Spider-Man

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
22. Juli 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Spider-Man / Men in Black II

Anfang der 60er Jahre hatte sich der Ruhm einstmals so erfolgreicher Comic-(Super-)Helden wie „Superman“ und „Batman“ stark abgenutzt. Diese erschienen einem nachgewachsenen jüngeren Publikum als zu glatt, makellos und damit als nicht mehr zeitgemäß. Stanley Lieber alias Stan Lee (geb. 1922) avancierte damals zum populärsten Comic-Kreativen der USA. Erst sein modern-psychologisierendes Konzept, die Figuren mit menschlichen Schwächen auszustatten, nahm dem Typus Super-Held das bis dahin Steril-Abstrakte, erlaubte dem Leser, sich partiell mit diesem zu identifizieren. (Dem gleichen Trend entstammt auch Ian Flemings „Geheimagent James Bond 007“, der insbesondere als Kino-Figur weder fehlerfrei noch emotionslos ist und auch verschiedene Laster hat.) So hauchte Stanley Lieber den Comic-(Super-)Helden nicht allein neues Leben ein und verlieh der darnieder liegenden Comic-Industrie neuen Auftrieb, zum ersten Mal gelang es derartigen Comics, die intellektuelle „Barriere“ zu überspringen und salonfähig zu werden.

Im Jahr 1962 entwickelte Stanley Lieber für Marvel Comics den bis heute wohl bekanntesten modernen Super-Heroen: „Spider-Man“. In ihm manifestieren sich zwei Identitäten: Zum einen die des eher unscheinbaren, etwas linkisch-schüchternen, von Identitätskrisen und Selbstzweifeln geplagten Peter Parker — geradezu Paradebeispiel für einen Durchschnittsbürger — zum anderen die des besagten mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Spinnenmannes. Parker ist aber auch als Super-Spinne eben nicht in der Lage, die Dinge für sich einfach (und platt) zum Besseren zu wenden: Vielmehr steht ihm dabei sein „Alter Ego“ Spider-Man oftmals eher im Wege, macht ihm z. B. das Liebesleben zur Qual: die fortwährenden Frustrationen machten Spider-Man zum wohl menschlichsten aller Superhelden.

Geraume Zeit sah es so aus, als solle das pünktlich zum Filmstart erschienene Sony-Pop-Album zum Spider-Man-Film von Regisseur Sam Raimi die einzige CD-Version auf dem deutschen Markt bleiben. Beim Sony-Pop-Album mit dem bezeichnenden Untertitel „Music from and inspired by“ handelt es sich um eine eher bunt zusammengewürfelte Song-Kompilation, die von Danny Elfmans Musik zu Spider-Man nur zwei Score-Tracks im Gepäck hat und ansonsten dem genannten Untertitel alle Ehre bereitet. Wer weniger auf den Score abonniert ist, aber dafür etwas mit Interpreten wie „Black Lab“, „Aerosmith“, „The Strokes“ und „Sum 41“ und entsprechend rockigen, mitunter auch ruhigen Stücken anfangen kann, der liegt hier nicht falsch. In meinen Augen dürfte diese Art von leicht kurioser — nur teilweise als (Film-)Souvenir zu bezeichnender — CD-Veröffentlichung speziell etwas für Comic-Interessierte und Internetjunkies sein; erlaubt sie doch mit Hilfe des Computers den Online-Zugriff auf „exklusive“ Hintergrund-Informationen.

Erfreulicherweise hat man sich bei Sony besonnen und Anfang Juli doch noch das reine Score-Album nachgereicht. Danny Elfmans Spider-Man-Score präsentiert sich als sehr reizvolle frisch-moderne musikalische Untermalung, eine, die sich deutlich vom mittlerweile schon klassischen Vertonungsstil eines John Williams zur ähnlich gelagerten Thematik bei Superman (1978) unterscheidet, aber auch signifikant von Elfmans Batman (1989) abhebt. Entsprechend der stärker vermenschlichten Heroen-Figur arbeitete Elfman bei Spider-Man deutlich subtiler.

Die gespaltene Figur „Peter Parker/Spider-Man“ charakterisieren zwei nicht unmittelbar markant-einprägsame Themen, die sich daher erst nach mehrfachem Hören klar zu erkennen geben. Insbesondere das für den unscheinbaren Normalbürger Peter Parker stehende ist zwar eine längere, aber entsprechend der Charakteristik der Figur recht unscheinbare Tonfolge — die gleich zu Beginn des „Main Title“ eher unauffällig in den Streichern ertönt — dabei mehr Motiv- denn Melodiecharakter hat. Dieses Thema begegnet dem Hörer fortan in x-facher Wandlung; mit ihm wird in ganz besonderem Maße gearbeitet.

Das zweite Thema steht für Parkers zweites Ich, den Spider-Man: es erklingt gegen Schluss des „Main Title“ zuerst in den Posaunen und zeigt sich auch im Verlauf des Scores als insgesamt doch eher zurückhaltendes, keinesfalls gewohnt-bombastisches Heroen-„Motiv“ — kein Vergleich zum wesentlich griffigeren „Batman-Marsch“, der klar auf Williams Bezug nimmt.

Insgesamt ist Spider-Man stark mit temporeichen, virtuos gebauten Action-Cues durchsetzt. Diese zeigen abwechslungsreiches, modernes Action-Scoring, bei dem einem insbesondere die jüngeren Arbeiten des Komponisten in den Sinn kommen. Parallelen zu Sleepy Hollow (1999) und insbesondere im Rhythmischen zu Planet of the Apes (2001) sind unüberhörbar. Diese Aussage steht jetzt aber weniger für eine fantasievolle Synthese aus den genannten Musiken, sondern vielmehr für Elfmans mittlerweile exzellent ausgefeiltes musikalisches Baukastenprinzip und damit seinen zur Reife entwickelten Kompositions-Stil.

Auch mit Spider-Man präsentiert sich dem Hörer eine nicht beim ersten Hören voll durchdringbare raffiniert gemachte Filmkomposition, die ihre geschickte Machart dem geduldigen Hörer erst nach und nach voll offenbart. Beim eingehenderen Hören wird die Musik immer besser und in ihrem Aufbau durchschaubarer: Eine CD, die dem Interessierten beträchtlichen Hörspaß bereiten kann, da er immer wieder auf zuvor kaum wahrgenommene, geschickt gemachte Effekte trifft. Dazu ein sehr harmonisch durchlaufendes CD-Album, das außerdem mit sehr gutem Sound aufwartet.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Elfman, Danny

Erschienen:
2002
Gesamtspielzeit:
45:00 Minuten
Sampler:
Sony Columbia
Kennung:
508946 2

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