Lesen Traumfabrik Hollywood

Veröffentlicht am 08.02.2000 | von Michael Boldhaus

Traumfabrik Hollywood

Sehr lesenswert ist Robert S. Sennetts Essay „Traumfabrik Hollywood“ aus der mittlerweile etablierten Reihe „Filmbibliothek“ des Europa-Verlages (Europa Verlag). Besonders aufschlussreich ist der Untertitel „Wie Stars gemacht und Mythen geboren wurden“. Dem Autor geht es darum, das goldene Zeitalter der Traumfabrik, speziell unter dem Aspekt eines der bedeutendsten Phänomene angewandter Massen- und Verhaltens-Psychologie, zu beleuchten: der Werbung. In Amerika haben Werbung und Verkaufen eine große Tradition: Schon 1922 sagte Präsident Coolidge sinngemäß „… das Geschäft Amerikas ist das Geschäft selbst“.

Ausgehend vom Wandel der Werbung in den ersten Dekaden des 20sten Jahrhunderts, setzt der Autor mit seiner Betrachtung an. Heutzutage bedeutet Marketing nicht mehr marktschreierisches reines Vorzeigen und Anpreisen, sondern psychologisch unterstützte Verkaufsförderung, für die geläufige Begriffe wie Produktplatzierung und Prominentenwerbung stehen. Ein besonders wichtiger Aspekt der modernen Werbung ist, dass diese eine Verbesserung der Lebensqualität suggeriert. Sennett beschreibt das klassische Hollywood unter dem vorrangigen Aspekt seiner Existenz: der Absicht große Profite zu machen. Der Autor beleuchtet die Mechanismen und Funktionsweisen der Traumfabrik detailliert: Hollywood vermarktete nicht ausschließlich seine Produkte (Filme), sondern begann bereits in den 30er Jahren damit, sich selbst massiv ins Rampenlicht zu setzen. Diese Form von Image-Werbung für Personen betraf vorwiegend die Film-Regisseure und Produzenten; Walt Disney war jemand, der seinen Mythos am besten vermarktet hat. Auch hierdurch wird die Macht der vielen Menschen mit Hilfe der Film-Bilder vermittelten Illusionen deutlich; etwas das man in der Politik (negativ besetzt) Propaganda und heute eher Öffentlichkeitsarbeit nennt, das in Hollywood aber immer nur Publicity hieß. Auch der Star-Rummel (für den in jener Zeit besonders MGMs Slogan „more Stars than there are in Heaven“ stand) war etwas hollywood-typisches und untrennbar verbunden mit der Glamour-Fotografie: hochartifizielle Hochglanz-Fotos der Stars, bei denen „der schöne Schein“ alles war.

In Hollywood etablierte sich neben dem Studiosystem eine spezielle Film-Presse, für die Zeitschriften wie „Variety“ und „Hollywood-Reporter“ stehen und deren flapsig lockerem Stil wir beliebte Begriffe wie „Hit“ oder „Flop“ verdanken. „Traumfabrik Hollywood“ bietet hier Einblicke in das oft schmutzige Geschäft der Kolumnisten: Die Berichterstattung derartiger Magazine war nur in Teilen seriös, meist war sie, um die „Attraktivität“ und damit die Auflage des betreffenden Blattes zu steigern, von bösartigem Klatsch und rücksichtsloser Sensationsgier geprägt.

Dass es mit dem „guten Geschmack“, auch Abseits der Klatsch-Kolumnen, oft nicht weit her war, belegen die häufig fragwürdigen Gimmicks des Produzenten und Regisseurs William Castle (der ursprünglich Schloss hieß). Er inszenierte Public Relations zu einer ganz besonderen Kunstform – mit sich selbst als größtem Star. Einmal beabsichtigte Castle sogar, jeden Zuschauer eines seiner Horror-Streifen gegen Tod durch Erschrecken zu versichern: „Es wäre schrecklich, wenn jemand sterben würde, aber der Werbeeffekt wäre großartig“…

Das Buch bietet aber auch drollige Infos über Merchandising Produkte wie ein Ben Hur-Golfhemd mit wie Streitwagenräder gestylten Knöpfen. Sennetts Essay liefert darüber hinaus auch Informationen zu Themen wie „Nachtleben in Hollywood“, „Tourneen und Selbstinszenierung“, „die Hollywood Agenten“, „Plakate und Trailer“, „3-D, CinemaScope und 1001 verrückte Ideen“ und die gewaltigen Kino-Tempel einer vergangenen Ära im Kapitel „Paläste des Lichtes“.

Bei einer derart facettenreichen Studie zu einem komplexen Thema sind kleinere Ungenauigkeiten und Fehler wohl kaum zu vermeiden. Im Kapitel „CinemaScope und 1001 verrückte Ideen“, in dem der Autor Hollywoods Film-Marketing mit neuartiger Kinotechnik als Werbeargument behandelt, sind mir drei aufgefallen: So entstand das Breitwandverfahren CinemaScope in Folge von Cinerama (und nicht umgekehrt) und das 70-mm-Todd-A-O-Verfahren brachte es nicht ausschließlich auf zwei Filme, sondern diente der Fox bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre zur Realisierung nahezu aller Groß-Produktionen. Auch handelt es sich bei der Panavision-Linse nicht um ein neuartiges Verfahren, sondern „nur“ um eine Weiterentwicklung der CinemaScope-Optik.

Nun, dies schmälert den Wert der humorvoll geschriebenen und überhaupt amüsanten Publikation nur wenig. Der Autor vermittelt augenzwinkernd einen Eindruck von der Bedeutung und Vielfalt der Werbung und ihren zum Teil grotesken Blüten im so genannten „Golden Age“. Vieles von dem hat aber auch in der Hollywood-Landschaft heutiger Tage (in zeitgemäß gewandelter Form) noch Gültigkeit. So ist die alljährliche Verleihung der Academy Awards eine mit äußerlichem Glanz aufgezogene Zeremonie mit feierlichen Reden und Selbstbeweihräucherung geblieben. Bereits in den goldenen Kino-Tagen wurden die Oscars nicht allzu ernst genommen, außer um aus ihnen Kapital zu schlagen. Insgesamt resultiert daher die zwar nicht grundsätzlich neue, hier aber umfangreich untermauerte Erkenntnis, dass Kunst und Kino sich zwar durchaus nicht ausschließen müssen, aber Kommerz und Geschäft klar den Vorrang haben. Was bedeutet: Raum für künstlerische Experimente schafft allein der kommerzielle Erfolg!

Wer also die Welt des (nicht ausschließlich klassischen) Kinos besser verstehen lernen will, der werfe einen tieferen Blick in Robert S. Sennets – mit reizvollem Bildmaterial zur schillernden „Wundertüte“ ergänzten – Buch „Traumfabrik Hollywood“ über eines der bedeutendsten Themen der Populär-Kultur (nicht allein Amerikas): dem in vielem grotesken Märchenland Kino.

Titel: Traumfabrik Hollywood
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 14,90 (D)
Laufzeit: 176 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Europa Verlag
Kennung: ISBN 3-203-84112-6

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Lesen Künstliche Welten

Veröffentlicht am 22.08.2000 | von Michael Boldhaus

Künstliche Welten

Das Buch „Künstliche Welten“ (Herausgeber Rolf Giesen und Claudia Meglin) erschien Ende September 2000 anlässlich der gleichnamigen Dauerausstellung im Berliner Filmmuseum (im Sony Center am Potsdamer-Platz), deren Organisator Rolf Giesen ist. Die Kunst, auf der Leinwand echt scheinende Illusionen zu erzeugen, ist so alt wie das Kino selber. Das Buch dokumentiert die Fülle der Spezial-Effekte von der Ära der stummen Bilder bis zur Computeranimation unserer Tage. Neben den Herausgebern plaudern in Essays zum Thema unter anderem auch klassische Akteure der Special-Effects aus dem Nähkästchen: z.B. Albert Whitlock – bekannt durch seine reizvollen Glasmalereien „Matte Shots“ zu unzähligen Filmen von Hitchcocks Torn Curtain bis Dune – und Ray Harryhausen – Spezialist für Stop-Motion Technik z.B. in The 7th Voyage of Sinbad. Den fantastischen Filmen des Tschechen Karel Zeman ist ein Kapitel des Kameramannes Antonin Horák gewidmet. Horák hat sich in besonderem Maße um die mit gemalten Dekorationen versehene Jule-Verne-Verfilmung Die Erfindung des Verderbens verdient gemacht: Er gilt überhaupt als innovativster Kameramann des frühen tschechischen Trickfilms. Rolf Giesen widmet sich im Anschluß den „Spezial-Effekten made in Germany“. Seine Wanderung beginnt in den Kindertagen des Kinos bei Paul Wegener Der Golem, macht Station bei Fritz Langs Metropolis und den nach dem Schüfftan-Verfahren realisierten Tricks, präsentiert Einzelheiten der Arbeiten zum 1943er-Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen und geht bis zur berühmten (inzwischen kultigen) Science-Fiction-Fernsehserie der 60er: Raumpatrouille. Im Ufa-Trickfilm-Studio der zwanziger Jahre begegnet dem Leser George Pal, der später in Hollywood mit Filmen wie The Time Machine bekannt wurde. Der Werdegang der mittlerweile in Hollywood erfolgreichen „Germans“ Roland Emmerich und Wolfgang Petersen wird ebenfalls nicht ausgespart.

In der Mitte präsentiert die Publikation eine beeindruckende Sammlung von farbigen Trick-shots, die von Albert Whitlocks Glasmalereien bis zu Disneys Dinos reicht. Es folgt „Special Effects: Eine Chronik“ in der die technische Entwicklung an besonders wichtigen Film-Beispielen chronologisch (1898-2000) kurz erläutert wird. Daran anschließend beschreibt Claudia Meglin die Geschichte der Computeranimation in „Aufbruch ins digitale Zeitalter“, als deren erster Film Disneys Tron (1982) gilt, bei dem computergeneriertes Material allerdings nur 15 Film-Minuten ausmachte. Kein Wunder, dauerte es damals noch rund 400 Stunden, um rund eine Minute Trick-Sequenzen fertig zu stellen.

Es folgen Artikel einiger deutscher Trick-Profies: Wissenswertes zu Modell-Tricks bringt Karl-Heinz Christmanns „Motion Control: Kameraroboter“, Volker Engel beschreibt seine Arbeiten für Roland Emmerichs Independence Day, für die er als erster deutscher Trickspezialist einen Oskar erhielt und Frank Petzolds Essay widmet sich schwerpunktmäßig den Arbeiten am „Unsichtbaren“ in Hollow Man. Wolfgang Borgfelds „Das Werk der digitalen Wunder“ widmet sich der Bildnachbearbeitung per Computer. Hier soll die digitale Technik möglichst unbemerkt bleiben, dient also allein einer möglichst realistischen Darstellung des Gezeigten und eben nicht (wie landläufig mit Computer-Trick zur Zeit noch mehrheitlich assoziiert wird) zur Realisierung des spektakulären Unmöglichen.

Den Abschluss bilden ein Anhang mit einem Glossar wichtiger Begriffe und Verfahren; kurze Infos zu wichtigen Technikern, Künstlern und sonstigen Spezialisten; ein Literaturverzeichnis und ein Register der Film-Titel.

Das flüssig lesbare und sorgfältig ausgestattete Buch „Künstliche Welten“ ist die derzeit wohl umfassendste Monografie zum Thema „Special-Effects“ im deutschsprachigen Raum und erheblich mehr als ein bloßes Souvenir für Besucher der gleichnamigen Berliner Ausstellung.

Titel: Künstliche Welten
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 24,90 (D)
Laufzeit: 240 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Europa Verlag
Kennung: ISBN3-203-84114-2

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Veröffentlicht am 22.08.2000 | von Michael Boldhaus

Teen Scream – Titten & Terror im neuen amerikanischen Kino

Noch bevor das Heyne-Taschenbuch „Die Scream-Trilogie …und die Geschichte des Teen-Horrorfilms“ von Sascha Westphal und Christian Lukas im Frühjahr 2000 erschien, legte der Europa-Verlag mit „Teen Scream – Titten & Terror im neuen amerikanischen Kino“ von Rüdiger Dirk und Claudius Sowa, das immerhin erste deutschsprachige Buch zum Thema Teenie-Horror vor.

Sicher ist das Buch von Dirk/Sowa wie auch sein Pendant von Westphal/Lukas keine exakte wissenschaftliche Analyse, sondern eher eine humorvolle Bestandsaufnahme eines Phänomens der Gattung Schmuddel-Kino geworden,– wobei ich bei derartig umstrittenen Zeitphänomenen eh der Meinung bin, dass allein mit größerem zeitlichen Abstand einigermaßen „exakt“ beurteilt und bewertet werden kann. Die Autoren interpretieren die Faszination des Teenie-Horror als eine besondere Art von „Krieg gegen uns selbst“, als ein Kino-Erlebnis mit kurzweilig empfundener psychischer Vergewaltigung mit Happy-End.

In manchem sind sich beide Publikationen zwangsläufig ähnlich, vermutlich auch deshalb, weil sie unterhaltsam lesbar sein wollen. Beide Bücher erscheinen mir auch qualitativ als vergleichbar, wobei sie inhaltlich nicht deckungsgleich sind und sich damit in Teilen auch gut ergänzen können. In der Publikation von Dirk/Sowas nehmen die Betrachtungen knapperen Raum ein; es besteht zu etwa zwei Dritteln aus einer kommentierten Übersicht über die wichtigsten Filme des Genres. „Teen Scream“ basiert ebenfalls auf sehr aktuellem Quellenmaterial, wobei sich bei den präsentierten Filmen besonderes Bemühen um Aktualität zeigt – z.B. Scream 3 war zur Zeit der Buchveröffentlichung noch nicht angelaufen und sogar die erst im Februar 2001 anlaufende Fortsetzung von Schweigen der Lämmer, Hannibal wird im Kapitel „Scream Teen, Sream“ mehr als nur kurz erwähnt. Dazu gibt es nur hier einen Blick auf die deutschen Bemühungen, es den amerikanischen Vorbildern in Sachen Slasher-Film gleich zutun. Die Rubrik „Die Stars des Teen Horrors“ dürfte eher ironisch gemeint sein; dafür sprechen auch die originellen Hinweise auf die eher kuriosen Gastspiele heutiger Stars in der Schmuddel-Ecke, wie Titanic Leonardo di Caprio in Critters 3. Ein wenig zweifelhafter ist das Kapitel „Teen Food – Alle US-Slasher-Serien“ geraten, in der Film und ein Sequel bereits als Serie verbucht werden…

Alles in allem schneidet „Teen Scream“ beim Preis/Leistungsverhältnis zwar etwas ungünstiger ab als sein etwas umfangreicheres Heyne Pendant, bleibt aber unter dem Strich ein ebenso vergnüglich zu lesendes und recht informatives Buch. Wer also noch Literatur in Sachen Teenie-Horror sucht, hat die Qual der Wahl oder gönne sich vielleicht sogar beide Titel.

Titel: Teen Scream – Titten & Terror im neuen amerikanischen Kino
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 14,90 (D)
Laufzeit: 192 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Europa Verlag
Kennung: ISBN 3-203-84106-1

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