „Apokalyptische Phantasie“, in der „den Blinden die Farben offenbar werden“, wie es ein Weggefährte Hauers, der Philosoph Ferdinand Ebner, formulierte. Diese Aussage bezieht sich auf die abstrakte Theorie der Klangfarbenlehre des Komponisten, der das Intervall als Träger der Klangfarbe ansieht und die Farbenwirkung der Musik aus Intervallverhältnissen ableitet. Dafür wurden die musikalischen Intervalle in einem zwölfstufigen Farbenkreis dargestellt.

Es folgen die „Romantische Fantasie“ Opus 37, die VII. Suite für Orchester Opus 48 sowie das Violinkonzert Opus 54. Den Abschluss bilden zwei 1957 entstandene, so genannte „Zwölftonspiele“. Hierbei handelt es sich um Stücke, die nach strengen Regeln, ähnlich einem mathematischen Algorithmus, komponiert wurden. Heutzutage kann Hauers Ansatz auch mit Hilfe des Computers exakt reproduziert werden. Interessanterweise wirkt Derartiges trotzdem längst nicht zwangsläufig „mechanisch“ konstruiert.

Galaxien entfernt von dem von Schönberg & Co. Gewohnten, im wahrsten Wortsinn unorthodox erscheint das, was hier von Hauer erklingt. Dank SACD-Technik ist dies auf Wunsch auch in besonders fülligem Surround-Sound überprüfbar, der Hauers Klangräume ganz besonders eindringlich werden lässt. Eher unaufgeregt schreitet diese jedoch keinesfalls trocken wirkende Musik voran und gibt sich häufig der späteren Minimal Music nahe stehend — diese also vorwegnehmend. Unerhört eigenwillig und zugleich beeindruckend ist deren den Hörer in ihren Bann ziehende Wirkung. Wer hätte gedacht, dass es sogar atonale und Zwölftonmusik gibt, bei der man fast schon entspannen kann?

Das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Gottfried Rabl ist voll engagiert bei der Sache und legt sich prima ins Zeug. Zum außergewöhnlichen Klangerlebnis kommt wiederum ein profunder Begleithefttext (von Robert Michael Weiß), der die Entwicklung der Hauer’schen Kompositionstechnik eingehend erläutert.

Victor Herbert (1859-1924)

cpo 777 576-2: Kennen Sie von Victor Herbert eventuell den hübschen Spielzeugmarsch aus der Operette „Babes in Toyland“? Der in Dublin geborene Victor Herbert, der aufgrund seiner in Stuttgart verbrachten Jugendjahre fließend (auch unflätig) schwäbeln konnte, fungierte als versierter Cellist u. a. im Stuttgarter Hoforchester, im schweizerischen Lugano und ebenfalls im Wiener Eduard-Strauß-Orchester. Ab Herbst 1886 in die Neue Welt übergesiedelt, avancierte er bald zum Mitbegründer der Broadway-Operette, wobei in seinen über 40 Beiträgen eine Reihe echter Hits enthalten sind. Einzelne Evergreens daraus sind auch für den Europäer heutzutage durch den Film gelegentlich zu hören.

Zeitlebens blieb der Komponist ein Liebhaber deutsch-österreichischer Leckereien, was ihm bald zu beträchtlicher Leibesfülle verhalf. Nicht nur deswegen erweist er sich bei eingehender Betrachtung als bemerkenswerte Figur. Der köstlich zu lesende Begleithefttext von Eckhardt van den Hoogen spricht davon, dass der überaus geschäftsbewusste Herbert schon frühzeitig unter jener merkantilen Sehstörung gelitten habe, die den Violinschlüssel und das Dollarzeichen ineinander verschwimmen lassen.

07 cpo; Herbert-Victor, Works for Cello & StringsWer bis hier nun neugierig geworden ist und seinen Herbert-Horizont klingend erweitern möchte, der liegt hier richtig. Im Angebot sind überaus gefällige, dabei aber keineswegs banale Stücke, die auch dank des geschickten Arrangements auf dem Level niveauvoller Unterhaltungsmusik angesiedelt sind.

Es ist geradezu erstaunlich, dass Herbert so etwas wie die im Zentrum der CD stehenden sieben Piècen für Cello und Orchester geradezu nebenher als Massenware produzieren konnte. Ursprünglich wurden diese kleinen Stücke für Piano und Cello (oder auch für Piano solo) entworfen und anschließend in Arrangements für verschiedene Ensemble-Größen (z. B. Salonorchester) überführt. Es handelt sich dabei um kleine atmosphärische, auch mal tonmalerisch angehauchte Miniaturen von unmittelbar emotionaler Wirkung, die man sich zum Teil durchaus zur Untermalung von Filmszenen eingesetzt vorstellen könnte. Im Ausdruck schließen daran unmittelbar die das Album beschließenden Drei Stücke für Streichorchester an.

Die reizende Serenade für Streichorchester Opus 12 stammt noch aus den frühen Jahren im alten Europa und besitzt ganz besondere Delikatesse ob ihrer so ungemein sorgfältigen wie effektsicheren Ausführung. Derartige Musik muss sich auch vor Entsprechendem von Peter Tschaikowsky oder Antonín Dvořák nicht verstecken.

Das seit 1950 existierende Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim unter Sebastian Tewinkel und der junge Cellist Maximilian Hornung interpretieren die melodieselige, unmittelbar ansprechende Musik insgesamt erfrischend und stilsicher zugleich. „Serenade“, der Obertitel des Albums ist stimmiger als der etwas irreführende Untertitel „Works for Cello & String Orchestra“, umfasst der Anteil der Letzteren doch gerade mal rund ein Drittel der Gesamtspielzeit.

Ernst von Gemmingen (1759-1813), Johann Matthias Sperger (1750-1812)

08 cpo; Gemmingen, Violin Concertoscpo 777 454-2: Unbekannte Schätze aus Klassik und Frühromantik: Ernst von Gemmingen und Johann Matthias Sperger, Zeitgenossen Haydns, Mozarts und Beethovens, treten mit reizenden Kompositionen ins Rampenlicht. Der aus Niederösterreich stammende und später in Wien lebende Sperger ist vertreten mit der rund 13-minütigen „Ankunftssinfonie“, die auf Haydns „Abschiedssinfonie“ anspielt. In selbiger löst sich das Orchester im Finalsatz schrittweise auf und am Schluss befinden sich nur noch zwei Geiger auf dem Konzertpodium, die das Stück zum Ende bringen. Bei Sperger geht es im eröffnenden Andante, einem Variationssatz, genau umgekehrt zu. Entsprechend beginnt das amüsante wie charmante zweisätzige Werk mit den besagten zwei Violinisten, die das Thema vorstellen und in den Variationen desselben nach und nach Verstärkung erhalten, bis das Allegro molto vom kompletten Orchester vorgetragen wird.

Über Ernst von Gemmingen, der Spross eines württembergischen Rittergeschlechts war, ist außer der ihm attestierten Musikalität nur wenig bekannt. Von seinen Kompositionen ist neben den um 1800 komponierten und erst 1993 wiederentdeckten insgesamt vier Violinkonzerten nichts erhalten geblieben. Die ersten beiden Konzerte werden souverän interpretiert vom Geiger Kolja Lessing, der auch die Kadenzen komponierte, und lebendig begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Trotz in die Frühromantik verweisender Akzente findet sich in den handwerklich hörbar solide gefertigten, unmittelbar sehr ansprechenden, unverbraucht frisch wirkenden Konzerten auch noch genug ausgeprägt Spielfreudiges, gehalten im typischen Stil der Wiener Klassik. Diese Wiedererweckung charmanter musikalischer Leckerbissen erzeugt bereits Vorfreude auf die beiden übrigen, bald noch folgenden Violinkonzerte.

Paul Graener (1872-1944)

cpo 777 447-2: Lange Zeit hat man sich an seine Musik nicht herangewagt: Paul Graener war nämlich seinerzeit nicht nur ein sehr erfolgreicher, viel gespielter Komponist, er war auch seit 1933 Mitglied der NSDAP und bekleidete bis 1941 das Amt des Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer. Erst musikwissenschaftliche Forschungen aus jüngerer Zeit lassen das Verhalten Graeners, dessen Werk nach 1945 praktisch als NS-belastet galt und in der Versenkung verschwand, in einem deutlich günstigeren Licht erscheinen. Dabei zeigte sich unter anderem, dass der Komponist zeitlebens Freundschaft zu zwei jüdischen Verlegern unterhielt und einen davon, Kurt Eulenburg, der später nach England emigrierte, wohl nachhaltig unterstützte. Eulenburg hat sich übrigens nach dem Krieg mehrfach, wenn auch erfolglos, bei der BBC für die Musik Graeners eingesetzt.

09 cpo; Graener, Orchestral WorksIn seinen frühen Jahren in London (1896-1909), als Musical Director des Haymarket Theatre und Lehrer an der Royal Academy of Music, hatte der Komponist sogar die britische Staatbürgerschaft angenommen. Vom Kuriosum, einen britischen Staatsbürger im NS-Staat in Amt und Würden zu haben, erfuhren die braunen Machthaber freilich nie. Im Übrigen war Graener nicht nur ein sehr produktiver Komponist, er war zeitweilig Direktor des Salzburger Mozarteums (1911-1914), Professor für Komposition am Leipziger Konservatorium (1920-1927) und Direktor des Stern’schen Konservatoriums in Berlin (ab 1930). Die beiden in den 1920ern erhaltenen Würdigungen (1922 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und 1925 Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig) sprechen ebenfalls für sich.

Das vorliegende erste Album einer Graeners Orchesterwerken gewidmeten Reihe ermöglicht es, klingende Eindrücke zu gewinnen. Unmittelbar geläufig ist das als Ausgangssthema in den „Variationen über ein russisches Volkslied“ Opus 55 dienende „Lied der Wolgaschlepper“. Hier zeigt sich schnell, dass im Umgang mit dem berühmten Thema ein versierter Könner am Werk war, der es offenbar verstand, farbig und effektvoll zu instrumentieren. Die Tonsprache ist spätromantisch und eher traditionell denn experimentell. Sie zeigt sowohl neoklassizistische Einflüsse als auch solche des Impressionismus. Desweiteren sind zu hören: die transparent-durchsichtige, filigrane „Comedietta“ Opus 82, „Musik am Abend“ Opus 44 und die „Sinfonia breve“ Opus 96. Hier überzeugt Graener durch relativ einfach gehaltene, aber dadurch auch unmittelbar ansprechende Melodik und feinsinnige Instrumentierung.

Bei Werner Andreas Albert und der NDR Radiophilharmonie und auch den Tontechnikern des NDR war dies alles in besten Händen. Last but not least verdient es der profunde Begleithefttext von Knut Andreas erwähnt zu werden, der als Biograph Graeners zugleich ein ausgewiesener Kenner seines Werkes ist.

Alexandre Tansman (1897-1986)

cpo 777 449-2: Tansman begann seine Ausbildung am Konservatorium im heimatlichen Lódz. Im Jahr 1919 übersiedelte er nach Paris, wo er bis auf die im US-Exil verbrachten Jahre 1941-1946 residierte. Dort nahm ihn Maurice Ravel unter seine Fittiche und führte den jungen Mann sowohl in die blühende, internationale Musikszene als auch in die literarischen und politischen Zirkel der Seine-Metropole ein. Hier lernte er u. a. Albert Einstein und Stefan Zweig, Arthur Honegger, Béla Bartók, Paul Hindemith, Alfredo Casella (siehe dazu auch Teil 1 dieser Klassikwanderung), Sergej Prokofjew, Igor Strawinsky und Darius Milhaud kennen. Tansman avancierte schnell zu einem der bekanntesten Komponisten der 20er und 30er Jahre. Er galt als einer der herausragenden Vertreter der musikalischen Avantgarde, für den sich Dirigenten wie Willem Mengelberg, Arturo Toscanini und Leopold Stokowski interessierten.

Doch keine Angst! Die Musik Tansmans ist heutzutage höchstens in der Lage, das Gemüt stockkonservativer Musikliebhaber dezent zu verunsichern. Die Ästhetik seiner Tonschöpfungen ist stark vom französischen Impressionismus, neoklassizistischen Strömungen und weiteren vielfältigen Einflüssen, von der polnischen Volksmusik bis zum Jazz, gekennzeichnet. Die Resultate sind trotzdem nicht einfach epigonale Flickenteppiche, da der Komponist bei allem, aus dem er schöpft, zu höchst eigenwilligen und damit eigenen Gesamtresultaten kommt. Von abstraktem Neutönertum kann hierbei ebenfalls keinesfalls die Rede sein. In Tansmans zweifellos moderner Tonsprache tritt immer wieder auch eine gehörige, für die Zeit ihrer Entstehung erstaunliche Portion Romantik hervor. Seine Musik zeichnet sich zudem durch besondere Transparenz im mit impressionistischen Gesten durchsetzten, funkelnden, meist filigranen Orchestersatz sowie großes Temperament und Frische aus.

10 cpo; Tansman, Piano Concertino & Elegie etcDas aktuelle Album ist nicht nur die erste dem Komponisten gewidmete Veröffentlichung von CPO. Das Album hat noch eine weitere Premiere im Gepäck: das 1943 für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein komponierte, aber nur als Klavierauszug überlieferte, also nicht komplett fertiggestellte „Konzertstück für die linke Hand (Pièce Concertante)“. Der polnische Komponist Piotr Moss hat das Fragment 2008 fertig orchestriert. Die Uraufführung erfolgte im Jahr 2009 im Rahmen eines Rundfunkkonzerts von Deutschland Radio Kultur mit den auch das vorliegende Album bestreitenden Interpreten.

Damit spannt sich der Bogen der vertretenen Werke, des knapp einstündigen Programms vom 1931er „Concertino für Klavier und Orchester“ über das bereits erwähnte, 1943 komponierte „Pièce Concertante“ bis zu den in den 1970er Jahren entstandenen beiden musikalischen Nachrufen an enge Freunde des Komponisten: „Stèle — in memoriam d’Igor Strawinsky“ (1972) und „Élégie — à la mémoire de mon ami Darius Milhaud“ (1975).

Lassen Sie sich auf eine spannende, „polystilistische“ musikalische Reise mitnehmen, was unerwartete Begegnungen mit Bekanntem, aber auch überraschende Wendungen einschließt. Der Pianist Christian Seibert trägt dabei die Soli spielerisch und akzentuiert vor und wird vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) unter seinem Chefdirigenten Howard Griffiths mehr als nur gediegen begleitet. Ein zusätzlicher Punkt geht an die das Klanggeschehen exzellent ausleuchtende Tontechnik.

Somit bleibt zu hoffen, dass auf CPO zukünftig mehr von Tansman zu hören sein wird. Vielleicht hat man dort gar die Gelegenheit (und den Mut), auch mal etwas von seinen zahlreichen, bislang völlig unbekannt gebliebenen Filmkompositionen zugänglich zu machen, die in den Kriegsjahren im US-Exil entstanden — wobei Tansman Hollywood infolge der dort besonders zahlreich vertretenen europäischen Emigranten interessanterweise als eine Art „zeitgenössisches Weimar“ empfand.

Julius Röntgen (1855-1932)

Auch wenn sämtliche der vorstehend vorgestellten CD-Alben ihr Geld mehr als Wert sind: Bei der Erschließung der Musik Julius Röntgens handelt es sich in jedem Fall um eine Pioniertat ganz besonderen Ranges. Der Komponist schuf nämlich nicht nur insgesamt 25 Sinfonien (allerdings nicht Mahler’scher Dimensionen, sondern überschaubaren Zuschnitts von zwischen etwa 15 bis 30 Minuten Spieldauer), sondern darüber hinaus ein geradezu riesiges Gesamt-Œuvre von insgesamt rund 650 Kompositionen. Dabei ist das Gros dieser Musiken zu seinen Lebzeiten überhaupt nicht aufgeführt worden: Etwa 150 Kompositionen entstanden in den letzten acht Lebensjahren, die er als gutbetuchter Ruheständler verbrachte, und sind, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, praktisch bewusst (!) für die Schublade komponiert. Darunter fallen übrigens auch 21 der Sinfonien, von denen nur zwei zu Lebzeiten des Tonsetzers aufgeführt worden sind.

Julius Röntgen wurde 1855 in Leipzig geboren, als Sohn eines niederländischen Vaters, der Konzertmeister im Gewandhausorchester war, und einer ebenfalls musikalischen deutschen Mutter. Seit 1878 lebte er in den Niederlanden. Bis zu seinem Ruhestand residierte er in Amsterdam und avancierte dort zum wohl bedeutendsten niederländischen Tonsetzer in der zweiten Hälfte des 19. und auch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch damit nicht genug. Er machte sich als Pianist und Dirigent und ebenso als Funktionsträger am Amsterdamer Konservatorium sehr verdient um das anfänglich eher unterentwickelte holländische Musikleben.

Röntgen, der aus der Tradition der romantischen Leipziger Schule stammte, ist in seinen Kompositionen kein Wegbereiter der Avantgarde, sondern eher Traditionalist, wobei sich allerdings gerade in seinem Spätwerk auch klangliche Experimente finden, die noch eingehender zu entdecken sind. Röntgen war u. a. Freund von Johannes Brahms, dessen 2. Klavierkonzert er unter Brahms’ Leitung in den Niederlanden aus der Taufe hob.

cpo 777 119-2: Die nach zwei wohl verlorenen Jugendwerken (komponiert in den Jahren 1872-1875) als erste erhaltene 3. Sinfonie gibt sich klassisch und romantisch zugleich. Sie ist viersätzig und zeigt neben Einflüssen von Beethoven und Brahms auch die der Leipziger Schule, lässt aber ebenso Bruckner erahnen. Für das Jahr ihrer Entstehung (1910) ist sie zwar zweifellos nicht am Puls der Zeit, aber für sich genommen ein sehr hörenswertes, gut strukturiertes und auch klangvoll instrumentiertes Werk. Die 1892 komponierte, wiederum fein instrumentierte Suite „Aus Jotunheim“ besticht nicht nur durch die verarbeiteten, unmittelbar eingängigen nordischen Themen, sie ist zugleich ein Produkt seiner Freundschaft zu Edvard Grieg. Das schöne Stück ist den Eheleuten Grieg zum 25. Hochzeitstag gewidmet.

cpo 777 311-2: Verblüfft und erstaunt wird der Hörer spätestens bei „Aus Goethes Faust“. Hierbei handelt es sich um eine Art Kantate — für Orchester, Orgel, Chor und Solisten — von rund einer Stunde Dauer, die der immerhin bereits 76-jährige (in jenen Tagen besonders produktive) Komponist innerhalb von nur vier Tagen entworfen hat. In diesem sehr abwechslungsreichen, vielfältige Stimmungen auslotenden Stück hat er eine lose Folge von einzelnen Momentaufnahmen aus Goethes Dichtung geschickt vertont. Da steht Volkstümlich-Liedhaftes („Vor dem Tor“, „Lied des Erdgeistes“) neben Feierlichem („Osterchöre“) und Idyllischem („Fausts Traum“), und in den Auftritten Mephistos (Flohlied in „Auerbachs Keller in Leipzig“) klingt es mitunter auch skurril. Neben den beachtlichen Gesangseinlagen spielt das Orchester eine sehr bedeutende Rolle. Überaus klangprächtig und machtvoll, mit erhabenen Fanfaren stimmt bereits der rund siebenminütige orchestrale „Prolog im Himmel“ den Hörer ein. Da wähnt man sich fast schon nahe bei Carl Davis’ Stummfilmmusik zu Ben Hur (1926). Und in der instrumentalen „Walpurgisnacht“ finden sich Anklänge an Berlioz’ „Symphonie Fantastique“. Der Kreis schließt sich im „Chorus mysticus“ — wie auch in der Liszt’schen „Faustsinfonie“ und in Mahlers 8. heißt es auch hier „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ —, wo die das Stück eröffnende machtvolle Himmelsmusik wiederkehrt und das Werk effektvoll beschließt. Uraufgeführt wurde die Kantate übrigens erst im Jahr 2007 im Muziekcentrum Enschede, nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Diese CD bildet die erste von drei Empfehlungen für den Röntgen-Einsteiger.

cpo 777 255-2: Ebenfalls viersätzig ist die 18. Sinfonie, die sich mit ihren Barockanklängen betont neoklassizistisch gibt. Die stimmungsvolle „Ballade über eine norwegische Volksmelodie“ zeigt wieder den der nordischen Musik Verbundenden. In „Een Liedje van de Zee“ und den „Zes Oud-Nederlandsche Dansen“ zeigt sich eine weitere wichtige Facette des Komponisten: sein Bemühen um die alte niederländische Volksmusik, die er in klangprächtigen, leicht archaisierenden, stimmungsvollen Konzertkompositionen wieder aufleben ließ. Die Ballade wie auch die Niederländischen Tänze zählten übrigens zu Lebzeiten Röntgens zu seinen erfolgreichsten und bekanntesten Stücken.

11 cpo; Röntgen, Sinf. 3 & Aus Jotunheim
12 cpo; Röntgen, Aus Goethes Faust
13 cpo; Röntgen, Sinf. 18 & Ballade
14 cpo; Röntgen, Sinf. 10 & Oud Nederland

15 cpo; Röntgen, Sinf. 8 & 15
16 cpo; Röntgen, Piano Conc. 2 & 4
17 cpo; Röntgen, Violin Concertos
18 cpo; Röntgen, Sinf. 6, 5 & 19

cpo 777 308-2: Die Suite „Oud Nederland“ knüpft an das Vorstehende an. Ihr zur Seite gesellt sich die mit rund zehn Minuten nur in der Länge einem der großen Strauß-Walzer vergleichbare, ansonsten kaum wienerische schwungvolle 10. Sinfonie, die „Walzersinfonie“. Ebenso kurzweilig gibt sich die verspielt-lebendige „Symphonietta humoristica“. Mit „Drei Praeludien und Fugen über G.H.G.B.F.“ wollte Röntgen seinem Schüler und Freund Gerard Hubertus Galenus von Brucken Fock zeigen, dass man auch über dessen Namen Fugen komponieren könne. Auch hier zeigt sich ein keineswegs akademisch-trockenes, sondern vielmehr originelles und frisches Werk, das den Komponisten wiederum als einen Beherrscher der barocken Form und ein weiteres Mal als überaus geschickten Instrumentator zeigt.

cpo 777 307-2: Eine interessante Kopplung bilden die Sinfonien Nr. 8 & 15. Die einsätzige achte Sinfonie ist besonders farbig gehalten und erfordert lt. Besetzungsliste auch ein Klavier. Sie beginnt und endet in besonders sanften Pastelltönen, in schimmernden Streicherfiguren und Soli der Holzbläser. Im weiteren Verlauf schwingt sie sich in Umkehrung des klassischen Prinzips von „schnell-langsam-schnell“ auch zu temperament- und kraftvolleren Klängen auf. Passagenweise fühlt man sich dabei an ein spätromantisches Klavierkonzert à la Rachmaninoff erinnert, dezenter Filmmusik-Touch im schwelgerisch-schmachtenden Thema inklusive. Bemerkenswert ist die effektvolle Sopranvokalise zu Beginn des letzten Abschnitts, die mehrfach einen „Lokk“ („Lockruf“) ertönen lässt, wie ihn norwegische Bauernmädchen zum Zusammenrufen ihrer Tiere anstimmen. Dies verleiht der eigentümlichen Musik punktuell gar einen Hauch von Impressionismus. Diesem echten Sahnestückchen folgt die besonders im Kopfsatz markige und in Teilen grüblerisch gehaltene 15. Sinfonie, die sich wieder einmal klassisch viersätzig gibt. Die das Album beschließenden „Variationen über eine norwegische Volksweise“ bilden mehr eine kunstvoll ausgeführte, pastoral anmutende Orchesterfantasie denn einen klassischen Variationssatz und sind zugleich eine letzte Referenz an den Freund Grieg. Dieses Album bildet die Numero zwei der Einsteigerempfehlungen, insbesondere in Bezug auf die Sinfonie Nr. 18 sowie die Variationen.

cpo 777 398-2 & cpo 777 437-2: Einblicke in das reichhaltige Solo-Konzertschaffen bieten die beiden bisher vorgelegten Alben mit den Klavier- bzw. den Violinkonzerten. Beide Alben (Matthias Kirschnereit, Klavier, bzw. Liza Ferschtmann, Violine) stehen in Ausdruck und Stil Brahms sehr nahe, wobei besonders das Album mit den beiden Violinkonzerten sowie der „Ballade für Violine und Orchester“ durch seine hervorstechende Klangschönheit unmittelbar in seinen Bann zieht. Somit verdient die CD mit den Violinkonzerten unbedingt das Prädikat Einsteigerempfehlung, wobei es schon etwas schwerfällt, dieses nicht auch dem Album mit den ebenfalls sehr feinen Klavierkonzerten zu erteilen.

cpo 777 310-2: Den Abschluss unserer kleinen Entdeckungsreise zu Julius Röntgen bildet das derzeit jüngste, erst vor einigen Monaten erschienene Album, das die Sinfonien 6, 5 & 19 vorstellt, entstanden zwischen 1926 und 1932 und damit sämtlich aus der üppigen Spätphase des Komponisten stammend. Man stelle sich vor, dass vom Frühjahr 1930 bis Mitte 1932 neunzehn Sinfonien entstanden. Auch was es hier zu hören gibt, ist weitab vom unruhigen, revolutionären Puls der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Im Zentrum der Sinfonien 5 & 6 stehen Liedtexte, gesetzt auf niederländische Melodien des 16. und 17. Jahrhunderts. Die 19. Sinfonie, „B.A.C.H.“, ist wiederum rein instrumental und widmet sich elegant der berühmten titelgebenden Tonfolge. Unerwartet anmutig kommt der im Walzertakt und dabei besonders transparent gehaltene zweite Satz daher.

Bis auf „Kammermusik für Bläser“ sind hier nun sämtliche derzeit verfügbaren, seit Ende 2006 bei CPO erschienen Röntgen-Veröffentlichungen kurz vorgestellt. Die dabei zum Großteil unerwähnt gebliebenen Interpreten, sowohl die unter der Leitung des Röntgen-Spezialisten David Porcelijn agierenden deutschen und niederländischen Orchester als auch die Vokal- und Instrumentalsolisten, musizieren sämtlich sehr ambitioniert und sind hörbar engagiert bei der Sache. Dass es zudem weder bei der Aufnahmequalität noch den Begleithefttexten etwas Nennenswertes zu beanstanden gibt, ist fast schon selbstverständlich.

Ob nun alles, was sich außerdem im Röntgen-Nachlass befindet, es gleichermaßen wert ist, gehoben zu werden, sei dahingestellt. Einiges mehr davon verdient es sicherlich noch, von den Schätzgräbern von Chandos, CPO und auch anderen entdeckungsfreudigen Labels ausgegraben und für das Laserlicht der modernen Audiodatenträger aufbereitet zu werden.

Fazit: Ein weiteres Mal erweisen sich das renommierte britische Chandos-Label wie auch die Osnabrücker CPO-Schmiede als ein Quell sowohl des Vorzüglichen als auch der Überraschungen. Dass es sich dabei „nur“ um Epigonen und Kleinmeister handle, ist eher Ausdruck einer längst noch nicht überwundenen Überheblichkeit in Teilen der musikwissenschaftlichen Institutionen, die nur die Genies der abendländischen Musik gelten lassen, als unbestreitbare Belanglosigkeit in dem, was vernachlässigt wird.

Um echte Bereicherungen des Repertoires handelt es sich bei derartiger Pionierarbeit durchweg. Auch wenn es illusorisch wäre zu erwarten, dass allzu viel davon mittelfristig auch den Weg in die Konzertsäle findet. Tröstlich bleibt in jedem Fall die Tatsache, dass in zunehmendem Maße einiges dieser zu Unrecht vergessenen Werke wenigstens im Rundfunk auftaucht und insbesondere auf Tonträger verfügbar ist und damit gehört werden kann. Und exakt darin, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, diese Musik hören und selbst (!) beurteilen zu können, darin liegt das außerordentlich große Verdienst derartiger Labels, die sich im Labyrinth der unzähligen Seitenpfade der Musikgeschichte bewegen.

Hier geht’s zu Klassikwanderung 50, 1. Teil

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2012.

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