Special

Veröffentlicht am 21.04.2005 | von Stefan Schlegel

Italo-Western-Special 5: CDs zu Rustichelli, Nicolai, & Piccioni


CD

Veröffentlicht am 15.05.2005 | von Stefan Schlegel

La collina degli stivali

La collina degli stivali Stefan Schlegel
Bewertung

La collina degli stivali

Ehe Terence Hill und Bud Spencer Anfang der 70er Jahre mit ihren Slapstick-Western zum erfolgreichen Blödel-Duo avancierten, hatte Regisseur Giuseppe Colizzi mit den beiden als Hauptdarstellern zwischen 1967 und 1969 eine Art Trilogie gedreht, in der sie dieselben befreundeten Charaktere Cat Stevens und Hutch Bessy verkörperten. Nach Dio perdona … io no • Gott vergibt, wir beide nie (1967) entstand zunächst I quattro dell’Ave Maria • Vier für ein Ave Maria (1968) und zuletzt La collina degli stivali • Hügel der blutigen Stiefel (1969), die musikalisch alle von Carlo Rustichelli betreut wurden.

Zwar hatte La collina degli stivali schon viele burleske Momente aufzuweisen, vor allem deshalb, weil ein Wanderzirkus ein handlungstragendes Element darstellt, war aber doch noch eher als ernster und actionbetonter Western gedacht gewesen. Die Geschichte eines Pistoleros, der zusammen mit ein paar Gefährten bedrängte Siedler vor den Machenschaften einer Terrorbande schützt, hat Regisseur Colizzi recht schmissig und durchaus intelligent in Szene gesetzt. Bei der deutschen Erstaufführung im Jahre 1970 wurden von der hiesigen Filmkritik sogar gerade die klassenkämpferischen Züge dieses „linken Italo-Western“ hervorgehoben. Vor allem verwies man auf den geradezu Brechtschen Lehrstück-Charakter dieses Western: Der Wanderzirkus als verstecktes Agitprop-Theater, in dem mittels Clownerie und Pantomime politische Aufklärung betrieben wird.

Die Filmmusik von Carlo Rustichelli zeigt ein weiteres Mal die enorme Vielseitigkeit dieses „italienischsten“ aller Filmkomponisten. Parallel zum Film erschien in Italien 1969 eine auf 500 Exemplare limitierte Cinevox-LP (Cinevox MDF 33/28) mit insgesamt 13 Tracks und einer Länge von etwas mehr als 25 Minuten, die aber im regulären Plattenhandel kaum erhältlich gewesen ist und unter LP-Sammlern heutzutage zu horrenden Preisen gehandelt wird. Im vergangenen Jahr brachte das rührige italienische Digitmovies-Label unter der Federführung des Produzenten Claudio Fuiano eine um 15 Tracks erweiterte Fassung auf CD heraus, die aber bis auf zwei oder drei nette zusätzliche Cues mit neuem musikalischen Material die mit der LP identischen Tracks 1 — 13 in kürzeren oder längeren Versionen einfach nur repetieren und daher im Prinzip überflüssig sind. Wie so oft bei diesen CD-Langfassungen aus Italien, die alle verfügbaren Alternativ- und Bonus Tracks wie Kraut und Rüben hintereinander hängen, wäre hier weniger mal wieder mehr gewesen. Eine runde halbe Stunde, also etwa die Hälfte der CD, würde völlig ausreichen, denn diese bietet ein angenehmes, unbeschwertes Hörerlebnis.

Ganz ähnlich wie in den beiden vorhergehenden Colizzi-Western der Hill/Spencer-Trilogie greift Rustichelli für den Main Title auf ein wunderbar heroisches und zugleich episch-nostalgisch wirkendes Westernthema für eine große Streicherbesetzung samt Chor zurück, das den Rahmen absteckt und außer im Finale im weiteren Verlauf nur noch sporadisch in Erscheinung tritt — im Film selbst nur dann, wenn es sich um lange Ritte durch die Prärie vor der untergehenden Sonne handelt.

Da La collina degli stivali jedoch hauptsächlich im Zirkusmilieu angesiedelt ist, bestehen die meisten Stücke aus heiter-ironischer Zirkusmusik, manchmal auch durch spöttischen Gesang angereichert wie in „Quasi un cancan“ oder „Ah, ah, ah“, die fast schon wie Parodien auf Nino Rotas Scores zu den Filmen von Federico Fellini wirken. Eine solche Art verspielter Musik kann leicht nervtötend wirken, aber Rustichelli hat auch für die leichte Muse ein geschicktes Händchen, und man merkt, wie viel Spaß es ihm bereitet haben muss, für diese Szenerie einen Can Can, Dixie, Polka, Galopp oder einen Walzer zu komponieren. Gerade der „Valzer della pianura“ für Pianola, Violine und Streicher, der dann in „L’ultimo carillon“ noch auf andere Art variiert wird, ist ein Paradebeispiel dafür, mit welch bezaubernder Eleganz Rustichelli eine delikate Melodie gestalten konnte. So wie die heiteren Stücke eine ansteckende Fröhlichkeit verströmen, vermittelt der Walzer unendlich gefühlvolle Melancholie.

Sicherlich ist La collina degli stivali in seiner Gesamtheit kein großer sinfonischer Score, aber er verfügt über ein gewisses Etwas, das ihn zur äußerst sympathischen und charmanten Unterhaltung macht, die nicht jeder Komponist in dieser Manier beherrscht. Leider war das Masterband für die LP-Tracks nur noch teilweise erhalten, so dass man für die CD auf die LP selbst als Quelle zurückgreifen musste, was sich bei ein paar Tracks in leichten Verzerrungen niederschlägt.

Titel: La collina degli stivali
Erschienen: 2004

Laufzeit: 61:58 Minuten

Medium: CD
Label: Digitmovies
Kennung: CDDM 020

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 15.05.2005 | von Stefan Schlegel

100.000 Dollari per Ringo

100.000 Dollari per Ringo Stefan Schlegel
Bewertung

100.000 Dollari per Ringo

Wer sich über Bruno Nicolai auslässt, schreibt meist darüber, wie sehr der bis zur Trennung im Jahr 1974 unermüdliche Dirigent und enge Mitarbeiter Ennio Morricones in seinen eigenen Filmkompositionen nurmehr die Werke des weitaus berühmteren Kollegen plagiiert hätte. Dass es durchaus auch anders geht, zeigt der frühe Western-Score 100.000 Dollari per Ringo • 100.00 Dollar für Ringo, mit dem Nicolai 1965 seinen ersten Kino-Spielfilm sozusagen in eigener Regie betreuen durfte. Und auch wenn Morricone in der Literatur bei dieser Filmmusik oft ein Credit als „Supervisor“ angehängt wird, so hat eine solche Art der musikalischen Koordinierung laut dessen eigener Aussage in der Praxis gar nie stattgefunden, sondern geschah einzig und allein auf Wunsch von Regisseur Alberto De Martino, der sich mit dem renommierten Komponisten-Namen als Aushängeschild eine Erfolgsgarantie für seinen zweitklassigen Western verschaffen wollte.

Mit geradezu entwaffnender und überschäumender Sturm- und Drang-Energie ging Nicolai bei dieser Filmmusik ans Werk, die treffsicher die beiden zuvor entstandenen eher durchschnittlichen Ringo-Partituren von Morricone selbst qualitativ um Längen abhängt. Nicht nur erhält der Revolverheld mit Richard Harrison, dem Star zahlreicher italienischer Billig-Sandalenfilme, ein neues Gesicht, auch die Musik ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Wo Morricone in dramatischen und spannungsvollen Momenten gern zu statisch-repetitiven Mitteln greift, lässt Nicolai wie eigentlich in keiner seiner späteren mir bekannten Western-Musiken ein tempogeladenes und loderndes Orchesterfeuerwerk von der Reling, mit dem nur wenig andere Spaghetti-Western-Scores mithalten können. Die wuchtigen Attacken in Tracks wie „Sfida eroica“, „Tumulti“ oder „Incontro di Fuoco“, in denen den kernigen Bläsern (allen voran Posaunen und Trompeten) Schwerstarbeit abverlangt wird, sind äußerst packend und mitreißend gestaltet und lassen hier einen glänzenden Sinfoniker erkennen, der mit allen Wassern eines Vollblutmusikers gewaschen ist. Es erstaunt nicht nur, wie weit sich Nicolai bei diesen geradezu aufpeitschenden harten Klängen, die irisierend auf den Zuhörer wirken können, von Morricones Stil entfernt, sondern auch auf welch verhältnismäßig großes Ensemble er bei diesem ansonsten schmal budgetierten B-Western zurückgreifen konnte. Selten jedenfalls war Nicolai so fesselnd und niveauvoll wie hier.

Auch der obligatorische Titelsong „Ringe dove vai“ bzw. in der englisch gesungenen Variante „Ringo Come to Fight“ darf getrost zu den schönsten Eingebungen innerhalb des Genres gezählt werden. Hier beschränkt sich Nicolai auf eine Besetzung mit Gitarre, Harmonika und Streichern und vor allem auf die sonore Stimme von Bobby Solo, der dem unmittelbar sich im Ohr festsetzenden sehnsuchtsvollen Song einen Hauch von Tragik und Verbitterung zu verleihen vermag. Sehr effektiv dabei zudem die immer wieder eingeschobenen kurzen Choreinsätze der Cantori Moderni.

Interessanterweise präsentiert die 2002 produzierte GDM-CD auch noch eine alternative Vokal-Version mit dem Sänger Don Powell, der aber mit seiner blässlichen Stimme dem Song wenig Leben einzuhauchen versteht. Man wundert sich folglich als Hörer nicht, dass diese Fassung schlussendlich wohl abgelehnt wurde, da ihr einfach die nötige Effektivität abgeht.

Im Übrigen sei noch angemerkt, dass Nicolai das thematische Grundgerüst des Songs auch für eine orchestrale Version zu nutzen weiß, zudem ein hübsches romantisches Liebesthema in „Il volto nascosto“ ersonnen hat und in 100.000 Dollari per Ringo einen Hauch von Rodrigos bekanntem „Concierto de Aranjuez“ in die Partitur hineinwehen lässt.

Einziger Schwachpunkt dieser CD ist ihre übermäßige Länge mit mehr als 70 Minuten. Das ist eine runde halbe Stunde mehr als auf der konzeptionell besser strukturierten Edipan-LP von 1987 enthalten war, deren Inhalt mit der inzwischen vergriffenen CD desselben Labels von 1994 identisch war — jedoch mussten beide Tonträger noch ohne den jetzt enthaltenen Song auskommen, den es zuvor nur auf einer Single bzw. auf Samplern gegeben hatte. Es kann einfach nicht der Weisheit letzter Schluss sein, drei oder vier nahezu identische Alternativ-Versionen eines Tracks in den Score einzufügen, was im Endeffekt den Hörfluss eher hemmt denn fördert. Das Herausprogrammieren einzelner Tracks dürfte daher die beste Lösung sein, um in den vollen Genuss dieser vor Vitalität strotzenden Nicolai-Filmmusik zu kommen.

Titel: 100.000 Dollari per Ringo
Erschienen: 2002

Laufzeit: 71:59 Minuten

Medium: CD
Label: GDM
Kennung: CD Club 7009

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 15.05.2005 | von Stefan Schlegel

Minnesota Clay

Minnesota Clay Stefan Schlegel
Bewertung

Minnesota Clay

Filmisch wie musikalisch betrachtet ist Minnesota Clay ein Werk des Übergangs. Sergio Corbucci, den man zusammen mit Sergio Leone gern als einen der Gründerväter des Italo-Western bezeichnet hat, inszenierte diese Story um einen erblindeten, unschuldig verurteilten Gunman, der zwischen zwei Banden gerät, ebenfalls mit einem amerikanischen Schauspieler in der Hauptrolle, nämlich mit dem durch mehrere US-Western bereits bekannten Charakterdarsteller Cameron Mitchell. Minnesota Clay kam im November 1964 in die italienischen Kinos, also genau zwei Monate nach Leones Per un pugno di Dollari, und ganz im Gegensatz zu Leones Western verzichtete Corbucci von Beginn an ganz auf amerikanische Pseudonyme, ja verkündete sogar später noch voller Nationalstolz, dass er der erste gewesen sei, der gesagt habe: „Das ist ein italienischer Western.“

Auch Piero Piccioni, den man gewiss nicht als typischen Western-Komponisten bezeichnen kann, beschritt in seinem Score ganz andere Wege als Morricone. Schon ab Mitte der 50er Jahre hatte er zum einen mit impressionistischen Klängen und zum anderen mit jazzbetonten Soundtracks nahezu vergleichbar einem Alex North in den USA neue Tore in der traditionellen italienischen Filmmusik aufgestoßen. Und so verwundert es nicht, dass auch seine Arbeit zu Minnesota Clay mit Jazz-Elementen unterminiert ist, wie Piccioni mir selbst gegenüber in einem Interview, das ich 2003 mit ihm in Rom geführt habe, betont hat: „Bei Minnesota Clay habe ich den Stil der US-Westernmusik durchsetzt mit Jazz-Einsprengseln, mit starker Rhythmik, vielen Bläsern, vor allem Posaunen. Und immer wieder dieser synkopierte Rhythmus: dum da de dum dum.“ In der Tat ist dieser fast in allen Tracks mal aggressiv aufschäumende, mal nur untergründig präsente synkopierte Rhythmus besonders prägend für den Score und verleiht ihm eine zum Teil enorme Rasanz. Das mitreißende Hauptthema zieht sich dabei in interessanten Variationen mit Gitarren- und Trompeten-Soli durch die Partitur. Während die wilden Actionpassagen der Filmmusik schneidend scharfe, rhythmisch forcierte Bläserattacken zu Gehör bringen, gibt es ab und zu in den Suspense-Passagen kantige, quer stehende Jazz-Einwürfe von E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug, die hier sehr originell wirken und vor allem gekonnt eingegliedert worden sind wie etwa im Track „Six Gun“. In ihrem kraftvoll-dissonanten Duktus erinnern sie zugleich sehr stark an Piccionis ein Jahr zuvor, nämlich 1963, entstandenem konzisen Score für Francesco Rosis berühmtes engagiertes Politdrama Le mani sulla città • Hände über der Stadt.

Geradezu erstaunlich ist auf der anderen Seite, wie sehr sich an der Musik zu Minnesota Clay der damalige Einfluss der Karl-May-Musik von Martin Böttcher feststellen lässt. Man achte nur einmal im lyrischen Abschnitt des ersten CD-Tracks „Minnesota Sky“ auf die plötzlich aufrauschenden Streicher, die dann im Mittelteil von den Hörnern bzw. einer Harmonika als melodietragenden Instrumenten abgelöst werden. Auch die Melodielinie und Rhythmusbegleitung ist hier wie in ein paar anderen Stücken der Komposition gar nicht so unähnlich zu der bei Böttcher. Die Frage stellt sich daher schon, ob Piccioni hier tatsächlich von Böttcher beeinflusst wurde, was ich eigentlich annehme, oder ob es sich dabei um einen bloßen Zufall handelt.

Interessant ist Minnesota Clay vor allem durch die Vermischung verschiedener Stile — ein Konzept, das auf diesem Album sehr gut funktioniert und das der Musik ihre Frische und Lebendigkeit verleiht. Die bereits 1992 auf dem CAM-Label erschienene CD, die inhaltlich identisch ist mit der hyperraren CAM-LP von 1964, kann allen Sammlern empfohlen werden, die einen etwas ungewöhnlich instrumentierten und harmonisierten, jedoch trotzdem melodisch — wenn auch hauptsächlich monothematisch — sich entfaltenden Italo-Western-Score suchen. Das Klangbild ist trotz des Alters der Aufnahme als recht ordentlich zu bezeichnen, und ein paar knisternde Nebengeräusche etwa im ersten Track beeinträchtigen das Hörbild nur unwesentlich.

Italo-Western-Special 6: CDs zu Cipriani, Ferrio & Bacalov

Titel: Minnesota Clay
Erschienen: 1992

Laufzeit: 34:31 Minuten

Medium: CD
Label: CAM
Kennung: CSE 078

Komponist(en):

Schlagworte:


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