CD

Veröffentlicht am 01.01.2011 | von Michael Boldhaus

Lawrence of Arabia (Tadlow-Neueinspielung)

Lawrence of Arabia (Tadlow-Neueinspielung) Michael Boldhaus
Bewertung

Nach den zwei in kurzer Folge im vergangenen Jahr 2010 veröffentlichten feinen Jarre-Doppelpacks (Lion Of The Desert/The Message und Mad Max — Beyond Thunderdome) ließ James Fitzpatrick dem Jarre-Freund kaum Zeit zum Atemholen. Im September 2010 folgte entsprechend bereits das dritte TADLOW-Jarre-Doppel-CD-Album des Jahres, gewidmet dieses Mal der nach Doktor Schiwago (1965) zweifellos zweit-berühmtesten Filmmusik des Komponisten: Lawrence of Arabia • Lawrence von Arabien (1962). Dabei bezieht sich die Feststellung „berühmteste Filmmusik“ — wie so oft — in erster Linie auf das Hauptthema. Eingehendere Infos zum Komponisten finden sich im Artikel zu Lion Of The Desert/The Message (s. o.).

4263David Leans berühmter Film bringt den Mythos um Thomas Edward Lawrence, britischer Archäologe und Verbindungsoffizier, um dessen Rolle im Aufstand der Araber gegen die Türken im 1. Weltkrieg bildgewaltig auf die große Kinoleinwand — in freier Anlehnung an das autobiografische Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“. In Leans Film ist neben den bis in die kleinen Rollen durchweg hochrangigen Darstellern (z. B. Peter O’Toole als Lawrence, Omar Sharif als Sherif Ali Ibn El Kharisch, Alec Guinnes als Prinz Feisal) insbesondere die visuelle Kraft der einen breiten Raum einnehmenden, ausdrucksstark eingefangenen Wüstenstimmungen ganz besonders bemerkenswert. Das entscheidende Vorbild besitzen diese übrigens in Four Feathers • Vier Federn (1939, Regie: Zoltan Korda, Musik: Miklós Rózsa). Lawrence von Arabien (1962) wird so, dank der grandios von Kameramann Freddie Young auf „Super Panavision 70“ eingefangenen Bilder, zum größten (Breitwand-)Wüstenepos überhaupt, das in Khartoum (1970) ein zwar etwas kleineres, aber ebenfalls sehr beachtliches Pendant besitzt.

Für Maurice Jarre wurde der Kompositionsauftrag für Lawrence von Arabien zum Glücksfall, hatte er doch zuvor ausschließlich eine Reihe französischer Produktionen vertont und war dementsprechend in Hollywood wenig bekannt. Dank seines unmittelbar im Gehör haftenbleibenden, prachtvollen Hauptthemas und der in der Musik so mitreißend reflektierten arabischen Rhythmik wurde diese Musik Jarres internationaler Durchbruch und bescherte ihm zugleich den ersten der insgesamt drei Oscars seiner Karriere. Er wurde daraufhin Leans Hauskomponist und vertonte noch drei weitere Filme des Regisseurs. Neben Ryans Tochter (1970) auch die beiden, für die der Komponist die beiden übrigen Musikoscars erhielt, Doktor Schiwago (1965) und Reise nach Indien (1984).

Die Extravaganz des groß besetzten Lawrence-Orchesters spiegelt sich in der massiven Ausstattung der Schlagwerksektion: u. a. Tamtam, Snare Drums, kubanische Bongos, Tamburine. Außerdem fordert die Partitur drei Ondes Martenot und auch die von Jarre offenbar geschätzte Zither.

Wohl kaum jemand dürfte nicht bereits durch die außerordentlich wuchtige perkussive Eröffnung der Ouvertüre beeindruckt und anschließend vom klangsüffigen Hauptthema in den Bann gezogen werden, das in den nachfolgenden Musikteilen eine gewichtige Rolle spielt. Die Musik sorgt desweiteren für ein markantes Wüstenfeeling, ja, sie hilft sogar dabei mit, dieses beim Hörer einzuprägen (s. o.). Sie suggeriert das in diesen schattenlosen Regionen gleißende Sonnenlicht und die sengende Hitze, welche die Luft über dem Sand flirren lässt und Fata Morganen erzeugt. Desweiteren gibt es klangprächtige, kraftvolle Set-Pieces, wie „Arrival at Auda’s Camp“ oder „On to Akaba“ — letzteres Stück ist jetzt übrigens endlich ungekürzt.

4264All das vermittelt die aktuelle Einspielung, auch dank der vorbildlichen Aufnahmetechnik, geradezu perfekt. Hat man sich doch erfolgreich bemüht, dem äußerst präsenten Klangbild sowohl räumliche Fülle als auch eine jedes musikalische Detail spiegelnde Klarheit zu verleihen. Und auch die Philharmoniker der Stadt Prag unter dem Dirigat von Nic Raine tun das Ihre dazu: Sie spielen die jetzt erstmalig (praktisch) vollständig vorliegende Musik mit zupackendem Elan, ohne dass darunter die Präzision leidet. Das ist mit einem Wort: erstklassig. (Auf die Pausenmusik wurde in der Neueinspielung verständlicherweise verzichtet, da sie praktisch eine Replik der Ouvertüre ist.)

Einen Kontrast zum unter den Söhnen der Wüste lebenden und damit arabisch eingefärbten Lawrence- bzw. Wüstenthema bildet der Marsch Kenneth Alfords, „The Voice of the Guns“, als markantes klingendes Synonym für die Anwesenheit des britischen Militärs. (Der ebenfalls von Alford stammende „Colonel Bogey“, verwendet in David Leans Die Brücke am Kwai — Produktionsjahr 1959, Musik: Malcolm Arnold —, ist freilich ungleich bekannter geworden.)

James Fitzpatrick ist in Sachen Lawrence von Arabien an dieser Stelle ein Zweittäter. Bereits 1988 produzierte er nämlich für das von ihm mitbegründete Silva-Label mit dem Philharmonia Orchestra unter Tony Bremner eine Neueinspielung, für die Christopher Palmer aus Jarres Originalpartitur das Material einrichtete. Diese stellt mit ihren rund 51 Minuten Laufzeit gegenüber dem nur knapp über eine halbe Stunde gehenden 1962er LP-Albumschnitt sowohl substanziell als auch klanglich eine entscheidende Verbesserung dar. Im Vergleich mit Fitzpatricks zweitem Anlauf fällt die 1988er Version zwar schon ein Stück ab. Die daran mitunter herb geübte Kritik (u. a. wegen angeblich schleppender Tempi) halte ich allerdings für überspitzt. Die eindeutigen Vorteile der aktuellen Prager Version liegen vielmehr in der Vollständigkeit und damit den jetzt erstmalig zu hörenden rund 27 Minuten mehr an praktisch durchweg essenzieller Musik — darunter übrigens auch einige Passagen, die im Film nicht verwendet worden sind. Im Vergleich beider Neueinspielungen sind es jedoch nicht ausschließlich die jetzt mitunter einschneidend bewusst werdenden Kürzungen und die zum Teil auch veränderte Instrumentierung in Christopher Palmers Bearbeitung, z. B. in „On to Akaba“, welche den besonderen Reiz der aktuellen Einspielung ausmachen. Dass diese übrigens konsequent die Originalorchestrierung von Gerard Schurmann verwendet, sei noch angemerkt. Auch die jetzt ganz erheblich besser ausbalancierte akustische Abbildung des Klanggeschehens trägt mindestens ebenso klar zum eindeutig überzeugenderen Gesamteindruck bei. Auch feinste instrumentale Nuancierungen im Orchesterspiel sind jetzt völlig sauber, ohne dezenten Schleier, zu hören, wobei erstmalig überhaupt auch die von den Ondes Martenot beigesteuerten atmosphärischen Klangeffekte eindeutig wahrnehmbar werden.

4265Der alte Plattenschnitt unterschlägt die Ondes Martenot komplett (!), und auch in der 1988er Version wird der Anteil dieses frühen elektronischen Instruments an dieser Musik nicht richtig bewusst. Man höre und vergleiche gegebenenfalls z. B. „Sinai Desert/After Quicksands/Hutments/Suez Canal“ mit der 1988er Version, die für sich genommen gar nicht einmal schlecht klingt. Trotz „Digital Recording“ wirkt die 1988er Aufnahme gerade im Vergleich mit der aktuellen allerdings etwas gepresst. Dem Sound der Abmischung fehlt eine Portion Luft, um frei zu atmen. Der alte LP-Schnitt klingt freilich selbst als CD-Reissue ziemlich kompakt und relativ flach. Dieser war bereits damals — ähnlich wie der zu Exodus — für seine nicht gerade berauschende Klangqualität relativ berüchtigt.

James Fitzpatrick hat aber noch etwas Feines obendrauf gelegt. Er hat auf der zweiten CD des Sets eine gelungen zusammengestellte und ebenso exzellent eingespielte Kollektion an Boni versammelt: „The Music Of Maurice Jarre: A Personal Choice“ ist ein rund 70-minütiges Jarre-Konzert, das an Alben wie „Lean by Jarre“ erinnert, wobei die Tadlow-Interpretationen im Verbund mit der ebenso sorgfältigen aufnahmetechnischen Behandlung auch hier als erstklassig bezeichnet werden dürfen.

Das Gebotene ist abwechslungsreich und überaus unterhaltsam und enthält längst nicht nur geläufiges Material. Einige Raritäten sind ebenfalls darunter. Ein schmissiger wie süffiger Tango aus Moon over Parador (1988) stimmt gelungen auf das Programm ein: Dieses beinhaltet die so vielseitige wie charmante sinfonische Suite mit Tänzen aus The Magician of Lublin (1979), oder The Fixer (1968) mit seinem ausdrucksvollen Violinsolo von Lucie Švehlová, Westernhaftes zur TV-Serie Cimarron Strip (1967), unverwechselbar Jarre-typische Märsche aus Firefox (1982) und Ryan’s Daughter (1967), den romantischen Weihnachtsscore zu Prancer (1988), die originelle Carmina-Burana-Replik zu Solar Crises (1990), die ebenfalls chorunterstützte, hymnisch-epische wie auch nostalgische Suite aus [url id=1118]Sunshine[/url] (1999), die mit fernöstlicher Exotik durchsetzte Chinoiserie zu The Palanquin Of Tears (1988), den wiederum reizenden nostalgisch-keltischen Bilderbogen zu Dead Poets Society (1989) und ebenso einen Ausflug ins Sandalenkino mit dem TV-Miniserien-Epos Jesus of Nazareth (1977).

4266Zusätzlich gibt’s nochmals die Nocturne aus Lawrence in der Christopher-Palmer-Version des 1988er Silva-Albums (s. o.), in der die Ondes Martenot die Melodieführung übernimmt, wenn Lawrence nach der Erstürmung von Akaba in der Abendsonne am Meer reitet. Außerdem ist der Kenneth-Alford-Marsch „The Voice of the Guns“ in der Originalversion vertreten, zum interessanten Vergleich mit Jarres Adaption in der Lawrence-Partitur.

Ebenso fein wie das musikalische Angebot ist der im umfangreichen Begleitheft versammelte Lesestoff, der auch demjenigen, der Maurice Jarre bislang vielleicht kaum wahrgenommen hat, prima in die Materie einführt.

Fazit: Zwar hatte James Fitzpatrick bereits 1988 für sein Silva-Label die Musik Jarres zu David Leans Wüstenepos neu einspielen lassen. Aber das damals schon durchaus respektable Gesamtresultat ist dieses Mal unterm Strich doch nochmal erheblich überzeugender geraten. Sowohl spieltechnisch als auch klanglich ist das, was es hier zu kaufen gibt, in der Topklasse angesiedelt. Die aktuelle Tadlow-Neueinspielung zu Lawrence von Arabien ist somit gegenüber Sämtlichem, was der Markt ansonsten zu diesem Thema zu bieten hat, eindeutig die erste Wahl. Die darüber hinaus auf Disc 2 enthaltene, rund 70-minütige, süffige Jarre-Themen-Suitenkompilation ist ebenso liebevoll musiziert. Sie wird so zu einer feinen Zugabe und zugleich zum zusätzlichen Kaufargument.

Nach den so vorbehaltlos positiven Bemerkungen zur aktuellen Neueinspielung mag der eine oder andere Leser durch die verliehenen nicht sechs, sondern „nur“ fünf Sterne vielleicht etwas überrascht sein. Hier setzte Jarres kompositorisch zweifellos sehr gute, aber eben doch nicht in die absolute Top-Liga zählende Musik die Obergrenze.

Weiterführender Link:

Die biografische Sonderausstellung „Lawrence von Arabien. Genese eines Mythos“ im Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch (21.11.2010-27.3.2011) wird 2011 ebenfalls im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum gezeigt werden.

Hier finden Sie einen Überblick über alle bei Cinemusic.de besprochenen CDs des Labels Tadlow Music.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2010.

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern. (All pictures, trademarks and logos are protected.)

Titel: Lawrence of Arabia (Tadlow-Neueinspielung)
Erschienen: 2010

Laufzeit: ca. 149 Minuten

Medium: CD
Label: Tadlow Music (Silva Screen Records)
Kennung: TADLOW 012 (2 CDs)

Komponist(en):

Schlagworte:


Der Autor/Die Autoren



Schreibe einen Kommentar

Nach oben ↑

Pin It on Pinterest