CD Die Legende vom Ozeanpianisten

Veröffentlicht am 08.02.2000 | von Michael Boldhaus

Die Legende vom Ozeanpianisten

Die Legende vom Ozeanpianisten Michael Boldhaus
Bewertung

Mögen Sie Ennio Morricone? Auch für den, der diese Frage nicht mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet – hierzu zählt der Rezensent -, dürften diese beiden Sony-Classical-Titel von Interesse sein. Zweifellos gehört der Komponist Ennio Morricone zu den interessanten Filmmusik-Komponisten des vergangenen Jahrhunderts; ihm allerdings, wie es das Booklet vollmundig tut, das Prädikat „einer der Bedeutendsten zu sein“ zu verleihen, halte ich doch für etwas sehr hoch gegriffen.

Der 1928 in Rom als Sohn einer Musikerfamilie geborene Ennio Morricone entdeckte früh seine Liebe zur Musik und begann bereits als Zehnjähriger an der Accademia di Santa Cecilia in Rom ein Musikstudium, das er 1956 abschloss. Schon der Teenager fühlte sich zur Unterhaltungsmusik hingezogen und spielte in verschiedenen Bands. Morricone arbeitete bis in die sechziger Jahre als Trompeter in Nachtclubs und wurde auch als Arrangeur für die staatliche italienische Rundfunkanstalt RAI bekannt. Seine solide klassische Ausbildung an der Accademia, aber auch seine Erfahrungen auf dem Sektor der Tanz- und Unterhaltungsmusik wurden stilbildend für seine spätere Arbeit als Filmkomponist. Erstes Interesse für Filmkompositionen weckte der Besuch des Filmes The Robe • Das Gewand (1954) mit der Musik von Alfred Newman, und als Morricone 1962 für Mario Nascimbene große Teile der Musik zum Film Barabbas orchestrierte, wurde dies der Auftakt zu seiner filmmusikalischen Karriere. Bahnbrechend war zweifellos das Engagement für den sogenannten „Spagetti-Western“ und hier besonders die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergio Leone, für den Morricone auch seine wohl bekannteste Filmkomposition schuf: die Musik zu Spiel mir das Lied vom Tod.

Für mich war letztgenannte Komposition die erste bewusste Begegnung mit der Musik des Komponisten: Die große Schönheit der innigen Melodik und auch die gekonnte Untermalung mancher Szenen haben mich seinerzeit nicht unberührt gelassen und führten Anfang der siebziger Jahre zu einem kleinen „Kaufrausch“ in Sachen Morricone-LPs. Anfänglicher Begeisterung folgte dann allerdings schnell eine gewisse Ernüchterung: Denn den meist eingängigen Hauptthemen folgen leider allzu oft Ausflüge in bizarr-avantgardistische Orchesterklänge sowie elektronische Klangspielereien, oder besagtes „schönes“ Hauptthema wird nahezu unverändert fortlaufend wiederholt. Aus der Erkenntnis heraus, dass viele Morricone-Musiken bestenfalls aus einigen interessanten Stücken bestehen, resultierte bis heute eine gewisse Vorsicht gegenüber der Anschaffung neuer musikalischer Schöpfungen des Komponisten, wobei ich einige seiner Kompositionen durchaus sehr schätze und auch in Sachen Wiederveröffentlichung von LP-Scores (möglichst in ergänzter Version) verschiedene Wünsche offen sind.

Sicher ist Ennio Morricone ein talentierter Filmkomponist, allerdings kein großer Dramatiker: Die stärksten Eindrücke hinterlässt vielmehr die häufig starke melodische Inspiration und außerdem seine Gabe, Stimmungen gekonnt in Musik umzusetzen; in beiden Punkten steht er dem Franzosen Georges Delerue sehr nahe. In den verwendeten Klangfarben ist der Italiener aber meist weniger konventionell, greller und auch aggressiver. Speziell in den sechziger Jahren wirkte der markante, oft etwas synthetisch angehauchte „Morricone-(Studio)-Sound“ neuartig und wurde zu Recht als frischer musikalischer „Gegenwind“ zur klassischen Hollywoodsinfonik empfunden. Speziell in den Kompositionen der ersten Dekade klingt vieles originell „falsch“, und es gibt außerdem vielerlei geschickt auskomponierte und gekonnt instrumentierte Klangkombinationen zu hören. Ein Großteil des kommerziellen Erfolges seiner Filmmusiken dürfte auch in der ausgiebigen Verwendung von klanglichen Elementen aus der Tanz- und Unterhaltungsmusik begründet sein: Da diese der Masse der Kinogänger geläufiger ist als Musik des Konzertsaals, gehen die „schönen“ Melodien sogar noch leichter ins Ohr. Morricone ist ein Vielschreiber (bis heute etwa 400 Filmkompositionen); wohl deshalb unterliegt die Qualität seines musikalischen Outputs sehr großen Schwankungen: Neben einer Reihe guter Arbeiten stehen sehr viel gleichförmige und schwache Kompositionen.

Die Filmmusik zu Guiseppe Tornatores Film Die Legende vom Ozeanpianisten gehört zweifellos zu den sehr gelungenen Arbeiten des Komponisten. Schon für Tornatores sehr menschliche und warmherzige Liebeserklärung an das italienische Dorfkino im Speziellen und das große klassische Kino im Allgemeinen Cinema Paradiso (1988), hat Morricone eine vergleichbar gute Musik geschrieben. In beiden Fällen schlägt der Komponist einen tief romantischen und nostalgischen Grundton an: In der Musik zur märchenhaften Parabel um das Findelkind Novecento (1900) – den späteren Ozeanpianisten -, welches an Bord des majestätischen Passagier-Dampfers „Virginian“ am Neujahrstag 1900 in einem Karton auf dem Piano des großen Ballsaales gefunden wird, spielt das Klavier natürlich eine besondere Rolle. In „1900’s Theme“ umspielen jazzartige, an Gershwin erinnernde Einwürfe des Klaviers das Hauptthema, und außerdem komponierte Morricone eine Reihe von Solostücken, die wohl die rätselhafte Psyche des Ozeanpianisten widerspiegeln sollen. In „Legend of the Pianist“ gibt es ebenfalls sanft jazzige Klangfiguren von Saxophon und Klarinette und auch ein wenig Tonmalerisches à la Debussy in Sachen „La Mer“. Überhaupt spielen geschickt einkomponierte Jazz-Blues-Elemente in der Komposition eine wichtige Rolle: Diese sind, wie der Ragtime (hier ein Originalstück von Scott Joplin), durch die Unterhaltungsmusik der Epoche motiviert. Insgesamt geht die Mischung aus Soli, orchestralen Passagen, Jazz-, Blues- und Ragelementen integriert in den typischen Morricone-Sound angenehm ins Ohr: Neben Instrumentalsoli des Piano treten Saxophon, Klarinette und Panflöte sowie Mundharmonika solistisch in Erscheinung. In „I Can and Then“ schafft der Komponist eine tranceartige Atmosphäre durch (wohl elektronisch realisierte) Klänge, die denen der Glasharfe nicht unähnlich sind. Auch wenn das breite epische Hauptthema etwas zu häufig wiederkehrt und die Komposition nicht durch weitere prägnante Themen ergänzt wird, bleibt eine satte Empfehlung.

Titel: Die Legende vom Ozeanpianisten
Erschienen: 1999

Laufzeit: 57:39 Minuten

Medium: CD
Label: Sony Classical
Kennung: SK 66767

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 08.02.2000 | von Michael Boldhaus

Cinema Concerto: Morricone at Santa Cecilia

Cinema Concerto: Morricone at Santa Cecilia Michael Boldhaus
Bewertung

Zur Feier seines 70. Geburtstags im Jahr 1998 dirigierte der Komponist an drei Novemberabenden jeweils dasselbe Programm mit Konzertarrangements seiner bekanntesten Filmthemen an der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Von den insgesamt etwa 90 Minuten legt Sony nun eine Auswahl von rund 62 Minuten auf der CD „Cinema Concerto: Morricone at Santa Cecilia“ vor: Im wesentlichen werden hier natürlich bekannte „Ohrwürmer“ präsentiert, deren Arrangements sich zwar ein Stück vom jeweiligen Film-Original entfernen, aber doch durchweg als „im Geiste der Originale erstellt“ bezeichnet werden können. Besonders in den vier letzten Stücken kommt der große gemischte Chor (ca. 160 Mitwirkende) der Accademia sehr schön zur Geltung, und auch das Orchester klingt vorzüglich. Die Aufnahmetechnik hat trotz Live-Mitschnitt sehr gut gearbeitet und störende Nebengeräusche (fast) vollständig unterdrückt. Etwas schade, dass die CD nicht noch etwas umfangreicher bestückt wurde – gut 15 Minuten Platz hätten noch genutzt werden können. Trotzdem bleibt als Fazit: Ein nettes Souvenir an den Siebzigsten des Maestro, nicht nur für eingefleischte „Morriconianer“.

Titel: Cinema Concerto: Morricone at Santa Cecilia
Erschienen: 2000

Laufzeit: 62:19 Minuten

Medium: CD
Label: Sony
Kennung: SK 61672

Komponist(en):

Schlagworte:


Nach oben ↑

Pin It on Pinterest