Van Helsing

Cover: Van Helsing
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
4. Juni 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

Van Helsing: Kommentar zu Film und Filmmusik

Eine recht unterhaltsame Hommage an das Universal-Horrorkino der 40er, mit einer besonderen Verneigung vor den beiden Frankenstein-Adaptionen Frankenstein (1931) und Frankensteins Braut (1935) von James Whale, das ist Van Helsing von Regisseur Stephen Sommers.

Natürlich handelt es sich hier ebensowenig um einen „seriösen“ Film wie schon bei den zum Großteil ebenfalls eher skurril-kruden Universal-Horror-Movies jener Jahre, z. B. The Wolf Man (1941), Son of Dracula (1943) und Ghost of Frankenstein (1942). Ebenso wird dem bereits damals ansatzweise praktizierten Zusammenwürfeln verschiedener Horrorgestalten — Frankenstein Meets the Wolfman (1943) — und dazu manch abenteuerlichem Plotkonstrukt — The Mummy’s Ghost (1944) — geradezu ausgiebig Reverenz erwiesen.

In Van Helsing geben sich sämtliche klassischen Universal-Monster (und mehr) ein furioses Stelldichein: Neben dem berühmten Fürsten der Finsternis, Dracula, agieren nicht allein Dr. Frankenstein, sein Gehilfe Igor sowie sein Monster. In diversen Aktionen treten zusätzlich neben Werwölfen Draculas Bräute sowie rudelweise gezeugte Nachkommen Draculas auf und im Prolog sind auch Dr. Jekyll & Mr. Hyde mit von der Partie.

Das mag manch einem als doch etwas zu viel des Guten erscheinen und zweifellos ist die Grundidee des Plots überdreht: Draculas Fortbestand und das seiner üppig (in Alien-artigen Kokons) vorhandenen Nachkommen hängt von Frankensteins Monster ab. Außerdem: Der von Hugh Jackman dargestellte Van Helsing hat mit der Figur in Stokers Roman kaum etwas gemein. Bestenfalls kann man ihn als eine Art jüngeren Bruder des Stokerschen Vorbildes auffassen. Van Helsing ist hier aber nicht allein verjüngt, sondern verkörpert vielmehr einen mit einem Hauch von Indiana Jones versehenen hippen und coolen Charakter, der stark James Bond ähnelt. Er handelt natürlich nicht im Auftrag ihrer Majestät, sondern agiert originellerweise im Auftrag eines Geheimbundes innerhalb des Vatikans. Dort wird er in einer geheimen Werkstatt entsprechend dem Vorbild James Bond mit futuristischen Superwaffen ausgerüstet.

In Transsylvanien stößt er auf Anna Valerious (Kate Beckinsale), eine schöne Zigeunerprinzessin und die neben ihrem Bruder letzte einer alten Familie, die sich ebenfalls der Verfolgung und Vernichtung Draculas verschrieben hat.

Kevin J. O’Connor verkörpert ansprechend Igor, den hier hinterhältig-sadistischen Gehilfen Dr. Frankensteins. Enttäuschend, ja geradezu eine Fehlbesetzung ist allerdings Dracula-Darsteller Richard Roxburgh (Moulin Rouge). Ihm geht das für die Figur m. E. unerlässlich Dämonische und zugleich Verführerische völlig ab, er wirkt in erster Linie einfach nur harmlos. Sieht man darüber hinweg, sind es die komplexen Bewegungsabläufe und ebenso die ausgefeilt-virtuosen Flugmanöver der weiblichen Vampire, die beeindrucken. Ebenfalls tricktechnisch exzellent ist der durch Morphen gezeigte Wechsel zwischen verführerischer Schönheit und satanischer Bestie. Und originell ist ebenso, wenn Dracula seinem Sarg entsteigt und elegant die Wand senkrecht hochgeht, um von seinen (fledermausartig) kopfüber von der Decke hängenden Vampirbräuten begrüßt zu werden — als sei dies die normalste Sache der Welt. Vergleichbares war bislang allein in Stokers Roman zu lesen, ist aber so noch nie zu sehen gewesen.

Sommers’ Film ist, vergleichbar mit seinem Erfolgsfilm Die Mumie (1999), eine turbulente und tricktechnische Tour de Force, die für den Zuschauer höchstens kurze ruhige Momente, aber keine wirklichen Ruhepunkte bereithält. Der Film bietet reine Unterhaltung (!) ohne jedweden Tiefgang und besondere Logik, man darf die Handlung — wie ein James-Bond-Abenteuer — nicht rational hinterfragen: Da rast beispielsweise eine führerlose Kutsche, verfolgt von fliegenden Vampiren, auf eine halb zerstörte Brücke über einem Abgrund zu. Die Pferde machen einen riesigen Satz auf die andere Seite, klinken dabei die Kutsche aus, die in die Tiefe stürzt. Die Vampire wollen aus dem Gefährt das Monster Frankensteins für Dracula „retten“, geraten aber in eine tödliche Falle: Die explodierende Kutsche schleudert den fliegenden Schattenwesen wohl gezielt spitze Pflöcke an die richtige Stelle. Ebenso schräg wie lustig erscheint die wüste Attacke der Vampirbräute auf das transsylvanische Dorf. Eine ergreift versehentlich eine Kuh und schleudert diese — wie im Comic — durch eine Hausfassade in den 2. Stock. Als alles vorüber ist, steht das Rindviech (als sei nix gewesen) muhend auf der Veranda. Und ebenso überdreht geht es zu, wenn Van Helsing sich eingangs im schön gestalteten Paris (vor der Weltausstellung von 1890, daher stimmig mit halb fertigem Eifelturm!) in Notre-Dame ein Duell liefert, das an Spider-Man erinnert. Ach ja, Frankensteins Monster! Es besitzt anstelle einer normalen Taille eine Art „Gürtel“ aus Kugellagern und ist daher in der Lage, sich vollständig um sich selbst zu drehen. Soweit das witzig Neue. Das Monster im vertrauten James-Whale-Look ist hier, im Gegensatz zum klassischen Horrorkino, zu intelligenter Kommunikation fähig und wird damit Mary Shelleys Romanvorlage gerechter.

Nicht nur darüber kann man entweder allein den Kopf schütteln oder sich auf derart unterhaltsamen Nonsens einlassen und einfach amüsiert zurücklehnen. Wem das gelingt, den dürfte die aufwändige Hommage Sommers an Roman Polanskis Tanz der Vampire (1966) erfreuen. Die ausgefeilte Sequenz zu Draculas Ball wurde in einer ehemaligen Kathedrale in Prag inszeniert. Über 270 Darsteller, gekleidet in aufwändigen Kostümen und Masken, wirkten mit. Außerdem waren ein Schlangenmensch, ein Trapezkünstler und verschiedene weitere Akrobaten beteiligt, um der Vampir-Party einen bizarren Anstrich zu verleihen. Die Szene ist dabei auch farbdramaturgisch eindrucksvoll geraten. Und wenn die Vampirgesellschaft den großen Walzer tanzt, fehlt natürlich der große Spiegel nicht …

Schön gestaltet ist auch der Set des transsylvanischen Dorfes, dessen mittelalterliche schiefe Bauten an den deutschen Stummfilmexpressionismus — Der Golem (1920) — erinnern. Das gilt ebenso für die Eröffnung, welche den Frankenstein-Filmen von James Whale — besonders Frankensteins Braut (1935) — nachgestaltet ist. Nie wirkten der Turm und die Apparaturen in Frankensteins Labor derart hoch. Auch die märchenhaft unwirklichen, aus Matte-Paintings und computergenerierten Teilen kombinierten Landschaften und Hintergründe sind ansehnlich geraten.

Natürlich benötigt Sommers Filmspektakulum nicht wie in den alten Universal-Tagen eine Musik à la Hans Salter (hierzu siehe das „Monster-Special“). Vielmehr erhielt Alan Silvestri den Auftrag, der hier ähnlich wie bei Die Mumie kehrt zurück zu Werke gegangen ist. Alles in allem vermag das bei Van Helsing zu Hörende zwar nicht ganz mit der Mumien-Musik mitzuhalten, ist aber ebenfalls nicht übel geraten. Breitorchestral, blech- und bassbetont ist der Klang, und außerdem gibt es ausgiebige, zum Teil synthetische Rhythmik (Drumloops). Massive Choreinsätze, deren archaisierender Tonfall ein wenig im Sinne einer Carl-Orffschen Light-Kopie daherkommt, runden das Gebotene ab.

Aus dem anfänglich etwas sehr brachial wirkenden musikalischen Getöse schälen sich bei mehrfachem Hören verschiedene motivisch-thematische Bezüge heraus, mit denen der Komponist sehr sauber umgeht und gestaltet. Dracula erhält ein düsteres, rhythmisches Fanfarenmotiv, das von Staccato-Einwürfen des Chors begleitet wird. Seinem Gegenspieler Van Helsing ist ein an Indiana Jones erinnerndes fanfarenartiges Heroen-Motiv zugeordnet und auch die Vampirjägerin Anna Valerious erhält ein etwas exotisch anmutendes breiteres Thema mit Chor, dem verschiedentlich auf- und absteigende Glissandifiguren von Harfe oder Streichern zugeordnet sind. Die Themen von Anna und Van Helsing vereint Silvestri in der etwas (Bibel-)kitschig geratenden Schlussszene („Reunited“) zum Liebesthema mit himmelwärts gerichteten Klangfiguren und ein wenig „Lohengrin“-Touch im Gepäck.

Alles in allem ist die Filmmusik zu Van Helsing weder originell, geschweige denn subtil angelegt, aber für den Film ist sie völlig adäquat. Als energiegeladenes Kraftpaket ist sie zwar relativ einfach, aber zugleich sowohl unterhaltsam als auch recht fantasievoll gestaltet. Dem Albumschnitt bekommt die mit rund 43 Minuten Lauflänge relative Kürze gut. Die ansonsten mit Adrenalin etwas überversorgte (Hör-)Angelegenheit läuft damit weniger leicht Gefahr, den Hörer zu ermüden. In erster Linie dürfte das gut geschnittene Decca-Album junge Filmmusikfreunde beeindrucken und überhaupt Liebhaber fetziger Sounds zum Hochrecken des Daumens verleiten.

Komponist*in:
Silvestri, Alan

Erschienen:
2004
Gesamtspielzeit:
42:55 Minuten
Sampler:
Decca
Kennung:
986 1999

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